Sonntag, 29. April 2012

Wo die grünen Wiesen leuchten

Sonntag. Durch die Krankheit bin ich immer noch lediglich ein Schatten meiner selbst. Ich habe mir Vorgestern Abend den Deutschen Filmpreis größtenteils verkniffen, obwohl ich eigentlich ein passionierter Zuschauer solcherlei Schauerveranstaltungen bin. Es ist einfach nicht mehr erträglich. Kurz reingezappt und schon hab ich gesehen, wie Hannelore Elsner für ihre Rolle als Iris Berben ausgezeichnet wurde - zum 200. Mal. Wobei für die beiden noch spricht, dass man sie wenigstens kennt - das unterscheidet sie von den meisten Affen im Publikum und auf dem Podium, wobei die beiden natürlich auch Affen sind, so ist das ja nicht.

Im Augenblick bin ich nahe der Heimat. Über den unsterblichen Feldern Mecklenburgs scheint die Sonne. Es ist angenehm draußen, selbst wenn ein kühler Wind von der See her weht. Die Sonne lässt mich die Augen zusammenkneifen und ich habe ein leichtes Stechen in den Schläfen. Fünf Bier haben sich gestern in meinem Körper wie zehn angefühlt. Auf dem Weg durch die Stadt kann man sehen, dass die Fenster des Dönerladens mit Brettern vernagelt sind. Geschlossen hat er jedoch nicht. Zum wiederholten Male wurden die Scheiben eingeschlagen, als es Nacht war. Wer ist da bloß für verantwortlich? In einem kleinen Gewerbegebiet am Rande der Zehntausend-Einwohner-Gemeinde weht, hinter einem mit Stacheldraht gekröntem Zaun, die schwarz-weiß-rote Flagge des des Deutschen Reichs'. Da es hier keinen McDonalds oder vergleichbares Zeug gibt, möchte ich wetten, dass die Nazis selbst schon mal ihren Dönerteller dort geholt haben. Eine ältere Frau, deren Frisur so mies ist, dass ihre Kopfhaut an vielen Stellen die Sonne reflektiert und so selbige in einem helleren Ton von Lila erstrahlen lässt als den Rest, schiebt, wie in Zeitlupe, ihr Fahrrad durch eine kleine Nebenstraße, begleitet von ihrem eigenen, verschwommenen Spiegelbild in den staubigen und verlassen-anmutenden Fenstern zu ihrer Rechten. Ein kleiner Frühjahrs-Rummel hat eine, von Bäumen gesäumte Wiese bezogen. Die wenigen Menschen, die man auf dem Gelände sehen kann, bauen langsam und schwerfällig die wenigen Attraktionen auf, deren größte wahrscheinlich der Bierwagen ist. Neben den wenigen Halbstarken, die sich mit ihren aufgetunten, alten, dunkelblauen und roten Autos auf dem Parkplatz der Tankstelle eingefunden haben, sieht man kaum Männer. Wahrscheinlich sitzen diese gerade in ihren Wohnzimmern oder in den grauen DDR-Garagen und mussten mitanhören, wie der FC Hansa Rostock in diesem Augenblick, nach einem harten Kampf und einer spektakulären 4:5 Niederlage, den eigenen Abstieg in die 3. Liga formvollendet hat. Als ich ein Kind war, und ich und alle meine Freunde aufrechte Hansafans waren, spielten wir noch in der ersten Fußball-Bundesliga, erreichten einstellige Tabellenplätze und konnten am Abend im Fernsehen bewundern, dass wir selbst den FC Bayern auswärts schlagen konnten. Ich habe mal bittere Tränen vergossen, als Hansa ganz knapp an einer UEFA-Cup-Platzierung vorbeigeschrabt ist. Was waren das für Zeiten? Wenige Jahre später klinge ich wie mein eigener Großvater. Nun droht die Insolvenz und der Zwangsabstieg in die 5. Liga. Damit geht der einzige Fussballclub aus Mecklenburg-Vorpommern, der tatsächlichen Erfolg hatte, nach der Wende, das Flagschiff des Sports aus dieser Region für immer unter.  

Das Gelände in der Umgebung des Bahnhofs ist, wie man es als Mecklenburger kennt: gealtert, verwahrlost und kaputt. Jetzt, in der Sonne, sieht es sogar ein bisschen verdorrt aus, als sei dieses Bundesland von hartnäckiger und erstickender Dürre überzogen - wie 'ne Aufnahme aus "Zukunft ohne Menschen". Aber wer braucht noch Bahnhöfe hier? Die DB hat doch überall an den Strecken diese freundlichen Glashaltestellen mit den hilfsbereiten Automaten. Während man auf einen Zug wartet, sitzt man nun wie in einem scheiß Raumschiff und starrt das verfallende Bahnhofsgebäude an, als wäre es ein ruinöses Zeugnis aus vergangener Zeit und man selbst befände sich in einem bekackten Museum. Und wahrscheinlich trifft das auch zu: dieses ganze Bundesland ist eine verschissene Ruine, die langsam auf ihren endgültigen Untergang wartet, während sie immer wieder in Sekundenschlaf fällt. Und trotzdem ist es meine Heimat. Wo die grünen Wiesen leuchten, und so. Schleswig-Holstein, wo ich nun lebe und gemeldet bin, ist mehr ein Exil, die reichere und hübschere Tante Mecklenburgs', aber trotzdem nicht mein Zuhause. Vielleicht geht es vielen so, und trotzdem gehen sie weg, verlassen die alternde Hafenstädte und die ewigen Dörfer. Die, die bleiben und sich nicht zum Studium in die wenigen Universitätsstädte geflüchtet haben, tun dies nicht ohne Grund. In meiner Heimatstadt schafft jeder vierte Jugendliche überhaupt keinen der gängigen Schulabschlüsse - und das sieht man vielen von denen sogar im Gesicht an, um es mal durch die Blume zu sagen. Von den wenigen Mitschülern, die hier geblieben sind, haben die meisten Kinder, während ich mich auf das neue Panini-Album freue und Sticker sammle. Und, auch wenn es in der Natur des Menschen liegen mag, zu sagen, dass alles immer schlimmer wird, nimmt man es den Menschen hier sogar ab. Die Rechten rücken in die Bürgerschaften und arbeiten sich langsam nach Westen vor. Den Wahlplakaten kann man entnehmen, dass es offensichtlich schon reicht, bessere Busanbindungen zu versprechen, um die Leute die Schrecken der Vegangenheit vergessen zu machen. Die Zahl der Kirchgänger steigt auch an - man bewerte es, wie man will. Die Jungen fliehen und überlassen alles hier den Alten und den Idioten. Die Ordnung wurde durcheinander gebracht, und wenn das passiert, wird aus "Streben" ganz schnell "Sterben", aus "Fruchtbar" ganz schnell "Furchtbar".

Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben und die Gegenwart nicht beweinen. Vielleicht macht die Globale Erwärmung MV irgendwann zu dem Boom-Tourismusgebiet und alles erstrahlt in altem Glanz - nur mit Palmen.

A.

Freitag, 27. April 2012

Kompass - Neues aus der Unterwelt

Kleiner Musiktipp am Rande: Edward Sharpe & The Magnetic Zeros - "Home"

Video und Song passen so schön zusammen, dass ich fast Lust auf Sommer und verrückte imaginäre Road-Trips bekomme.









Entschuldigt, dass ich mich erst jetzt zurückmelde, aber ich wurde in den vergangenen Tagen kräftig von irgendeinem viralen Infekt heimgesucht. Am Ende eines Tage bin ich auch nur wie jeder andere Mann: ich leide bitterlich. Um noch einmal kurz das Thema des letzten Posts aufzugreifen, ich hab' in den letzten Tagen, nachdem ich durchgeschwitzt und mit tauben Stellen im Mund (von den ganzen ekligen Lutschpastillen) aufgewacht bin, immer mal wieder bei Bibel TV reingeschaut morgens. Meine Fresse, das sind vielleicht Vollidioten. Heute morgen hat irgendein Geistlicher eine ICE-Fahrt geschildert, auf der er mit einem jungen Mann zusammen im Abteil saß. Die Großeltern seien noch bei den Nazis gewesen, während die Eltern ihr Dasein im gelebten Sozialismus gefristet hätten. Der junge Mann sei "frei" und "offen" gewesen, aber er hätte partout keine Ahnung gehabt, dass Jesus unser aller Erlöser sei. Augen schließen. Süffisant lächeln. Boom. Und das sagt er mit einer Arroganz und Selbstsicherheit, dass man kotzen möchte. Deswegen gehe ich nicht einmal Weihnachten in die Kirche.

Ich hab auch ganz merkwürdig geschlafen. Im Traum haben mich Leute aus meinem Haus voll gelabert und wollten mich zum Kaffee einladen, weil ich ein Protestbuch mit dem Namen "Kompass" veröffentlicht hatte, was ihnen in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet hat (Wortlaut)?! Als ich dann gegen 04:00 Uhr aufgewacht bin, hätte ich schwören können, dass das alles wirklich passiert ist. Gegen 07:00 Uhr habe ich eingesehen, dass das alles nur ein Traum war. Gegen 08:00 Uhr habe ich tatsächlich in Erwägung gezogen, ein Protestbuch mit dem Titel "Kompass" zu schreiben. Nach dem Frühstück habe ich die Idee wieder verworfen. Was meine Gedanken jedoch in diese Richtung gelenkt haben muss, ist eine tatsächlich ganz gute Idee für einen Roman oder ein Drehbuch, wie ich finde. Ein entfernter Verwandter ist ziemlich krank. Er hat eine Entzündung an der Herzklappe, die so starkes Fieber hervorruft, dass die Ärzte keine andere Möglichkeit gesehen haben, als ihn freiwillig, der besseren Behandelbarkeit halber, in ein künstlichen Koma zu versetzten. Was muss das für ein ekelhaftes Gefühl sein, wenn einem gesagt wird, dass man vielleicht nicht mehr aufwacht? Ich meine, der hat Frau und Kinder, wie man so schön sagt. Er konnte sich also in seinem fiebrigen, halb-klaren Bewusstsein von seiner Frau und seiner Tochte so für den Fall der Fälle (in dieser Hinsicht mehr als wörtlich) verabschieden. Ich wüsste nicht, was ich sagen würde - alles wäre irgendwie scheiße. Meine Idee ist nun folgende: man könnte die Gedanken seiner Tochter beschreiben, also eine Art Versinnbildlichung der Krankheit. Vielleicht sogar eine metaphorische Abenteuerreise à la OZ, in welcher der Vater verschiedene, der Krankheit entlehnte, Prüfungen bestehen muss, bevor alles unwiederruflich ins '50's-Happy-End mündet. Das ist jetzt nicht super neu, aber ich glaube, da wär ordentlich was zu machen, oder was meint ihr? Ein bisschen Tiefe wuchtet man da natürlich auch noch rein. Wenn jemand von euch vorhaben sollte, daraus ein Drehbuch zu machen - meine Mailadresse steht im Profil. Wahrscheinlich hätte ich das Ganze aber wohl eher für mich behalten sollen, wa? Sonst gehe ich nächstes Jahr ins Kino und sehe, während ich auf mein Popcorn warte, ein Plakat von "Kompass - Das Abenteuer im Schlaf" oder so ähnlich.

So, mehr Gehaltvolles sprudelt noch nicht aus meinem geschundenen Körper heute.
Ich melde mich,

A.  





