Sonntag, 29. April 2012

Wo die grünen Wiesen leuchten

Sonntag. Durch die Krankheit bin ich immer noch lediglich ein Schatten meiner selbst. Ich habe mir Vorgestern Abend den Deutschen Filmpreis größtenteils verkniffen, obwohl ich eigentlich ein passionierter Zuschauer solcherlei Schauerveranstaltungen bin. Es ist einfach nicht mehr erträglich. Kurz reingezappt und schon hab ich gesehen, wie Hannelore Elsner für ihre Rolle als Iris Berben ausgezeichnet wurde - zum 200. Mal. Wobei für die beiden noch spricht, dass man sie wenigstens kennt - das unterscheidet sie von den meisten Affen im Publikum und auf dem Podium, wobei die beiden natürlich auch Affen sind, so ist das ja nicht.

Im Augenblick bin ich nahe der Heimat. Über den unsterblichen Feldern Mecklenburgs scheint die Sonne. Es ist angenehm draußen, selbst wenn ein kühler Wind von der See her weht. Die Sonne lässt mich die Augen zusammenkneifen und ich habe ein leichtes Stechen in den Schläfen. Fünf Bier haben sich gestern in meinem Körper wie zehn angefühlt. Auf dem Weg durch die Stadt kann man sehen, dass die Fenster des Dönerladens mit Brettern vernagelt sind. Geschlossen hat er jedoch nicht. Zum wiederholten Male wurden die Scheiben eingeschlagen, als es Nacht war. Wer ist da bloß für verantwortlich? In einem kleinen Gewerbegebiet am Rande der Zehntausend-Einwohner-Gemeinde weht, hinter einem mit Stacheldraht gekröntem Zaun, die schwarz-weiß-rote Flagge des des Deutschen Reichs'. Da es hier keinen McDonalds oder vergleichbares Zeug gibt, möchte ich wetten, dass die Nazis selbst schon mal ihren Dönerteller dort geholt haben. Eine ältere Frau, deren Frisur so mies ist, dass ihre Kopfhaut an vielen Stellen die Sonne reflektiert und so selbige in einem helleren Ton von Lila erstrahlen lässt als den Rest, schiebt, wie in Zeitlupe, ihr Fahrrad durch eine kleine Nebenstraße, begleitet von ihrem eigenen, verschwommenen Spiegelbild in den staubigen und verlassen-anmutenden Fenstern zu ihrer Rechten. Ein kleiner Frühjahrs-Rummel hat eine, von Bäumen gesäumte Wiese bezogen. Die wenigen Menschen, die man auf dem Gelände sehen kann, bauen langsam und schwerfällig die wenigen Attraktionen auf, deren größte wahrscheinlich der Bierwagen ist. Neben den wenigen Halbstarken, die sich mit ihren aufgetunten, alten, dunkelblauen und roten Autos auf dem Parkplatz der Tankstelle eingefunden haben, sieht man kaum Männer. Wahrscheinlich sitzen diese gerade in ihren Wohnzimmern oder in den grauen DDR-Garagen und mussten mitanhören, wie der FC Hansa Rostock in diesem Augenblick, nach einem harten Kampf und einer spektakulären 4:5 Niederlage, den eigenen Abstieg in die 3. Liga formvollendet hat. Als ich ein Kind war, und ich und alle meine Freunde aufrechte Hansafans waren, spielten wir noch in der ersten Fußball-Bundesliga, erreichten einstellige Tabellenplätze und konnten am Abend im Fernsehen bewundern, dass wir selbst den FC Bayern auswärts schlagen konnten. Ich habe mal bittere Tränen vergossen, als Hansa ganz knapp an einer UEFA-Cup-Platzierung vorbeigeschrabt ist. Was waren das für Zeiten? Wenige Jahre später klinge ich wie mein eigener Großvater. Nun droht die Insolvenz und der Zwangsabstieg in die 5. Liga. Damit geht der einzige Fussballclub aus Mecklenburg-Vorpommern, der tatsächlichen Erfolg hatte, nach der Wende, das Flagschiff des Sports aus dieser Region für immer unter.  

Das Gelände in der Umgebung des Bahnhofs ist, wie man es als Mecklenburger kennt: gealtert, verwahrlost und kaputt. Jetzt, in der Sonne, sieht es sogar ein bisschen verdorrt aus, als sei dieses Bundesland von hartnäckiger und erstickender Dürre überzogen - wie 'ne Aufnahme aus "Zukunft ohne Menschen". Aber wer braucht noch Bahnhöfe hier? Die DB hat doch überall an den Strecken diese freundlichen Glashaltestellen mit den hilfsbereiten Automaten. Während man auf einen Zug wartet, sitzt man nun wie in einem scheiß Raumschiff und starrt das verfallende Bahnhofsgebäude an, als wäre es ein ruinöses Zeugnis aus vergangener Zeit und man selbst befände sich in einem bekackten Museum. Und wahrscheinlich trifft das auch zu: dieses ganze Bundesland ist eine verschissene Ruine, die langsam auf ihren endgültigen Untergang wartet, während sie immer wieder in Sekundenschlaf fällt. Und trotzdem ist es meine Heimat. Wo die grünen Wiesen leuchten, und so. Schleswig-Holstein, wo ich nun lebe und gemeldet bin, ist mehr ein Exil, die reichere und hübschere Tante Mecklenburgs', aber trotzdem nicht mein Zuhause. Vielleicht geht es vielen so, und trotzdem gehen sie weg, verlassen die alternde Hafenstädte und die ewigen Dörfer. Die, die bleiben und sich nicht zum Studium in die wenigen Universitätsstädte geflüchtet haben, tun dies nicht ohne Grund. In meiner Heimatstadt schafft jeder vierte Jugendliche überhaupt keinen der gängigen Schulabschlüsse - und das sieht man vielen von denen sogar im Gesicht an, um es mal durch die Blume zu sagen. Von den wenigen Mitschülern, die hier geblieben sind, haben die meisten Kinder, während ich mich auf das neue Panini-Album freue und Sticker sammle. Und, auch wenn es in der Natur des Menschen liegen mag, zu sagen, dass alles immer schlimmer wird, nimmt man es den Menschen hier sogar ab. Die Rechten rücken in die Bürgerschaften und arbeiten sich langsam nach Westen vor. Den Wahlplakaten kann man entnehmen, dass es offensichtlich schon reicht, bessere Busanbindungen zu versprechen, um die Leute die Schrecken der Vegangenheit vergessen zu machen. Die Zahl der Kirchgänger steigt auch an - man bewerte es, wie man will. Die Jungen fliehen und überlassen alles hier den Alten und den Idioten. Die Ordnung wurde durcheinander gebracht, und wenn das passiert, wird aus "Streben" ganz schnell "Sterben", aus "Fruchtbar" ganz schnell "Furchtbar".

Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben und die Gegenwart nicht beweinen. Vielleicht macht die Globale Erwärmung MV irgendwann zu dem Boom-Tourismusgebiet und alles erstrahlt in altem Glanz - nur mit Palmen.

A.

1 Kommentar:

  1. Deine eigene Hütte direkt am Meer, finanziert durch Schrifstellerei; wenn ich das hier lese klingt das nicht abwegig. Mit einfachen Worten eine Stimmung zu vermitteln macht eine Geschichte lesenswert. Und das kannst Du wirklich!

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