Dienstag, 29. Mai 2012

Der Soundtrack zum Film

Ich überlege eine Album der Woche-Rubrik einzuführen - oder so etwas wie ein Archiv für Buchrezensionen, aber vielleicht bin ich auch einfach zu faul dazu. Möglichweise würde ich damit aber auch Gefahr laufen, dem Blog ein Thema zugeben, was bedeuten würde, dass ich wirklich etwas zu sagen hätte - und das will ich eigentlich nicht. Da würde ich mir vorkommen wie irgendein szeniger Fashionblog oder ein toller Ratgeber für veganischen Kochmist. Das verliert dann doch seinen Drive und macht unter Umständen keinen Spaß mehr. Außerdem wäre ich dann einer von Denen. Soll ich sowas machen? 

Im Garten schreien Kinder wie Tiere. Wirklich, sie machen Grunzgeräusche und lachen anschließend apathisch darüber. Aber das ist niedlich und herzerwärmend, oder? Zumindest sehen das bestimmt ihre Eltern so. Wenn ich daran denke, dass uns früher die Anwohner damit gedroht haben, die Polizei zu rufen, sollten wir nicht mit dem Fußballspielen auf der Wiese zwischen den Wäschestangen aufhören, komme ich mir vor, als hätte ich wirklich in Vorkriegszeiten gelebt. Unerzogene Kinder haben wirklich 'ne Lobby. Bei uns war der Kindergarten noch mehr wie ein sympathisch-durchorganisiertes Gefängnis, und kein pädagogischer Abenteuerspielplatz. In Zweier-Gruppen auf den Hof, verschlossene Türen, Essenszeit, Spielzeit, Schlafenszeit. Keine Lern-Portfolios, keine offenen Räume, kein "Mach', worauf du Lust hast, Charlotte". Bei uns waren Regeln noch Regeln, und keine Richtwerte oder Ratschläge, mein Junge. Ob das Ganze letztendlich die erhofften Früchte trägt, wird sich wohl erst zeigen, wenn die ganzen aufgeweckten Freigeister dann selbst aufgeweckte Freigeister in die Welt setzen, bei denen sie dann ADHS diagnostizieren lassen können, wenn Charlotte keine Lust hat, sich selbst zu hinterfragen. Das Problem, was ich dabei sehe ist, dass dies doch eigentlich eine schlechte Vorbereitung auf das richtige Leben ist, denn, wie wir wissen, besteht das vornehmlich aus: verschlossenen Türen, Essenszeiten, Spielzeiten, Schlafenszeiten. Aber wer weiß schon, ob ich nicht selbst so bescheuert werde, wenn ich ein Kind habe? Wahrscheinlich toleriere ich dann auch jeden Mist, weil ich der Meinung bin, ich hätte das klügste und schönste Goldstück auf Gottes grüner Erde erschaffen, und dass mit meinem Penis. So war das schließlich auch mit dem Rauchen. Als ich noch nicht geraucht habe, fand' ich das richtig bescheuert und war voller Unverständnis, wenn ich nachts mit irgendwelchen Kumpels zu Zigarettenautomaten an's andere Ende der Stadt pilgern musste. Und kurzdarauf pilgerte ich selbst nachts an's andere Ende der Stadt - manchmal sogar allein. Ich bin mir nicht sicher, ob man Kinder und Nikotinsucht wirklich miteinander vergleichen kann, aber metaphorisch ist so ein Vergleich högscht (noch 10 Tage bis zur EM) interessant.

Auf dem Weg zur Uni lief heute morgen irgendein neuerer Song von Muse im Radio. Die haben sich auch über die Jahre selbst entwertet. Wenn ich daran denke, wie toll ich die früher fand', kommen sie mir inzwischen wie eine völlig andere Band vor. Wenn ich "Blackout" höre, erinnere ich mich sofort daran, wie es war, mit sechzehn im seligen Licht mehrerer Kerzen in irgendeiner heruntergekommenen Wohnung auf dem Boden zu liegen und den Lichtschein der einzelnen Flammen an der Decke zu beobachten. Bei jedem Windstoß bewegte sich alles im Takt des Liedes. Zumindest sah es so für mich aus, aber ich war auch völlig bekifft. Das waren schöne Zeiten. Heute wird mir schon schlecht, wenn ich meinen Kopf zu schnell drehe.

Genaugenommen fallen mir auch noch mehr Erinnerungen zu Muse ein, aber die würden hier zu weit gehen, Oink Oink. Es fällt mir ausgesprochen leicht, bestimmte Songs, den zugehörigen Erinnerungen zuzuweisen und sie wieder zum Leben zu rufen. Ich könnte heute noch die Playlisten von Urlaubs-, Party- und Liebesmixtapes aus sämtlichen Jahren rekonstruieren. Höre ich "Something Pretty" von Patrick Park, sehe ich durch das Autofenster auf die blühenden Rapsfelder am Straßenrand. Meine Freunde haben gerade nach und nach ihre Führerscheinprüfungen bestanden und wir fahren nach Boltenhagen an den Strand und wir leben alle in O.C. California. Höre ich "Come Away With Me" von Norah Jones, sitze ich vorn in einem Doppelstockbus und sehe die beleuchteten Pariser Straßen bei Nacht. Das Mädchen, das neben mir sitzt, hat mir gerade die CD (!) in die Hand gedrückt und gemeint, dass mir das gefallen könnte. Ich fühle mich wie ein geschäftiger Lebemann, obwohl ich noch zur Schule gehe, einfach wegen den Pariser Straßen. Höre ich "Killing In The Name Of" von Rage Against The Machine, schwitze ich, bin besoffen und stehe mit erhobenen Händen und einem dummen Gesichtsausdruck auf der Tanzfläche und brülle "Fuck you, I won't do what you tell me!!!" - mit allen im Chor. Höre ich "Oh My Sweet Carolina" von Ryan Adams, werde ich traurig, suhle mich in Selbstmitleid und Liebeskummer. Sie hat mich verlassen und ich werde niemals wieder lachen können. Höre ich "Leaving On A Jetplane" von John Denver, höre ich meine Mutter in der Küche singen (Ja, und ich sehe Liv Tyler und Ben Affleck vor einem gottverdammten Space-Shuttle). Höre ich "Hot Tequila Brown" von Jamiroquai, bin ich mit einem Kumpel in Norwegen, kippe Bacardi in leere Bierflaschen, um ihn darin zu mixen und labere davon, dass wir irgendwann berühmt sein werden - wir sollten Recht behalten. Höre ich "Born To Be My Baby" von Bon Jovi (!), sitze ich mit einem Freund im dunklen Proberaum und zupfe auf einer glitzernden, silbernen E-Gitarre herum. Höre ich "Mr. Brightside" von den Killers ,erzähle ich, wie scheiße ich elektronische Elemente in Rockmusik finde. Höre ich "Mr. Brightside" von den Killers, stehe ich in der dritten Reihe bei ihrem Konzert in Berlin, singe lauthals mit und bewundere den Einsatz, elektronischer Elemente in Rockmusik. Höre ich "To Sheila" von den Smashing Pumpkins, küsse ich sie.

So eine Playlist wär' 'was für's Sterbebett. Kurz bevor die Lichter ausgehen, noch einmal das ganze Leben hören.

A.


      

Samstag, 26. Mai 2012

Ich und der Esel? Der Esel und ich?

Ich boykottiere das gute Wetter. Wo ist mein altes Kiel? Mein Kiel mit Wind, Regen und Nebel? Das kann doch nicht wahr sein. Es ist gerade einmal Mai und alles blüht, lacht und schwitzt. Ist das schon die globale Erwärmung? Ich glaub' nicht, schließlich hat irgendwer mir gerade neulich erzählt, dass sich das jemand sowieso nur ausgedacht hätte, wie den Weihnachtsmann, Nessie, die Carmagnola-Minze oder die Protokolle der Weisen von Zion. Ich hab' mich mit meinem Laptop auf den Balkon geflüchtet - nicht, weil ich mich auf den verfrühten Sommer einlassen wollte, sondern, weil die fette Frau über mir der Meinung ist, es wäre Zeit, Staubzusaugen. Wenn sie das tut, ist nicht das Geräusch des Staubsaugers das Problem, sondern die Art, wie sie ihn benutzt. In meiner Wohnung, und deswegen aller Wahrscheinlichkeit nach auch in ihrer, sind, bis auf Badezimmer und Küche, alle Räume mit altem Pakett ausgelegt. Es ist mehr ein Scharben, als ein Saugen. Sie kratzt mit Gewalt ihren Boden sauber und scheint dabei leider keinerlei Rücksicht auf umliegende Möbelstücke zu nehmen. Es klingt, als würde sie Hockey spielen, wenn auch allein - sonst würde man schließlich auch ihren idiotischen Marine-Mann Rumschreien hören. Vielleicht bin ich einfach ein wenig überempfindlich. Wahrscheinlich sogar. Wahrscheinlich hört es sich bei mir ja genauso an.