Montag, 23. April 2012

Von Göttinnen und Göttern

Montag. Ich habe gerade die üblichen zwei Löffel Zucker und ein Schlückchen Milch in meinen Kaffee gleiten lassen. Meine Hände zittern, obwohl ich noch gar nicht aufgehört habe zu rauchen. Ich quäle mich gerade durch eine unnötige Masse an "großen" Unterrichtsentwürfen, damit mein Praktikum in Mecklenburg nachträglich anerkannt wird. "Es muss ja auch verglichen werden können, ob Sie auch ein Praktikum absolviert haben, dass im Sinne einer Universität Schleswig-Holsteins' ist". Ihr kennt das, in Mecklenburg lernen die Schülerinnen und Schüler eigentlich nur, wie und warum man Ausländer hasst. Sowas behindertes. Warum zum Teufel sollte ich da irgendetwas Minderwärtiges an der Schule gemacht haben? Soviel zur wunderbaren Vergleichbarkeit durch das Bachelor-System - das klappt nicht mal mit dem Nachbarbundesland. Aber ich halte es da ganz mit dem weisen italienischen Denker Carlo Pedersoli, dessen Denken und Handeln meine ganze Jugend geprägt haben und dessen Credo: "Scheiß drauf!" immer ein treuer Leitfaden durch mein Leben war. Aber "Schülerinnen und Schüler, SuS" - warum haben bloß alle so einen Stock im Arsch? Letzte Woche hab ich aufgeschnappt, dass es in Dänemark als sexistisch gilt, explizite Berufsbezeichnungen für Frauen zu erwähnen; eine "Lehrerin" wäre so ganz schnell so etwas wie eine Gouvernante. Die gute Frau ist einfach Lehrer von Beruf. Ist das so schlimm? Ist es tatsächlich chauvinistisch "Schüler" zu sagen statt "Schülerinnen und Schüler"? Ich find' die dänische Logik dahinter nachvollziehbarer und erheblich gleichstellender, als das dumpfe und zwanghafte Erfinden und Aufrufen weiblicher Berufsbezeichnungen. Das ist doch keine Gleichberechtigung. Das ist ein albernes und herablassendes Zugeständnis, dessen sich die Frauen eher erwehren sollten. Damit werden doch nur mehr Unterteilungen vorgenommen. Aber: Scheiß drauf.

Wie mir ein amerikanischer Pfarrer gestern bei Spiegel TV erklärt hat, wird Rauchen, Drogenkonsum und bösartige Unbeständigkeit durch vorehelichen Sex hervorgerufen. Und ich habe geglaubt, es läge an meiner Nervosität und Suchtempfänglichkeit. Oh Gott im Himmel, bin ich froh, dass wir in so ungläubigen Breitengraden leben. Dass ein Buch voller Fiktion sehr alt ist, macht es nicht wahrhaftiger. Die Zugehörigkeit zu einer Religion - egal welcher, birgt immer den Keim der Ausgrenzung und die Gefahr von Hardlinern, die sich der Tatsache verschließen, das alter Käse eben nicht immer essbar ist. Sicher, die Menschen wären auch ohne Religionen irgendwie bescheuert, und klar, die Meinungen von irgendwelchen keuschen Mexikaner-Jägern aus dem Bibelgürtel der USA sind ebenso wenig repräsentativ, wie es das dröselige Geschwätz einiger Scharia-Fans aus dem Nahen Osten ist, aber trotzdem, Teufelnocheins, das stößt mir alles säuerlich auf. Jeder kann in seinem Leben irgendwann den Frieden mit seiner Existenz machen, auf welche Weise auch immer. Na klar, Sterben ist scheiße, versteh ich alles. Und wenn man sich dabei Inspiration aus alten Büchern voller Geschichten holt, und einem das irgendwie hilft, ist das doch auch legitim, aber wenn dann damit begonnen wird, zu vergessen, dass es sich nur um Geschichten, nur um Metaphern, nur um sehr alte Wertvorstellungen und Leitsätze handelt, und die individuelle Bewältigung des eigenen Sterbens und der eigenen Sinn-Gebung, einem Gruppen-, einem Wir-Gefühl weicht, aus dem ein Bewusstsein entsteht, anderen und deren Überzeugungen überlegen zu sein (bei einer so wabberigen Thematik), sollte man doch Vernunft walten lassen und sich verficktnochmal zusammenreißen. Religionen sind fehlerhaft, eben wie die Menschen, die sich die Religionen ausgedacht haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Himmel und Hölle gibt, ist eben so hoch wie die, dass es Mittelerde und Narnia gibt - nur dass die Geschichten dazu noch nicht so alt sind. Ich will ja auch nicht alles schlecht machen, einige Gebote und Werte sind mitunter zeitlos, aber: Du sollst nicht hassen! Auch keine Homosexuellen, keine Frauen und keine Menschen, die an andere Scheiße glauben. Du hast nicht die verfluchte Weisheit mit Löffeln gefressen, denn das hat in dieser Hinsicht niemand. Du sollst damit leben! Außerdem solltest du dich wundern, wenn du Geld für deinen Glauben bezahlen musst!

So, jetzt wisst ihr's!       

Freitag, 20. April 2012

Live Forever

Gestern im Bett habe ich ein paar Seiten in Mukherjee's König aller Krankheiten gelesen. Krebs ist so einschüchternd gruselig. Wie unglaublich ohnmächtig wir dieser vielschichtigen Krankheit gegenüberstehen, ist schlicht und ergreifend beängstigend. Nochdazu lief vorgestern die Anti-Nichtraucherfolge von South Park. Selbst wenn diese nur Ausdruck einer liberalen Einstellung zum Rauchen ist, gibt es eine Szene, in welcher ein Raucher sagt, dass er sich einfach nur entspannen und gar nicht neunzig werden will. Ich will neunzig werden, verdammte Scheiße. Ich will so alt werden, wie nur möglich. Ihr wisst worauf das hinaus läuft. Zwanzig Zigaretten sind noch übrig in meiner Schachtel Gauloises. Und dann, dann startet der Countdown neu. Diesmal ins Unendliche. Wenn ich ewig leben möchte, muss ich einfach irgendwo anfangen - das versteht Ihr sicher.

Draußen bricht gerade die Götterdämmerung über Kiel herein. Ragnarök, Baby! Was übrigens, wie ich meinem Homeboy Wikipedia gerade entnommen habe, eine Fehlübersetzung sein soll. Ja, ich hab die Schreibweise überprüft. Drauf geschissen, es ist das einzige altnordische Wort, das ich kenne, und es sagt sich schön. Probiert es mal aus: Raaagnaarök, Raaaaagnarök, Ragnarök. Schön, oder? Habt ihr mitgemacht?

