Mittwoch, 26. Dezember 2012

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Ihre Augen sind geschlossen, ihre Finger winzig. Während draußen der Regen dabei ist, die letzten Spuren des Winters zu verwischen, sehen alle bedächtig auf das kleine Kind, welches, nicht einmal fünf Wochen alt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen ist.
     "Na Alex, wär' das nicht auch 'was?", fragt mich der junge Vater routiniert.
     "Nein, noch nicht, wirklich nicht, nein", antworte ich. Ich bin doch selbst noch fast ein Kind, denke ich, du aber eigentlich auch.
     Hätte ich ihm vor ein paar Jahren erzählt, dass wirklich nur noch wenig Zeit vergehen würde, bis wir vor dem Weihnachtsbaum hocken, und seine frisch geborene Tochter anglotzen, als sei sie vom Himmel gefallen, um alle Menschen von jeglichem Leid dieser Welt zu heilen, hätte er wahrscheinlich seine Zigarette ausgedrückt, und mir gesagt, dass dies absoluter Quatsch sei und dass er nun wirklich andere Probleme hätte. Immer wieder öffnet sich der kleine Mund, um ein kehliges Geräusch in den unbekannten Raum zu schicken, das seine Eltern beruhigt und stets daran erinnert, dass sich, für sie, alles, das ganze Leben, verändert hat - innerhalb weniger Monate, als wäre die ganze Welt aus einem tiefen, trüben See aufgetaucht, und alle Sorgen, jedes Problem und jeder schlechte Gedanke nur noch eine trübe Erinnerung, ähnlich dem Gefühl nach dem Aufwachen, wenn man die Konturen des Traumes schon vergessen hat, doch das Gefühl dieser fremden Welt noch immer in den Knochen spürt.

Montag, 24. Dezember 2012

Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht

Von einem Tag auf den anderen rasen die Temperaturen in die Höhe. Pünktlich zum Heiligen Abend schmilzt der Schnee. Sind das die letzten Wellen des Weltuntergangs? Und die Antarktis versinkt ebenfalls im Meer. Aber was kümmert uns das Schicksal irgendwelcher pazifischer Inseln, die über kurz oder lang dem Untergang geweiht sind, wenn unsere christliche Nächstenliebe nur bis unter den Baum reicht? Was sind schon die Malediven? Die sind doch so weit weg!

Ich bin tief versunken in einem Strudel aus Weihnachtsliedern, gutem Essen, warmen Wohnzimmern und Büchern. Ich werde nicht einmal richtig wach. Die Stunden rasen an mir vorbei - und ich verlasse eigentlich nur das Haus, um irgendwo anders zu essen, und in einer Stimmung aus Vergangenheit und Christbaumschmuck zu vergehen.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Vertigo

Und hier sehen wir uns wieder: am Wendepunkt der Gezeiten. Was meint ihr, wie bescheuert all die Wichser gucken, wenn morgen tatsächlich die Welt untergehen sollte? Dann hatten all die Trottel mit ihrem pseudo-wissenschaftlichen Verschwörungstheorien-Wichs aus dem Internet die Wahrheit gesagt: Die Illuminaten sacken noch fix die Bilderberg-Gruppe ein, alle Fische verlassen die Erde, die Pyramiden öffnen sich (überall auf der Welt, überall), und Echnaton reitet, mit der Leiche von Paul McCartney auf dem Schoß, an der Seite von Rasputin, dem Mothman, Dick Cheney und allen ehemaligen Skull-&-Bones-Mitgliedern nach Rosswell, wie es Päpstin Johanna, Nostradmus, die Protokolle der Weisen von Zion und die Tempelritter einst prophezeiten. Und dann hebt ein Raumschiff ab (zum ersten Mal mit Menschen an Bord). Und wir gucken blöd und ungläubig in den Himmel mit all unserem verwesenden Spott, während Cobain und L. Ron Hubbard aus den Trümmern von Ground Zero auferstehen, um, mithilfe der Salafisten und der N.R.A. alle Menschen einfach aufzufressen. Eigentlich hätten wir alle doch nur 11 und 12 zusammenzählen müssen!  

Ich bin wieder da. Alles wird langsam wieder klarer. Der Boden hat außerdem aufgehört, zu schwanken. So umgehauen war ich, glaube ich, selten zuvor. Die letzten zwei Wochen gehen somit also auch in meine persönliche Krankheiten-Hiliste ein:
  1. Die große Virusinfektion in Ohr und Rachen, 2002
  2. Morbus Osgood-Schlatter (oder: "Rugby Knee"): dreimonatiger Totalausfall mit Vollgips in Neongrün, 1998
  3. Der absolut ungeklärte Schwindel-Knockout, 2012 (Neueinsteiger)
Gott, bin ich froh, dass alles wieder läuft. Da ein extremer Ausraster von mir das Ganze bewirkt zu haben scheint, muss ich mich wohl tatsächlich ein wenig zusammenreißen. Aber im Ernst: Ich kann die Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern wirklich nicht leiden! Ich bin weder Dortmund noch Wolfsburgfan, doch habe ich mich trotzdem so sehr aufgeregt, dass es für alle um mich herum - und auch für mich selbst - überaus beängstigend wurde. Überhaupt lässt mich totaler Kleinscheiß so sehr aus der Haut fahren: die Ticketpreise von Chris de Burgh (ich wollte da nicht hin; ich fand nur absurd, wie beschissen teuer die Karten sind), das Fernsehprogramm, Hansi Hinterseer (wirklich: er ist das Symbol für Falschheit, dieser dämliche Wichser), österreichischer Akzent, "Von daher" (im Ernst: Es ist eine sprachliche Epidemie), Apple, überflüssig und inflationär gebrauchte QR-Codes oder der peinliche Zirkus um Pyrotechnik in den Fußballstadien - mit all seinen Beteiligten.

Es ist ein Fluch, aber ich muss einfach gelassener werden. Deswegen habe ich mich heute Nacht auch nicht aufgeregt, als der Marine-Idiot über uns eine Frau auf dem Boden gevögelt hat, die offensichtlich eine Nutte war; ihr Stöhnen klang wie Anfang 20, aufgesetzt und professionell (mehr so, als hätte er einen Porno gefickt). Also sehe entweder nur ich in ihm einen armseligen, cholerischen Fettsack in den späten Vierzigern, und er ist in Wirklichkeit ein ziemlicher Player, oder man hat sich vom Bundeswehr-Weihnachtsgeld eine anständige Hure gegönnt. Wie dem auch sei; ich bin nicht grün geworden, und zeriss auch nicht mein Shirt, sondern schlief mit einem seligen Lächeln in einer wundervollen Welt ein.

Hulk ist tot! Lang lebe:

A.       

Montag, 10. Dezember 2012

Der Betrieb ist gefährdet

Seit Samstagnachmittag stimmt etwas nicht mit mir. Ich bin fast durchgehend erschöpft - und mir ist unglaublich, unglaublich, unglaublich schwindelig, permanent. Was mir fehlt, ist noch ein großes Mysterium. Erst im Januar darf ich mir in den Schädel sehen lassen. Blöd ist, dass diese Symptome nicht neu sind. Nachdem ich also den ganzen Vormitag in Wartezimmern abhing, steht für heute noch ein weiterer Termin in der HNO-Klinik an. Da freu' ich mich drauf. Mal sehen, ob die Jungs etwas finden. Das Wartezimmer beim Neurologen wird sicherlich nicht mehr getoppt - Dawn of the dead. In meinem Kopf habe ich mich noch über alle lustig gemacht, doch, als ich dann aufgerufen wurde, stolperte ich genauso unbeholfen und slow-mo'esk auf die Schwester zu.

Bis auf Weiteres werdet Ihr also nichts von mir hören - es sei denn, dass die Zauberpillen, die ich nachher in der Apotheke abholen kann, ein absoluter Erfolg sind. Ich lese trotzdem alle Kommentare, Liebesbriefe (die schmutzigen Sachen aber lieber per Mail, ne?) und Fanpost, weil es verfickt langweilig ist, allein im Bett zu liegen, während es draußen noch hell ist.

Bis bald,

A.  

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Das Shoppen in der Nähe der Opera

Und wieder, wie jedes Jahr, verbringe ich Massen von Zeit auf der Amazon-Seite. Was soll ich bloß allen schenken? Wenigstens bin ich inzwischen von der Strategie abgerückt, die Geschenke am 22. oder 23. Dezember zu kaufen. Jeder scheint bereits fast alles zu besitzen - der Rest ist völlig unerschwinglich für mich. Wenn mich jemand fragt, was ich mir denn wünsche, muss ich eigentlich auch immer passen. Irgendwie besitze ich fast alles - der Rest ist völlig unerschwinglich für die, die mir am nächsten sind. Klug wäre es, sich einfach nichts mehr zu schenken, aber das bringe ich nicht über mein steinernes Herz, schließlich würde es den Geist von Weihnachten kastrieren. Ja, für mich bedeutet Weihnachten: "Christmas with the Rat Pack", osteuropäische Märchenverfilmungen, Judy Garland in "Der Zauberer von Oz", super-kapitalistische, blutrote Kommerzweihnachtsmänner, Marzipan, Entenbraten, die Weihnachtsdekoration im Haus meiner Eltern, Plätzchen, stundenlanges Lesen in überheizten Wohnzimmern, in heißen Kakao getunkte Erinnerungen  - und Geschenke, verdammt!

Doch die Einkaufszentren sind so schrecklich übervölkert um diese Zeit des Jahres. Ich wär' außerdem viel lieber im betörend glänzenden Palast des Konsums gegenüber der Oper von Paris - als in irgendeinem Scheißmarkt, hier im Gewerbegebiet. Galeries Lafayette, das Stammhaus am Boulevard Haussmann ist ein prunkvoller Jugendstilpalast, ein Kaufhaus der alten Garde.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Der Geist der vergangenen Weihnacht

Der Rauch verlässt meine Lungenflügel wieder und steigt in den kalten Nachthimmel auf, als hätte er seine Aufgabe erfüllt, und einen weiteren Teil von mir mitgerissen. Ich muss wirklich aufhören. Bei jedem Mal tausche ich ein Stück Sein gegen ein Stück Nicht-Sein. Da stellen sich keine Fragen mehr. Schnee fällt auf meine ausgestreckte Hand - und wird sofort zu Wasser.

Gestern traf sich der Zirkel der zukünftigen Super-Literaten. Ich bin einer von ihnen - aber das überrascht Euch nicht. Die drei Ausrufezeichen. Statt zu schreiben, oder uns das Geschriebene gegenseitig vorzulesen, machten wir zwei Stunden lang Witze über Sodomie. Ehrgeiz. Fleiß, Professionalität sind die Zutaten guter Arbeit. Ich habe Tränen gelacht. Selbst der metaphorische Fall in den Kaninchenbau sorgte für schmutzige Kalauer über Propeller-Hasen-Analsex. Da hätte jeder ambitionierte Tierschützer seine helle Freude gehabt! Rideo ergo sum.

Als ich neulich Nacht irgendeinen der beschissenen Nachrichtensender eingeschaltet hatte, sagte die zehn Jahre älter geschminkte Tussi im Blazer, die wahrscheinlich in irgendeiner dämlichen Disco im Ruhrgebiet gecastet wurde, statt Journalistik studiert zu haben, dass die SMS, jaha, die Kurzmitteilung, gerade zwanzig Jahre alt geworden sei. Happy Birthday ans Sterbebett, denn sein wir ehrlich: sie ist auf dem Rückzug. Und so, wie ich Mitleid mit einer verwelkten Blume, einer ausgedienten Zahnbürste oder meinem alten Nassrasierer habe, hat mich auch das ein wenig traurig gemacht - und ich habe die schweren Ketten der Vergangenheit hinter den Wänden rasseln hören. 

Die SMS hat nicht nur eine ganze Generation von Jugendlichen dazu gebracht, ihre Sprache zu vergewaltigen, nein, sie hat auch Gutes bewirkt. Ich habe es bisher nicht zugegeben, aber der SMS verdanke ich meine erste, richtige Freundin. Woran ich festmache, dass es meine erste, richtige Freundin war?

