Sonntag, 20. Mai 2012

Erinnerungen im Filter der Sonne

Feiertage und Geburtstage treiben mich immer wieder zurück nach Hause. Aus dem Nichts finde ich mich dann auf all den Schlachtfeldern, an all den Mahnmalen meiner Jugend wieder und begaffe diese, wie ein rührseliger Tourist. Ich bin ein unheilbarer Nostalgiker, und wenn ich in Gesellschaft bin, wird alles nur noch schlimmer, weil ich ein Elefantenhirn habe, indem zwar nichts von Nutzen, dafür aber Millionen von kleinen und persönlichen Anekdoten gespeichert sind, die ich unaufhörlich und immer mit dem gleichen Enthusiasmus ablasse, wie diese bescheuerten Kopfhörer, mit denen man durch die Museen dieser Welt stolziert und dabei fast immer, wie ein Idiot aussieht. Ich merke mir so viele kleine Geschichten und Einzelheiten, aber nie, wem ich sie schon erzählt habe. Wie mag das erst werden, wenn ich alt bin?

Manchmal, wenn ich ein bisschen was getrunken habe, komme ich an einen Punkt, an dem sich mein Blick irgendwie verklärt. Das ist nun nichts furchtbar Außergewöhnliches. Ich rede auch nicht davon, dass mir schlecht oder schwinderlig wird oder so. Ich bin einfach ungeheuer überschwänglich und begeistert von Dingen, die ich gelernt habe, zu ignorieren. So ging es mir am Freitag: Die Rapsfelder, die kleinen Dörfer, der Strand in Boltenhagen - all das war auf einmal schöner als je zuvor. Ich habe unaufhörlich davon geredet, wie schön und eindrucksvoll ich das alles finde, auch auf die Gefahr hin, dass ich es durch mein angesoffenes Gelaber ein bisschen entzaubere. Ich habe ununterbrochen geraucht, bin freudestrahlend in die Tankstelle gestürmt, in der ich schon vor Ewigkeiten Bier und Zigaretten gekauft habe, um mir Nachschub zu holen und konnte meinen Blick einfach nicht von all dem ablenken, was am Auto vorbeiraste. Am Strand angekommen, ging ich geradewegs in die stinkenste öffentliche Toilette, die mir bisher untergekommen ist (und ich war schon mehrfach in Frankreich), bevor ich auf den Sand und ans Wasser trag. Obwohl es so warm war, zogen nur ein paar Rentner und wenige Kinder oder Jugendliche ihre Bahnen. Ein paar hundert Meter weiter versuchte ein Junge, seine Begleitung mit einem Sportdrachen zu beeindrucken. Alles war ruhig, selbst die See versuchte sich möglichst geräuschlos zu verhalten.

Boltenhagen-Redewisch
Zwar reichte meine Geduld nicht bis zum Sonnenuntergang, aber das Gefühl von Freitag blieb mir erhalten. Sicher, als ich nüchterner wurde, war es nicht mehr ganz so imposant, aber ich hatte es ja auch ein bisschen aufgebauscht. Die Rückfahrt durch die Felder und über die Äcker war schön. Ich hab' vorgegeben, den Weg zu kennen, aber eigentlich improvisierte ich, um noch ein bisschen in dieser Atmosphäre herumzutreten und Erinnerungen in mich aufzusaugen. Als wir gerade durch irgendein stillgelegtes Landwirtschaftsgelände fuhren, konnte man direkt in die Seele Mecklenburgs sehen - ohne jetzt zu pathetisch zu werden: Das Gerippe eines ehemaligen Nutzgebäudes, das beschmiert und verwahrlost, alten Zeiten hinterhertrauert und dabei in dieser romantischen Kulisse verfault.

Irgendwo in Mecklenburg
Aber wenn die Sonne bzw. ihr Untergang einen Sepiafilter auf alles und jeden legt, sehen selbst die Überreste der DDR-Agrarpolitik aus, als altern sie in Würde, Schönheit und Anmut. Doch nur, wenn man was getrunken hat und es nicht regnet.