Sonst war mein Tag eigentlich scheiße. Ich hätte Lust nach Norwegen zu fahren. In den letzten 17 Jahren war das immer ein schöner Ausgleich. Als ich 8 war, sind meine Eltern zum ersten Mal mit mir nach Stave in Südnorwegen gefahren. Ich weiß noch, wie beunruhigt ich war, als sie mir sagten, dass es in Norwegen noch Wölfe und Bären in freier Wildbahn gibt. Und dann war alles so schön. Endlos schöne Kulissen, Einfachheit und das Meer. Meine Erinnerung schimmern nur durch einen Sepiafilter. Selbst im Regen und Sturm war Stave schön. Ich war fast jedes Jahr dort - manchmal sogar mehrmals im Jahr. Ich war dort mit Freunden, mit Freundinnen, mit meiner ganzen Familie, ich bin dort gealtert. Die Aufenthalte dort waren wie kleine Ausschnitte, die aus meinem Lebenslauf gerissen wurden, um so, in dieser traumhaften Szenerie und mit der jeweiligen Musik, die ich in den Urlauben auf meinem Walkman, meinem Discman und meinem MP3-Player bei mir trug, für immer in meiner Erinnerung gespeichert zu sein. Bei manchen Songs, hab ich die knorrigen Wälder, die Berge und die Sonne am felsigen Strand buchstäblich vor meinen Augen, und fühle mich dann so, wie ich mich damals fühlte. Das ist der perfekte Platz, mein Utopia - nur dass ich schon mal da war. Sicher, es mag 'was anderes sein, in den Urlaub dorthin zu fahren, als tatsächlich da zu leben, vielleicht will ich auch gar nicht da leben - aber mir fehlt meine Dosis Stave; Wind, salzige Luft, Felder, die nur durch zusammengewürfelte Steinmauern getrennt sind, Wälder, die schroffe Bergkulisse, Ruhe und ländliche Einsamkeits-Idylle. Es fehlt mir. Gerade in dieser hässlichen Stadt wird man ständig daran erinnert, dass es schönere Plätze auf der Welt gibt. Aber es ist teuer. Und Geld ist bei mir so rar, wie die W-Lan-Hotspots in Stave und Umgebung. Irgendwann. Irgendwann. Jetzt, wo ich ewig lebe, da ich ja bald nicht mehr rauche, wird sich sicherlich irgendwann eine Möglichkeit finden lassen. Ich hab meine durch Musiker- oder Schriftstellermillionen finanzierte Berghütte an 'nem kleinen See oder gleich am Meer noch nicht abgeschrieben.

Mehr hab' ich heute nicht zu sagen. Macht euch ein schönes Wochenende.
Bis Sonntag,
A.
Stave

Mittwoch, 18. April 2012

Immer ist Nebel

Woah, heute ist studentische Vollversammlung, was bedeutet, dass wir die Chance haben, uns in einem riesigen Hörsaal zusammenzufinden, um über die anstehenden Landtagswahlen und deren Folgen für die hiesige Universität zu diskutieren. Leider kann ich da nicht hingehen, weil ich nicht will.

Vor ein paar Jahren war ich mal auf irgendeiner Demo gegen irgendwas. Gegen Studiengebühren und 'ne Schulreform oder so. Ich stand da voll hinter. Im Regen, vier Stunden. Danach wurde dann ein Hörsaal hier an der Uni besetzt. Ich habe wirklich überlegt, auch mitzumachen. Da köchelte tatsächlich ein bisschen Revolte bei mir hoch. Doch dann las ich, dass sich die Besetzer hauptsächlich mit schleimigen Diskussionsrunden, Hekelworkshops und vegetarischem Kochen beschäftigten. Da wusste ich, das ist nicht meine Welt. Nach zwei Wochen einigte man sich dann friedlich mit der Universitätsführung und alles war wie vorher. Das war es wert. Ja ja, wer nicht kämpft, hat schon verloren, ne? Aber das sind doch alles nur Selbstdarsteller und Gutmenschen; Wichtigtuer, die sich aufspielen, um ihr kitschiges Film-Gewissen zu besänftigen und jedem erdenklichen Klischee zu entsprechen. Da ist keine Wahrheit. Da ist keine Revolution. Das ist ein verfickter Witz. Das sind nur eingebildete Flachwichser. Sowohl bei den Jugendgruppensitzpissern der gängigen Parteien als auch beim zotteligen Tarantinofan-Vegetarier-Antikapitalismus-Rest. Jedenfalls geh' ich da nicht hin. Da ärgere ich mich nur darüber, dass eine eigentlich gute Sache pervertiert und angewichst wird.

Und das Scheißwetter hier geht mir auch auf den Sack. Immer ist Nebel. Immer. Das wär ein schöner Buchtitel. Selbst wenn die Wolken weg sind, wirkt es, als würde die Sonne durch irgendeinen Filter scheinen, der ihr die eigentliche Intensität nimmt und alles kühler wirken lässt. In der Mikrowelle wärmt sich gerade meine Linsensuppe auf und We Are Augustines singen dazu. Zur Feier des Tages habe ich mir sogar noch ein Schlückchen Jameson in die Cola gekippt, huhu.

Was gesagt werden muss:

Nachrichten und Zeitungen kann man die letzten Tage auch nur ignorieren. Dass den Salafisten und Anders Breivik eine Lobby in den Medien gegeben wird, ist doch auch nur beschämend und noch dazu in deren Interesse. Man sollte einfach den nötigen journalistischen Anstand haben, nicht über solch offensichtliche PR-Angelegenheiten zu berichten - auch nicht aus Gruppenzwang der Absatzzahlen halber! Die Salafisten haben so letztendlich ihren Bekanntheitsgrad entschieden gesteigert und waren dazu wahrscheinlich selbst verwundert, wieviel Promo der ganze Käse gebracht hat. Und Breivik reckt mit starrem Blick seine rechte Faust in die Luft - auf der Titelseite der Bild-Zeitung. Ich hab mich richtig erschrocken, als ich gestern an der Tankstelle war. Man kann dann so negativ berichten, wie man nur will, letztendlich verbreitet man diesen Unsinn und schafft so eine Lobby. Selbst die härteste Dämonisierung hat in so einem Zusammenhang das Potential einer Mystifizierung. In dem also ein Feindbild so offensichtlich und ausführlich umrissen wird, rekrutiert man neue Anhänger, die sich in den Dienst der Sache stellen, die man eigentlich bekämpfen wollte. Sprich: durch das besorgte Zeigefingergewedel bei der Salafistengeschichte, wurden mit Sicherheit mehr neue Mitglieder geworben, als bei der Gratis-Koran-Verteilung in den Fußgängerzonen. Und ein so umfassender Einblick in die Motive Breiviks' schafft auch Sympathisanten, die wahrscheinlich fast so etwas wie Mitleid im Zuge seiner Verdammung empfinden. Irgendwo habe ich gerade erst gelesen, dass sich jetzt schon Hohlköpfe outen, die seine Ideen teilen, sich vom Islam bedroht fühlen, mit ihm in heiterer Korrespondenz stehen und sich regem Zuwachs erfreuen. Warum konnte man nicht einfach erst zur Urteilsverkündung mit der Berichterstattung einsteigen? Ich bin keineswegs ein Feind der freien Berichterstattungen, aber mich stört dieser unglaubliche, mediale Overkill bei solchen Themen. Und wie gesagt; die Gefahr einen Mythos in den leeren Köpfen zu erschaffen, ist nie ganz von der Hand zu weisen. Dessen sollten sich die Medien stets bewusst sein und manchmal eben auch ihrer Verantwortung entsprechend handeln.