Das Geräusch von jemandem in Schlappen oder Flip-Flops zertritt meine Gedanken. Ich stelle kurz die Bierdose und den Laptop (friendship is rare) zur Seite und werfe einen unauffälligen, ninjaäsken Blick über die Brüstung. Da geht sie. Ihr Boykott war offensichtlich nicht so hartnäckig wie meiner. Mit festen Schritten (wie auch sonst?) und diesem unnachahmlich-nervigen Geräusch überquert sie das grün-gelbe Schachbrett aus Gras und Löwenzahn im Innenhof. In ihrer rechten Hand hält sie eine zusammengerollte Illustrierte, festumklammert, wie eine Keule. Welche Zeitschrift, kann ich nicht erkennen. Ich wär' kein guter Ninja; meine Augen sind nicht gut auf die Entfernung und meine Hände zittrig. Sich die Haare abzuschneiden, war keine besonders gute Idee von ihr, das kann ich sogar von hier oben beurteilen. Es sieht nicht besser aus - aber zugegeben, auch nicht viel schlechter. Eigentlich war sie nie unfreundlich zu mir, aber ich kann sie einfach nicht leiden. Es sind die Geräusche, die sie macht, die mich dazu gebracht haben: Ihre stampfenden Schritte, die bescheuerte Musik, die sie in völlig unverhältnismäßiger Lautstärke mindestens viermal pro Woche anhat, das Geschrei, wenn sie sich mit ihrem Mann streitet - manchmal muss ich den Fernseher lauter drehen, weil sie ihren Fernseher so laut gedreht hat. Das alles genügt für eine reine und unverfälschte Aversion gegen die dicke Frau.

Ich würde auch gern am Strand liegen und baden. Aber leider nur, wenn ich dort allein wär'. Ich möchte die Atmosphäre nicht teilen, höchstens mit den Personen, mit denen ich dort wäre. Keine spielenden Kinder. Keine Gespräche, die vom Wind herüber geweht werden. Keine Drachen. Keine Sandburgen. Kein Volleyball. Keine Anderen. In Südnorwegen, etwa zwanzig Autominuten entfernt von dem kleinen Dorf, in dem meine Eltern immer mit mir ihren Sommerurlaub verbracht haben, gab es einen wunderbaren Strand: Lomsesanden




Weißer Sand, endlose Dünen, kleine  Felseninseln am Horizont und Klippen, die den Strand wie eine Lagune gegen den Rest der Welt abgrenzen. Trotz dieser Traumkulisse, trotz Campingplatz, trotz Tourismusgebiet war der Strand nie so unglaublich übermäßig besucht - zumindest nicht flächendeckend. Zugegeben, das Wasser war manchmal wirklich verflucht kalt - es ist eben Norwegen und nicht El Arenal. Lomsesanden war mein Strand. Dort hab ich gelegen, wurde braun, habe Songs auf meinem Disc-Man/MP3-Player gehört, die mich heute noch daran erinnern, wie schön es in Lomsesanden war; wie schön es war, die Atmosphäre und alles in mich aufzusaugen und mich darüber zu freuen, dass die ganzen bescheuerten Mallorca-Touristen glauben, in Norwegen würde man frieren und in Fjorden angeln. Hier saß ich über Jahre im Sand, neben Freunden, Verwandten und Freundinnen. 


Ich hatte mich verändert, jedes Mal, die Menschen, die mit mir dort waren, waren andere, aber der Strand blieb immer gleich, immer paradiesisch. Hier wurden meine Maßstäbe geformt und gefestigt. Die Maßstäbe, mit denen nichts mehr mithalten kann, was ich mir jetzt leisten könnte. Also bleibe ich hier, im Elfenbeinturm, während alles in die Parks und an die Strände zum Spaß haben strömt, wie Lemminge, bleibe blass, ärgere mich über den Lärm, den die Leute im Haus machen und schreibe dieses selbstgerechte Zeug. Am Ende bin eben doch ich der Idiot.

Liebe Grüße und ein schönes, sonniges Wochenende,
A. 

    

Freitag, 25. Mai 2012

+++Eilmeldung: Stimmt für Mr. Humperdinck!+++


Kleine Zwischenmeldung: Wer von euch morgen tatsächlich den Eurovision Song Contest guckt und noch dazu der Meinung ist, Geld ausgeben zu müssen, der sollte für England stimmen. Ja, der Text ist großer Käse. Aber der alte Mann ist nett und der Song geht klar.

Also, stimmt für meinen Homeboy Engelbert Humperdinck (what a name)!


Donnerstag, 24. Mai 2012

Der beste Whisky ist Wodka

Es ist so albern. Erinnert ihr euch noch daran, dass ich letzte Woche, einen der beiden Idioten, die in der Uni vor mir saßen, ganz klar als Fanblock-Spasti identifiziert habe? Ich hatte verficktnochmal recht. Als hätte er es gelesen und sei darauf erpicht gewesen, diesen Eindruck noch einmal zu untermauern, hatte er sich gestern für eine solide Camouflage-Hose zur obligatorischen Gürteltasche entschieden. Diesmal sitzen sie hinter mir. Ich habe gerade meine Kopfhörer abgelegt, höre gerade erst wieder die Welt um mich herum und schon wird es unangenehm; Tarnfarben-Assi berichtet seinem Freund über eigene Stadionerfahrungen, erläutert nicht besonders fachkundig die Rolle Manuel Neuers im Ensemble der Welttörhüter und echauffiert sich über Bundesligavereine ohne Tradition. Es ist dasselbe peinliche Bierwagen-Plädoyer, das wir schon tausendemale gehört haben. Die Art, wie er spricht, ist ekelerregend. Ich hasse es, wenn Leute beim Reden schauspielern. Wisst ihr, was ich meine? Sie versetzen ihre Stimme zurück in bestimmte Situationen und leiten das Spektakel meistens mit "Und ich denn so..." oder "Da dacht' ich mir denn auch..." ein. Grässlich. Als würde es realistischer oder nachvollziehbarer dadurch werden, dass man wie irgendein affektierter Schauspielschulen-Pimmel aus Kreuzberg redet.
In der Reihe vor mir sitzt ein Mädchen mit - ungelogen - der verdammtnochmal größten Nasen, die ich in fünfundzwanzig Jahren zu Gesicht bekommen habe. Das sieht völlig unproportioniert aus. Ich übertreib' da jetzt nicht, die Nase war echt verfickt riesig. Der Rest von ihr hingegen war völlig unscheinbar und blass. Ironischerweise musste sie fast ununterbrochen niesen. Ihre Augen tränen. Offensichtlich Heuschnupfen oder irgend' 'ne andere Allergie gegen Pollen oder was auch immer. Aber mit so einer Nase ist das auch nicht weiter verwunderlich. Die muss ihre Umwelt ja völlig zeratmen. Wie einer von diesen riesigen Walhaien, die, im Vorbeischwimmen, einfach das ganze Wasser ansaugen und sich von Krill, Plankton und dem Rest ernähren, der sich darin befindet. Was hängen bleibt, bleibt eben hängen. Die ersten zwanzig Minuten tat sie mir noch leid. Wegen des Schnupfens und wegen dieser abstrus gigantischen Nase. Nach dem dreizehnten Niesen war ich jedoch der Meinung, dass sie auch einfach hätte zuhause bleiben können. Nicht jetzt wegen der Nase, sondern wegen dem Schnupfen. Ebenso nervig wie das Niesen generell war inzwischen auch, dass sie nach jedem Mal, ihrer Freundin davon Bericht zu erstatten schien. Alles konnte ich nicht verstehen, aber ich bin mir sicher, dass sie mehrfach "Ich sterbe, ey" sagte. Selbst ihre Freundin, die ununterbrauchen und fast apathisch auf ihr Smartphone starrt, machte inzwischen den Eindruck, als ob es sie auch nervte, denn das verständnisvolle Lächeln, das sie der Nase nach jedem Niesen + Bericht zuzuwerfen pflegte, verschwand immer schneller von ihren Lippen. Die Intervalle wurden kürzer - als ob man einen alten Witz von jemandem hört, den man nicht dadurch kränken will, nicht zu lachen.
Draußen, auf den Sportplätzen findet offenbar ein albernes Sportfest statt. Auf dem Weg zur Uni habe ich mich plötzlich umringt von einer Traube aus Mädchen in Hot-Pants wiedergefunden, die wohl unterwegs zum Beach-Volleyball waren - das fand ich gar nicht so unangenehm. Natürlich war ihnen ein Haufen Vollidioten mit buntgerahmten Sonnebrillen und diesen hässlichen kurzen Hosen im Hawaii-Muster auf den Fersen. Und die Musik. Zu jedem guten Sportfest gehören offenbar auch die größten Perlen der aktuellen Single-Charts - natürlich jeweils als Dance-Version. Freundlicherweise war die Musik so laut aufgedreht, dass man sie sogar in den Hörsälen deutlich und einprägsam vernehmen konnte. Ein Vortrag über die Außenpolitik des dritten Reichs entwickelt einen völlig neuen Drive, wenn er musikalisch von Rihanna untermalt wird. Das ganze hatte eine eigenwillige Komik, aber niemand hat es zur Sprache gebracht. Außerdem schien es die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein paar Mädchen wippten mit den Köpfen, deuteten Tanzbewegungen an und warteten auf bestätigendes Nicken ihrer Freundinnen, ein paar zogen pseudo-entnervt die Augenbrauen hoch, um nach Möglichkeit, irgendeinem Fremden zu verdeutlichen, dass sie einen deutlich versierteren Musikgeschmack ihr Eigen nannten. Mir war es irgendwie egal. Aber die Reaktionen waren interessant.
Abends, in meiner Lieblingskneipe, hab' ich mir ganz lässig einen Whisky bestellen wollen, wie das wilde Romanciers wie ich so tun. Die Kellnerin fragte mich liebevoll, welchen ich denn möchte: Jim Beam, Ballantine's, Barcadi oder Wodka. Genau genommen ist es eben eher eine Pizzeria, als eine Kneipe. Sympathisch war auch, als ein Mädchen am Tisch ein Astra bestellen wollte, die Kellnerin aber einfach "Alster" aufgeschrieben hat. Sie haben eben kein Astra. Warum auch? Ich mag den Laden. Kein blödes Getue, kein "Möchtest Du den Schokochino mit Sojamilch?". Einfach ein Getränk bringen, egal, was bestellt wurde. Bam. Die Leute verlieren sich sonst doch auch in den ganzen albernen Extrawünschen. 
Bob Dylan wird heute einundsiebzig. Alles Alles Alles Gute, Bob! Der Spiegel hat mich heute Morgen darauf hingewiesen, dass das Zitat: „Was bedeutet schon Geld? Ein Mensch ist erfolgreich, wenn er zwischen Aufstehen und Schlafengehen das tut, was ihm gefällt.“ von ihm stammt. Auch wenn ich der Meinung bin, dass viele seiner Songs, noch besser klingen, wenn andere Künstler sie interpretieren, muss man ihm wohl Tribut zollen. Und, seid ihr erfolgreiche Menschen im Sinne Dylans?
Ich hab' gestern einen ziemlich verrückten Promo-Move durchgezogen. "Das Café am Rande der Welt", was, wie ich bereits erwähnt habe, ein wirklich schlechtes Buch ist, habe ich sorgfältig, und mit der Adresse des Blogs versehen, auf einem der vielen Uni-Grabbel-Buch-Tische zurückgelassen. Also wenn DU, gerade das hier liest, weil DU das Buch mitgenommen hast: es ist kacke. Aber wenigstens hat es Dich kein Geld gekostet.
Sharktopus,
A.  

