Freitag, 4. Mai 2012

Im Licht der Sonne/Im Schatten der Europameisterschaft

Hey na,

ich habe eine neue Playstation gekauft und mich gegen die Welt entschieden. Es ist noch immer angenehm, hell und warm im Miami Schleswig-Holsteins', trotz der 90% Niederschlagswahrscheinlichkeit, die mir heute morgen von der Wetterstation in der Küche prophezeit wurden. Ich erkenn' Kiel kaum wieder. Wenn man bei diesem Wetter morgens um 09:00 Uhr durch den Norden von Kiel spaziert, sieht alles eigentlich gar nicht so schlimm aus, wie ich immer tue. Ich mag diese düsteren alten Fassaden mit den Gesichtern und Ornamenten oben am Giebel. Ob das tatsächlich der "Giebel" ist, den ich meine, kann ich nicht genau sagen. Und ob die Gebäude wirklich alt sind, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Fest steht aber, sie sehen imposant aus - ganz besonders in diesem angenehmen Glanz. Wenn nur diese nervigen Idioten in den Fußgängerzonen nicht immer schlimmer werden würden. Der Negativtrend dieses Frühsommers ist für mich jetzt schon: das gängige Studenten-Longboard. Vielleicht habe ich früher nicht so genau aufgepasst, aber ich bilde mir ein, dass seit ungefähr einem Monat wesentlich mehr solcher Scheißdinger unterwegs sind. Zu langsam für den verdammten Radweg, zu schnell für den Fußgängerstreifen. Aber ja so cool, die ganzen Pseudo-Jackass-Idioten. Sogar IN der Uni kann man nun schon das Geräusch der Rollen hören. Ignorantes Pack.

Das ist wie dieser Trend, seine Hunde nun schon mit in die Sparkasse oder in's Einkaufszentrum zu nehmen. Das kommt alles, weil die Leute irgendwann angefangen haben, Selbstbewusstsein mit Dreistigkeit zu verwechseln. Es hat einfach niemand mehr ein Gespür dafür, wann man eine Grenze überschreitet und anderen Leuten auf den Sack geht; Kant ist weg. Unverschämtheit ist ja inzwischen fast eine Tugend und gilt vielmehr als sympathisch - "Die ist nicht gerade auf den Mund gefallen, hehe" und so. Ich will das jetzt nicht nur an Skateboards und Hunden fest machen, aber ihr wisst doch, was ich meine. Das ist einfach eine generelle Entwicklung hin zum Schlechten. Früher haben sich doch keine Jugendlichen in den Bus gesetzt und Musik in Zimmerlautstärke gehört - egal, was andere davon halten mögen. Da hatte man Kopfhörer. Sicher, es gab auch noch keine Handys, die so laut waren, aber Kopfhörer gibt es immer noch! Alle sind laut und egozentrisch, telefonieren lautstark überall (auch in Bussen, Zügen und Restaurants), haben eklige Lachen, reden nur noch Scheiße und bekommen nicht mehr mit, wie bescheuert und ignorant sie geworden sind. Sicher es gibt Ausnahmen. "Alle" war vielleicht ein wenig überzogen, aber 50/50 ist das doch bestimmt schon. Und das zeigt sich überall: auf der Autobahn, auf den Schulhöfen, in Bussen, in Clubs, in Kinos. Auch in der Uni.

Ich sitze in der vorletzten Reihe. Vorn redet ein unscheinbarer Mann in einem grauen Sacko über das Jahr '33 und die von den Nazis stilisierte "nationale Revolution". Angry Birds habe ich durchgespielt. Die Panini-Sticker sind eingeklebt. Mein Blick fährt lüstern nach Beschäftigung durch den Hörsaal. Zwar ist es warm, doch sehe ich nur überraschend wenige H&M-Sommeroutfits. Jetzt brennt der Reichstag. Hinter mir tuscheln zwei halb-fette Mädchen ununterbrochen, während sie ihre Hausaufgaben oder was auch immer abgleichen. Zweimal habe ich mich bereits vorwurfsvoll umgedreht, doch sie setzen ihre behinderte Szene unbeeindruckt fort. Zu Schulzeiten waren die beiden sicherlich einigermaßen attraktiv, aber die einseitige Studentenernährung, die nunmal ein unvermeidbarer Bestandteil ihres ersten eigenen Haushaltes ist, hat zweifelsohne sichtbare Spuren hinterlassen - das haben sie sich jedoch wohl nicht eingestanden. Zumindest glaube ich das in ihrem Blick zu lesen, als ich mich erneut umdrehe. Unverständnis sieht mir aus halb-geöffneten Augen entgegen. Ich bin kein scheiß Moralapostel und will auch keiner sein. Ich bin auch bei weitem kein strebsamer, aufmerksamer Zuhörer, aber dieses halb-geflüsterte Gefasel im Nacken macht mich irre. Fast durchgehend, wie ein scheiß Tinitus oder das Zischen von Schlagen, von halb-fetten Schlangen. Ich bin sicherlich auch etwas empfindlich bei sowas: es fühlt sich an wie ein scheiß Bienenschwarm in meinem Kopf. Vor allem sind sie nicht leise, wenn die Hausaufgaben fertig sind; dann werten sie ihre scheiß Wochenenden und ihre Beziehungsgeflechte mit anderen Idioten aus. Ich wünschte, es gäbe keine Anwesenheitspflicht. Dann könnten die einfach in eine der schleimigen Campus-Suiten gehen und dort ihren Schwall von bedeutungsloser Scheiße loswerden.