In Liebe,
A.         

Montag, 16. April 2012

Jeder Schritt ein Schlag der Bassdrum

Der Rythmus ist der Feind. Ich konnte bis ca. 3:30 Uhr nicht schlafen und bin kurz nach 7:00 Uhr wieder aufgewacht. Mit das Erste, was ich sehe, ist die bescheuerte Thomalla, die mir im Frühstücksfernsehen entgegen grient. Aber dafür hab' ich jetzt Paul Austers "Unsichtbar" ausgelesen. Ein unbequemes Buch. Interessant, wie es mit dem Leser spielt, aber mehr auch nicht. Inzest, Gutmenschlichkeit und Rache sind nicht so meine Themen. Und wir alle brauchen Themen - wie wir durch die Possen um Bellevue gelernt haben. Die Possen um Bellevue würde übrigens auch mein neues Sachbuch heißen. Ich wende mich doch noch einmal einem Roman von Kracht zu. Irgendwie mag ich seine Bücher, glaube ich. Faserland wirkt in meinem Kopf immer noch nach und 1979 scheint in eine ähnliche Kerbe zu schlagen. Es wäre löblich, das Geld, was ich bei den Zigaretten einspare, in Bücher zu investieren, nur leider spar' ich NOCH gar kein Geld bei Zigaretten ein und gebe trotzdem zu viel für Bücher aus. Das einzig Gute daran ist, dass ich bei Büchern irgendwie kein schlechtes Gewissen bekomme, schließlich sind das ja irgendwie so etwas wie Bildungsartikel - das kann doch gar nicht falsch sein. Falsch hingegen könnte es sein, eine große Begeisterung für Panini zu empfinden. Ich bin so geil auf diese dämlichen Sticker, dass ich gestern über eine Stunde lang von Tankstelle zu Tankstelle gelaufen bin, um welche zu kaufen. Ja, es gab noch keine.


Mittag für starke Männer


Diese Titanic-Jubiläumsscheiße ist so unfassbar nervig. Als wenn die dreihundert Dokus auf n-tv und N24 noch nicht genug wären, muss dieser Idiot von James Cameron auch noch immer dazwischen funken. Ich hab' ihm noch nicht mal richtig Avatar verziehen, da kommt er schon wieder hervorgekrochen. Irgendwo ist das doch auch unfair DiCaprio gegenüber. Er hat sich nun all die Jahre rehabilitiert, ein paar wirklich gute Filme gedreht und schwups, schon ist er wieder Jack Dawson - nur weil's Cameron in der Tasche juckt. Aber der Leo hat ihm ja auch so viel zu verdanken. Was soll er da sagen, ne? Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich als elfjähriger Junge neben meinen Eltern im Kino gesessen habe und alles um mich herum geweint hat. "Jack, das Boot!". Das war befremdlich. Vielleicht nehme ich deswegen auch nie an Beerdigungen oder Kreuzfahrten teil. An den Cameron-Filmen konnte ich immer gut ablesen, warum ich nicht gerne zu Blockbustern in große Kinos gehe. Groß ist sicherlich relativ, aber als ich Avatar im Cinestar in meiner Heimatstadt gesehen habe, bereute ich das ganze schon in dem Moment, in welchem ich mich auf meinen Platz setzte. Die ganze verfickte Stadt war anwesend; die Familien mit ihren nervenden Kindern, die zu lange an den falschen Stellen lachen, die Alten mit ihren Kaffeetassen (lol, im Kino WTF?), die Wochenend-Motorradfahrer, die mit ihren Kumpels ihr Bier diesmal im Kino trinken, weil das auch hart männlich ist und ein Arbeitskollege gesagt hat, dass der Film richtig schockt, und auch die ganzen restlichen Idioten, die die Temperatur im Raum hoch treiben und die Luft weg atmen. Avatar war der letzte Film, den ich in einem großen Kino gesehen habe. Immerhin ist der Scheiß inzwischen auch ziemlich teuer, also will ich mir das Ganze nicht versauen lassen. Gut, Avatar war nun wirklich auch scheiße, so als Film, mein ich, aber es geht ja auch anders. So wie damals Episode II. Immer, wenn ich jetzt den Film sehe, muss ich zwingend daran denken, wie ich ihn in irgendeinem Scheißnest im Spreewald geguckt habe und mich saumäßig über einen Pansen geärgert hab', der hinter mir beim Lachen gegrunzt hat und vor Freude gegen meinen Sitz rempelte. Es war Star Wars verdammt, was ist daran so scheiß-witzig? Sicher, sowas kann auch in kleinen Kinos passieren, aber die Chance ist einfach geringer! Hier in Kiel, in meiner Straße, gibt es so ein kleines, alt-ehrwürdiges Kino. Kein Kunstfilm-Indie-Scheiß, aber eben ein kleines altes Kino, was nicht zu stark besucht ist. Ich kann ohne weiteres auf 3D verzichten und sehe einfach nur noch die Filme, die dort laufen. So bin ich ein zufriedener Mensch geworden - was Kinos betrifft.         