Sonntag, 20. Mai 2012

Erinnerungen im Filter der Sonne

Feiertage und Geburtstage treiben mich immer wieder zurück nach Hause. Aus dem Nichts finde ich mich dann auf all den Schlachtfeldern, an all den Mahnmalen meiner Jugend wieder und begaffe diese, wie ein rührseliger Tourist. Ich bin ein unheilbarer Nostalgiker, und wenn ich in Gesellschaft bin, wird alles nur noch schlimmer, weil ich ein Elefantenhirn habe, indem zwar nichts von Nutzen, dafür aber Millionen von kleinen und persönlichen Anekdoten gespeichert sind, die ich unaufhörlich und immer mit dem gleichen Enthusiasmus ablasse, wie diese bescheuerten Kopfhörer, mit denen man durch die Museen dieser Welt stolziert und dabei fast immer, wie ein Idiot aussieht. Ich merke mir so viele kleine Geschichten und Einzelheiten, aber nie, wem ich sie schon erzählt habe. Wie mag das erst werden, wenn ich alt bin?

Manchmal, wenn ich ein bisschen was getrunken habe, komme ich an einen Punkt, an dem sich mein Blick irgendwie verklärt. Das ist nun nichts furchtbar Außergewöhnliches. Ich rede auch nicht davon, dass mir schlecht oder schwinderlig wird oder so. Ich bin einfach ungeheuer überschwänglich und begeistert von Dingen, die ich gelernt habe, zu ignorieren. So ging es mir am Freitag: Die Rapsfelder, die kleinen Dörfer, der Strand in Boltenhagen - all das war auf einmal schöner als je zuvor. Ich habe unaufhörlich davon geredet, wie schön und eindrucksvoll ich das alles finde, auch auf die Gefahr hin, dass ich es durch mein angesoffenes Gelaber ein bisschen entzaubere. Ich habe ununterbrochen geraucht, bin freudestrahlend in die Tankstelle gestürmt, in der ich schon vor Ewigkeiten Bier und Zigaretten gekauft habe, um mir Nachschub zu holen und konnte meinen Blick einfach nicht von all dem ablenken, was am Auto vorbeiraste. Am Strand angekommen, ging ich geradewegs in die stinkenste öffentliche Toilette, die mir bisher untergekommen ist (und ich war schon mehrfach in Frankreich), bevor ich auf den Sand und ans Wasser trag. Obwohl es so warm war, zogen nur ein paar Rentner und wenige Kinder oder Jugendliche ihre Bahnen. Ein paar hundert Meter weiter versuchte ein Junge, seine Begleitung mit einem Sportdrachen zu beeindrucken. Alles war ruhig, selbst die See versuchte sich möglichst geräuschlos zu verhalten.

Boltenhagen-Redewisch
Zwar reichte meine Geduld nicht bis zum Sonnenuntergang, aber das Gefühl von Freitag blieb mir erhalten. Sicher, als ich nüchterner wurde, war es nicht mehr ganz so imposant, aber ich hatte es ja auch ein bisschen aufgebauscht. Die Rückfahrt durch die Felder und über die Äcker war schön. Ich hab' vorgegeben, den Weg zu kennen, aber eigentlich improvisierte ich, um noch ein bisschen in dieser Atmosphäre herumzutreten und Erinnerungen in mich aufzusaugen. Als wir gerade durch irgendein stillgelegtes Landwirtschaftsgelände fuhren, konnte man direkt in die Seele Mecklenburgs sehen - ohne jetzt zu pathetisch zu werden: Das Gerippe eines ehemaligen Nutzgebäudes, das beschmiert und verwahrlost, alten Zeiten hinterhertrauert und dabei in dieser romantischen Kulisse verfault.

Irgendwo in Mecklenburg
Aber wenn die Sonne bzw. ihr Untergang einen Sepiafilter auf alles und jeden legt, sehen selbst die Überreste der DDR-Agrarpolitik aus, als altern sie in Würde, Schönheit und Anmut. Doch nur, wenn man was getrunken hat und es nicht regnet.

Gefühlt habe ich den Rest des Wochenendes in der Sonne gelegen und gelesen. Ich hatte sogar Sonnenrand auf dem rechten Arm. "Katzentisch" ist ein wundervolles Buch. Keine Panik, ich schreib' jetzt keine beschissene Rezension - das mache ich nur bei Scheißbüchern. Es ist so schön erzählt, so einnehmend und gut. Ihr solltet es alle lesen. Es hat entscheidend zu meinem sonnigen Gefühlstaumel beigetragen und mich motiviert, in meinen eigenen Kindheitserinnerungen zu schwelgen; Erinnerungen an Verflossene, an Strandausflüge, an Dummheiten, an Eindrücke und Gedanken, die kaum noch nachvollziehbar sind. Es ist fast immer Sommer, wenn ich mich zurückerinnere. Ich gehe mir selbst ein bisschen auf die Nerven mit diesem ganzen Zeug, aber es ist nun'mal das, was ich empfinde, und wo gehört das sonst hin, wenn nicht in's Internet? Kurzzeitig möchte ich mich bei allen melden, mit denen ich damals und jemals befreundet war, sie fragen, wie es ihnen geht - aufrichtig und ohne Heuchelei, sie wiedersehen und den Abstand der Jahre vergessen machen. Miteinander Lachen und Weinen über all das, was war - ohne befangenen Small-Talk und Geprahle, was man tolles aus seinem Leben gemacht bzw. nicht gemacht hat, kein Schöngerede. Aber ich tue nichts. Vielleicht gratuliere ich bei Facebook. Vielleicht checke ich aber auch lieber meine E-Mails.

