Mittwoch, 18. April 2012

Immer ist Nebel

Woah, heute ist studentische Vollversammlung, was bedeutet, dass wir die Chance haben, uns in einem riesigen Hörsaal zusammenzufinden, um über die anstehenden Landtagswahlen und deren Folgen für die hiesige Universität zu diskutieren. Leider kann ich da nicht hingehen, weil ich nicht will.

Vor ein paar Jahren war ich mal auf irgendeiner Demo gegen irgendwas. Gegen Studiengebühren und 'ne Schulreform oder so. Ich stand da voll hinter. Im Regen, vier Stunden. Danach wurde dann ein Hörsaal hier an der Uni besetzt. Ich habe wirklich überlegt, auch mitzumachen. Da köchelte tatsächlich ein bisschen Revolte bei mir hoch. Doch dann las ich, dass sich die Besetzer hauptsächlich mit schleimigen Diskussionsrunden, Hekelworkshops und vegetarischem Kochen beschäftigten. Da wusste ich, das ist nicht meine Welt. Nach zwei Wochen einigte man sich dann friedlich mit der Universitätsführung und alles war wie vorher. Das war es wert. Ja ja, wer nicht kämpft, hat schon verloren, ne? Aber das sind doch alles nur Selbstdarsteller und Gutmenschen; Wichtigtuer, die sich aufspielen, um ihr kitschiges Film-Gewissen zu besänftigen und jedem erdenklichen Klischee zu entsprechen. Da ist keine Wahrheit. Da ist keine Revolution. Das ist ein verfickter Witz. Das sind nur eingebildete Flachwichser. Sowohl bei den Jugendgruppensitzpissern der gängigen Parteien als auch beim zotteligen Tarantinofan-Vegetarier-Antikapitalismus-Rest. Jedenfalls geh' ich da nicht hin. Da ärgere ich mich nur darüber, dass eine eigentlich gute Sache pervertiert und angewichst wird.

Und das Scheißwetter hier geht mir auch auf den Sack. Immer ist Nebel. Immer. Das wär ein schöner Buchtitel. Selbst wenn die Wolken weg sind, wirkt es, als würde die Sonne durch irgendeinen Filter scheinen, der ihr die eigentliche Intensität nimmt und alles kühler wirken lässt. In der Mikrowelle wärmt sich gerade meine Linsensuppe auf und We Are Augustines singen dazu. Zur Feier des Tages habe ich mir sogar noch ein Schlückchen Jameson in die Cola gekippt, huhu.

Was gesagt werden muss:

Nachrichten und Zeitungen kann man die letzten Tage auch nur ignorieren. Dass den Salafisten und Anders Breivik eine Lobby in den Medien gegeben wird, ist doch auch nur beschämend und noch dazu in deren Interesse. Man sollte einfach den nötigen journalistischen Anstand haben, nicht über solch offensichtliche PR-Angelegenheiten zu berichten - auch nicht aus Gruppenzwang der Absatzzahlen halber! Die Salafisten haben so letztendlich ihren Bekanntheitsgrad entschieden gesteigert und waren dazu wahrscheinlich selbst verwundert, wieviel Promo der ganze Käse gebracht hat. Und Breivik reckt mit starrem Blick seine rechte Faust in die Luft - auf der Titelseite der Bild-Zeitung. Ich hab mich richtig erschrocken, als ich gestern an der Tankstelle war. Man kann dann so negativ berichten, wie man nur will, letztendlich verbreitet man diesen Unsinn und schafft so eine Lobby. Selbst die härteste Dämonisierung hat in so einem Zusammenhang das Potential einer Mystifizierung. In dem also ein Feindbild so offensichtlich und ausführlich umrissen wird, rekrutiert man neue Anhänger, die sich in den Dienst der Sache stellen, die man eigentlich bekämpfen wollte. Sprich: durch das besorgte Zeigefingergewedel bei der Salafistengeschichte, wurden mit Sicherheit mehr neue Mitglieder geworben, als bei der Gratis-Koran-Verteilung in den Fußgängerzonen. Und ein so umfassender Einblick in die Motive Breiviks' schafft auch Sympathisanten, die wahrscheinlich fast so etwas wie Mitleid im Zuge seiner Verdammung empfinden. Irgendwo habe ich gerade erst gelesen, dass sich jetzt schon Hohlköpfe outen, die seine Ideen teilen, sich vom Islam bedroht fühlen, mit ihm in heiterer Korrespondenz stehen und sich regem Zuwachs erfreuen. Warum konnte man nicht einfach erst zur Urteilsverkündung mit der Berichterstattung einsteigen? Ich bin keineswegs ein Feind der freien Berichterstattungen, aber mich stört dieser unglaubliche, mediale Overkill bei solchen Themen. Und wie gesagt; die Gefahr einen Mythos in den leeren Köpfen zu erschaffen, ist nie ganz von der Hand zu weisen. Dessen sollten sich die Medien stets bewusst sein und manchmal eben auch ihrer Verantwortung entsprechend handeln.

In Liebe,
A.         

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