Ich habe übrigens Leben erschaffen!
Schnittlauch und Petersilie - wild wuchernd















Samstag, 14. April 2012

Alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht

Liebe Welt,

und wieder ist eine Woche in unserer aller Leben verstrichen. Gestern Abend stand plötzlich ein Leichenwagen vor der Tür und die Wohnung unserer Nachbarn schien merkwürdig stark frequentiert. Man kann nicht sagen, dass unser Nachbar mitten aus dem Leben gerissen wurde, er war über neunzig. Ein ehemaliger Marine-Irgend'was, ein Ehemann, ein Vater, vielleicht ein Großvater, ein Zeitzeuge des vergifteten 20. Jahrhunderts, ein Pflegefall. Und so endet es. Ich schätze, er hat den Rest nicht einmal richtig mitbekommen. Am Montag kam er erst aus dem Krankenhaus (versehen mit der höchsten Pflegestufe), fast, als würde er sich nur noch einmal verabschieden wollen. Er ist in dieser Straße aufgewachsen, wollte immer zur See, ein Kind aus pathetischen Zeiten. Als in den Fünfzigern dieses Haus für Marineangehörige errichtet wurde, zog er ein. Sechzig Jahre konnte er nun dabei zusehen, wie die Aussicht von seinem Balkon immer schlechter, die Lebenserhaltungskosten immer höher, der Zustand seiner Wohnung immer veralteter und er selbst immer hilfloser wurde. Nun ist es vorbei. Was bleibt, ist eine alte Frau in einer nicht billigen Drei-Zimmerwohnung, ein Haufen Asche in einem zeitlich-begrenzten, teurem Grab und welkende Erinnerungen an alte Zeiten. In weniger als zwei Generationen ist jegliche Erinnerungen eine seine Existenz ausgelöscht. Ich wusste nicht mal, dass man Geld in Beileidskarten steckt. Ich hab's aber gemacht. Irgendein weiser Mann hat einmal gesagt, dass ein Mensch erst dann stirbt, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Unsterbliche Erinnerungen bedeuten folglich also unendliches Leben. Also lasst uns unsterbliches tun! Erinnerungen schaffen, jetzt! Ich bin echt ein bisschen verkatert.

Bevor ihr geht, hört euch bitte We are Augustines an. Die haben Potential, DIE Band 2012 zu werden. Ihr solltet euch definitiv mal das aktuelle Album reinziehen.
Bleibt sauber,
A.

P.S. Um dem Grundtenor dieses Posts zu entsprechen und euch gleichzeitig in die Stimmung zu versetzen, die gerade in meinem schummrigen Zimmer vorherrscht, aber auch, um die musikalische Qualität We Are Augustines' hervorzuheben, hier ihre Version von Dylan's Klassiker Mama, You Been On My Mind:



 

Donnerstag, 12. April 2012

Ich habe in den Abgrund gesehen

So, das war also der erste Monat Bloggen. Ich find' es fast symbolträchtig, dass ich gestern - zum Jubiläum - den 1000. Klick ergattert habe.

Seit Tagen geistert nun Sophia Thomalla barbusig durch die Medien. Um ehrlich zu sein, habe ich vorher nie eine richtige Meinung von ihr gebildet. Zugegeben, ich dachte, sie sei schon irgendwie behindert - schließlich ist Simone Thomalla ihre Mutter. Ein Fünkchen Ehre hab ich ihr sogar zugestanden - schließlich ist sie mit Till Lindemann zusammen. Doch gestern änderte sich alles. Beim Zappen bin ich im Zuge irgendeiner kurzweiligen Geistesumnachtung bei Lanz hängen geblieben (hängen-geblieben sind übrigens die meisten bei Lanz) und da sah ich sie. Sicher, sie ist irgendwie scharf, auf so eine belanglose Art und Weise, aber in erster Linie ist die sau-bescheuert. Was hat die in der kurzen Zeit bitte für eine Scheiße von sich gegeben? Wenn sie sich in einer Beziehung langweilt, dann geht sie fremd? Das ist eben so ihre Art, hihi? Sie hat den alten Lindemann nur aus Respekt über ihre Playboy-Pläne unterrichtet - gemacht hätte sie's ja eh. Sie hat halt ihren eigenen Kopf. Mit welch' einer Selbstüberschätzung die über ihre Karriere gesprochen hat. Ich hab noch nicht einen scheiß Film mit ihr gesehen. Ihre Mutter ist ja wenigstens noch in der Veltinswerbung oder irgend'ner Tatort-Kacke zu sehen, aber sie? Ich wusste nicht mal, dass sie Schauspielerin ist. Ich dachte, die ist immer nur bei Exc/plosiv zu sehen und weiht irgend'nen Piss-Walz-Friseursalon ein, macht Charity-Schmuck-Design oder ist auf der Premiere von irgendeinem Bully-Film. Dieses ganze Scheißpack von deutschen Schauspielern. Die führen sich alle auf, als wären sie verdiente Mitglieder unserer wunderbaren Gesellschaft und als würde jeder Assi auf den Straßen des Ruhrgebiets sie kennen, als wär das hier scheiß Hollywood. Und das beginnt mit der Ochsenknecht-Brut und endet mit Schell, Adorf und Elsner. Sobald irgendein lustig-romantischer Drecksfilm 'nen Sepiafilter aufgelegt hat und Schweighöfer, Schweiger und die bekackte Tschirner mitspielen, wird es zwar ein 100%iger Erfolg und Kassenschlager, aber das macht nicht automatisch alle deutschen Schauspieler zu gottverdammten Künstlern. Wieviele "Stars" hier schon in ZDF-Vorabendfilmen, die nur meine Großmutter gesehen hat, geboren wurden, kann man schon gar nicht mehr zählen. Die Filmpreise hier sind doch auch kein Indikator. Das ist alles ein verfickter Witz! Ganz zu schweigen von der dämlichen Ferres, die in jedem Film ihre Mutterliebe zur Schau stellt - mit rußverschmiertem Geschicht. Und wenn ich Alexandra Neldel auf dem Bett Katjes fressen sehe, kommt mir fast der Kaninchenbraten von Ostern wieder hoch. Wanderhure! Kurzum: Sophia Thomalla, wenn du das hier liest (und ich weiß, das wirst du), dann fick dich bitte, du unsympathisches Miststück. 

