Donnerstag, 10. Mai 2012

Das Café am Rande des Erträglichen

Draußen fühlt es sich an, als wäre man in einem verschissenen Tropenwald. Nach nur sieben Minuten Zigarettenpause meint man, es läge sich ein feuchter Film auf die Haut. Gerade als ich mich hingesetzt habe, um diese wichtigen Worte hier niederzuschreiben, bricht ein heftiges Gewitter über Kiel herein. Der Donner, der das Ganze ankündigte, war so laut und explosionsartig, dass ich dachte, irgendetwas anderes passiert im Innenhof. Mit einem Lächeln nehme ich nebenbei zur Kenntnis, dass sich Hertha BSC wieder auf dem Weg in die zweite Liga befindet.

Ich möchte eine neue Rubrik im IADST-Blog einführen: Bücher, die niemand lesen sollte! Immer, wenn ich von nun an ein Buch lese, was ich wirklich scheiße finde, werde ich es hier vorstellen und euch wärmstens an's Herz legen, es unter keinen Umständen zu lesen - es sei denn, um nachzuempfinden, warum es so kacke ist. Es soll mir nicht darum gehen, schlechte Bücher zu finden, zu lesen und anschließend niederzumachen, sondern darum, meine Enttäuschung in Worte zu fassen, wenn ich Zeit und Geld in - für mich - Mist investiert habe, der eigentlich vielversprechend klang. 

"Das Café am Rande der Welt" von John Strelecky

Ein Mann, gestresst und ausgepummt von Job, Karriere und Ellenbogengedusel, macht sich auf zu einem Wochenendausflug, um die "eigenen Batterien aufzuladen", wie er es selbst kommentiert. Als er in einen Stau gerät, beschließt er kurzerhand vom Highway abzufahren und auf eigene Faust nach einer Abkürzung zu suchen. Genervt von endlosen Landstaßen, Hunger, der anbrechenden Dunkelheit und der Erkenntnis, dass er sich völlig verfahren hat, strandet er schließlich in einem kleinen Café am Straßenrand, welches wir, mit unserem Hollywood-Filmwissen, wohl eher als "Diner" bezeichnen würden. Er setzt sich, schlägt die Speisekarte auf, hält Smalltalk mit der Bedienung, schaut sich um - bis ihm plötzlich etwas an der Karte auffällt. Nicht die Speisen sind außergewöhnlich, sondern drei Fragen, welche unheilvoll unter den Gerichten aufgeführt sind: "Warum bist du hier?", "Hast du Angst vor dem Tod?" und "Führst du ein erfülltes Leben?".

So weit, so gut. Hätte John Strelecky, der Autor dieses Kurz-Romans, zu diesem Zeitpunkt aufgehört zu schreiben und stattdessen jemanden kontaktiert, der über so etwas wie literarisches Geschick und, nunja, Phantasie verfügt, hätte aus dem Plot tatsächlich eine recht gute Geschichte für desillusionierte Lebensführungs-Romantiker wie mich werden können. Jedoch ist das, was man hier zu lesen bekommt, ein großer, liebloser Haufen Moralgeschisse. Das Problem ist nicht, dass der Autor nichts zu sagen hätte, das hat er nämlich tatsächlich, das Problem ist, dass er einfach kein guter Schriftsteller ist. Lieblose und klotzige Dialoge, gegen die selbst das rhetorische Ping-Pong im Scripted-Reality-Nachmittagsprogramm RTL's realitätsecht und oscar-ambitioniert wirkt, geben sich mit Selbst- und Lebenserkenntnissen, die höchstens für Idioten und Zuschauer des Scripted-Reality-Nachmittagsprogramm von RTL, die natürlich auch Idioten sind, bahnbrechend und neu sind, die litearische Klinke in die Hand. Die grundlegenden Erkenntnisse, die uns hier präsentiert werden:

  1. Unsere Gesellschaft ist gefangen in der Routine des Selbstbetrugs
  2. Der ewige Konsum soll uns bei Laune halten und ölt das Getriebe der freudlosen Existenz
  3. Man sollte das machen, was einem gefällt, damit man nichts verpasst und glückseelig ins Elysium wandern kann
Man fühlt sich, als sei man Teil eines kitschigen Motivations- bzw. Lebensführungsworkshops für satte Manager mitte vierzig, in den Räumlichkeiten einer kalifornischen Abendschule. Die dröselige Rahmenhandlung, die Strelecky, aus welchem Grund auch immer, als Garnitur seiner klugscheißerischen Selbstverwirklichungsratschläge erwählt hat, gerät sowohl für den Leser als auch augenscheinlich für den Autoren, mit fortschreitender Seitenzahl, zunehmend in den Hintergrund. Was die, vom Autoren selbst gestellten Lebensfragen betrifft, so ist nicht einmal deren Beantwortung zufriedenstellend; gerade was die Thematik der Todesangst betrifft, erweist sich Strelecky als kurzsichtiger Schaumschläger; für ihn ist die Sache ganz einfach, wer gut lebt, hat nichts verpasst, und wer nichts verpasst hat, muss doch auch keine Angst vor dem Tod haben. Wenn es nur so einfach wäre, du dämlicher Wichtigtuer. Und in der Tat, der Autor ist ein ehemaliger Manager und ja, er gibt inzwischen konstenpflichte Seminare und Workshops für andere, von sich selbst angeekelte Anzugträger mit Surfer-Phantasien. Die acht Euro, die ich blindlinks in dieses Buch investiert habe, hätte ich gutenherzens auch für acht Überraschungseier ausgeben können, und wie ein Freund von mir weise bemerkt hat: "Das wäre dann wenigstens auch überraschend". Die Zeit, die ich jedoch dafür geopfert habe, und sei es auch nur sehr wenig Zeit gewesen, ist unbezahlbar - diese Erkenntnis wäre doch ganz im Sinne des Romans.

Also, mit den Worten des letzten großen Kritikers, vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie NICHT "Das Café am Rande der Welt" von John Strelecky!

A.

P.S. Gerade habe ich jemanden aus meiner Facebook-Freundesliste gelöscht, weil "leider geil" in seinem Status aufgetaucht ist. Macht mit!   

Kommentare:

  1. Du liest ein Buch zu Ende das Dir nicht gefällt? Wenn ich nicht nach spätestens 30 Seiten überzeugt bin lege ich das Buch wieder weg. Manchmal mache ich nach ein paar Wochen, Monaten oder auch schon mal Jahren einen zweiten Versuch. Meistens mit gleichem Ergebnis. Dann findet sich entweder ein dankbarerer Leser oder es fliegt in die Tonne.

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  2. Na klar, das war ja nicht besonders dick. Außerdem hatte ich da gerade für bezahlt und ich bin arm.

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  3. Arm? Ich dachte ich hätte da etwas von einer Spielekonsole gelesen, hmmm.
    Wie auch immer, es ist in der Tat immer ärgerlich Geld für etwas ausgegeben zu haben was die Erwartungen dann doch nicht erfüllt.

    Nach welchen Kriterien kaufst Du ein Buch? Kritiken? Autor? Plot? Empfehlungen von anderen?
    Ich für meinen Teil lasse mich oft schon vom Cover und Titel einwickeln oder auch abschrecken. Klappentext lesen, kurze Leseprobe auf ca. Seite 20 - dann kommt es entweder mit oder nicht. Meistens eher nicht.

    Grüße!

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    1. Eine Playstation ist irgendwie nicht mal mehr ein Luxusgut. Und abbezahlt ist die wahrscheinlich in 25 Jahren.

      Was die Anregung zum Buchkauf betrifft, gibt es da mehrere Möglichkeiten: Ich bin ein fleißiger Zuschauer von Druckfrisch, Denis Scheck's Literatursendung im Ersten. Manchmal lass' ich mich da inspirieren.
      Oder ich verbringe eine halbe Ewigkeit im Buchladen - die Sache mit den Titeln und den Covern kann ich absolut bestätigen. Ansonsten kann ich das gar nicht so genau sagen, ich bin da sehr schwierig; ich kümmere mich immer schon um ein neues Buch, während ich das eine noch nicht einmal ausgelesen habe - damit ich genug Sorgfalt walten lassen kann und kein Leerlauf ensteht. Ich ärgere mich schrecklich darüber, wenn ich feststellen muss, dass ich eine falsche Entscheidung getroffen habe.

      Um es kurz zu machen:
      Ein Mix aus Allem: Empfehlungen, Kritiken, Stimmung, Plot und Autor!

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