Sonntag, 2. Dezember 2012

Sonntag, blutiger Sonntag

Schwerfällig und unbeholfen dreht sich der Haustürschlüssel im Schloß. Deutlich hörbar bemüht sich mein Mitbewohner darum, sich im Flur leise zu verhalten. Ein Paar Adidas-Sneaker poltert in den Schuhschrank, selbst, wenn ihr Fall ein wenig gedämpft wird. Mir kommt es vor, als könnte ich hören, wie schwer es ihm fällt, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich beende das Hörspiel und offenbare, dass ich noch nicht schlafe, indem ich laut seinen Namen rufe. Nach fast einer ganzen Minute öffnet sich die Tür zu meinem Zimmer, nicht ohne ein vorheriges, ohnehin ziemlich überflüssiges Klopfen mit einem metallernen Gegenstand.
"Ich hab' Blut auffer Hose - aber nicht meines!", lallt er, mit dem seligen Lächeln eines Betrunkenen. Seine Haut ist blass, der Bereich unter seinen Augen fast dunkelgrau.
"Sondern?", entgegne ich erheitert.
"Naja, keine Ahnung. Ich bin hingefallen, ne? Und als ich wieder aufgestanden bin, war da sauviel Blut auf meiner Hose. Das war noch viel mehr. Alles war voller Blut. Habs ein bisschen gereinigt im Mecces. Das war viel schlimmer, aber von mir ist das nicht, Mann! Und Toni Kroos ist ein krass guter Fußballer, der Toni." Er greift immer wieder Hilfe suchend nach dem Türdrücker, während er auf der Schwelle umherschwankt.
"Warum bist du denn hingefallen?"
"Weil ich so besoffen war?", sagt er als wäre das eine Selbstverständlichkeit und ich ein dämlicher Hinterwäldler.
Wir verabschieden uns, und er verschwindet in seinem Zimmer. Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich die South-Park-Folge sehe, die gerade läuft. Leichter Schlaf ist ein Segen. Ich bin zu träge, um zu lesen, doch auch zu wach, um einfach das Licht auszuschalten. Es klopft.

Samstag, 1. Dezember 2012

Zōon politikon

Pünktlich zum ersten Tag des zwölften Monats im Jahre des Herrn zweitausendundzwölf fällt Schnee vom Himmel auf ein Land, das zwar im Herzen Europas liegt, welches jedoch Europa nicht im Herzen zu tragen scheint (glaubt man den Meinungen auf der Straße, die das Frühstücksfernsehen sendet), und veranlasst den zusammengewürfelten Haufen von Freunden, Bekannten, Fremden und Erinnerungen in meiner Facebook-Freundesliste dazu, mit Fotos und witzigen Kommentaren darauf hinzuweisen, dass bei ihnen, wo auch immer sie alle inzwischen leben, Schnee liegt. Ich glaube, ich lösche heute meine Fotoalben.

Unterhaltsam geträumt. Ich erinnere mich fast immer an meine Träume. Aus welchem Grund auch immer, ich befand mich an einem Strand, der so weit ich weiß, nur in meiner Fantasie existiert. Ich kenne mich dort jedoch inzwischen aus. Ein silberner Opel Astra hielt und gab mir mit einer impulshaften Lichthupe zu verstehen, dass ich mich nähern sollte. Am Steuer saß ein russischer DJ, mit dem ich befreundet bin. Ich schlug ihm einen Roadtrip vor, klassisch, auf die alte Weise, wie im Film: Nur die Straße, Abenteuer; keine Karten, keine Ziele. Ein Klischee auf vier Rädern. Und schon fuhren wir los. Wir lachten, sangen und schnipsten aufgerauchte Zigaretten aus offenen Autofenstern. Wenn Du das hier liest, und ich weiß, das tust du, lass uns das 'mal machen, irgendwann, irgendwann, irgendwann, wenn die Sonne wieder scheint.

Andrea Berg singt zum tausendsten Mal, dass sie tausendmal belogen wurde, als ich aufwache. Ich wünsche mir zum tausendsten Mal, dass sie sich gegen die Kunst entschieden hätte. Aber na gut, das hat sie ja, falsche Formulierung: Ich wünschte, sie wäre Kassiererin, Bankkauffrau oder Radiologin geworden, oder, dass sie in einem anderen Land geboren wäre, dessen Landessprache keinen Zugang zum hiesigen Musikmarkt hätte (also auch nicht Spanisch, Italienisch oder Portugiesisch, denn das würde die fetten, alten Weiber zu sehr an den Urlaub erinnern) - ein Geburtsfehler wäre auch nett: Am 28. Januar wurde im Klinikum Krefeld die kleine Andrea geboren, jedoch unter einem dunklen Stern. Die Ärzte sind ratlos; das kleine Mädchen wurde ohne Stimmbänder geboren. So wird sie niemals den Traum ihrer Familie verwirklichen können, eine Schlagersängerin in nuttigen Kostümen zu werden, die das Lebensgefühl pseudo-romantischer Bierzelttrottel völlig neu definieren wird.

Ich drehe mich zur Seite und hämmere willkürlich auf die Tasten der Fernbedienung. In meinem Niederegger-Weihnachtskalender ist meine Lieblingskombination Rot/Grün: normales Marzipan und Pistazie. Es gelingt der 300. Auflage einer Batman-Zeichentrickserie, mich zu fesseln. Erst, als der außerirdische Feind besiegt ist, schalte ich weiter: Eine Dokumentation über Baby-Elefanten. Alle zwanzig Minuten sterbe eine Tierart aus, sagt Ranga Yogeshwar. Wir sind ein Parasit, der alles befällt und aussaugt. Agent Smith hatte recht.

A.

Mittwoch, 28. November 2012

elefant fickt esel bilder

"Elefant fickt esel bilder", ja. Wie meine Statistiken offenbaren, hat genau das jemand bei Google gesucht - und ist dann hier gelandet. Wahrscheinlich hat der auch bei der Umfrage angeklickt, dass er Star Wars nicht mag. Ich lasse den Scheiß mit den Umfragen wieder. Die Idee gefiel mir eigentlich schon nicht mehr, als ich sie ausformuliert hatte. Also, wenn Ihr das hier lest, gibt es keine Umfragenoption mehr. Das habt Ihr jetzt davon, dass Ihr Star Wars nicht mögt. Das kränkt mich.

Überhaupt sind die Suchbegriffe, mit denen die Leute hier landen überaus beunruhigend: "schmutz dreck gestank", "hoden langziehen", "eier langziehen", 6x "Leitungswasser", 7x "Todesgeschichten" - was stimmt nicht mit Euch? "Thomalla ficken" finde ich auch schön. Also lustig, ich finde es lustig. Ich bin noch immer der Meinung, das Mutter und Tochter niemals wieder vor eine Kamera treten sollten. Aber: Jeder nach seiner Fasson.

Es ist passiert: vorgestern habe ich mich nach Jahren einmal wieder dazu überwunden, zu einem Konzert zu fahren - auf die Reeperbahn. Sin City. In nicht einmal einer Stunde ist man mitten auf dem Kiez. Schon aus Prinzip will ich da eigentlich nicht hin, doch die Karten waren ein Geschenk - und außerdem hat Michael Kiwanuka, für mich, eines der Alben dieses Jahres herausgebracht!

Sonntag, 25. November 2012

Der Wochenatlas II

Schon wieder merkwürdig geträumt: Es gibt Kulissen meines Lebens, die vielleicht längst nicht mehr existent sind - trotzdem begegnen sie mir immer wieder im Schlaf. Der alte Klassenraum in einer Schule, die längst abgerissen wurde, die Gartenlaube meiner Großeltern, die weiten, waldigen Landschaften von Lista oder der Wald um Warin, ein kleines Nest mitten in Mecklenburg, nahe meiner Heimatstadt. Hier bin nicht nur in erste Romanzen verwickelt gewesen, hier betrank ich mich auch zum ersten Mal, erlebte Abenteuer mit meinen Freunden, rauchte heimlich und baute Scheiße. Jahre sind vergangen und die Zeit ist ein Gauner. So vieles ist dort passiert. Ungefähr einmal im Jahr, wenn es meinem Vater und mir gelingt, gleichzeitig im Haus meiner Eltern zu sein, fahren wir raus in die Wälder und angeln - meistens dort. Es sieht aus wie in der Kulisse von "The Blair Witch Project" und man begegnet fast nie jemandem. Ich mochte es dort immer. 

Und wieder ist Sonntag. Wahlsonntag. Freue ich mich, dass morgen wieder eine neue Woche entbrennt. Die große erste Umfrage ist also Geschichte. In einer Welt, in der nur die IADST-Leser über die Regierung entscheiden würden, schafft die CDU knapp den Einzug ins Parlament, die FDP kassiert weniger Stimmen als die "Anderen" und Rot-Grün holen 61%. Steinbrück wäre Kanzler, Trittin wahrscheinlich Außenminister und der dicke Gabriel Minister für Inneres. Piraten und Linke säßen mit jeweils 13% wahrscheinlich in der Opposition. In dieser Welt wären aber auch nur 29 Menschen zur Wahl gegangen.

In dieser Woche soll es nicht um die große Bühne der Politik gehen, sondern um etwas viel Wichtigeres: Welches ist Euer Lieblings-Star-Wars-Teil? Na, schwere Entscheidung? Find' ich auch.

Donnerstag, 22. November 2012

Requiem

Ich bin seit fast drei Wochen wieder da. Langsam vergesse ich, wie es war, in Norwegen aufzuwachen, und sich über nichts Gedanken machen zu müssen. Ich bin gaschaffter als vor dem Schlafen. Zwei Bier, mehr habe ich gestern nicht getrunken, und trotzdem fühle ich mich, als wäre ich die ganze Nacht unterwegs gewesen: Meine Augen fallen ständig zu, meine Knochen tun weh - und ich habe scheußlich geträumt. Betrug, Verrat, Straßenbahnfahrten und eine weiße Katze, die mich verfolgt. Das Gefühl von beißender Eifersucht unter meiner Haut ist noch immer nicht gewichen. Ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt, nach all den Jahren. Vergessen waren Nächte, völlig vernebelt von blindem Zorn auf alles, das meinem vermeintlichen Glück gefährlich werden konnte. Das war kein Glück, viel zu gläsern. Sich von der Furcht beherrschen zu lassen, ist nie gesund: "Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid" (Meister Yoda). Nur leider war ich nie ein Jedi.

Mittwoch, 21. November 2012

An der Tür

Gerade hat eine Nonne geklingelt und mir fest in die Augen gesehen:

Nonne: Guten Tag, mein Name ist ______. Ich hätte Ihnen gerne mal ein Zitat aus der Bibel vorgelesen.
Lexman: Eher nicht. Ich habe keine Hose an - das wär' doch ein schlechtes Omen, oder?
Nonne: So generell nicht?
Lexman: Genau.
Nonne: Dann wünsche ich Ihnen trotzdem alles Gute.
Lexman: Ja, ich Ihnen auch.


Manchmal hau' ich mich selbst um.

A.

Dienstag, 20. November 2012

Das Ende der fetten Frau

Meine Schritte werden schneller. Hinter mir lacht eine Gruppe Schülerinnen wie ein Rudel Hyänen. Ich drehe mich um: Sie sehen aus, als wären sie alle bereits in ihren späten Zwanzigern. Das ist der Fluch unserer Zeit. Alle wollen Mitte zwanzig sein. An der Kasse im Penny-Markt sehe ich das dämliche Arschloch aus der Wohnung über uns. Tatsächlich, er hat sich einen neuen weiblichen Sidekick besorgt. Die fette Frau wurde substituiert. Nach all den Jahren der nächtlichen Beschimpfungen und der furchtbar ekelhaften Musik ist sie verschwunden. Doch das überrascht Sherlock keineswegs, nein. Schon, seit über einer Woche wunderte ich mich, warum alles so leise, so dezent war. Und dann, gestern, ich war mir ganz sicher, das Geräusch von Hackschuhen auf dem Parkett zu hören. Trägt die fette Frau neuerdings etwa Hackschuhe? Das hätte ich doch schon vorher gehört haben müssen. Und nun bestätigt es sich, der cholerische Arbeiterklassenromeo von der verkackten Marine hat ein neues Herzblatt. Vor einem Monat habe ich die fette Frau noch gesehen, da bin ich mir sicher. Der lässt nichts anbrennen. Hat sie das verdient? Nun, sie schien Unheilig und Culcha Candela zu lieben.