     

Dienstag, 10. April 2012

Osterdienstag

Die Feiertage sind vorüber und ich sitze in einem Haufen von Schokoladenhasen und Kostbarkeiten aus Niederegger-Marzipan. Gott sei's gedankt, die Uni beginnt morgen wieder. Endlich nicht mehr bequem in den Tag hinein leben und das gute Essen genießen. Ich bin zurück im Exil und das Wetter umrahmt das Ganze dazu passend. Morgen dräng' ich mich dann wieder einmal mit über hundert Studenten in einen viel zu kleinen Hörsaal und geb mich ganz dem Nationalsozialismus hin. Das klang merkwürdig, nicht? Was werden da Eindrücke auf mich einprasseln. Nicht unbedingt von Seiten des Dozenten, der seinen Job bestimmt ganz toll machen wird, sondern eher von Seiten der Kommilitonen. Kommilitone (lat. commilito) kann u. A. übrigens Kriegsgefährte oder Waffenbruder heißen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir tatsächlich alle im selben Krieg kämpfen. Ich hasse es wie die Pest, in so überfüllten Menschenmengen zu sitzen, fremde Ellenbogen zu berühren, eineinhalb Stunden auf den Nacken von irgendwem zu starren und unzählige Gesprächsfetzen von affektierten Vollidioten aufzuschnappen. Aber das ist der Preis. Davor und danach werde ich mir einen langen Spaziergang gönnen - nicht etwa, weil ich ein strammer Naturbursche wäre, sondern, weil die Busse hoffnungslos überfüllt sind, sobald das Semester wieder begonnen hat. Lieber lauf' ich eine halbe Stunde, als das ich mir und meinem schwachen Gemüt fünf Minuten im Stadtbus zumute.

Ich hab 'ne schöne neue Band gefunden. Guckt mal:
Ihr müsst euch nur von Beginn an dazu zwingen, keine Gemeinsamkeiten zwischen der Sängerin und Lena Meyer-Landrut zu sehen - dann ist's cool. Obwohl es eigentlich schon absurd ist, dass beide, obwohl sie keine Muttersprachler sind, so tun, als hätten sie einen Cockney-Akzent. Das Lied lief heute sogar bei VIVA. Viva! Manchmal läuft da noch Musik. Da darf man gar nicht drüber nachdenken. Wenn ich überlege, welchen kulturellen Stellenwert Viva und MTV hatten, als ich ein Kind bzw. ein aufgeweckter Teenager war, kann man sich jetzt eigentlich nur noch darüber auskotzen, zu welcher Pervertierung ihres eigenen Ideals die Sender geworden sind. MTV ist Pay-TV. Von wegen frech und verrückt. Beschweren tut sich ja aber auch niemand. Musik oder eigen-produzierte Sendungen (also aus Deutschland für Deutschland) liefen da ja sowieso nicht mehr. No one wants his MTV anymore. Und Viva? Außer GameOne fällt mir nicht viel ein, was noch für einen Platz auf der üppigen Programmliste spricht. Ich weiß gar nicht, was mir im Speziellen an dem Song gefällt. Ich glaub', ich bin einfach empfänglich für Akkordeon-Begleitung. Nichts ist gemütlicher. Das liegt bestimmt an meiner maritimen Herkunft.

Bis morgen, liebes Tagebuch

Alix

  

 

Freitag, 6. April 2012

Am Strand

Im Gedenken an unseren Erlöser habe ich mich heute, mit einem alten Freund, zum Strand Boltenhagens aufgemacht, um eine Dosis Nostalgie und Heimat zu tanken. Vielleicht hatte man früher seine Augen noch auf andere Dinge des Lebens gerichtet, aber seit wann sind die Strände nur noch voll von Kindern und Kötern? Beide sind laut und unerzogen. Aber: alle Welt liebt ja Hunde. Man muss Hunde einfach lieben. Zumindest scheinen das Hundebesitzer zu glauben bzw. zu fordern. Man weiß nicht einmal mehr, welche Mode, die jeweils andere abgelöst hat. Sind Hunde die neuen Kinder? Hoffentlich setzt sich da nich auch bald sowas wie eine antiautoritäre Erziehungsweise durch. Leinen sind für Spießer und Nazis. Wohlmöglich kommt jemand noch auf die Idee, dass jegliche Domenstizierung irgendwo ja auch nicht richtig artgerecht und wider die Natur sein könnte, vestehste, Kumpel? So richtig korrekt ist das ja auch nicht. Vom Ansatz her, jetzt. Gott, da sollte ich ein Buch drüber schreiben. Jegliche Entwilderung von Tieren sei unwürdig. Ich nenne es "Artgerecht" - gedruckt auf faulendem, recyceltem Papier aus dem Thüringer Wald. Bestsellergarantie. Da fressen mir doch die ganzen Veganer, Vegetarierer und sonstigen Go-Veggy-Spasten in den zivilisierten, deutschen Großstädten aus der Hand. Und am Ende schleppt dann zumindest - von denen - keiner mehr seine Hunde mit an den, ohnehin schon hoffnungslos überfüllten, Strand zur Rush-Hour des Spazierens. Nachts ist mir das verfickt nochmal egal.

Ich hab' übrigens ebenso aufgehört mitzuzählen, wieviele gelbe Wolfsklauen mich von den dunklen Windbreakern unförmiger 40'er angrinen. Die, die nicht Wolfskin tragen, schleppen identische Klamotten von The North Face mit sich rum. Das ist alles so verfickt peinlich. Ein großer dämlicher Witz. Aber wer ist schon frei von Sünde? Ein Blick in meinen Kleiderschrank offenbart zwanzig H&M-Uniformen, die mich seit Jahren nicht mehr glauben machen, ich sei etwas besonderes, frech oder Rock'n'Roll.

Trotz allem Geschimpfe; zuhause ist's schön. Gott schütze unsere kirchlichen Feiertage. Der Strand ist immer noch schön. Ich möchte niemals entfernt vom Meer leben. Ich hab mir ein paar schöne Strandvillen ausgeguckt, in denen ich meinen dekadenten Lebensabend zubringen will. 

So, Mutti ruft. Teures Rindersteak und Vanilla Coke. Home is where the heart is.  

Mittwoch, 4. April 2012

On Autobahn

Manchmal glaube ich, dass sich das Wesen der Menschen nirgends so deutlich zeigt, wie auf der Straße. Das meine ich nicht gangstermäßig. 