Gefühlt habe ich den Rest des Wochenendes in der Sonne gelegen und gelesen. Ich hatte sogar Sonnenrand auf dem rechten Arm. "Katzentisch" ist ein wundervolles Buch. Keine Panik, ich schreib' jetzt keine beschissene Rezension - das mache ich nur bei Scheißbüchern. Es ist so schön erzählt, so einnehmend und gut. Ihr solltet es alle lesen. Es hat entscheidend zu meinem sonnigen Gefühlstaumel beigetragen und mich motiviert, in meinen eigenen Kindheitserinnerungen zu schwelgen; Erinnerungen an Verflossene, an Strandausflüge, an Dummheiten, an Eindrücke und Gedanken, die kaum noch nachvollziehbar sind. Es ist fast immer Sommer, wenn ich mich zurückerinnere. Ich gehe mir selbst ein bisschen auf die Nerven mit diesem ganzen Zeug, aber es ist nun'mal das, was ich empfinde, und wo gehört das sonst hin, wenn nicht in's Internet? Kurzzeitig möchte ich mich bei allen melden, mit denen ich damals und jemals befreundet war, sie fragen, wie es ihnen geht - aufrichtig und ohne Heuchelei, sie wiedersehen und den Abstand der Jahre vergessen machen. Miteinander Lachen und Weinen über all das, was war - ohne befangenen Small-Talk und Geprahle, was man tolles aus seinem Leben gemacht bzw. nicht gemacht hat, kein Schöngerede. Aber ich tue nichts. Vielleicht gratuliere ich bei Facebook. Vielleicht checke ich aber auch lieber meine E-Mails.

Vor zwölf Stunden lag ich noch mit "Katzentisch" in meinen Händen auf der Terrasse, hab' mir die Sonne auf die weißen Füße scheinen lassen und den Kasslerbraten gerochen, den meine Mutter gerade aus dem Ofen geholt hat. Durch das ganze Haus schallt Countrymusik und gibt dem ganzen so ein wohliges Südstaatenfeeling, als säßen wir tatsächlich in South Carolina und warteten auf das Essen von Mommy. Vor ein paar Monaten haben sich meine Eltern so ein futuristisches Internetradio gekauft, aber statt es dazu zu nutzen, das Ohr buchstäblich auf den Puls der Zeit zu legen, hören sie ununterbrochen einen amerikanischen Countrysender - "Da labert nicht einmal jemand zwischen den Liedern", berichtete mir meine Mutter gleich. Ich weiß, was sie meint; ich hasse diese verschissenen Arschlöcher auch wie die Pest. Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt, allein und aus freien Stücken, das Radio angeschaltet habe. Die Nachrichten sind alt, die Musik scheiße und diese verfickten Scherzkekse aus sämtlichen Morgensendungen lassen mich fast kotzen vor Wut. Ich hab' eigentlich nichts gegen Gerede im Radio, so theoretisch. Ich hab' nur lange niemanden mehr gehört, der sympathisch war.

A.      

1 Kommentar:

  1. Erinnerungen, ausgelöst durch Heimatbesuche oder Heimatgefühle, kenne ich nur zu gut. Und dann trifft man jemanden, hat einige schöne Stunden zusammen, in der die Vergangenheit eine ähnlich große Rolle spielt wie die Gegenwart. Man ist glücklich und schwört sich, Kontakte wieder aufzunehmen, mehr zu pflegen. Beseelt von diesem Gefühl fährt man nach Hause - sicher dass es dieses Mal anders wird. Man wird einen Brief schreiben, mit Füller auf Papier, an die liebe Freundin. Und anrufen wird man sie ab sofort auch regelmäßiger.
    Und dann geht all das wieder im Alltag verloren. Man könnte es sich mit so wenig Aufwand schön machen, wenn nur diese furchtbare Lethargie wäre, die einen immer wieder überfällt. Sehr schade.

    Das Thema Radio sehe ich genauso. Ich habe den Eindruck je penetranter die Stimmen und flacher der Humor desto eher kriegt man einen Moderatorenjob beim Radio. Es wird über alles mögliche gequatscht, nut Titel und Interpret eines Musikstückes, der wird einem nicht (mehr) verraten.
    Aus diesem Grund höre ich auch fast kein Radio mehr, und wenn dann nur noch den Heimatsender, den ich hier schönerweise empfangen kann. Und das auch im Grunde genommen wegen der oben erwähnten Heimatgefühle, die sich dann einstellen können.

    Facebook? Ein Versuch, Kontakte aufzufrischen? Dann wünsche ich gutes Gelingen!

    Und zu guter Letzt: schönes neues Foto. Tolle Atmosphäre. Oder wie man jetzt wohl sagt "I like".

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