Und wisst Ihr was? Die Neue sieht aus wie die Alte - nur mit glatten Haaren.

A.   

Montag, 19. November 2012

Zwischen den Büchern

Ich habe es geschafft. Nach vier satten Jahren Studium ist es mir doch einmal gelungen, mich in das W-Lan-Netz der Universität einzuloggen. Dass ich das hinbekommen habe, ist wirklich nicht selbstverständlich, schließlich muss man beinahe ein verfickter NASA-Hacker sein, um bei dem ganzen Client-Wichs-Computerkram durchzusehen. Aber: They can't stop the Lex. Und nun bin ich online. Seit 6 1/2 Stunden habe ich mich in der Bibliothek verkrochen, um zu schreiben. Jaha, der große Roman, er ist in Planung. Ich fühle mich auf einmal wie ein Teil der arbeitenden Bevölkerung: Seit 8:00 Uhr bin ich hier, 20.00 Uhr habe ich Feierabend - Zwölfstundenschicht, Bitch. Nachher noch mit'm Bier auf die Couch - schön im Unterhemd oder so. Ich habe leider nur schwarze Unterhemden (und ehrlich gesagt auch nur eines). Das ist dann nicht stilecht. Es gibt einfach zu wenige Anlässe, bei denen man Unterhemden tragen sollte. Und die Typen, die da anderer Meinung sind, sind Idioten.

In einer Stunde beginnt mein nächstes Seminar. Eigentlich habe ich noch Texte zu lesen, aber diese ganze Internetgeschichte hier ist da eher kontraproduktiv. Ich mag mich außerdem nicht an einen der großen Tische setzen, schließlich höre ich dann das bekackte Gelaber irgendwelcher Einfaltspinsel, die sich auf ein beschissenes Referat oder so vorbereiten. Schräg vor mir sitzt ein fettärschiges Mädchen mit einer schlimmen Körperhaltung. Ob sie sich fragt, warum ich einfach nur tippe, ohne, dass ich auch zehn stinkende, alte Bücher neben mir liegen habe und bedeutungsschwanger über die Seiten schiele? Wenn sie wüsste, dass ich gerade über sie hier schreibe. Ein Typ mit T-Shirt und Mütze (!) hat sich neben sie gesetzt. Beide tuscheln. In seinen gierigen Augen und seinem zögerlichen, immer wiederkehrenden Lächeln sieht man, dass er die Kleine auf der Stelle vögeln würde. Zeit, zu gehen.

A.

Sonntag, 18. November 2012

Was ich Sie noch fragen wollte...

Nicht erschrecken! Ich habe eine Umfragenoption eingefügt. Warum? Mich interessiert das. Ich finde einen kleinen Funken Interaktion auf IADST ganz spannend, weswegen ich Euch bitten möchte, das Ganze nicht als bloße Schrulle abzutun und zu ignorieren, sondern Euch rege zu beteiligen. Vote! Thematisch lassen wir uns nicht festnageln, meine sehr verehrten Damen und Herren. Den Anfang markiert die obligatorische Bundestagsfrage. Ein Klassiker zu Beginn. Jede Abstimmung läuft genau sieben Tage.

A.

Samstag, 17. November 2012

Der Wochenatlas

Falls Ihr Euch bisher nicht sicher wart, ob ihr nun "Cloud Atlas" im Kino sehen solltet oder nicht, hört auf mich: Seht ihn Euch an! Zugegeben, ob man, ohne das Buch gelesen zu haben, das Gros des Films beim ersten Mal versteht, wage ich zu bezweifeln, aber nichtsdestotrotz erwartet einen ein verdammtes Feuerwerk. Szene nach Szene knallt einem an den Kopf. Drei Stunden pure Unterhaltung. Das Kino war fast leer - und ich war zur Premiere. Es war leer - trotz Wetten-Dass-Promo-Offensive von Hanks und Berry. Eigentlich traurig, wenn man bedenkt, mit welcher Passion der Mob in Filme wie "Hotel Transsilvanien" (?) oder "Paranormal Activity 4" pilgert. Sicher, der Wolkenatlas, das Buch, ist um Längen besser, als der Film es je sein könnte. Das liegt in der Natur der Sache, schmatz. Trotzdem finde ich unfair, dass der Film so unerfolgreich ist, wenn auf der anderen Seite Till Schweiger weiter seinen verschissenen Lebensunterhalt mit zusammengekniffenen Augen im unheiligen, deutschen Filmgeschäft verdienen darf. In so einem Land möchte ich nicht leben, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Aber was reg' ich mich auf, in Amerika startet "Cloud Atlas" ja auch nicht durch. Mal was Anderes: Halle Berry ist 46? 46? Really? Ich weiß, man neigt gern zu einem "Die hat sich ja gut gehalten"-Bla-Bla, aber HB ist nicht wie Demi Moore oder Madonna; also kein dünnhäutiger Vampir mit toten Augen, HB ist heiß! Smokin' hot! Dass die meine Mutter sein könnte, ist hingegen merkwürdig.

Ich habe übrigens gerade eine neue Rubrik erfunden. Einfach so.

Erkenntnisse der Woche:
  • Ich habe Kumpir zu Unrecht verdammt.
  • Ich habe Latein nach weniger als einem Jahr wieder verlernt.
  • Ich verliere sowohl bei Münzwürfen, als auch bei Stein-Schere-Papier. Immer!
  • Dark Dark Dark machen mich melancholisch und verfickt wütend - und trotzdem mag ich sie.
  • Ich würde Jahrzehnte allein mit einer Playstation überleben.
  • "Soloalbum" ließ sich nur kurz nach der Jahrtausendwende lesen, vermute ich. Danach war es irgendwie unsympathisch und affektiert. Das ist nicht schlimm; so manche Kunst funktioniert nur in ihrer Zeit - z.B. Limp Bizkit. Ja, für mich war Limp Bizkit Kunst. It's all about the he-said-she-said-bullshit!
  • "Because the only thing that punk-rock should ever really mean is not sittin' 'round and waiting for the lights to go green..." ist eine wirklich gute Songzeile, auch wenn ich jetzt nicht so Punk-Rock bin. Frank Turner, falls Ihr Euch fragt.
  • Es gibt Wissenschaftler, die sich passioniert mit den Abständen zwischen zwei Eisenbahngleisen im Wandel der Zeit, und in verschiedenen Ländern, befassen. Das ist jedenfalls nicht Punk-Rock.
  • Paula Lambert, deren einziger Lebensinhalt, das Reden über Sex zu sein scheint, ist eine der unerotischsten Personen der Medienlandschaft.
  • Das Gerede über Europa nervt mich. Die eigentliche Idee scheint sich in den Köpfen der Menschen in ihr Gegenteil zu pervertieren.
  • Meine Leberwerte sind erhöht.
  • Jogi Löw ist ein selbstgerechter Vollidiot, weil er lieber ohne Stürmer spielt, als dass er Stefan Kießling beruft. 

Schönes Wochenende,
A.    

Donnerstag, 15. November 2012

Nach der Flut

Okay, okay, vielleicht hatte ich tatsächlich den Blues, seitdem ich wieder da bin. Aber soll ich Euch etwas sagen? Jetzt, wo ich mir all das, sicherlich etwas ausführlich, von der Seele geschrieben habe, hat mich die Normalität wieder. Der Einfachheit halber gibt es jetzt auch den Reisebericht am Stück, falls noch jemand ein Bedürfnis danach verspürt - wahrscheinlich werde ich selbst das sein, in ein paar Monaten.

Zurück zum Tagesgeschäft also. Ich sitze wieder in Hörsälen und Seminarräumen, lausche den Gesprächen der anderen Deppen, bekomme beschissene Hausarbeitsthemen zugelost und lasse mich davon einschüchtern, wie schnell mir die Zeit durch die Finger rinnt. Home sweet home.  

A.
 

Dienstag, 13. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Finale (Part IV)

Wir parken das Auto und gehen zurück ins Haus. Das Leben pulsiert. Alles ist bereits dabei, Sachen zusammenzusuchen und zu packen. Ich verstaue meine Gitarre in ihrer Hülle und stelle alles bereit. Mein Vater kehrt vom Meer zurück. "Ich habe morgens zwei Tassen Kaffee getrunken. Auf dem Meer hab' ich dann acht wieder ausgekotzt", sagt er, völlig erschöpft. Den Steinbutt, den er gefangen hat, wird meine Mutter zum Abendessen vorbereiten. Ich will nicht warten, bis es dunkel wird. Ich will mich nicht verabschieden, und hier vorm Fernseher vegetieren. Als mein Vater dann auch noch "Over the Top" im Fernsehen einschaltet, reicht es mir. Ich streife meine Jacke über und klettere erneut in meine Stiefel.

Einen letzten Gang den Weg herunter. Noch einmal die Strecke, die ich schon millionenmal gelaufen bin. Die schwindende Sonne taucht den gesamten Himmel in einen Ton von Vanille. Wer weiß schon, wann ich zurückkehre?


Sieben Tage in Utopia: Finale (Part III)

Regen prasselt auf die Frontscheibe, doch die Wolken formen noch immer ein Gemälde am Himmel. Ich blinke nach links und frage mich, ob ich mit jemandem zusammen sein könnte, der all das hier sofort gegen einen All-inclusive-Urlaub in der Sonne eintauschen würde. Oder mit jemandem, der Simon & Garfunkel scheiße findet. Oder Star Wars nicht mag. Wirklich, ich hasse Leute, die Star Wars nicht mögen. Echt, wir kann man das nicht mögen?

Wir setzen meine Großeltern ab und fahren weiter. Ich habe noch einen Ort auf der Agenda. Als ich klein war, nannten ich und meine Freunde diesen Ort "Grusel-Gespenster-Wald". Wir waren ironisch. Und trotzdem hatten wir Schiss. Als der Wagen hält, donnert es am Himmel. Bevor es in den Wald geht, werfe ich einen Blick ins Wasser. Der kleine Hafen, der fast ein Zwilling des Hafens in unserem Ort sein könnte, ist menschenleer.



Sieben Tage in Utopia: Finale (Part II)

"Alexander, die Wolken sind beeindruckend, oder? Aber es is' auch ganz schön windig, ne?", sagt meine Oma mit glücklichem Gesicht.
"Ja, das wird meinen Vater schön durchschaukeln, aber das ist der Preis, den man zahlen muss", antworte ich, voll von offensichtlicher Schadenfreude. Sie stößt mir in die Seite, ohne ihr Lachen zu verlieren.

Und dann sind wir oben. Meine Pupillen rasen durch die Landschaft. Das hier ist ein perfekter Ort, da bin ich mir sicher. Ich blicke hinunter auf ein felsiges Tal, bestehend aus unendlich vielen Lagunen und Buchten. Immer wieder blitzen kleine Sandstrände vor dem klaren Wasser auf. Wie kommt es, dass ich hier noch nie war? Sicher, ich kenne den Strand - doch all dies hier war mit völlig unbekannt.

Sieben Tage in Utopia: Finale (Part I)

Der folgende Post wird Euch viel Zeit kosten und den ewigen Wunsch in Euch wecken, das zu sehen, was ich gesehen habe. Ich warne Euch bloß. Falls Ihr die bisherigen Fotos schon gut fandet, macht euch auf etwas gefasst. Ich ziehe alle Register. Aufgrund der Masse an Text und Bildern musste ich diesen Post auf mehrere Posts verteilen. Ich dachte dabei nur an die Größe Eures Scroll-Rädchens. Ich hoffe, Ihr wisst diesen Mehraufwand zu schätzen. Der letzte Tag war der beste.