Vor zwölf Stunden lag ich noch mit "Katzentisch" in meinen Händen auf der Terrasse, hab' mir die Sonne auf die weißen Füße scheinen lassen und den Kasslerbraten gerochen, den meine Mutter gerade aus dem Ofen geholt hat. Durch das ganze Haus schallt Countrymusik und gibt dem ganzen so ein wohliges Südstaatenfeeling, als säßen wir tatsächlich in South Carolina und warteten auf das Essen von Mommy. Vor ein paar Monaten haben sich meine Eltern so ein futuristisches Internetradio gekauft, aber statt es dazu zu nutzen, das Ohr buchstäblich auf den Puls der Zeit zu legen, hören sie ununterbrochen einen amerikanischen Countrysender - "Da labert nicht einmal jemand zwischen den Liedern", berichtete mir meine Mutter gleich. Ich weiß, was sie meint; ich hasse diese verschissenen Arschlöcher auch wie die Pest. Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt, allein und aus freien Stücken, das Radio angeschaltet habe. Die Nachrichten sind alt, die Musik scheiße und diese verfickten Scherzkekse aus sämtlichen Morgensendungen lassen mich fast kotzen vor Wut. Ich hab' eigentlich nichts gegen Gerede im Radio, so theoretisch. Ich hab' nur lange niemanden mehr gehört, der sympathisch war.

A.      

Donnerstag, 17. Mai 2012

Und wenn die alten Raben...

Warum müssen ständig alle so verfickt laut sein? Andauernd vibriert irgendwo ein Handy. Ein gesetztes Mädchen bückt sich nach ihrem Smartphone mit Anhänger - ich tippe auf Blackberry. Sie hat ein aufgeschwemmtes Doppelkinn und Smokey Eyes. Tolle Kombination. Flüsternd brüllt sie in die Reihe vor mir, dass sie ein lateinisches Wörterbuch braucht, und als ihr der Typ vor mir entgegnet, dass er der Meinung war, dass sie doch schon ihr Latinum bestanden habe, antwortet sie: "Hallo?! Ich studier' Geschichte", was heißen soll, dass das Lateinische immer präsent sein muss, was natürlich Quatsch ist, soweit ich das beurteilen kann - ich bin mir aber auch nicht sicher, ob ich das kann, schließlich lausche ich nicht der Vorlesung, sondern verfolge dieses unsympathische Schauspiel in meiner Bankreihe. Schon als sie ihre Antwort mit "Hallo?!" einleitet, sträubt sich in mir alles. Hallo, als wäre sie ihre eigene beschissene Karikatur.

Zwei Plätze neben mir sitzt ein unscheinbarer Typ mit einer älteren Fossil-Uhr, der wie im Staccato auf die Tastatur seines Netbooks einhämmert. Er tippt wirklich ununterbrochen. Mehrmals übermannt mich die Neugier und ich strecke mich ein wenig, um einen Blick auf seinen Bildschirm zu werfen. Ich verstehe nichts. Erst dacht' ich, er chattet, aber dafür war er einfach zu schnell. Entweder er ist bei den Piraten und nimmt gerade an irgendeinem supertransparenten Open-Source-Scheiß teil oder er hackt den verfickten NASA-Hauptserver.

Es ist nie ganz still hier. Irgendwer putzt sich auch immer die Nase, und so entsteht ein großer gleichmäßiger Akkord aus Geflüster, Tastaturgetippe und Schnauben.

Vor mir sitzen zwei Typen, die sich in der fünfminütigen Pause furchtbar laut unterhalten haben, weswegen ich sie gleich nicht mochte. Der rechte hat schmale Schultern und kurze Arme, den obligatorischen Dreitagebart, der inzwischen so uniform ist, dass man glauben könnte, sie alle sängen bei Revolverheld. Graue Röhrenjeans, schwarze Jacke - alles passt zusammen und lässt ihn in der Masse verschwinden.
Bei seinem Nachbarn schreit jede Pore nach Stadion und Fanblock; eine hellblaue Levi's 501 in 'nem 90'er-Schnitt, Gürteltasche, Kapuzenpullover mit maskulin-blutigem Motiv, abgewetzte, dunkle Sneaker, Seitenscheitel und eine klobige, billige, aber vor allem funktionale Armbanduhr.
Selbstgefällig und laut haben sie über die Fans in Düsseldorf beim Relegationsspiel gesprochen, so laut, als täten sie es vor Publikum. Sehr beeindruckend. Flachwichser. Das dickliche Mädchen vom Anfang hat inzwischen auch das Übersetzen sein lassen und sich stattdessen ihrer Nachbarin zugewandt, um flüsternd aber anhaltend zu tuscheln. In den stark geschminkten Augen ihrer Freundin strahlt ein Selbstbewusstsein, das mir einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Ihre Haare sind filzig und unordentlich, der Schatten ihrer Frisur von vor zwei Tagen. Aber das assoziiert man ja heute mit Freiheit, solange die Klamotten dazu stimmen. Sie lacht laut, so, dass sich einige nach hinten umdrehen. Sie zuckt mit den Schultern, wenn auch nur angedeutet. Sie sieht aus wie eine Transe, mit ihren männlichen Gesichtszügen, und ich würde ihr das gern sagen. Einfach so. Nur, um ihre Selbstüberschätzung ein wenig zu torpedieren. Aber ich tue nichts dergleichen, ich schließe die Episode und sehe wieder nach vorn' zu Dozent und Beamerfläche, wo gerade ein Bild von Max Schmeling, als Symbolfigur der Einverleibung von Berühmtheiten in die NS-Propaganda gezeigt wird. Als die Vorlesung beendet ist und alle aufstehen, um ihre Sachen zusammenzuräumen, bohrt sich mir eine gepfiffene Melodie in's Hirn. Ich versteh' das nicht. Wieso fangen Menschen an, allein und umgeben von anderen, zu pfeifen? Ich finde weniges noch aufdringlicher und nerviger.   

Balkon. Immer wieder knackt es leicht. In dem Baum im Garten brechen zwei Raben kleine Ästchen mit ihren Schnäbeln ab, um ein Nest zu bauen und das zu tun, was Raben eben so machen. Noch während ich mich frage, wie ich eigentlich einen Raben von einer Krähe unterscheide, schießt mir dieses alte Gedicht in den Kopf, was zumindest ich in der neunten Klasse oder so lernen musste: "Barbarossa" vom Friedrich Rückert. Das Gedicht erzählt die alte Legende, welche besagt, dass Friedrich I. nicht auf einem seiner Feldzüge gestorben sei, sondern verborgen in den Tropfsteinhöhlen des Kyffhäuser Gebirges auf bessere Zeiten warte, um zurückzukehren. Sicher, nationalistischer Pathos, aber als Kind mochte ich die Geschichte, weil sie so schön mystisch war. Solange noch Raben um den Berg fliegen, kann Barbarossa nicht auferstehen und so ruht er Jahrhunderte lang in seinem dunklen Exil. Vor Jahren war ich mal mit meinen Großeltern am Kyffhäuser. Man kann dort sogar eine der Tropfsteinhöhlen besichtigen. Die Betreiber haben tief im Inneren der Höhle, auf einer kleinen Empore, einen Stuhl und einen Tisch, gedeckt mit festlichen Speisen, aufgestellt. Die Touristenführer betonen dann immer liebevoll routiniert, dass ihre Majestät nur gerade nicht im Raum sei. Das ist kitschig, aber irgendwie niedlich. Und während ich hier stehe, Jahre später, rauche und die Raben anglotze, muss es wohl stimmen:

"Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muss ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr"

Ich geh' wieder rein,
A.

Montag, 14. Mai 2012

Geschichten vom Balkon

Ihr seid im Begriff, einen schwafeligen Laberblogpost zu lesen. Mir ist heute nicht nach Politik oder Hass oder beidem (Im Verlauf des Schreibens hat sich gezeigt, dass ich diese Linie jedoch nicht durchhalten konnte, Anm. d. Red.). Es kann ja auch nicht immer regnen. Ich habe heute ein ganzes verfluchtes Märchen von Hans Christian Andersen aus dem Dänischen ins Deutsche übersetzt. Das klingt mächtig, oder? Das dänische Original ist aber nur eine Seite lang. Was soll's, es war mühsam und nervig. "Die Frau mit den Eiern" - es musste nicht einmal jemand kichern in der Uni. Ich verstehe das nicht. Sonst lachen die scheiß Idioten doch auch über jeden Scheiß - mit ihren dämlichen Chucks und ihren bekackten Joko-und-Klaas-Frisuren. Ich weigere mich "Under-Cut" oder was auch immer dazu zu sagen. Kein Hass heute, keine Frustrationswörter.

Man kann ja viel über schlechte Ernährung sagen, so an sich, doch das Preis-Leistungs-Verhältnis, das stimmt einfach! Na gut, ein bisschen hängt es auch davon ab, wie man Leistung in dem Falle definiert, aber ich, ich bin satt. Und wenn in meinem Baguette-3'er-Pack von Penny eben keine natürlichen Lebensmittelbestandteile mehr drin sind, dann ist das nun einmal der Lauf der Dinge. Sie sehen wenigstens so aus, als wären sie echt und vom süditalienischen Wochenmarkt - zugegeben, eine Prise Phantasie braucht man da schon. Wichtig ist doch, wie es aussieht, ihr verfluchten Ökos! Das war natürlich nicht mein Ernst, oder?