Da ich keinen Füherschein besitze, hab ich immer die Perspektive des Beifahrers, und somit die Gelegenheit, die Menschen in den anderen Autos zu beobachten. In den meisten Fällen genügt doch ein Blick und du weißt, mit wem du es zu tun hast. Allein schon der Fahrstil, der bereits von weitem, zeigt, wie es um die Persönlichkeit des Fahrers bestellt ist; fährt er ruppig, macht er coole Rallye-Schlenker, sobald er eine Möglichkeit zum schneller fahren wittert, sind seine Nebelscheinwerfer immer an? Idiot. Ist sein Auto weiß? Niemand sollte weiße Autos fahren. Außerdem bin ich der Meinung, dass man Idioten schon daran erkennt, wie sie im Auto sitzen. Der ausgestreckte linke Arm ist immer verdächtig. Überhaupt lässt sich doch das ganze Leben am Straßenverkehr ableiten. Es gibt die Nervösen, die Zuvorkommenden, die Dreisten, die Ängstlichen. Wenn man dann an der Ampel steht, kann man in die ganzen blöden Gesichter sehen. Die offenen Münder der Dummheit, mit ihren Tribals, ihren Onkelz- und Frei.Wild-Schriftzügen an den Heckscheiben; die Eltern mit ihren Baby-Aufklebern garniert mit unsagbar blöden Vornamen; die Mid-40'er, die sich selbst Autos von Jack Wolfskin kaufen würden, würde es diese nur geben (Outdoor ist, wo dein Herz ist); die Polen, in ihren deutschen Kombis (mit den langen Walkie-Talkie-Antennen), die ihre grässliche Woche in diesem grauen Land verbracht haben, nur, um am Wochenende in ein noch graueres zurück zu gleiten; die vollbepackten roten Kleinwagen voller Studenten, die sich zu einer Mitfahrgelegenheit zusammengefunden haben, alle aussehen, als würden sie bei Mando Diao spielen und ihren pseudo-interessanten Blödsinnsunterhaltungen über traumhaft-unbekannte Filme, den gierigen Öl-Imperialismus, Rucksackreisen in superschöne Länder und das übliche Gefasel aus ihren beschissenen Filmleben abhalten; die Kleinbusse voller Tief-,Trocken- und Bla-Bauer, die auf dem Rückweg von den Monatgen, zurück zu Frau, Kind und Hund unterwegs sind, Scheiße im Radio hören, und mit ihren Ärschen, die Bild vom Morgen platt sitzen. Die Straße ist das Leben - oder umgedreht.  

Now Back From The Dead

Bettina Wulff schreibt ein Buch über ihre Jahre als First Lady der Buntenrepublik. Was heißt "sie", die feine Dame lässt schreiben. Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er mit Amtsantritt des Gatten, sofort beginnt Tagebuch zu schreiben und Notizen von "interessanten Gesprächen" festzuhalten, um im Anschluss sofort ein Buch veröffentlichen zu können? Nun ist man sicherlich leicht vorbelastet durch ihren Ehemann und dessen merkwürdiges Verständnis von moralischer Intigrität. Das Schlimme ist jedoch, dass die Menschen kaufen werden. Ich seh das schon genau vor mir. Erste Zeilen erscheinen vorab in der Bild (die Wogen haben sich geglättet, schließlich wurde der Rubikon wohl doch nicht überschritten) und Bettina stößt eine Diskussion darüber an, wie mit den Personen des öffentlichen Lebens in den Medien umgegangen wird - schließlich sind sie und ihr Mann, bei allem, ja immer nur einfache Menschen mit einfachen menschlichen Gefühlen gewesen. Und wie wird das Werk heißen? "Einmal Bellevue und zurück", "Erste Frau im Staat", "Palastgeflüster", "Am Pranger", "Betty - Schichsalstage einer Kaiserin" - Alles ist denkbar. Vielleicht werden die Boulevard-Journalien dann sogar ein wenig wehmütig, ob des Glamourfaktors, den die Wulffs ja irgendwie doch inne hatten, vergleicht man sie mit den Gaucks.

Ich hab' eben "Imperium" ausgelesen. Ich kann partout keine anti-demokratische Haltung Kracht's dabei erkennen. Vielleicht passt mir dieses Paar Schuhe intellektuell ja auch nicht besonders, aber ich habe wirklich keine Bestimmungspunkte festmachen können, die darauf schließen lassen, dass der Autor tatsächlich ein fieser Nazi ist. Der Plot war ordentlich abgefahren und bildet an einigen Stellen wohl, wie die Autor aber auch selbst erwähnt, eine Art Allegorie oder Parabel auf Adolf Hitler und den Wahn des Dritten Reichs, die jedoch keineswegs positiv zu verstehen sein muss/sollte. Ironie gibt es eben auch noch. Was mir nicht so 100%ig gefallen hat, war der snobistische Ton Krachts (oder viel mehr der, seines Erzählers), der aber unter Umständen auch der Authenzität-stiftenden Erzählweise geschuldet sein kann. Schwaches Manko, aber es war da. Alles in allem: ein wuschiges Buch, das in einem weiterarbeitet. Ähnlich wie bei Eco's "Der Friedhof in Prag", finde ich es verwunderlich, dass diese Bücher es so weit auf der Bestsellerlisten schaffen. Nicht, weil sie schlecht oder der Liste nicht angemessen wären, sondern, weil sie schon eine gewisse Schwere haben.

Ich werd' mich jetzt erstmal wieder dem alten Murakami zuwenden - vielleicht mit einer Prise Doyle's Sherlock Holmes zwischendurch. So, schluss mit dem Literaturgefasel.

Meine Finanzen werden mich in naher Zukunft tatsächlich dazu zwingen, das Rauchen komplett sein zu lassen - zum Monatsersten quasi. Wenn das nicht mal nicht das gute und alte Schicksal ist, was da an die Tür klopft. Da haben wir unseren Krieg, unseren kalten Entzug. Vielleicht sollte mich bis dahin schon ein wenig zurückhalten und den ganzen Spaß drosseln ODER ich koste es noch aus.

Ich melde mich.
In Liebe,
A.