Donnerstag:

Ich habe heute leider kein Foto für Euch. Rührei und Speck. Wind peitscht gegen die Wände des kleinen Hauses. Ich versinke den ganzen Tag in der Couch und lese "Der Gefangene des Himmels" zu Ende. Ich bin enttäuscht. Nicht einmal die unterschriebene Erstausgabe trübt meine Wahrnehmung. Kein Zauber, keine Magie. Resigniert klappe ich das Buch zu und verstaue es in meinem Rucksack. Jetzt habe ich nichts mehr, was ich hier lesen könnte - außer dem Käse, den die Anderen mitgebracht haben. Ich hasse es, kein Buch neben mir auf dem Nachttisch liegen zu haben. Das ist wie mit den Zigaretten: Habe ich welche, fällt es bei Weitem nicht so schwer, nicht zu rauchen, wie es mir fallen würde, wenn die Schachtel leer wäre. Macht das Sinn?

Das schlechte Wetter zwingt meinen Vater dazu, untätig neben der Familie auf der Couch zu sitzen. Das fällt ihm sichtbar schwer; er ist ein Getriebener. Man kann die Unruhe in seinen Augen sehen. Er ist daran gewöhnt, keine Zeit zu haben und zwölf Stunden am Stück, die ganze Nacht hindurch, irgendwo im Dreck auf einer Baustelle in Dänemark zu arbeiten. Wenn er frei hat, repariert er ständig Dinge und findet irgendetwas, das unbedingt am Haus getan werden muss. Für ihn bedeutet Urlaub schon, dass er nicht auf irgendeine Baustelle muss, genügend schlafen kann und Zeit zum Angeln hat. Dass er bisher nur zweimal auf See war, schlägt auf seine Stimmung, und das kleine Wohnzimmer beginnt langsam, zu eng für uns beide zu werden. Er provoziert mich, ich provoziere ihn.

Sonntag, 11. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode V. One Night In Farsund

Mittwoch:

Rührei und Speck. Regen und Wind zersetzen alles. Kein Wetter zum Spazierengehen. Die Dynastie ist sympathisch aber eigen. Absurdität des Familienurlaubs Nr. 1: Meine Familie hat tatsächlich norwegischen Käse aus Deutschland mitgebracht - denselben Käse, den sie hier vor Jahren für sich entdeckt haben. Ja, Lebensmittel sind teurer hier oben, aber ist das nicht trotzdem irgendwie merkwürdig? Wenn schon nicht von meiner Familie, dann zumindest von Europa. Es ist dasselbe verfickte Lebensmittel!

Meine Mutter hat sich in die hauseigene Kaffeemaschine und den Fernsehsessel verliebt, und lag nun meinem Vater so lange in den Ohren, bis er sich dazu bereit erklärt hatte, die Vermieter eingehend zu befragen, wo sie denn die Gerätschaften erstanden hätten. Das Wetter gibt nicht viel mehr her, also willigen ich und meine Begleitung ein, mitzufahren, falls man den Platz in unserem Auto benötigen würde.

Die kleinen Städte sind leer und grau. Der Winter kommt mit dem Ende der Saison. Deutsche scheinen sich hier momentan genauso wenige aufzuhalten wie Norweger in Kiel. Wir finden die begehrte Kaffeemaschine in einer kleinen Euronics-Filiale, die eher an einen Trödelladen erinnert. Während ich im Kopf die Preise in Euro umrechne, stelle ich fest, wie verfickt teuer alles hier ist. Die Kaffeemaschine kostet zärtliche 270 €. Wir lachen und verlassen das Geschäft. Der Stuhl kostet über 300 €. Wir lachen und verlassen das Geschäft. Bevor wir gehen, erstehe ich jedoch ein Paar enge Lederhandschuhe für 13 € (!). Mit ihnen an den Fingern, sieht es aus meiner Perspektive so aus, als hätte ich die Hände eines SS-Manns, während ich eine Zigarette zum Mund führe. Das beunruhigt mich kurz. Absurdität des Familienurlaubs Nr. 2: Meine Großeltern kaufen ein Kristall-Service. Made in Germany. Wir bringen den Import/Export-Kosmos völlig durcheinander.

Freitag, 9. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode IV

Dienstag:

Zur festen Planung gehört es jedes Mal, den Leuchtturm von Lista, Lista Fyr, zu besuchen - seit ich klein war. Ihr wisst um meine Begeisterung für die Ästhetik von Leuchttürmen? Ich möchte nicht wissen, was Psychoanalytiker oder Feministen davon halten würden. Das ist also die Tagesaufgabe. Rührei mit Speck, 10°C, der Tag kann starten. Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, wie ich je allein frühstücken konnte.

Es hat die ganze Nacht geregnet und der Wind hat weiter zugenommen. Das perfekte Wetter zum Einschlafen für mich. Nichts ist gemütlicher, als wenn Wind und Regen gegen die dunklen Fenster peitschen. Aus diesem Grund finde ich den Schimmelreiter auch so gemütlich. Manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, versuche ich durch die Augen des Deichgrafen zu sehen, der nachts, dem rauen Wetter trotzend, über den dunklen Deich reitet.




Donnerstag, 8. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode III

Montag:

Rührei mit Speck, und das Frühstück ist gar nicht mehr so laut. Der Himmel ist zugezogen, doch die Temperaturen sind gestiegen. Ein starker Wind bläst vom Land auf das Meer und lässt all die vielen Windkrafträder rotieren. Das Essen mit den Waltons finde ich tatsächlich nicht mehr anstrengend. Mein Plan war, jeden Tag früh aufzustehen, um möglichst viel in mich aufzusaugen, also muss ich sowieso damit arrangieren.

Alle wollen in die Stadt fahren - nur ich nicht. Seit Jahrzehnten liebt meine Familie das Softeis in Farsund, einer kleinen Hafenstadt, zwanzig Minuten mit dem Auto entfernt. Ich bin kein Eisfan - schon gar nicht im Herbst. Abgesehen davon war ich schon sechshundertsechsundsechzigmal in Farsund. Vor ein paar Jahren habe ich sogar das Nachtleben kennengelernt, aber die Geschichte darüber, würde einen ganzen Post füllen.

Als der Rest vom Hof fährt, freue ich mich fast ein wenig auf die Ruhe. Ich werfe ein paar Stücken Holz in den Kamin und lege mich auf die Couch. Es ist so weit: Ich werde den neuen Zafón beginnen. Signierte Erstausgabe, Biatch. Ich wünschte, ich wäre geduldiger, schließlich wird die Fortsetzung erst in ein paar Jahren erscheinen. Mein einziges Zugeständnis ist, dass ich mich beim Lesen nicht beeilen werde. Das Gefühl, die ersten Seiten zu lesen, kommt in meiner Erinnerung, meinen Empfindungen, als ich den Vorspann von Episode I im Kino sah, ziemlich nahe. Lange hat man gewartet, und im Geist hält sich eine Mischung aus Angst und Spannung die Waage; Spannung, weil man es kaum erwarten kann, zu sehen, wie es weitergeht - Angst, weil es auch scheiße werden könnte, und somit etwas beschädigt wird, das man sehr schätzt.

Mittwoch, 7. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode II

"Morgen" ist immer eine Sache des Blickwinkels.


Sonntag:

Wo zur Hölle bin ich? Es dauert ein wenig, bis ich die Umgebung erkenne. Schritte auf einer Treppe. Ich greife zu meiner Armbanduhr. Eiskristalle haben sich unter dem Glas des Ziffernblattes gebildet. Es ist kalt. Sehr kalt. 07:30 Uhr. Das kann doch nicht mein Ernst sein. Das reichhaltige Frühstück im Kreise der gesamten Dynastie ist laut, lauter als erwartet, und irgendwie fast zu laut - aber wirklich vielfältig. Ich erkundige mich trotzdem nach Rührei und gebratenem Speck und kassiere böse Blicke dafür. Vielleicht morgen. Wenigstens gibt es zwei Badezimmer.
Der Blick aus dem Fenster verheißt eine ruhige See; keine Schaumkronen in Sicht, was meinen Vater dazu bringt, sein Frühstück herunterzuschlingen, um so schnell wie nur möglich raus, aufs Meer, zu fahren. Angeln war nie wirklich mein Ding. Ich find' es irgendwie widerlich, die Fische vom Haken zu entfernen. Nicht, weil ich ein unglaublicher Tierfreund bin oder so - ich finde es schlichtweg eklig. Sicher, so cooler Ehrgeizscheiß mit dicken Angeberfischen, da kann ich mich auch für begeistern, aber die Viecher vom Haken nehmen oder gar filetieren, nope. Abgesehen davon muss ich bei leichtem Seegang schon kotzen. Mir reicht es, einmal im Jahr an irgendeinem bescheuerten Bach kleine Plötze zu fangen, und sie anschließend braten zu lassen. Damit befriedige ich meinen Jäger-und-Sammler-Trieb wirklich zu Genüge. Mein Vater ist trotzdem beleidigt, als ich seine Frage, ob ich mit wolle, mit einem Lachen quittiere. Kein Tigerblut in mir.

Montag, 5. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode I

Da bin ich wieder. Ja, ich bin wehmütig. Habe ich Lust, mich wieder meinem eigentlichen, richtigen, routinierten Leben zu stellen, meinen Platz einzunehmen? Nein, natürlich nicht. Ich wär' viel lieber dort geblieben. Gut, das landwirtschaftliche Leben liegt mir nicht so; das frühe Aufstehen und der ganze eklige Scheiß. Sonderlich handwerklich begabt bin ich auch nicht - eher im Gegenteil: Ich bin sehr versiert darin, nichts zu können, wofür man Werkzeug verwendet. Eine Fachkraft im weitesten Sinne bin ich leider auch nicht; ich habe ja nicht 'mal irgendeine Ausbildung. Und die Sprache beherrsche ich, bis auf ein paar Floskeln und schmutzige Wörter, natürlich auch nicht. Ich denke, damit verfüge ich über alle nötigen Qualifikationen, um mich bei VOX zu melden. Der Süden Norwegens hätte keinen besonders großen Nutzen von mir. Umgekehrt hingegen schon.

Ich hüte mich vor Formulierungen wie "Isch hab' meine Batterien aufgeladen", "Endlich ma wieder Kraft getankt" oder anderem Quatsch aus den Mündern von Idioten. Aber natürlich war es erholsam und natürlich war es wunderbar, durch die zeitlosen Gefilde vergangener Sommer und Winter zu spazieren. Wenn Zuhause tatsächlich dort ist, wo das Herz ist, möchte ich mich festlegen, dass mein Herz nur schwer in Kiel zu finden ist.

Aber gehen wir chronologisch vor. 

Freitag, 26. Oktober 2012

Ich bin dann mal Lex

So, für mich endet der Oktober hier. Proviant und Klamotten sind verstaut, meine Kamera geladen, Zigaretten für 35€ gekauft, der neue Zafón und ein Mixtape für's Auto liegen auch bereit. Der Winter ist da. Was gäbe es also besseres, als nach Norwegen aufzubrechen? Aber um ehrlich zu sein, ich habe nicht erwartet, am Strand zu liegen. Zwei Flaschen Captain Morgan, ein paar Bier, Ketchup-Pombären, selbst gebratene Klopse für die Autofahrt, an alles ist gedacht.
Um 04:00 Uhr wird mein Wecker klingeln, doch wenn es hell wird, werde ich bereits in Dänemark sein. Wovor es mir jedoch ein bisschen graut, ist die fast vierstündige Überfahrt von Dänemark nach Norwegen. Der Regenkönig ist nicht ganz seefest. Ich werde mich zur Sicherheit mit Reisetabletten vollpumpen und eines dieser dämlichen Placebo-Armbände umlegen, die einem die Pulsadern so abschnüren, dass einem nicht übel wird. Der medizinischer Zusammenhang ist mir nicht ganz klar, aber ich bin ja auch kein verschissener Arzt, oder?

Wie auch immer! Genießt die Woche, macht Euch eine gute Zeit und unterhaltet Euch in der Zwischenzeit mit den großartigen Posts dieses Monats.

