Freitag, 20. April 2012

Live Forever

Gestern im Bett habe ich ein paar Seiten in Mukherjee's König aller Krankheiten gelesen. Krebs ist so einschüchternd gruselig. Wie unglaublich ohnmächtig wir dieser vielschichtigen Krankheit gegenüberstehen, ist schlicht und ergreifend beängstigend. Nochdazu lief vorgestern die Anti-Nichtraucherfolge von South Park. Selbst wenn diese nur Ausdruck einer liberalen Einstellung zum Rauchen ist, gibt es eine Szene, in welcher ein Raucher sagt, dass er sich einfach nur entspannen und gar nicht neunzig werden will. Ich will neunzig werden, verdammte Scheiße. Ich will so alt werden, wie nur möglich. Ihr wisst worauf das hinaus läuft. Zwanzig Zigaretten sind noch übrig in meiner Schachtel Gauloises. Und dann, dann startet der Countdown neu. Diesmal ins Unendliche. Wenn ich ewig leben möchte, muss ich einfach irgendwo anfangen - das versteht Ihr sicher.

Draußen bricht gerade die Götterdämmerung über Kiel herein. Ragnarök, Baby! Was übrigens, wie ich meinem Homeboy Wikipedia gerade entnommen habe, eine Fehlübersetzung sein soll. Ja, ich hab die Schreibweise überprüft. Drauf geschissen, es ist das einzige altnordische Wort, das ich kenne, und es sagt sich schön. Probiert es mal aus: Raaagnaarök, Raaaaagnarök, Ragnarök. Schön, oder? Habt ihr mitgemacht?

Sonst war mein Tag eigentlich scheiße. Ich hätte Lust nach Norwegen zu fahren. In den letzten 17 Jahren war das immer ein schöner Ausgleich. Als ich 8 war, sind meine Eltern zum ersten Mal mit mir nach Stave in Südnorwegen gefahren. Ich weiß noch, wie beunruhigt ich war, als sie mir sagten, dass es in Norwegen noch Wölfe und Bären in freier Wildbahn gibt. Und dann war alles so schön. Endlos schöne Kulissen, Einfachheit und das Meer. Meine Erinnerung schimmern nur durch einen Sepiafilter. Selbst im Regen und Sturm war Stave schön. Ich war fast jedes Jahr dort - manchmal sogar mehrmals im Jahr. Ich war dort mit Freunden, mit Freundinnen, mit meiner ganzen Familie, ich bin dort gealtert. Die Aufenthalte dort waren wie kleine Ausschnitte, die aus meinem Lebenslauf gerissen wurden, um so, in dieser traumhaften Szenerie und mit der jeweiligen Musik, die ich in den Urlauben auf meinem Walkman, meinem Discman und meinem MP3-Player bei mir trug, für immer in meiner Erinnerung gespeichert zu sein. Bei manchen Songs, hab ich die knorrigen Wälder, die Berge und die Sonne am felsigen Strand buchstäblich vor meinen Augen, und fühle mich dann so, wie ich mich damals fühlte. Das ist der perfekte Platz, mein Utopia - nur dass ich schon mal da war. Sicher, es mag 'was anderes sein, in den Urlaub dorthin zu fahren, als tatsächlich da zu leben, vielleicht will ich auch gar nicht da leben - aber mir fehlt meine Dosis Stave; Wind, salzige Luft, Felder, die nur durch zusammengewürfelte Steinmauern getrennt sind, Wälder, die schroffe Bergkulisse, Ruhe und ländliche Einsamkeits-Idylle. Es fehlt mir. Gerade in dieser hässlichen Stadt wird man ständig daran erinnert, dass es schönere Plätze auf der Welt gibt. Aber es ist teuer. Und Geld ist bei mir so rar, wie die W-Lan-Hotspots in Stave und Umgebung. Irgendwann. Irgendwann. Jetzt, wo ich ewig lebe, da ich ja bald nicht mehr rauche, wird sich sicherlich irgendwann eine Möglichkeit finden lassen. Ich hab meine durch Musiker- oder Schriftstellermillionen finanzierte Berghütte an 'nem kleinen See oder gleich am Meer noch nicht abgeschrieben.

Mehr hab' ich heute nicht zu sagen. Macht euch ein schönes Wochenende.
Bis Sonntag,
A.
Stave

Kommentare:

  1. Ich mochte an Deinen bisherigen Post gerne Deine teilweise ziemlich drastische Ausdrucksweise, die Tatsache, dass Du meistens auf Krawall gebürstet zu sein scheinst. Vielleicht weil ich das von mir auch ein bisschen kenne. Und weil es so eine wohltuende Abwechslung ist zu all den rosaroten Blogs.

    Aber dieser Post hier - den finde ich wunderschön! Und weil man das nicht "ankreuzen" kann als Reaktion, schreibe ich es eben. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob Du es als Kompliment siehst. Ist aber eines. Ein großes...

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  2. ich weiß es so zu schätzen, wie du es gemeint hast. Danke

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