Im Garten vor dem Haus blüht ein Kirschbaum rosafarbend. Durch den starken Wind, der seit ein paar Tagen durch Kiel und seine Starßenzüge bläst, sind sogar ein paar der Blütenblätter bis hier oben geweht.

Ein Traum in rosé


Wenn man hier so steht und auf das andere Ufer der Förde blickt, ist es recht angenehm. Man kann deutlich das Marine-Ehrenmal von Laboe erkennen, diesen hässlichen roten Backsteinklotz. Wenn der Wind von der See her weht, läutet mein kleines Windspiel fast ununterbrochen. Das hab ich mal in Cottbus auf einem Mittelaltermarkt gekauft, als ich mit meinen Eltern eine kleine Rundreise durch Dresden und die Lausitz gemacht habe. Ich mag weder Cottbus noch Mittelaltermärkte. Ich möchte die Leute, die sich bei sowas mitmachen, nicht einmal mehr beschimpfen. Ich habe fast Mitleid, so bescheuert ist das, wenn vierzigjährige Vollidioten kleinen Scheißkindern mit Doppelnamen zeigen, wie man mit einem authentisch-nachgebautem Langbogen schießt, selbstgemachtes Brot verkaufen und irgendeinen lächerlichen Spektakelscheiß aufführen, um irgendwie nach ein bisschen Individualität und Aufmerksamkeit zu gieren. Seht her, ich hab ein beschissenes Hobby. Spastis. Das geht mit bekacktem, deutschsprachigem Metal-,Folk-,Black- oder wie auch immer es gerade heißt-Metal los, findet seinen Weg über "Ich interessier' mich jetzt persönlich sehr für die nordische Kultur. Wusstet ihr, dass eigentlich die Wikinger Amerika entdeckt haben? Krass, oder?" und endet bei Mittelalterhochzeiten und Live-Rollenspielen, wo denn alle Ritter, Schmiede und verfluchte Trolle oder sowas sind. Ich schäme mich schon, wenn ich Leute davon erzählen höre. So ein Mittelaltermarkt für die ganze Familie ist also nur die dämliche Spitze des Eisberges. Keine Frustrationswörter! Selbst als ich also als zehnjähriger Junge im Regen in Cottbus auf dem Mittelaltermarkt stand, das gerade gekaufte Windspiel in einem kleinen Cellophanbeutel in meiner Hand, wusste ich, dass alles, was ich hier sehe, irgendwie in keinster Weise beeindruckend oder erstrebenswert ist, sondern peinlich und erniedrigend - für jeden hier. Geschmackssache am Arsch, das sind Trottel.

Meerblick vom Balkon. Lifestyle, Baby!
     
Morgen fahr' ich nach Laboe. Ja, dann sehe ich auf die andere Seite.


A.
IADST


Samstag, 12. Mai 2012

Hauptstadtgeschwafel

Holstein muss wohl gerade spielen. Vom Balkon aus hört man ein Publikum brüllen. Da geht's um den Aufstieg. Ich bin ein bisschen angetüdelt, aber das soll mich nicht hindern. Schon ein bisschen vorgeglüht für`s Pokalfinale nachher. Durch eine verlorene Wette, habe ich vorhin zwanzig Minuten in die kalte und kontrolllose Fratze der Menschheit geblickt: Chatroulette. Lediglich zweimal hat sich irgendein Idiot dazu berufen gefühlt, mir seinen Penis zu zeigen. Das ist 'ne ziemlich gute Quote. Wird Quote wirklich so geschrieben? Captain Morgan sagt ja. Bayern hat den Pokal verloren. Das tut mir leid. Oder?

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 2000. Besucher auf IADST, präsentiere ich Neues aus der beliebten Rubrik: Bücher, die niemand lesen sollte!

"Provinzglück" von George Lindt

"Jan schlägt sich in Berlin mit unterbezahlten Kreativjobs durch. Da flattert termingerecht zu seinem 30. Geburtstag ein Angebot aus der Provinz ins Haus: Festeinstellung, Tarifgehalt, 29 Tage Urlaub und nie wieder komplizierte Steuererklärungen - ein Geschenk! Großstadtroman mal umgekehrt: witzig, skurril, wunderbar." (Amazaon.de, Kurzbeschreibung)

Wahrscheinlich hat jedes Buch, welches eine potentielle Leserschaft bzw. eine Zielgruppe vorzuweisen hat, auch irgendwo seine Existenzberechtigung. Da es zweifellos jede Menge Menschen gibt, die denken, dass sie in einem Till Schweiger-Film leben, dass sie den Individuellsten aller Musikgeschmäcker haben, dass sie bezaubernde Besonderheiten auf unserem schönen Erdenrund und noch dazu unglaublich verliebt in unsere durchgekaute Hauptstadt sind, kann man im Fall von "Provinzglück" wohl von einer Daseinsberechtigung sprechen.

Was man hier bekommt, hat man schon tausendmal gesehen, gehört und gelesen: selbstgefällige Pseudoreflexion, eine dösige Liebesgeschichte, das Verhältnis zweier bester Freunde zueinander und natürlich die Problematik des wirklichen Erwachsenwerdens. Man stelle sich nun diese durchaus bekannten Thematiken im Korsett der Dialoge eines deutschen Mid-Budget-Films à la Schweighöfer vor. Permanent hat der Leser das Gefühl einen Film zu sehen. Sicher, das ist erst mal nicht schlecht, spricht es doch für die Erzählerqualität des Autors, aber es ist in diesem Falle wahrlich kein guter Film. Alles wirkt gesetzt und überkonstruiert, wobei es zugegebenermaßen nicht unangenehm ist, Lindt's Sätze zu lesen. Was stört, sind - neben der Handlung -  die Charaktere; jeder kennt wahrscheinlich irgendeinen Typen, der genauso ist, wie Lindt's Protagonist Jan. Das Problem: dieser Typ ist ein Idiot, mit dem sich Leute, die nicht in sich selbst, in ihr eigenes dummes Gefasel und natürlich in Berlin in höchstem Maße verliebt sind, nur schwer identifizieren können. Alles in Allem lässt sich "Provinzglück" auch mit den Worten: „Bla Bla, Berlin, Bla Bla, Kreativberufe, Bla Bla, Bin ich unreif?, Bla Bla, Berlin, Fernbeziehung, Bla Bla, Bla, Berlin“ zusammenfassen.

Vielleicht sollte sich Lindt lieber auf das Schreiben von Drehbüchern konzentrieren – schließlich ist der Deutsche Film doch immer irgendwie „am Boden“. Was das Schreiben von Romanen betrifft: „Scheitern muss erlaubt sein. Scheitern gehört dazu. Scheitern, jetzt in den letzten Jahren, ist nicht mehr so schlimm, wie es zum Beispiel mal für unsere Eltern war“, wie George Lindt es selbst in diesem Meisterwerk der Zeitverschwendung formuliert. Na also.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie NICHT "Provinzglück" von George Lindt! 
Für Fehler und Schirft haftet der Stift!
Peace out, ihr Hasen!

Donnerstag, 10. Mai 2012

Das Café am Rande des Erträglichen

Draußen fühlt es sich an, als wäre man in einem verschissenen Tropenwald. Nach nur sieben Minuten Zigarettenpause meint man, es läge sich ein feuchter Film auf die Haut. Gerade als ich mich hingesetzt habe, um diese wichtigen Worte hier niederzuschreiben, bricht ein heftiges Gewitter über Kiel herein. Der Donner, der das Ganze ankündigte, war so laut und explosionsartig, dass ich dachte, irgendetwas anderes passiert im Innenhof. Mit einem Lächeln nehme ich nebenbei zur Kenntnis, dass sich Hertha BSC wieder auf dem Weg in die zweite Liga befindet.

Ich möchte eine neue Rubrik im IADST-Blog einführen: Bücher, die niemand lesen sollte! Immer, wenn ich von nun an ein Buch lese, was ich wirklich scheiße finde, werde ich es hier vorstellen und euch wärmstens an's Herz legen, es unter keinen Umständen zu lesen - es sei denn, um nachzuempfinden, warum es so kacke ist. Es soll mir nicht darum gehen, schlechte Bücher zu finden, zu lesen und anschließend niederzumachen, sondern darum, meine Enttäuschung in Worte zu fassen, wenn ich Zeit und Geld in - für mich - Mist investiert habe, der eigentlich vielversprechend klang. 