Ich hab' Euch furchtbar lieb
A. 

CRZ + AVZ = Big Love

Ich war noch nie bei einer Lesung. Warum auch? Ich bin doch cool! Mein Bedarf, Autoren zu sehen und selbige über Interviews ein wenig besser kennenzulernen, wird eigentlich an jedem letzten Sonntag im Monat von Denis Scheck gedeckt. Mal davon abgesehen, dass für mich auch noch immer die Theorie im Raum steht, dass das, was Autoren zu sagen haben, in ihren Büchern steht. Und mal im Ernst: Gehen nicht eigentlich nur Mädchen, die einen Ersatz für den Boyband-Kult ihrer Teenager-Jahre suchen, auf Lesungen? Alle anderen Teilnehmer sind doch schleimige Schnösel und pseudo-intellektuelle Schwanzgesichter mit Retro-Brillen und kunstvoll gebundenen Schals, oder? So stellte ich mir das vor. Noch dazu ist der ganze Quatsch dann in einem Theater, und Theater sind doch, wie man weiß, wie Berlin; wenn man zu oft da ist, bekommt man nicht einmal mehr mit, was für ein Arschloch man geworden ist.

Doch dann las ich, dass Carlos Ruiz Zafón nach Deutschland kommt, um, am Tag des Verkaufsstarts, aus seinem neusten Roman "Der Gefangene des Himmels" zu lesen. Verflucht, diesmal musste ich wohl über meinen Schatten springen und mich meinen eingebildeten Dämonen stellen.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie IV

Ich hatte nie zuvor mit dem Tod zu tun. Ich hatte nie vorher eine Leiche gesehen. Hölle, ich war nicht einmal auf einer Beerdigung. Insgesamt müssen es weit über 20 gewesen sein, die ich in den Keller begleitete. Ich erinnere mich jedoch bloß an die, die schockierend waren - auf welche Weise auch immer. Einmal war es ein Kind. Das war scheiße. Ein Mädchen, vielleicht 10 Jahre oder so. Das Laken mit der Leiche war selbst leichter als die ganzen dürren Alten. Einmal war es eine Frau, die so schwer war, dass wir zu viert in den Keller mussten. Wir hatten extreme Probleme, das Spezialbett überhaupt durch die alte Tür zu kriegen. Das war erniedrigend, posthum. 

Inzwischen hatte ich damit begonnen, des Öfteren die Spätschichten der Anderen zu übernehmen. Ich mochte es, wenn es ruhiger war im Krankenhaus. Sicher, bis um 22.00 Uhr zu arbeiten, war scheiße, aber es war einfach weniger stressig und man musste nicht so verfickt früh aufstehen. Und um Zehn Schluss zu haben, hinderte mich auch nicht daran, danach noch irgendwo zu landen. Ich saß im Aufenthaltsraum, bestellte Pizza in die Notaufnahme, redete Schwachsinn mit dem Festangestellten, der ebenfalls Spätschicht hatte, oder las einfach so lange, bis mein Dienst-Handy eine neue Mission verkündete.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie III

Wir gingen zur Rezeption. Heißt das überhaupt Rezeption im Krankenhaus? Ach, Ihr wisst trotzdem, was ich meine. Teil des Prozedere war es, zuerst nach einem Schlüssel mit einer bestimmten Nummer zu fragen. Drei Zahlen. So sehr ich mich auch anstrenge, alles, was mir einfällt, ist 7-5-3: Rom kroch aus dem Ei. Ich glaube nicht, dass das die gesuchten Ziffern sind. 187 oder 666 waren es aber auch nicht. Der Portier übergab uns den Schlüssel, mein Kollege ließ daraufhin selbigen in der Brusttasche seines Kittels verschwinden und unterschrieb in einem großen Buch.

Ich merkte, wie Kälte in meinen Körper zog und meine Hände schwitzen ließ. Aufregung bahnte sich ihren Weg durch meine Venen. Seine Haltung wurde förmlich. Die Verantwortung des Spezialauftrags zeichnete sich in unserem Gang ab.

Montag, 22. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie II

Wie auch immer! Darum sollte es auch nicht gehen. Ich wär' jedenfalls überrascht, nach meinem Tod auf einer Wolke, in einem Kessel oder als Kuh wieder auf zu wachen. Es sollte hier eigentlich viel praktischer zugehen. Ihr habt den langweiligen Teil überstanden. Neues aus unserer beliebten Rubrik: "Die Erinnerungen des Regenkönigs". Heute: "Lexman und die Toten".

Wir schreiben das Jahr 2007 nach Christus. Ich hatte mein Abitur gerade geschafft, und ruhte mich noch immer auf diesem unvorhersehbaren Triumph aus. Die Zukunft hatte noch nicht damit begonnen, ihre kalten Hände um meine Kehle zu legen. Erst einmal würde ich irgendwo meinen Zivildienst ableisten - danach könnte ich mir doch immer noch überlegen, was ich mit meinem Leben würde anfangen wollen. Der Bassist aus meiner Band erzählte mir, dass es im Krankenhaus relativ lässig sei. Nachdem ich mich also davon überzeugt hatte, dass ich dort nicht irgendwelche Ärsche würde sauber wischen müssen, stimmte ich zu. Warum auch nicht? Betten und Rollstühle durch die Gegend schieben, hübschen Schwestern auf den Arsch glotzen, während ich mit den anderen Jungs pokern würde. Das klang reizvoll. Selbst mit dem schlechten Essen und dem weißen Kittel konnte ich mich schnell arrangieren. Meine Mitstreiter waren sympathische, pöbelnde Großmäuler, mit denen ich an den Wochenenden meinen Sold versoff. Es war toll. Die eigentliche Arbeit hätte auch von dressierten Äffchen verrichtet werden können, doch die Bezahlung war großzügig (und ohne Abzüge). Ich war in der wohligen Routine eines Drohnenlebens angekommen, und das fühlte sich großartig an. Ich trottete in aller Herrgottsfrühe, mit meinem MP3-Player im Ohr, zum Krankenhaus, kaufte mir ein Mettbrötchen zum Frühstück, löste das Kreuzworträtsel in der Bild, schnitt mit den Anderen das Oben-Ohne-Mädchen aus, um es an die Tür unseres Schrankes zu kleben, machte mich über alles und jeden lustig, legte alle 30min eine Raucherpause ein und verprasste das viele nutzlose Geld.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie I

Die Maschine arbeitet wieder: Daddy's back. Morgen beginnt das neue Semester. Ich kann es kaum erwarten. Aber ein Trost ist, dass ich in 7 Tagen bereits durch nebelverhangene Täler, dunkle Wälder, vorbei an schroffen Bergen und der tiefen See spazieren werde. Das ist keine Metapher. Es ist dann Sonntag, und ich bin in Norwegen aufgewacht (Urlaubstagebuch, die Zweite? Ja. Nein. Ich weiß noch nicht), in einem knarrenden Holzhaus mit Blick auf das raue, dunkelblaue Meer. Nur leider nicht für immer. Ja, ich weiß, "nur leider nicht für immer". Das klingt, als wäre ich eine dieser Tussis, die nach der Schule für ein Jahr ins Ausland gehen, und dann 7 Jahre lang geistig nicht wieder in Deutschland ankommen, sondern sich stattdessen als rührselige Weltbürger aufspielen, die nicht von ihrer neuen Heimat loskommen. Ich nenne das den "Klassenfahrt-Kater-Effekt", benannt nach dem Gefühl, das sich immer bei mir einstellte, wenn ich im Reisebus auf dem Rückweg von einer Studienfahrt saß. Alles war vorher ungewiss und aufregend, aber letztendlich war es toll und der Abschied viel mir schwer. Ja, ich habe die Filmrechte bereits nach Hollywood verkauft. "The School-Trip-Hangover-Effect" wird 2013 verfilmt. Mit Ashton Kutcher in einer Nebenrolle (er spielt einen geldgeilen, pseudo-lässigen Penner, der sich noch immer für einen 16-Jährigen hält).

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Reflexion

Notiz an mich selbst: Okay, es war wirklich keine gute Idee, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, krank den Abend in einer Kneipe zu verbringen (Sie hatten Recht, Madame) - genau genommen war es sogar eine ziemlich beschissene Idee.

Wenn ich schon unbedingt hingehen musste, so hätte ich wenigstens auf Zigaretten und Alkohol verzichten können/sollen - doch das tat ich nicht, nein, natürlich nicht. Ich wollte einfach nichts verpassen. Ich wollte dabei sein. So bin ich eigentlich sonst nicht. Ich kann normalerweise problemlos auf alle sozialen Gepflogenheiten scheißen, wenn mir danach ist. Meine Freunde schätzen und lieben das. Aber es stand gar nicht zur Debatte, den heiligen Bar-Mittwoch zu vernachlässigen. Und dann ging es mir schlecht. Halb komatös ließ ich mir ein Erkältungsbad ein, nachdem ich nach Hause gekommen war, musste es jedoch nach wenigen Minuten schnellstens verlassen, da mein Blut bereits vor Hitze zu kochen begann. Mein Kopf hämmerte, meine Ohren dröhnten, und wenn ich hustete, zog es bis in meine Eier. Noch ein Kurzer Bronchipret, cheers, und ab in die Falle. Köstlich, immer wieder vom Geschmack des Hustensafts aufzustoßen.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Forkølelse

Ich kann kaum etwas sehen. Werden Taschentücher noch aus Bäumen gemacht? Wenn ja, töte ich gerade den ganzen verschissenen Regenwald. Meine Pisse hat die Farbe von Karamell. Jahrelang war ich eine immune Maschine, seit Kurzem bin ich ständig krank. Dämliche Scheiße. Ich bin dazu auch noch so sagenhaft unselbstständig. Jemand müsste den Papierkorb dringend rausbringen, er quillt über, vor kontaminierten Taschentüchern und Schokoriegelhüllen. Der Erbseneintopf aus dem Supermarkt hat ekelhaft geschmeckt, weswegen ich jetzt einfach Schokolade esse. Während ich den klebrigen Brocken "Erbseneintopf Hubertus" in die alte DDR-Schale gleiten ließ, fragte mein Mitbewohner, der auch gerade in der Küche war, höhnisch, ob es Essen in Zellenblock E gäbe. Er hat verfickt nochmal recht Recht. Und es schmeckt, wie es aussieht. Dann lieber einfach Dominosteine. Merry Christmas!

Und eigentlich müsste ich Dänisch lernen, verdammt. Übermorgen schreibe ich die Klausur - komme wat wolle. Denn sonst verschenke ich ein ganzes verfluchtes Semester - again. In dem Fall würde sich mein Berufseinstieg wahrscheinlich bis zu meinem 30. Lebensjahr verzögern. Das wäre gesellschaftlich nur schwer vermittelbar. Meinen Glauben an die Rente habe ich auch verloren. Falls jemand mein Leben retten will; ich bin offen für Buchdeals und Plattenverträge. Ich will bemuttert werden! Ich will Hühnersuppe! Ich will im Bett liegen! Ich will mich freuen, erkaufte Freizeit zu genießen! Ich will Playstation spielen! Ich will Obsttellerchen! Ich will frisch gepressten Orangensaft! Ich will Zeichentrickfilme gucken! Ich hätte niemals zu Hause ausziehen und mich für ein erwachsenes Leben entscheiden sollen. Mutti hätte sich um ihren kleinen Prinzen gekümmert.

Scheiße, ich gehe jetzt raus. Ab in die Bar! Feuer mit Feuer bekämpfen und so.

A.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Zurück ins Leben



Ich habe seit ungefähr drei Monaten frei. Ja, seit drei Monaten. Ich will gar nicht rumheulen, ich wusste mich immer zu beschäftigen. Da ich jedoch am Freitag eine ziemlich entscheidende Klausur schreibe, gewöhne mich gerade wieder daran, früh aufzustehen. Es ist die Hölle. Wie macht Ihr das bloß Tag für Tag, Ihr emsigen Bienchen?