Und diese ganze Scheiße mit Julija Timoschenko geht mir auch sowasvon auf die Eier. Ja, auch wenn ihre Tochter heiß sein mag. Zuallererst können sich die wenigstens hier ein wirkliches Bild über die Berechtigung ihrer Inhaftierung erlauben. Wir haben doch überhaupt keine Ahnung, worum es da geht. Hier wird klar Position bezogen und in der Öffentlichkeit eine Unterteilung in Gut und Böse vorgenommen: Timoschenko wird zur blütenweißen Schutzheiligin der Demokratie stilisiert, während ihr fieser Erzrivale als russlandnaher Diktator tituliert wird. Wenn eine ehemalige Großunternehmerin, die zu SU-Zeiten schon Millionen anhäufen konnte, schlagartig eine westlich-ausgerichtete Regierungschefin und Revolutionsikone wird, sollte dies immer ein wenig suspekt bleiben - selbst wenn sie hübsch sein sollte, verrückte Zöpfe hat und die Klitschkos sie toll finden - oder vielleicht gerade dann, zwinker, zwinker. Der Nutzen, den sie im Moment von den ausländischen Medien hat, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Natürlich scheinen die Haftbedingungen Timoschenkos' und generell eine Inhaftierungswelle bei Opisitionspolitikern auch nicht besonders anständig zu sein und legen den Verdacht nahe, dass das Methode in der Ukraine unter Janukowitsch hat, jedoch ist dieses ganze moralische Aufgeblähe im Augenblick nichts als Heuchelei und Anmaßung. Dass Janukowitsch auch nicht sauber sein wird, scheint auf der Hand zu liegen, doch wissen tun wir es doch auch nicht genau - und das Interesse daran, tiefer vorzudringen ist nicht zwangsläufig gegeben. Solcherlei Menschenrechtsverletzungen, wenn es denn tatsächlich welche sind, sollten immer verurteilt und scharf kritisiert werden. Immer, nicht nur, wenn gerade eine Fußballturnier stattfindet und sich der Wind der öffentlichen Meinung dahingehend dreht. Und nicht nur in der Ukraine. Was war denn mit der Olympiade in China? Hat da die Bild-Zeitung (Alles Gute, Axel Springer! 100 Jahre "Freiheitskampf"!) eine Verlegung der Spiele ähm z.b. nach Deutschland gefordert? Was ist mit dem Eurovision-Songcontest in Aserbaidschan? Da hält sich die öffentliche und polit-öffentliche Entrüstung doch auch noch in Grenzen, für meine Begriffe. Wolfgang Bosbach, seines Zeichens vielleicht der letzte Charakter in der CDU, und wahrscheinlich aus diesem Grund auch nur der Talk-Show-Minister, hat es richtig getroffen, als er sagte, dass es eben einen Unterschied mache, wo so etwas passiere (Menschenrechtsverletzung) - wenn es nun in China oder Russland sei, reagiere die Regierung dementsprechend eben anders, weil die ja nun mal mächtiger sein. Bosbach kommentierte seine eigene Äußerung sofort damit, dass dies, was er hier sage, natürlich nicht politisch korrekt sei, jedoch nun einmal der Wahrheit entspreche.  Dass der Bundespräsidentenkönig dort nicht Halt macht, entspricht einfach nur seinem Thema, ohne das jetzt despektierlich zu meinen. Alles andere könnte ihm als Inkonsequenz zur Last gelegt werden. Letztendlich muss Gauck nämlich auch an seinem eigenen Pathos bemessen werden. Der Kanzlerin würde ich unterstellen, dass sie das tut, was sie immer tut: sie hört auf ihren fast untrüglichen Instikt, was die öffentliche Meinung betrifft. Seit Monaten ist Timoschenko in Haft, seit ein paar Wochen echauffiert sich jedoch erst der deutsche Boulevard - die EM rückt eben näher. Und warum zum Teufel fahren eigentlich so viele Politiker wie selbstverständlich dorthin. Nach all diesen Mätzchen über Kartenvergabe und Lotterieverfahren haben sämtliche deutsche Politiker Karten? Dass Merkel geladen ist, sehe ich ein. Aber warum das gesamte Kabinett? Warum die Opposition? Warum die gesamte EU-Kommission? Und die Forderung nach einer Verlegung der ukrainischen Spiele nach Österreich oder ähm z.b. Deutschland hat unserer Nationalmannschaft die Pfiffe in sämtlichen EM-Stadien jetzt schon garantiert. Da werden sich unsere politisierten Bildungsbürger Özil, Podolski und Reus aber bedanken.

Wenn wir schon auf jemanden mit dem Finger zeigen wollen, dann müsste dies die UEFA sein, die FIFA und all die anderen Institutionen, deren Ethik-Kommissionen, wohl nicht einmal mehr nur das Gefühl, sondern eher Fingerspitzen generell fehlen. Da sitzen die eigentlichen Vampire, Diktatoren und Opportunisten. Blatter, Platini und Ecclestone stoßen wahrscheinlich gerade ihre Kristallgläser voller Blut aneinander und lachen sich über den Zirkus schlapp, der ihnen nichts anhaben kann.

Fair Play,
A.           

1 Kommentar:

  1. Mitmenschen - auch ein Grund warum ich schon ewig nicht mehr im Kino war! Überall Geflüster, Geraschel, Knistern, Essen, Schmatzen, Schlürfen, auf den Sesseln wippen... Ganz zu schweigen von der Lautstärke des eigentlichen Films, scheinbar gemacht für die Leute, die auch mit Kopfhörern noch eine gehörschädigende Lautstärke einstellen.
    So kann ich keinen Film genießen!

    AntwortenLöschen