Samstag, 26. Mai 2012

Ich und der Esel? Der Esel und ich?

Ich boykottiere das gute Wetter. Wo ist mein altes Kiel? Mein Kiel mit Wind, Regen und Nebel? Das kann doch nicht wahr sein. Es ist gerade einmal Mai und alles blüht, lacht und schwitzt. Ist das schon die globale Erwärmung? Ich glaub' nicht, schließlich hat irgendwer mir gerade neulich erzählt, dass sich das jemand sowieso nur ausgedacht hätte, wie den Weihnachtsmann, Nessie, die Carmagnola-Minze oder die Protokolle der Weisen von Zion. Ich hab' mich mit meinem Laptop auf den Balkon geflüchtet - nicht, weil ich mich auf den verfrühten Sommer einlassen wollte, sondern, weil die fette Frau über mir der Meinung ist, es wäre Zeit, Staubzusaugen. Wenn sie das tut, ist nicht das Geräusch des Staubsaugers das Problem, sondern die Art, wie sie ihn benutzt. In meiner Wohnung, und deswegen aller Wahrscheinlichkeit nach auch in ihrer, sind, bis auf Badezimmer und Küche, alle Räume mit altem Pakett ausgelegt. Es ist mehr ein Scharben, als ein Saugen. Sie kratzt mit Gewalt ihren Boden sauber und scheint dabei leider keinerlei Rücksicht auf umliegende Möbelstücke zu nehmen. Es klingt, als würde sie Hockey spielen, wenn auch allein - sonst würde man schließlich auch ihren idiotischen Marine-Mann Rumschreien hören. Vielleicht bin ich einfach ein wenig überempfindlich. Wahrscheinlich sogar. Wahrscheinlich hört es sich bei mir ja genauso an.

Das Geräusch von jemandem in Schlappen oder Flip-Flops zertritt meine Gedanken. Ich stelle kurz die Bierdose und den Laptop (friendship is rare) zur Seite und werfe einen unauffälligen, ninjaäsken Blick über die Brüstung. Da geht sie. Ihr Boykott war offensichtlich nicht so hartnäckig wie meiner. Mit festen Schritten (wie auch sonst?) und diesem unnachahmlich-nervigen Geräusch überquert sie das grün-gelbe Schachbrett aus Gras und Löwenzahn im Innenhof. In ihrer rechten Hand hält sie eine zusammengerollte Illustrierte, festumklammert, wie eine Keule. Welche Zeitschrift, kann ich nicht erkennen. Ich wär' kein guter Ninja; meine Augen sind nicht gut auf die Entfernung und meine Hände zittrig. Sich die Haare abzuschneiden, war keine besonders gute Idee von ihr, das kann ich sogar von hier oben beurteilen. Es sieht nicht besser aus - aber zugegeben, auch nicht viel schlechter. Eigentlich war sie nie unfreundlich zu mir, aber ich kann sie einfach nicht leiden. Es sind die Geräusche, die sie macht, die mich dazu gebracht haben: Ihre stampfenden Schritte, die bescheuerte Musik, die sie in völlig unverhältnismäßiger Lautstärke mindestens viermal pro Woche anhat, das Geschrei, wenn sie sich mit ihrem Mann streitet - manchmal muss ich den Fernseher lauter drehen, weil sie ihren Fernseher so laut gedreht hat. Das alles genügt für eine reine und unverfälschte Aversion gegen die dicke Frau.