Um 7:00 Uhr beginnt mein Handy, zu vibrieren. Drei Sekunden später setzen die Faded Paper Figures mit "B Film" ein. Jeden verfluchten Morgen ärgere ich mich und nehme mir vor, ein anderes Lied als Weckton auszuwählen. Machen tue ich es jedoch nie. Der Song ist viel zu ruhig, viel zu tragend, um mich ernsthaft zu wecken. Zwar wache ich auf, doch bleibe ich irgendwie zwischen den Welten. Als würde mich das Lied verwunden, jedoch nicht töten können. Ihr wisst, was ich meine! Während meine Augen sich öffnen, und meine Glieder sich recken, dämmert mein Hirn noch immer in abstrusen Traumwelten; falschen Erinnerungen, Abenteuern, Kriegen und Verfolgungsjagden.

Als ich heute zu mir komme, bekomme ich keine Luft. Meine Augen sind geschwollen, meine Nase rot und ringsum mein Bett liegen Kadaver von Taschentüchern. Ich bin krank. Zum Kotzen, doch: Show must go on! Ich könnte die Klausur erst Ende des nächsten Semesters nachschreiben. Das geht nicht, und deswegen tue ich einfach so, als wäre ich gesund. Ich lerne ein wenig, schlendere in die Bibliothek und treff mich morgen mit meinen Freunden in unserer Lieblingsbar. Das ist der Plan.

Montag, 15. Oktober 2012

Roter Bulle und der Himmelssturz

PhotobucketSo, nun ist also die letzte Hürde niedergerungen: Ein Mensch ist aus 39km Höhe vom Himmel gesprungen. Ein wenig Mondlandungsfeeling, zwei Generationen später, was? Beeindruckend, was ein Mensch sich zumutet. Zugegeben, ich habe den Live-Stream laufen lassen, während ich mein Abendbrot gegessen habe. Ich war wirklich unterhalten und habe mitgefiebert. Na gut, "gefiebert" ist vielleicht zu viel des Guten. Kurz bevor Baumgartner jedoch sprang, wurde mir eines bittere Gewissheit: Wenn das Sachbuch auf der Bestsellerliste steht, die N24-Dokumentation läuft und Baumgartner in jedem verschissenen Jahresrückblick auftaucht, werden wir merken, dass man Geld nicht essen kann oder so. Hölle, der ganze Scheiß hat rund 50 Millionen gekostet. 50 Millionen! Und wofür? Promo für Red Bull? Grenzerfahrung für einen Extremsportler? Ein paar Weltrekorde? Natürlich, es war mit Sicherheit beeindruckend. Ich finde jedoch auch viele Dinge beeindruckend, die keine 50 Millionen gekostet haben.

Ich stelle mir die ganze Zeit vor, was eine Familie irgendwo in einem armen Scheißland gedacht haben muss, als sie die Bilder auf dem flimmernden Dorffernseher gesehen haben. Alle 6 Minuten verhungert ein Kind. 50 Millionen für einen Fallschirmsprung. Aber diese Überlegungen führen ins Bodenlose. Ich wette jedoch, Red Bull hätte auch Promo bekommen, hätten sie etwas Anderes, etwas Besseres mit der Kohle angefangen. Außerdem blieben wir dann von diesem furchtbaren österreichischen Dialekt verschont.

A.   

Sonntag, 14. Oktober 2012

Wolf unter Nackten

Pfefferminztee von Eilles und "The '59 Sound" von The Gaslight Anthem. Das habe ich mir nun aber auch wirklich verdient. Dieser verfluchte Tee ist so sagenhaft gut - genau wie das Album. Ich komme mir zwar vor wie ein alter Mann, wenn ich mir eine Kanne Tee aufsetze, doch der Geschmack entschädigt. Früher hätte ich mir lieber meine verfickte Zunge abgebissen, als auch nur einen Schluck Kamillen- oder Pfefferminztee zu trinken. Meine Mutter zwang mich immer dazu, wenn ich kränkelte. Aber genug der herzerwärmenden Plauderei, meine Damen.

Ich weiß gar nicht, wie ich mich darauf einlassen konnte, denke ich, als ich den schlammigen, völlig überfüllten Parkplatz sehe. Ein Satz, vier "Ichs" - Egozentrik für Fortgeschrittene. Es ist Herbstmarkt. Irgendwo im Nichts zwischen Kiel und Dänemark. Zum Kotzen. Das Auto wendet und kommt erst im Nachbardorf zum Stehen. Egal, dann laufen wir eben. Ist ja nicht weit.

"Wollen wir umkehren und nach Hause fahren?"
"Nein, ich bin doch hier, oder nicht?"
"Aber du siehst wirklich nicht so aus, als würdest du wollen"
"Tue ich auch nicht, aber ich bin hier - darauf kommt es an"

Freitag, 12. Oktober 2012

Atomkraft? Na gut

Bilde ich mir das eigentlich ein, oder ist es tatsächlich irgendwie bescheuert, die erneuerbaren Energien zu drosseln, um Kosten für die Verwirklichung erneuerbarer Energien zu sparen? Energiewende? Gern, irgendwann. Ja, Fukushima ist wieder aus den Köpfen verschwunden. Genau wie Stuttgart 21. Ach, was haben sich doch alle echauffiert. Walter Sittler, der sich als Martin Luther King der Zuggäste und der Mittelklasse aufspielt. Heiner Geißler, der ein letztes Mal von den Toten erweckt wird, um zu schlichten. Die Grünen gewinnen Landtagswahlen. In Baden-Württemberg! Alles scheint möglich. Im Fernsehen laufen Bilder von traurigen, japanischen Frauen, die ja so tapfer seien, dass sie nicht einmal öffentlich weinen würden. Hach. Wir befürchten die Eskalation. Das Trinkwasser von Tokyo sei betroffen. Oh Gott, Sondernachrichtensendung. "Wutbürger" wird gar Wort des Jahres. Jedes Unternehmen möchte sich auf einmal mit Begrifflichkeiten wie "Nachhaltigkeit" schmücken. Bürgerbewegungen aus NRW schimpfen, spucken Galle und schreiben Briefe an Sarkozy. Wenn die Franzmänner schon Kernkraftwerke mit ihrem Gewissen vereinbaren können, bitteschön, aber 30km entfernt von der deutschen Grenze? Die sollten sich 'was schämen, dieses egozentrische Käsefresser-Pack. Böse Propheten sprechen von der wahrscheinlichen Rache der Energiekonzerne. 

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Das Ende aller Träume

Mein Kopf schmerzt, und ein wenig schwindelig ist mir auch. Es ist schrecklichen kalt in meinem Schlafzimmer. Verwirrende und manische Träume haben mich durch die Nacht gepeitscht, und ich fühle mich nicht unbedingt ausgeschlafener als gestern Abend, als ich mit einem stetigen Pfeifen in den Ohren und alten South-Park-Folgen auf den Schlaf gewartet habe. Grelle und verwaschene Trugbilder: Angesoffene Träume sind die schlimmsten; ich erinnere mich an nichts, und trotzdem haben sie mich geschafft. Pfefferminztee und Ibuprofen helfen mir auf die Beine.

Der Abend hatte schon ein paar Spuren hinterlassen, da marschierten zwei ältere Männer in die Bar. Dickliche, haarlose Normalos um die 60 mit rutschenden Hosen und wackligem Gang. Schwerfällig torkeln sie in Richtung Tresen. Von Zeit zu Zeit schleppt sich einer der beiden Typen zur Toilette. Seine Hose rutscht und lässt tiefe Blicke auf seinen wabernden, weißen Arsch zu. Angewidert wende ich meinen Blick ab. Er hatte, denke ich, schon genug, bevor er hergekommen ist. Das muss der Abgrund sein. Zeit vergeht, man lacht laut, Gläser stoßen aneinander. Während ich mich gerade mit meinen Freunden über die Kontaktanzeigen-Spalten irgendeines bescheuerten Gratis-Regional-Blattes lustig mache, wird es lauter am Tresen. Konspirative Blicke werden ausgetauscht. Die Wirtin ist allein im Laden. "Nein, ihr geht jetzt. Hausverbot!" Die beiden Fettsäcke gackern und stellen fest, dass sie ihr Bier nicht einmal bezahlen können. Wir stehen, da wir sowieso gerade eine rauchen gehen wollen. In den Blicken meiner Freunde sehe ich, was gleich passiert. Einer geht Richtung Tresen. Ein Zweiter geht hinterher. Ich gehe hinterher. Es ist eng, und ich bin nicht einmal in der Nähe des Epizentrums. Meine Hände zittern unter dem Gewicht des Ungewissen. Was passiert als Nächstes? Ich schätze alle Möglichkeiten in meinem Kopf ab. Der Besoffenere der Beiden hat Mühe aufzustehen, ohne dabei die völlige Kontrolle über seinen Körper zu verlieren. "Ich werd ja hier gerade rausgeflogen", brüllt er und fuchtelt mit den speckigen Armen. Sein Pullover ist hochgerutscht und offenbart seine Wampe. Und das übliche Spiel, der übliche, immer wiederkehrende Dialog beginnt: "Fass mich nicht an! Nimm deine Hände weg!" "Nee, fass Du mich nicht an. Fass mich nicht an!"

Mittwoch, 10. Oktober 2012

September

Ich tue mit Euch jetzt, was ich schon mit Millionen von Menschen, mit Freunden, Freundinnen, Ex-Freundinnen und Fremden getan habe; ich erzähle Euch von Ryan Adams und mir. Wer gerade an "Summer of '69" denkt, ohrfeige sich bitte selbst!

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich zum ersten Mal einen Song von Ryan Adams hörte. Ich hatte einen Rolling-Stone-Artikel über ihn gelesen und fand es ziemlich dämlich, dass er als "Country-Rebell" betitelt wurde. "Country-Rebell" klang für mich nach einem ziemlichen Cash-Abklatsch - und selbst der Man in black war ja nun bei Weitem nicht immer, während seiner fünfzigjährigen Karriere, ein Outlaw, rough as hell. Internet war noch ein bisschen anders, und als treuer Kunde von American Online kam ich damals noch in den Genuss eines Provider-Programms, mit dem man seine E-Mails und Geschäfte, Bla, Bla regeln konnte. Teil des AOL-Network war jedoch auch die großartige Serie "Sessions@aol". Youtube war damals noch ein Fliegenschiss in den Gedanken irgendeines Freaks, und unsere Suchmaschine Nummer 1 hieß "Lycos". Die Zeit ist ein Gauner. "Sessions@aol" gab Künstlern die Möglichkeit, zwei-drei Songs im kleineren Rahmen vorzustellen und ihre neuen Platten oder so zu promoten. Wollte man damals also neue Musik kennenlernen oder sich einfach einen buchstäblichen Überblick verschaffen, war es eine tolle Möglichkeit. In den Analen Youtubes habe ich gerade den Clip ausgegraben, den ich damals sah.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Meine Hoden, mein Vaterland

Ich hasse diese Stadt. Warum werde ich hier nicht heimisch? Mein Herz ist doch hier, oder? Ich habe mich im verschissenen Krankenhaus heimischer gefühlt - und da war ich bloß neun Monate. Nicht, weil ich krank gewesen wäre, ich habe der Fahne gedient! Indem ich Rollstühle schob. Das ist Vaterlandsliebe. Ich konnte die Bundeswehr nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Ging nicht. Das lag nicht etwa daran, dass ich einfach nicht gerne Befehle bekommen würde, ungern mit anderen Männern dusche, keinen Bock auf Hauptschüler hätte, kein gesteigertes Interesse daran gehabt hätte in irgendeiner beschissenen Kaserne, irgendwo im Nichts, zu schlafen oder diesen ganzen Schwachsinn generell lächerlich finden würde, nein: Ich muss immer weinen, wenn jemand ein Gewehr in die Hand nimmt, und bei dem Wort "Krieg" bekomme ich eine Gänsehaut und fühle die Last der Geschichte auf meinen schmalen Schultern. So etwas stand zumindest in meiner Kriegsdienstverweigerungserklärung, glaube ich. Leider hatte ich keine Zeit, sie ganz zu lesen. Und ich hätte zur Army gekonnt. Und wie ich gekonnt hätte! Tauglichkeitsgrad? T2, Biatch! Ich bin eine gottverdammte Kampfmaschine mit leichten Seh- und Hörschwächen. Aber die sind die Gefährlichsten!

