Samstag, 14. April 2012

Alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht

Liebe Welt,

und wieder ist eine Woche in unserer aller Leben verstrichen. Gestern Abend stand plötzlich ein Leichenwagen vor der Tür und die Wohnung unserer Nachbarn schien merkwürdig stark frequentiert. Man kann nicht sagen, dass unser Nachbar mitten aus dem Leben gerissen wurde, er war über neunzig. Ein ehemaliger Marine-Irgend'was, ein Ehemann, ein Vater, vielleicht ein Großvater, ein Zeitzeuge des vergifteten 20. Jahrhunderts, ein Pflegefall. Und so endet es. Ich schätze, er hat den Rest nicht einmal richtig mitbekommen. Am Montag kam er erst aus dem Krankenhaus (versehen mit der höchsten Pflegestufe), fast, als würde er sich nur noch einmal verabschieden wollen. Er ist in dieser Straße aufgewachsen, wollte immer zur See, ein Kind aus pathetischen Zeiten. Als in den Fünfzigern dieses Haus für Marineangehörige errichtet wurde, zog er ein. Sechzig Jahre konnte er nun dabei zusehen, wie die Aussicht von seinem Balkon immer schlechter, die Lebenserhaltungskosten immer höher, der Zustand seiner Wohnung immer veralteter und er selbst immer hilfloser wurde. Nun ist es vorbei. Was bleibt, ist eine alte Frau in einer nicht billigen Drei-Zimmerwohnung, ein Haufen Asche in einem zeitlich-begrenzten, teurem Grab und welkende Erinnerungen an alte Zeiten. In weniger als zwei Generationen ist jegliche Erinnerungen eine seine Existenz ausgelöscht. Ich wusste nicht mal, dass man Geld in Beileidskarten steckt. Ich hab's aber gemacht. Irgendein weiser Mann hat einmal gesagt, dass ein Mensch erst dann stirbt, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Unsterbliche Erinnerungen bedeuten folglich also unendliches Leben. Also lasst uns unsterbliches tun! Erinnerungen schaffen, jetzt! Ich bin echt ein bisschen verkatert.

Bevor ihr geht, hört euch bitte We are Augustines an. Die haben Potential, DIE Band 2012 zu werden. Ihr solltet euch definitiv mal das aktuelle Album reinziehen.
Bleibt sauber,
A.

P.S. Um dem Grundtenor dieses Posts zu entsprechen und euch gleichzeitig in die Stimmung zu versetzen, die gerade in meinem schummrigen Zimmer vorherrscht, aber auch, um die musikalische Qualität We Are Augustines' hervorzuheben, hier ihre Version von Dylan's Klassiker Mama, You Been On My Mind:



 

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