Ich würde auch gern am Strand liegen und baden. Aber leider nur, wenn ich dort allein wär'. Ich möchte die Atmosphäre nicht teilen, höchstens mit den Personen, mit denen ich dort wäre. Keine spielenden Kinder. Keine Gespräche, die vom Wind herüber geweht werden. Keine Drachen. Keine Sandburgen. Kein Volleyball. Keine Anderen. In Südnorwegen, etwa zwanzig Autominuten entfernt von dem kleinen Dorf, in dem meine Eltern immer mit mir ihren Sommerurlaub verbracht haben, gab es einen wunderbaren Strand: Lomsesanden




Weißer Sand, endlose Dünen, kleine  Felseninseln am Horizont und Klippen, die den Strand wie eine Lagune gegen den Rest der Welt abgrenzen. Trotz dieser Traumkulisse, trotz Campingplatz, trotz Tourismusgebiet war der Strand nie so unglaublich übermäßig besucht - zumindest nicht flächendeckend. Zugegeben, das Wasser war manchmal wirklich verflucht kalt - es ist eben Norwegen und nicht El Arenal. Lomsesanden war mein Strand. Dort hab ich gelegen, wurde braun, habe Songs auf meinem Disc-Man/MP3-Player gehört, die mich heute noch daran erinnern, wie schön es in Lomsesanden war; wie schön es war, die Atmosphäre und alles in mich aufzusaugen und mich darüber zu freuen, dass die ganzen bescheuerten Mallorca-Touristen glauben, in Norwegen würde man frieren und in Fjorden angeln. Hier saß ich über Jahre im Sand, neben Freunden, Verwandten und Freundinnen. 


Ich hatte mich verändert, jedes Mal, die Menschen, die mit mir dort waren, waren andere, aber der Strand blieb immer gleich, immer paradiesisch. Hier wurden meine Maßstäbe geformt und gefestigt. Die Maßstäbe, mit denen nichts mehr mithalten kann, was ich mir jetzt leisten könnte. Also bleibe ich hier, im Elfenbeinturm, während alles in die Parks und an die Strände zum Spaß haben strömt, wie Lemminge, bleibe blass, ärgere mich über den Lärm, den die Leute im Haus machen und schreibe dieses selbstgerechte Zeug. Am Ende bin eben doch ich der Idiot.

Liebe Grüße und ein schönes, sonniges Wochenende,
A. 

    

Kommentare:

  1. Ich habe mich heute ebenfalls nur eine gute Stunde aus dem Haus gewagt. Weil ich einkaufen MUSSTE.
    Samstage in der Stadt sind voll. Samstage in der Touristensaison sind voller. Samstage in der Touristensaison mit schönem Wetter sind abartig. Und wenn dann noch Aalregatta ist - fehlen mir die Worte.
    Den Rückweg habe ich über die Strandpromenade gewählt. FEHLER!!!
    Ich war froh zu Hause zu sein, in meiner Ruheoase. Elfenbeinturm beschreibt es eigentlich ziemlich gut.
    Und während andere sich am Strand geröstet und vermutlich jede Menge Müll gemacht haben, stand ich in der Küche und habe gebacken. Weil irgendwas muss man ja machen.
    Später, wenn es dämmerig wird und alle zu Hause sind um sich die Wampe vollzuschlagen, werde ich mich noch mal an der Strand wagen. Dann dann ist man dort tatsächlich meistens alleine...

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  2. Ich war heute ganztägig inhäusig(-> neues Lieblingswort!) und habe gebacken, geputzt und gebügelt.
    Musste halt gemacht werden, und ich bin schließlich keine Wettersklavin!

    Dir auch ein schönes Wochenende.

    PS: Hast Du die "Protokolle der Weisen" gelesen und könntest mir einen kurzen Abriss geben?
    Ich habe es in deutsch und englisch hier seit Jahren herumliegen, komme aber in beiden Sprachen nicht weiter als Seite 4. Gähn.

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    1. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich dachte eigentlich, dass die Protokolle inzwischen unter den Verfassungsschutz fallen. Wenn du dich dafür interessierst, empfehle ich dir "Der Friedhof in Prag" von Umberto Eco. Der übertrieben gut recherchierte Roman thematisiert die Enstehungsgeschichte der Protokolle; sowohl ihre Ursprünge und ihr politisches Umfeld als auch ihre Wirkung über die Zeit. Soweit ich weiß, besitzt Eco selbst viele historische Dokumente dazu und hat sich eingehend und forschend mit der Thematik beschäftigt. Bis auf den Protagonisten sind alle Personen verbrieft und real. Das wäre, glaube ich, der Abriss, der dir vorschwebt, oder?