Außerdem bin ich bis zum heutigen Tage davon überzeugt, dass die Musterungsärztin heiß auf den Lexman war. Und ich konnte nicht einmal meine ganze Pracht entfalten; es war wirklich kalt im Raum - und ungeil irgendwie auch. So zärtlich der Moment, in dem sie mich bat, den Versuch zu unternehmen, meine Zehen anzufassen, während ich mit dem Rücken zu ihr stand. Da tun sich Abgründe auf. Und als sie meine Eier betastete, sah ich in ihren Augen, dass die Beiden etwas Besonderes für sie waren. Und Frau Doktor hatte wahrscheinlich schon Millionen von Teenager-Klöten zwischen ihren zarten, aber bestimmten, Fingerchen.

Freitag, 5. Oktober 2012

Halt! Im Namen der Liebe

Ich war gestern in einem meiner Lieblingsrestaurants/Bars hier. Ich finde es immer schwer, einen Laden zu finden, der gutes, abwechslungsreiches und billiges Essen aufbietet, ohne dabei so szenig und affektiert zu sein, dass ich brechen muss. Ich kann z.b. leider nicht von eckigen Tellern essen - weil ich das dämlich finde. Nennt mich konservativ, aber ein Gericht wird nicht besser, nur weil das Geschirr von irgend 'nem schwulen Designer-Arschloch ist.

Das Oblomow tanzt auf der Grenze. Das Essen ist fantastisch und trotzdem erschwinglich. Die Karte ist komplex, jedoch nicht unrealistisch breit gefächert. Kleine Karte = gutes Essen. Eiserne Regel. Ich hege außerdem eine grundsolide Nostalgie für den Laden, da ich an meinem ersten Uni-Tag dort mit ein paar Fremden, die später zu Freunden wurden, versackt bin, während die Happy-Hour-Sirene sanft dazu leuchtete.

Die Kellnerinnen duzen einen und reden ein wenig wie Radiomoderatorinnen, womit ich jedoch einigermaßen leben kann, selbst wenn es befremdlich war, als eine Bedienung, die vermutlich so alt wie ich war, an den Tisch schritt und meinen siebzigjährigen Großvater mit einem "Möchtest du noch 'was trinken?" bedachte. Meine Großeltern besuchten mich damals in Kiel und ich zeigte ihnen die Hood. Nennt mich versnobt, aber da, wo ich herkomme, macht man so etwas nicht. Kieler Schnauze? When keep it kumpelhaft goes wrong. Ja ja, das ist kess, frech und gewitzt, aber doch auch irgendwie dämlich.

Der eigentliche Haken am Oblomow ist jedoch: Man sitzt einfach verflucht nah an allen anderen Gästen. Das birgt erfahrungsgemäß immense Risiken. Dass das Essen sehr gut ist, hat sich bereits rumgesprochen, bevor ich hierher gezogen bin. Nächste eiserne Regel: volles Restaurant = hohe Arschlochquote. Jede Seite hat zwei Medaillen oder so. Ich kann mich einfach nicht entspannen, wenn ich beim Essen das behinderte Gelaber irgendwelcher Anzugwichser, Sportstudenten oder Ökoschlampen ertragen muss. Alle sind so laut und sprechen, als redeten sie vor Publikum. Und dieses ganze beschissene Gefasel über ihre scheiß Freunde und geilen Partys! Es ist immer diesselbe verdammte Scheiße. Wichser.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Lexman Returns

Der September ist tot,  lang lebe der Oktober. "Alle Kinder werden erwachsen - außer einem." Die geschüttelten Hände, die Umarmungen, die Geschenke; all das ist wieder verschwunden und im Begriff, zu verblassen. Ja ja, jetzt bin ich allein mit meinem neuen Lebensjahr. Und so sehr ich mich auch immer als kritischer Miesepeter aufspiele, irgendwie war es ganz angenehm, im Mittelpunkt zu stehen, gutes Essen zu bekommen und mit aufmerksamen Geschenken bedacht zu werden. Das ist wie Weihnachten; ich kann schimpfen so viel ich auch will, am Ende gefällt es mir. Ist ja auch bald wieder so weit: Die Lebkuchen und Zimtsterne haben bereits ihren Weg zurück in die Supermarkt-Regale gefunden, und meine Mutter hat mir gestanden, dass sie in der letzten Woche, heimlich beim Frühstück, damit begonnen hat, den X-Mas-Channel in ihrem Internet-Radio einzuschalten - schließlich war es draußen ja bereits kalt und grau. Wenn es danach ginge, müsste ich, hier in Kiel, jeden verfluchten Tag "God rest ye' merry, gentlemen" summen.

Mittwoch, 26. September 2012

Blätterrauschen

Kurz bevor sich die Tür des Fahrstuhls schließt, sehe ich einen Typen mit Brille und zerzausten Haaren in meine Richtung eilen. Zu spät, Arschloch, musst du wohl die Treppe nehmen. Nach zwei Etagen steige ich wieder aus. Die Flure sind leer; kein geschäftiges Treiben, kein Kaffeegeruch, keine wartenden Studenten. Ich krame in meiner Tasche nach dem Zettel, auf dem ich die Nummer des Büros vermerkt habe. Treffer, ich stehe bereits davor. Ich habe jetzt, während ich diese Zeilen tippe, schon das Gesicht der Sekretärin vergessen, so unscheinbar war sie.

Zu meinem wunderbaren Studiengang gehört es, mindestens drei Tage lang an irgendwelchen historisch-orientierten Exkursionen teilzunehmen. Nachdem ich einen ganzen wunderschönen Tag im Landesarchiv und der fantastischen Übermetropole Schleswig verbringen durfte, meldete ich mich im Januar für einen Bildungstrip nach Berlin (unter schulpädagogischen Gesichtspunkten) an, um die dämlichen Exkursionstage endlich auf meinem Haben-Konto sehen zu können. Ich hasse Berlin, aber wenigstens konnte ich bei 'nem Freund pennen - so blieben mir vorerst diese ekelhaften Hostels erspart.

Montag, 24. September 2012

Der Boxer

Wie oft habe ich Euch schon davon erzählt, dass bestimmte Songs wie Fotos sind? Du hörst sie und siehst dich selbst vor Jahren. Das Gefühl der Zeit erwacht in dir, quält oder kitzelt dich. Für die Länge eines Liedes bist du wieder der, der du einst warst, siehst die Menschen, mit denen du damals dein Leben teiltest, bewegst dich an den Orten aus verschütteten Tagen, siehst dich tanzen, ficken und heulen.

Das Foto ist von gestern Abend. Der Ton des Fernsehers ist aus, und ich habe Kopfhörer in den Ohren (wen kümmern Stromrechnungen?). Seit Stunden höre ich das neue Album von Mumford & Sons. Es scheint großartig zu sein, so vom ersten Hören her. Dass es keine Selbstverständlichkeit ist, das gute Bands auch gute Alben machen, hat man vor Kurzem gerade mal wieder bei den Killers erlebt. Was waren die ersten beiden Alben doch toll. Und jetzt? Es gehört scheinbar dazu, dass Bands immer mal wieder ihr Potenzial in den Wind schießen und belanglos und mies werden. Davon können sogar die Kaiser Chiefs oder die Arctic Monkeys (oder, oder, oder) ein Liedchen singen. Das steht jedoch auf einem anderen Blatt. Worauf ich eigentlich hinauswollte, ist, dass sich auf dem neuen Mumford-Album eine Coverversion des Simon & Garfunkel Gassenhauers "The Boxer" befindet. Ich komm' aus der Wortspielnummer heute nicht mehr raus, ich merk' das schon.

Während ich heute durch den Park spaziert bin, ging es weiter: Immer wieder fing ich an, die entscheidenen Zeilen zu summen: "In the clearing stands a boxer and a fighter by his trade and he carries the reminders of every glove that layed him down or cut him till he cried out in his anger and his shame: I am leaving, I am leaving. But the fighter still remains".

Samstag, 22. September 2012

Musiktipp: Great Lake Swimmers

Liebe Freunde, ich bin's, Euer musikalisches Gewissen.

Hiermit empfehle ich Euch feierlich eine neue Band. Die kanadische Folk-Rock-Super-Sensation Great Lake Swimmers brachten dieses Jahr ihr fünftes Album "New Wild Everywhere" heraus. Gebt ihnen eine angemessen Chance!


Donnerstag, 20. September 2012

Das Herz des Piraten

Der Regen wird vom Wind getragen. Mein Gesicht ist nass trotz Kapuze. Warum ist das Wetter hier nur immer so verflucht beschissen? Drecksstadt. Es regnet hier doch seit vier Jahren. Ich habe seit vierzehn Stunden keine Zigarette geraucht und werde langsam zu einem Risiko für mich selbst und die Welt. Es gibt Menschen, die können problemlos ihren ganzen Arbeitstag auf Zigaretten verzichten. Es gibt auch Menschen, die rauchen nur auf Partys oder in Momenten größter Not. Ich gehöre nicht dazu, nein.

Ich musste die Wohnung verlassen und frische Luft schnappen. Ja, ich finde mich selbst unerträglich. Es hat sich angefühlt, als würde irgendeine scheiß Energie aus mir raus wollen, als müsste ich mich häuten, weil es darunter brennt. Irgendwann habe ich aufgehört mich zu winden, während ich völlig unkonzentriert auf meinen langweiligen Übersetzungstext starre. Ich ging in die Küche und bepöbelte einen meiner Mitbewohner, weil der Griff einer unserer Bratpfannen lose ist. Das muss seine Schuld sein. Es muss. Die dämliche Pfanne war verfickt teuer. Eine viertel Stunde lang bewerfe ich ihn mit Vorwürfen. Er sieht mich verständnislos an und sagt, dass ich mich verpissen solle. Er hat recht. Fick dich, ich wollte sowieso gerade gehen, Wichser. High-Top-Sneaker, Regenjacke. Guten Morgen, du hässliche graue Straße. 

Ach übrigens


Montag, 17. September 2012

Das Blut der Ente


Okay, okay, ich war ein bisschen zu melodramatisch in letzter Zeit. Ich denke, ich habe mich wieder eingekriegt. Selbst der Sommer kam noch mal vorbei, um sich zu verabschieden. Familientreffen. Gott, ich hasse so etwas wie die Pest - vor allem, wenn es um irgendeinen fremden Seitenarm der Dynastie, aus Sachsen, geht. Ich kenne keinen Namen und kein Gesicht. Und sein wir ehrlich: In spätestens zehn Jahren ist es sicher, dass ich sie niemals in meinem Leben wiedersehen werde. Selbst die losesten Bande reißen irgendwann; die wenigen verknüpfenden Elemente sterben aus, und die Relikte des Nachkriegs-Nomadismus verwelken damit und verschwinden schlussendlich im Sand wie alles, das nicht für die Ewigkeit gemacht ist.

Ich habe nie verstanden, warum das Blut über der Nähe steht. Wenn ich jemanden nicht kenne, bedeutet es einen Scheiß, dass ich mit ihm verwandt bin. Das ist wie dieser Wiedersehensdreck im Fernsehen, bei der die Nachkommen eines unbedeutenden und kurzweiligen Urlaubsflirts ihre Väter in irgendeiner scheiß Wellblechhütte in den Vorhöllen-Slums der Touristen-Ressorts in der Dominkanischen Republik aufspüren, diesen Fremden dann überschwänglich und weinend zu Kelly Clarkson's "Because Of You" in die Arme fallen und anschließend voller Stolz verkünden, dass sie und ihr neu gewonnener Daddy ja nun wirklich aus einem Holz geschnitzt wären, schließlich möge er doch auch so gern Musik - während ihnen dabei der Rotz nur so aus dem Gesicht tropft. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Bla. Wir sind alle nur Enten und Wildgänse! Haarausfall und Fettleibigkeit stecken vielleicht in den Genen, aber Verhaltensweisen und Vorlieben sicher nicht. Wahre Verwandtschaft generiert sich aus Nähe und nicht aus der Abstammungsurkunde.