"Das Café am Rande der Welt" von John Strelecky

Ein Mann, gestresst und ausgepummt von Job, Karriere und Ellenbogengedusel, macht sich auf zu einem Wochenendausflug, um die "eigenen Batterien aufzuladen", wie er es selbst kommentiert. Als er in einen Stau gerät, beschließt er kurzerhand vom Highway abzufahren und auf eigene Faust nach einer Abkürzung zu suchen. Genervt von endlosen Landstaßen, Hunger, der anbrechenden Dunkelheit und der Erkenntnis, dass er sich völlig verfahren hat, strandet er schließlich in einem kleinen Café am Straßenrand, welches wir, mit unserem Hollywood-Filmwissen, wohl eher als "Diner" bezeichnen würden. Er setzt sich, schlägt die Speisekarte auf, hält Smalltalk mit der Bedienung, schaut sich um - bis ihm plötzlich etwas an der Karte auffällt. Nicht die Speisen sind außergewöhnlich, sondern drei Fragen, welche unheilvoll unter den Gerichten aufgeführt sind: "Warum bist du hier?", "Hast du Angst vor dem Tod?" und "Führst du ein erfülltes Leben?".

So weit, so gut. Hätte John Strelecky, der Autor dieses Kurz-Romans, zu diesem Zeitpunkt aufgehört zu schreiben und stattdessen jemanden kontaktiert, der über so etwas wie literarisches Geschick und, nunja, Phantasie verfügt, hätte aus dem Plot tatsächlich eine recht gute Geschichte für desillusionierte Lebensführungs-Romantiker wie mich werden können. Jedoch ist das, was man hier zu lesen bekommt, ein großer, liebloser Haufen Moralgeschisse. Das Problem ist nicht, dass der Autor nichts zu sagen hätte, das hat er nämlich tatsächlich, das Problem ist, dass er einfach kein guter Schriftsteller ist. Lieblose und klotzige Dialoge, gegen die selbst das rhetorische Ping-Pong im Scripted-Reality-Nachmittagsprogramm RTL's realitätsecht und oscar-ambitioniert wirkt, geben sich mit Selbst- und Lebenserkenntnissen, die höchstens für Idioten und Zuschauer des Scripted-Reality-Nachmittagsprogramm von RTL, die natürlich auch Idioten sind, bahnbrechend und neu sind, die litearische Klinke in die Hand. Die grundlegenden Erkenntnisse, die uns hier präsentiert werden:

  1. Unsere Gesellschaft ist gefangen in der Routine des Selbstbetrugs
  2. Der ewige Konsum soll uns bei Laune halten und ölt das Getriebe der freudlosen Existenz
  3. Man sollte das machen, was einem gefällt, damit man nichts verpasst und glückseelig ins Elysium wandern kann
Man fühlt sich, als sei man Teil eines kitschigen Motivations- bzw. Lebensführungsworkshops für satte Manager mitte vierzig, in den Räumlichkeiten einer kalifornischen Abendschule. Die dröselige Rahmenhandlung, die Strelecky, aus welchem Grund auch immer, als Garnitur seiner klugscheißerischen Selbstverwirklichungsratschläge erwählt hat, gerät sowohl für den Leser als auch augenscheinlich für den Autoren, mit fortschreitender Seitenzahl, zunehmend in den Hintergrund. Was die, vom Autoren selbst gestellten Lebensfragen betrifft, so ist nicht einmal deren Beantwortung zufriedenstellend; gerade was die Thematik der Todesangst betrifft, erweist sich Strelecky als kurzsichtiger Schaumschläger; für ihn ist die Sache ganz einfach, wer gut lebt, hat nichts verpasst, und wer nichts verpasst hat, muss doch auch keine Angst vor dem Tod haben. Wenn es nur so einfach wäre, du dämlicher Wichtigtuer. Und in der Tat, der Autor ist ein ehemaliger Manager und ja, er gibt inzwischen konstenpflichte Seminare und Workshops für andere, von sich selbst angeekelte Anzugträger mit Surfer-Phantasien. Die acht Euro, die ich blindlinks in dieses Buch investiert habe, hätte ich gutenherzens auch für acht Überraschungseier ausgeben können, und wie ein Freund von mir weise bemerkt hat: "Das wäre dann wenigstens auch überraschend". Die Zeit, die ich jedoch dafür geopfert habe, und sei es auch nur sehr wenig Zeit gewesen, ist unbezahlbar - diese Erkenntnis wäre doch ganz im Sinne des Romans.

Also, mit den Worten des letzten großen Kritikers, vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie NICHT "Das Café am Rande der Welt" von John Strelecky!

A.

P.S. Gerade habe ich jemanden aus meiner Facebook-Freundesliste gelöscht, weil "leider geil" in seinem Status aufgetaucht ist. Macht mit!   

Montag, 7. Mai 2012

Verstört Euch!

Kiel, der Montag danach.

Das waren nun also die Landtagswahlen, die im Vorfeld als der ultimative Gradmesser für die Bundestagswahl im nächsten Jahr aufgebauscht wurden. Und? Ist die FDP zurück? Nein. In Schleswig-Holstein zeigt sich einfach nur, wie unglaublich wichtig ein Personenwahlkampf sein kann. Kubicki zieht - genauso wird Lindner ziehen nächste Woche. Die Leute wählen doch längst keine Ideologien, Ideen oder Überzeugungen mehr (bei den Volksparteein wird dies ja auch zunehmend schwerer), was zählt sind Köpfe - und das meine ich leider nicht metaphorisch. Ob dieser psychologische Winner-Impuls auf Dauer die FDP wieder wählbar machen könnte -  nicht für mich, aber zumindest für die alte Zielgruppe -, wird sich zeigen. Ich denke nicht mit dem aktuellen Vorsitzenden. Was ist noch so hängengeblieben? Ca. 50`000 Schleswig-Holsteiner, die beim letzten Mal noch die SPD gewählt haben, sind diesmal nicht einmal mehr zur Wahl gegangen. Erstaunlich, dass man dann trotzdem einen Stimmenzuwachs verzeichnen konnte. Aber was rede ich da, ich klinge schon wie Sigmar Gabriel, dessen polemisch-bauchige Lobeshymne gestern durchaus Comedy-Potential hatte.

In Russland wurden mal wieder Oppositionelle verhaftet und eingesperrt. Ob Philipp Lahm sich auch dazu 'ne dezidierte Meinung gebildet hat? Wenn jemand in Fusball-Deutschland so etwas wie moralische Intigrität besitzt, dann sicherlich ein Königsmörder und Starautor wie unser Außenverteidiger. Ob deswegen auch politischer Druck auf Putin ausgeübt wird? Ob Dirk Niebel jetzt auch nicht mehr nach Russland reist? Aber was soll's, darüber haben wir uns schon anderer Stelle aufgeregt.

 In Griechenland strömen Faschisten in's Parlament, die einen sofortigen Stop der Reperations-äh Rückzahlungen der Staatsschulden fordern. Wo hab ich das schon mal gehört?

In Frankreich musste Sarkozy abdanken. Aber die Liason mit der Kanzlerin hatte ja nun sowieso schon einiges an Dellen abbekommen und war zuletzt, auch durch Sarko's verrückte Wahlkampfmanöver, sichtlich ramponiert. Mal gucken, was nun passiert, mit Hollande, dem Neuen. Im Augenblick muss es ziemlich leicht sein, eine amtierende Regierung abzulösen oder in der stänkernden Opposition zu sitzen und darauf hinzuarbeiten: eigentlich muss man doch nur gegen den Zeitgeist und Europa schießen. Würde es hier schlechter laufen, müsste man wohl befürchten, dass es hier genauso wäre. Wählt mich, dann holen wir uns die D-Mark zurück, treten aus der EU aus, lassen Kinderschänder öffentlich hinrichten und verbieten den Islam - ich wette, dass man damit jetzt schon was reißen würde, obwohl die Krise Germany noch zu übergehen scheint - einfach, weil die Menschen blöd sind. Überall kehren die alten Symboliken und Gesten wieder - Geschichte wiederholt sich immer, was?

Aber kümmern wir uns nicht darum, solange die Sonne noch scheint. Das war meine Überleitung. Ich möchte euch den Song an's Herz liegen, der mit großer Wahrscheinlichkeit mein Sommerhit 2012 wird. Sowas sag ich oft, aber vielleicht meine ich es diesmal ja ernst. Die Band heißt Various Cruelties, der Song "Chemicals".

Ich wünsch euch noch einen schönen Abend und lasse, indem ich mit einem Zitat schließe, eine vergessene Tradition wieder aufleben.

A.

"Was Sie in dieser Welt tun, ist völlig bedeutungslos. Die Frage ist, wie Sie die Menschen dazu bringen können, zu glauben, daß Sie etwas getan haben." - Sherlock Holmes, in: Arthur Conan Doyle: Eine Studie in Scharlachrot



  

Samstag, 5. Mai 2012

Midnight Blues

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich ersichtlich ist, aber mit meinen Posttiteln verfolge ich ein Muster. Jeder Posttitel ist ein potentieller Romantitel. Warum ich das mache, weiß ich nicht genau. Ich schätze, ich finde es irgendwie, nun ja, cool. Ich wollte nur, dass ihr das wisst. Es ändert jetzt nichts, aber es ist ausgesprochen.