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  3. Super! Danke für den Eco-Tipp.
    Die englische Ausgabe habe ich vor ca. 25 Jahren von einer Urgroßtante bekommen, mit den Worten:
    "Versteck es gut und lass Dich damit nicht erwischen!"
    Die deutsche Ausgabe habe ich vor 4-5 Jahren ganz "normal" über Amazon bestellt.
    Bleibt zu hoffen, dass ich nicht vom BKA überwacht werde ;-)

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    1. Ja, das ist gar nicht so unglaublich unwahrscheinlich. So weit ich weiß, bildeten Elemente der Protokolle auch einige der Grundsäulen für Hitlers jüdisch-bolschewistische Verschwörungstheorien in "Mein Kampf" - und änhlich wie bei Hitler's Buch lassen sich nun (Stand Heute) auch nur sekundär-litearische Erzeugnisse im Amazon-Sortiment finden. Gut möglich, dass es inzwischen nicht mehr rechtens ist, ein so antisemitisches Pamphlet wie die Protokolle zu verkaufen. In Köpfen voller Stroh entfacht so etwas leicht ein Feuer.

      In zwei Jahren laufen die Urheberrechte für "Mein Kampf" ab, was bedeutet, dass der Freistaat Bayern, der seit Hitler's Tod die Vertriebsrechte verwaltet, keine Möglichkeit mehr hat, den Druck und Vertrieb zu verhindern. Lizenzfrei werden Millionen von Exemplaren den deutschen Buchmarkt fluten. Nicht auszudenken, was da alles mit rein spielt, wer da alles mitverdienen will. Man denke nur an den Volksverlag der Springer-Presse. Das wird gruselig. Was meinst du, wie befremdlich das aussehen wird, wenn Adolf Hitler mit "Mein Kampf" auf der Spiegel-Bestsellerliste landet - und ich denke das Interesse daran wird so groß sein, dass das geschehen wird.

      Von wann sind deine Ausgaben der Protokolle?

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  4. Oha, dann bin ich mal gespannt, was in 2 Jahren passiert und wie in den Medien bzw. in der Politik damit umgegangen wird.

    Die englische Ausgabe habe ich ca. Mitte der 80er bekommen, habe sie nicht mehr gefunden,; Altpapiercontainer vermute ich ....
    Die deutsche ist von 2003.

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    1. für die alte englische Ausgabe hättest du sicher einiges bekommen können. wer wird bei der deutschen Ausgabe als Autor angegeben?

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    2. Das hätte ich nie verkauft; ich will schließlich nicht "öffentlich" mit einem Buch fragwürdigen Inhalts in Verbindung gebracht werden.

      Im deutschen Buch sind die Protokolle zu lesen, plus Texte, Erläuterungen und Kommentare von Jeffrey L. Sammons.

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    3. Das ist wahr. Du hättest es als Erbstück ausweisen können, aber das hätte auch ein merkwürdiges Licht auf deine Familie geworfen. Wie gesagt, lies "Der Friedhof in Prag". Der Roman ist zwar nicht der entertaiment-mäßige Oberhammer, aber es sollte den Zweck erfüllen und die vermeintliche Bildungslücke schließen können. Außerdem ist es interessant zu lesen, wie die vielen antisemitischen Strömungen langfristig und unweigerlich in die Shoa zu münden scheinen. Mir kam es früher immer so vor, als sei Judenhass ein Phänomen des ausklingenden 19. Jahrhunderts und des 20. Jh. Dass die Nazis eine wesentlich ältere und gesamtgesellschaftliche Strömung voller jahrhundertealter Ressentiments aufgegriffen haben, habe ich erst später begriffen.

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