Samstag, 15. September 2012

Schwarze Augen

Geht mir Bettina Wulff auf den Sack? Ja! Es ist so unsagbar dämlich, alles. Dieselben Leute, die sich noch im Winter über die dicke Pension ihres Mannes und die allgemeinen Dreistigkeiten der Familie Wulff echauffiert haben, kaufen jetzt Betty's beschissene Lebensabschnitts-Memoiren, hieven sie auf die Bestsellerliste und schicken ihre eigenen, mühevoll erkämpften Maloche-Dollar direkt nach Großburgwedel. Aus Interesse, versteht sich. Aus Interesse woran eigentlich? An den Silberlöffelbekenntnissen von Bellevue? Hat Pretty Woman tatsächlich auch die Probleme von uns Sterblichen? Unglaublich. Und dass sie jetzt gegen die Nuttengerüchte angeht, nachdem sie schon 1 Jahr lang im Internet kursierten, hm. Ich glaube ja nicht, dass das irgendetwas mit dem Erscheinungstermin ihres Buches zu tun hätte. Sie hat das Geld doch gar nicht nötig. Aber die Aufmerksamkeit. Wenn es ihr tatsächliche um aktive Selbsthilfe ginge, könnte sie auch einfach anonym bloggen: Im Angesicht der sicheren Kohle

Freunde, ich hab' den Blues. Heute in zwei Wochen werde ich 26. Naja, eher: Gestern in zwei Wochen. Ich habe eigentlich schon geschlafen, dann klingelte das Handy, jetzt liege ich wach und habe beschlossen, mich zu melden.

Ich höre Musik - im Fernsehen läuft nur Scheiße, immer. "I'm the darkness but I wanna be the light" - was für eine schöne Zeile. Simpel und schön. Angus & Julia Stone, falls Ihr Euch fragt. Sie schlägt in die diesselbe Kerbe wie "Don't shoot me down. All I want is to see my black eyes turn back to brown", eines meiner Lieblings-Song-Zitate. Eigentlich der einzige Jamiroquai-Song, den ich mag: "Hot Tequila Brown". Eine fantastische Zeile. Ich erinnere mich noch genau, wie ein Freund mir den Song vorspielte. Ich fand von Jamiroquai alles scheiße, schon aus Prinzip, wegen dem ganzen Funkmist und so. Doch die Zeile war göttlich - und sie saß.

Ich habe nichts Kluges zu vermelden, deswegen singe ich ein Lied. Ist nicht von mir. "The Weary Kind", Ryan Bingham, der Soundtrack-Titelsong zu "Crazy Heart": mittelmäßiger Film, großartiger Soundtrack. Es kommt einem eher vor, als hätten sie den Film für den Song geschrieben.

Ich will zurück in die Matrix,
A. 


video




  

Dienstag, 11. September 2012

Musiktipp: The Lumineers

Ihr habt gerade nichts zu tun? Die Musik im Radio ekelt Euch an? Ihr wollt euch in eine Platte verlieben, die noch nicht mit sechshundertsechsundsechzig Erinnerungen verknüpft ist? Ihr habt Lust mal wieder eine neue Band kennenzulernen, die Euer Leben nun wirklich bereichern wird? Als Euer Freund kann ich Euch da behilflich sein. Nehmt Euch die Zeit - es lohnt sich.

IADST präsentiert: The Lumineers. Dieses Jahr ist ihr selbstbetiteltes Debüt erschienen, welches sofort zu einem meiner Lieblingsalben schlechthin gereift ist. Hört es, kauft es, liebt es! Vertraut mir.


10.000

Verehrte Lex-Army,

wie ich meinen Statistiken entnehmen kann, verirrte sich gestern der 10.000'ste Besucher auf IADST. Habt vielen Dank dafür! Das Interesse motiviert mich nicht nur, hiermit weiterzumachen, sondern zeigt mir auch, dass ich mit dem, was ich denke und sehe, nicht allein bin. Überall ist Dreck und wir alle sind im Angesicht des sicheren Todes. Danke für Eure Aufmerksamkeit.

A.

Montag, 10. September 2012

Im Reich der Tiere


Samstag. Es ist noch nicht einmal 07:00 Uhr. Ein Mädchen starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. "Steh' auf, ich kann nicht mehr schlafen. Die Anderen kommen doch nachher auch schon bald", sagt sie. Ich weiß noch nicht einmal genau, wovon sie redet, aber ich drücke mich langsam hoch und blicke durch die offenen Balkontüren in den Morgenhimmel. Er ist grau. Darum ist es auch also so verfickt kalt hier. Halbherzig esse ich ein halbes Brötchen mit Marmelade und starre Facebook an, während South dazu "Paint The Silence" singen. Schöner Song. Ich vermisse O.C. California. Oder zumindest vermisse ich mich in den Zeiten von O.C. California. Fickt Euch, das ist keine Mädchenserie.

Mit leichter Verspätung steige ich in das Auto meiner Freunde ein. Auf nach Hodenhagen. Wie kann man einen Ort nur so nennen? Die Straßen sind nicht so voll wie erwartet, und nach zwei "Äh, wir müssen noch mal zur Bank", jeder Menge Hip-Hop und 2 1/2 Stunden Autobahn erreichen wir Hodenhagen, ein Kaff inmitten niedersächsischer Maisfelder.

Freitag, 7. September 2012

Man ist nur so kalt, wie man sich fühlt


Eine Freundin zieht nach Berlin. Dieser versiffte Magnet zieht immer wieder Freunde aus meinem Leben. Ich habe ihr "Der Schatten des Windes" besorgt, zum Abschied. Ich weiß nicht, wie vielen Leuten ich dieses Buch schon aufgedrängt habe - aber es ist einfach verfickt großartig. Der Penner vor der Sparkasse ist scheinbar von der Flöte zur Mundharmonika gewechselt. Das wirkt romantisch, so im Dämmerlicht. Ich geb ihm 'nen Euro, ohne ihm in die Augen zusehen. Ich schäme mich, wenn ich ihnen in die Augen sehe. Die Frau im Blumenladen bekommt 10 Cent Trinkgeld. Artig bedankt sie sich für diesen prächtigen Obolus. Ich war einfach zu faul, mein Portemonnaie erneut zu zücken und noch dazu im Zeitdruck. Trotzdem komme ich mir gönnerhaft vor.

Donnerstag. Ich träume irgendeine Scheiße. Sex auf 'ner Toilette. Na gut, es gibt Schlimmeres, denke ich. Als ich wach werde, scheint das ganze verdammte Haus zu vibrieren. Die kleine Baustelle vor der Haustür wurde scheinbar durch einen Presslufthammer oder so ein Rüttelding bereichert. Ein Gewinn auf ganzer Linie. Selbst die Balkonbrüstung zittert, als ich meine Hände auf sie lege und in die Sonne starre, um wirklich aufzuwachen. Es ist nirgends so schön wie daheim, nirgends so schön wie daheim. Als ich meinen Blick vom grellen Licht abwende, bemerke ich eine Libelle, die an der Mauer meines Balkons klebt. Ich schätze, ich habe seit Jahren keine mehr gesehen, so von Angesicht zu Angesicht. Obwohl meine Hände eigentlich zu zitterig sind, gelingt es mir, dieses bahnbrechende Foto zu machen. Vielleicht bin ich doch eine Nikon. Oder zumindest 'ne Casio. Das stetige Staccato des Presslufthammers wird immer wieder durch dröhnende, dumpfe Schläge unterbrochen, die klingen, als schlage irgendeine beschissene Filmarmee auf ihre Kriegstrommeln, so kurz vor der Schlacht, um dem schwächeren Heer zusätzlich Angst zu machen.

Mittwoch, 5. September 2012

Montag, 3. September 2012

Nach Norden



Da bin ich, genesen und gestärkt. Langsam fühlt es sich tatsächlich so an, als hätten meine Knochen wieder zueinandergefunden. Und mein Kopf ist auch endlich wieder dort, wo er hingehört: über den Wolken, statt unter der Erde. Der Bademantel ist abgestreift und ich trage eine Hose. Scheiße, ich sah so beschissen aus letzte Woche, dass ich beim Arzt, trotz vollem Wartezimmer, als Erstes aufgerufen wurde - und das, ohne der Sprechstundenhilfe zu sagen, was mir überhaupt fehlt. So schlecht fühlte ich mich wirklich lang nicht mehr.

Nachdem ich wieder einigermaßen stehen konnte, bin ich über's Wochenende in die Heimat gefahren. Ich wusste, wenn mein Magen das übersteht, bin ich über'n Berg. Hähnchen, Lachs, Burger. Ich war wieder im Spiel. Gefühlt habe ich den ganzen Samstag im IKEA in Rostock verbracht. Ich weiß, es ist eigentlich bescheuert, zu erwähnen, in welcher Stadt man im IKEA. Kaum hast du den Eingangsbereich hinter dich gebracht, um dicht gedrängt die Tour durch Musterräumlichkeiten zu beginnen, spielt es keine Rolle mehr, in welcher scheiß Stadt du bist. Die verfluchten Dinger sind überall gleich. Das ist ja auch ihr Rezept. Wie bei McDonald's. Bereits auf dem Parkplatz sah es aus, als würde man zum beschissenen Casting für's Supertalent gehen; Jungfamilien, braun gebrannte Typen mit Gürteltaschen und Wadentattoos, aufgehübschte Discoschlampen in engen Lederhosen. Ach Mecklenburg, meine unsterbliche Geliebte. Natürlich, der Laden war voll. Natürlich, ich musste ich zertretenen Röstzwiebeln stehen, während ich meinen Hotdog aß, umgeben von Volltrotteln, die über ihren Urlaub reden.

Doch nicht einmal all das konnte meine Laune trüben. Ich bin gefüttert mit guten Nachrichten. Kann ich mir eine weitere Gitarre leisten? Nein. Habe ich mir eine bestellt? Ja. Ich bin Daddy's kleine Prinzessin und habe ein Darlehen bekommen. Nachdem ich eigentlich dachte, die Leuchtturmtour wäre mein Jahresurlaub gewesen, werde ich in ein paar Wochen tatsächlich nach Norwegen zurückkehren. Der Wind hat sich gedreht. Sieben Tage wundervolle Einöde. Das wird Balsam für meine geschundene Seele. Seitdem das gebucht ist, haben sich alle Wogen erst einmal geglättet. Und wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Bilder der vorherigen Aufenthalte vor mir:

Donnerstag, 30. August 2012

Wasserstand

Guten Abend,

ich fühle mich furchtbar. So furchtbar, dass meine Augen denken, da steht "fruchtbar" statt "furchtbar". Furchtbar. Alles verschwimmt. Fruchtbar fühle ich mich natürlich auch. Lexman, Baby. Ich habe mir irgendwo einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Es wäre wahrscheinlichn jedoch höflicher, zu sagen, ich sei unpässlich, oder? Wie auch immer: Da die Zeitabstände zwischen Schwindel und Badezimmer erquickend kurz sind, richte ich heute nur kurz ein Paar meiner heiligen Worte an Euch, verehrte Lex-Army.

Die gute Nachricht ist, dass es mir und meinem Körper heute gelungen ist, Nahrung für uns zu behalten. Die schlechte Nachricht ist jedoch, dass meine Nahrung nur aus leicht verdaulichem Blödsinn besteht: trockenes Toastbrot, salzige Brühen, Bananen, Salzstangen und Tee. Uncool. Ich will endlich wieder Dinge essen, die für mich gestorben sind - buchstäblich. Wenn ich nicht im Badezimmer oder im Bett bin, schlurfe ich wie ein 90-Jähriger durch die Wohnung, die Hände in den Taschen des Bademantels vergraben. Ich bin bald zurück. Macht Euch bereit für meine Rückkehr.

A.