Im Fernsehen läuft nur Scheiße und irgendwie hab ich den Blues. In der letzten Stunde war ich fest der Überzeugung, ich müsste eine coole Folk-Version der Moorsoldaten fabrizieren, aber je mehr ich mich da reingespielt und reingesungen habe (was jetzt zugegebenermaßen nicht so unglaublich zeitintensiv war), desto mehr klang ich wie irgendein verschissener Nazi-Liedermacher, trotz des Kontextes, so vom Klang her. Ich mochte den Song schon immer. "Song" klingt komisch in diesem Zusammenhang. Ich weiß noch, wie wir ihn damals im Musikunterricht singen mussten. Mann, hab ich mir was eingebildet, dass ich das Lied schon kannte. Ich bin sicherlich ein bisschen geprägt, aber ich hatte immer eine Schwäche für traurige Soldaten-, Arbeiter,- und Gefangenenlieder. Dieser melancholische und trotzdem hoffnungsschwangere Pathos ist einfach großartig.  Ich bin damit aufgewachsen. Wenn ich mich zurück erinnere, sehe ich mich als fünfjährigen Jungen mit einem Überbiss in der kleinen Nische im Schlafzimmer meiner Großeltern, in der ich meine Spielsachen hatte, auf dem Boden sitzen, während ich meine Mutter mit großen Augen anstarrte und ihr dabei zu sah, wie sie um mich herum putzte und wir dabei beide lauthals sangen. Die traurigen Arbeiterlieder ihrer DDR-Schulzeit, die englischsprachigen 70'er-Hits, deren Texte wir beide weder verstanden noch wirklich konnten und ein paar Schlager von Roger Whittaker, Lena Valaitis und Juliane Werding. Wenn ich heute noch einmal an Johnny Blue oder Rio Bravo von Valaitis denke, dann schallen die Stimmen von meiner Mutter und mir, zusammen mit dem monotonen Geräusch des Staubsaugers aus meiner Erinnerung bis in die Gegenwart - an die Stimme der Interpretin kann ich mich nie erinnern, aber das ist auch nicht wichtig.   

Gleich ist es Mitternacht. Ich war eben noch einmal auf dem Balkon, um mich für heute von den Zigaretten zu verabschieden. Es ist angenehm kühl, und wäre nicht ein paar Türen weiter irgendeine bekackte Party, wäre es absolut still im Innenhof zwischen der Hausreihe, in der ich wohne und der gegenüberliegenden. So wird die Dunkelheit nur von den beiden LED-Augen meiner Solareule und dem fiebrigen Gegacker der Party gestört. Überhaupt stiften die kleinen Augen eine verrückte Atmospähre, wenn es dunkel ist.


Ich geh' jetzt ins Bett.

A.

Freitag, 4. Mai 2012

Im Licht der Sonne/Im Schatten der Europameisterschaft

Hey na,

ich habe eine neue Playstation gekauft und mich gegen die Welt entschieden. Es ist noch immer angenehm, hell und warm im Miami Schleswig-Holsteins', trotz der 90% Niederschlagswahrscheinlichkeit, die mir heute morgen von der Wetterstation in der Küche prophezeit wurden. Ich erkenn' Kiel kaum wieder. Wenn man bei diesem Wetter morgens um 09:00 Uhr durch den Norden von Kiel spaziert, sieht alles eigentlich gar nicht so schlimm aus, wie ich immer tue. Ich mag diese düsteren alten Fassaden mit den Gesichtern und Ornamenten oben am Giebel. Ob das tatsächlich der "Giebel" ist, den ich meine, kann ich nicht genau sagen. Und ob die Gebäude wirklich alt sind, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Fest steht aber, sie sehen imposant aus - ganz besonders in diesem angenehmen Glanz. Wenn nur diese nervigen Idioten in den Fußgängerzonen nicht immer schlimmer werden würden. Der Negativtrend dieses Frühsommers ist für mich jetzt schon: das gängige Studenten-Longboard. Vielleicht habe ich früher nicht so genau aufgepasst, aber ich bilde mir ein, dass seit ungefähr einem Monat wesentlich mehr solcher Scheißdinger unterwegs sind. Zu langsam für den verdammten Radweg, zu schnell für den Fußgängerstreifen. Aber ja so cool, die ganzen Pseudo-Jackass-Idioten. Sogar IN der Uni kann man nun schon das Geräusch der Rollen hören. Ignorantes Pack.

Das ist wie dieser Trend, seine Hunde nun schon mit in die Sparkasse oder in's Einkaufszentrum zu nehmen. Das kommt alles, weil die Leute irgendwann angefangen haben, Selbstbewusstsein mit Dreistigkeit zu verwechseln. Es hat einfach niemand mehr ein Gespür dafür, wann man eine Grenze überschreitet und anderen Leuten auf den Sack geht; Kant ist weg. Unverschämtheit ist ja inzwischen fast eine Tugend und gilt vielmehr als sympathisch - "Die ist nicht gerade auf den Mund gefallen, hehe" und so. Ich will das jetzt nicht nur an Skateboards und Hunden fest machen, aber ihr wisst doch, was ich meine. Das ist einfach eine generelle Entwicklung hin zum Schlechten. Früher haben sich doch keine Jugendlichen in den Bus gesetzt und Musik in Zimmerlautstärke gehört - egal, was andere davon halten mögen. Da hatte man Kopfhörer. Sicher, es gab auch noch keine Handys, die so laut waren, aber Kopfhörer gibt es immer noch! Alle sind laut und egozentrisch, telefonieren lautstark überall (auch in Bussen, Zügen und Restaurants), haben eklige Lachen, reden nur noch Scheiße und bekommen nicht mehr mit, wie bescheuert und ignorant sie geworden sind. Sicher es gibt Ausnahmen. "Alle" war vielleicht ein wenig überzogen, aber 50/50 ist das doch bestimmt schon. Und das zeigt sich überall: auf der Autobahn, auf den Schulhöfen, in Bussen, in Clubs, in Kinos. Auch in der Uni.

Ich sitze in der vorletzten Reihe. Vorn redet ein unscheinbarer Mann in einem grauen Sacko über das Jahr '33 und die von den Nazis stilisierte "nationale Revolution". Angry Birds habe ich durchgespielt. Die Panini-Sticker sind eingeklebt. Mein Blick fährt lüstern nach Beschäftigung durch den Hörsaal. Zwar ist es warm, doch sehe ich nur überraschend wenige H&M-Sommeroutfits. Jetzt brennt der Reichstag. Hinter mir tuscheln zwei halb-fette Mädchen ununterbrochen, während sie ihre Hausaufgaben oder was auch immer abgleichen. Zweimal habe ich mich bereits vorwurfsvoll umgedreht, doch sie setzen ihre behinderte Szene unbeeindruckt fort. Zu Schulzeiten waren die beiden sicherlich einigermaßen attraktiv, aber die einseitige Studentenernährung, die nunmal ein unvermeidbarer Bestandteil ihres ersten eigenen Haushaltes ist, hat zweifelsohne sichtbare Spuren hinterlassen - das haben sie sich jedoch wohl nicht eingestanden. Zumindest glaube ich das in ihrem Blick zu lesen, als ich mich erneut umdrehe. Unverständnis sieht mir aus halb-geöffneten Augen entgegen. Ich bin kein scheiß Moralapostel und will auch keiner sein. Ich bin auch bei weitem kein strebsamer, aufmerksamer Zuhörer, aber dieses halb-geflüsterte Gefasel im Nacken macht mich irre. Fast durchgehend, wie ein scheiß Tinitus oder das Zischen von Schlagen, von halb-fetten Schlangen. Ich bin sicherlich auch etwas empfindlich bei sowas: es fühlt sich an wie ein scheiß Bienenschwarm in meinem Kopf. Vor allem sind sie nicht leise, wenn die Hausaufgaben fertig sind; dann werten sie ihre scheiß Wochenenden und ihre Beziehungsgeflechte mit anderen Idioten aus. Ich wünschte, es gäbe keine Anwesenheitspflicht. Dann könnten die einfach in eine der schleimigen Campus-Suiten gehen und dort ihren Schwall von bedeutungsloser Scheiße loswerden.

Und diese ganze Scheiße mit Julija Timoschenko geht mir auch sowasvon auf die Eier. Ja, auch wenn ihre Tochter heiß sein mag. Zuallererst können sich die wenigstens hier ein wirkliches Bild über die Berechtigung ihrer Inhaftierung erlauben. Wir haben doch überhaupt keine Ahnung, worum es da geht. Hier wird klar Position bezogen und in der Öffentlichkeit eine Unterteilung in Gut und Böse vorgenommen: Timoschenko wird zur blütenweißen Schutzheiligin der Demokratie stilisiert, während ihr fieser Erzrivale als russlandnaher Diktator tituliert wird. Wenn eine ehemalige Großunternehmerin, die zu SU-Zeiten schon Millionen anhäufen konnte, schlagartig eine westlich-ausgerichtete Regierungschefin und Revolutionsikone wird, sollte dies immer ein wenig suspekt bleiben - selbst wenn sie hübsch sein sollte, verrückte Zöpfe hat und die Klitschkos sie toll finden - oder vielleicht gerade dann, zwinker, zwinker. Der Nutzen, den sie im Moment von den ausländischen Medien hat, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Natürlich scheinen die Haftbedingungen Timoschenkos' und generell eine Inhaftierungswelle bei Opisitionspolitikern auch nicht besonders anständig zu sein und legen den Verdacht nahe, dass das Methode in der Ukraine unter Janukowitsch hat, jedoch ist dieses ganze moralische Aufgeblähe im Augenblick nichts als Heuchelei und Anmaßung. Dass Janukowitsch auch nicht sauber sein wird, scheint auf der Hand zu liegen, doch wissen tun wir es doch auch nicht genau - und das Interesse daran, tiefer vorzudringen ist nicht zwangsläufig gegeben. Solcherlei Menschenrechtsverletzungen, wenn es denn tatsächlich welche sind, sollten immer verurteilt und scharf kritisiert werden. Immer, nicht nur, wenn gerade eine Fußballturnier stattfindet und sich der Wind der öffentlichen Meinung dahingehend dreht. Und nicht nur in der Ukraine. Was war denn mit der Olympiade in China? Hat da die Bild-Zeitung (Alles Gute, Axel Springer! 100 Jahre "Freiheitskampf"!) eine Verlegung der Spiele ähm z.b. nach Deutschland gefordert? Was ist mit dem Eurovision-Songcontest in Aserbaidschan? Da hält sich die öffentliche und polit-öffentliche Entrüstung doch auch noch in Grenzen, für meine Begriffe. Wolfgang Bosbach, seines Zeichens vielleicht der letzte Charakter in der CDU, und wahrscheinlich aus diesem Grund auch nur der Talk-Show-Minister, hat es richtig getroffen, als er sagte, dass es eben einen Unterschied mache, wo so etwas passiere (Menschenrechtsverletzung) - wenn es nun in China oder Russland sei, reagiere die Regierung dementsprechend eben anders, weil die ja nun mal mächtiger sein. Bosbach kommentierte seine eigene Äußerung sofort damit, dass dies, was er hier sage, natürlich nicht politisch korrekt sei, jedoch nun einmal der Wahrheit entspreche.  Dass der Bundespräsidentenkönig dort nicht Halt macht, entspricht einfach nur seinem Thema, ohne das jetzt despektierlich zu meinen. Alles andere könnte ihm als Inkonsequenz zur Last gelegt werden. Letztendlich muss Gauck nämlich auch an seinem eigenen Pathos bemessen werden. Der Kanzlerin würde ich unterstellen, dass sie das tut, was sie immer tut: sie hört auf ihren fast untrüglichen Instikt, was die öffentliche Meinung betrifft. Seit Monaten ist Timoschenko in Haft, seit ein paar Wochen echauffiert sich jedoch erst der deutsche Boulevard - die EM rückt eben näher. Und warum zum Teufel fahren eigentlich so viele Politiker wie selbstverständlich dorthin. Nach all diesen Mätzchen über Kartenvergabe und Lotterieverfahren haben sämtliche deutsche Politiker Karten? Dass Merkel geladen ist, sehe ich ein. Aber warum das gesamte Kabinett? Warum die Opposition? Warum die gesamte EU-Kommission? Und die Forderung nach einer Verlegung der ukrainischen Spiele nach Österreich oder ähm z.b. Deutschland hat unserer Nationalmannschaft die Pfiffe in sämtlichen EM-Stadien jetzt schon garantiert. Da werden sich unsere politisierten Bildungsbürger Özil, Podolski und Reus aber bedanken.

Wenn wir schon auf jemanden mit dem Finger zeigen wollen, dann müsste dies die UEFA sein, die FIFA und all die anderen Institutionen, deren Ethik-Kommissionen, wohl nicht einmal mehr nur das Gefühl, sondern eher Fingerspitzen generell fehlen. Da sitzen die eigentlichen Vampire, Diktatoren und Opportunisten. Blatter, Platini und Ecclestone stoßen wahrscheinlich gerade ihre Kristallgläser voller Blut aneinander und lachen sich über den Zirkus schlapp, der ihnen nichts anhaben kann.

Fair Play,
A.           

Dienstag, 1. Mai 2012

Post von Wagner

Dienstag, Tag der Arbeit.

Liebes Tagebuch,
warum zum Teufel wünschen sich auf Facebook die ganzen Idioten einen schönen 1. Mai? Als wär' das scheiß Weihnachten oder Ostern. Ich empfinde natürlich, wie auch die Meisten, grenzenlose Dankbarkeit für jeden Tag, an dem ich nicht am Rattenrennen teilnehmen muss, aber dazu beglückwünscht zu werden, ist auch irgendwie behindert, oder bin ich da altmodisch? Das mag nämlich auch sein. Ich komme aus einer Zeit, in der R&B und Trance/House noch unterschiedliche Musikrichtungen waren, in der das Fernsehprogramm noch nicht ganz so voll mit verseuchter Scheiße war, in der die Leute noch wussten, dass Apple nur was für Idioten ist, in der die meisten Dinge noch Kabel hatten, in der das Ü-Ei noch keinen Sidekick hatte, in der Angela Merkel noch nicht Kanzlerin war, in der Hansa Rostock noch in der ersten Liga spielte, in der morgens im Fernsehen noch Zeichentrickfilme liefen und nicht Bibel.TV und die scheiß Wiederholungen von Gute Zeiten, Schlechte Zeiten, und, in der vieles einfach schöner war. 

Apropros Bibel.TV, die haben heute morgen irgendeinen geläuterten Gangster interviewt, welcher von sich selbst behauptete, bevor er als Christ wiedergeborenen wurde bla bla, ein Thug gewesen zu sein, wie die meisten seiner Freunde. So weit, so uninteressant. In der deutschen Synchronisation haben die Homies von Bibel.TV jedoch "Thug" mit "Strolch" übersetzt, was dem ganzen einen ziemlichen Comedy-Drive verpasste. "Ich und die anderen Strolche, wir haben eben Wohnungen und so ausgeräumt; wir haben das getan, was Strolche so tun: wir tranken und schlugen Frauen." Der Strolch, der hier, in dem Beitrag, thematisiert wurde, habe sogar mal einen "Beat" für die "Miezen vom "Wotangklan" "gemixt". Ich bin mir nicht sicher, ob die Erleuchteten hinter den Kulissen von Bibel.TV mit den 3-5 Elementen des Hip-Hop vertraut sind. Erinnert ihr euch noch an Tupac's Gassenhauer Thugz Mansion - Das Herrenhaus der Strolche?



Es gibt selten Gelegenheiten, eine so gute Investition zu tätigen: eine solar-betriebene Eule mit LED-Augen. Ja, sobald es dunkel wird, beginnen nun die kleinen Eulenaugen meinen Balkon zu bestrahlen. Das ist weder trashig noch irgendwie schrullig, sondern einfach ziemlich cool. 


Heute, nach fast fünf Jahren, hat meine Playstation 3 endgültig ihren Geist aufgegeben. sie ist tot - in der Szene (ich hab die Symptome gegoogelt) spricht man von "YLOD" - "Yellow Light Of Death". Das mag pathetisch klingen, aber es gefällt mir wesentlich besser als: "Ja, ist' überhitzt, ne? Die Platine und so sind geschmolzen." Und schon wieder plagen einen Verlustschmerzen. Erst Schmidt, dann Gottschalk, dann unser Nachbar und jetzt die Playstation. 2012 scheint wirklich 'ne todbringende Wirkung zu haben. Ich habe nun zwei Möglichkeiten: 

  1. Ich gestehe mir ein, dass eine Playstation ein Luxusgut ist, welches jenseits meiner eigentlichen, finanziellen Möglichkeiten liegt. Ich hatte sie nur, weil sie mir geschenkt wurde. Ich kann nicht wirklich einfach mal 250€ raushauen, um mir 'ne Neue zu holen. Abgesehen davon, wäre es doch ein schönes Signal, um zu der Erkenntnis zu gelagen, dass ich meine Zeit auch sinnvoller verbringen könnte. Ich könnte die Welt verändern, statt Fifa 12 zu spielen.
  2. Ich scheiß auf die Vernunft und besorg mir - auf welchem Wege auch immer  - schnellstmöglich eine neue verdammte Playstation - Lieber Fifa als Weltrettung.
Die Wahl wird mir schwer fallen. 

Morgen endlich wieder Uni. Da draußen ja nun seit drei Tagen mal zweistellige Temperaturen waren, kommt es wahrscheinlich zur gewohnten Überreaktion: Flip-Flops, kurze Hosen, Sonnenbrillen - die Karikatur von Menschen im Sommer wird morgen im Hörsaal sitzen - mit mir.

Bla,
A.