Samstag, 5. Mai 2012

Midnight Blues

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich ersichtlich ist, aber mit meinen Posttiteln verfolge ich ein Muster. Jeder Posttitel ist ein potentieller Romantitel. Warum ich das mache, weiß ich nicht genau. Ich schätze, ich finde es irgendwie, nun ja, cool. Ich wollte nur, dass ihr das wisst. Es ändert jetzt nichts, aber es ist ausgesprochen.

Im Fernsehen läuft nur Scheiße und irgendwie hab ich den Blues. In der letzten Stunde war ich fest der Überzeugung, ich müsste eine coole Folk-Version der Moorsoldaten fabrizieren, aber je mehr ich mich da reingespielt und reingesungen habe (was jetzt zugegebenermaßen nicht so unglaublich zeitintensiv war), desto mehr klang ich wie irgendein verschissener Nazi-Liedermacher, trotz des Kontextes, so vom Klang her. Ich mochte den Song schon immer. "Song" klingt komisch in diesem Zusammenhang. Ich weiß noch, wie wir ihn damals im Musikunterricht singen mussten. Mann, hab ich mir was eingebildet, dass ich das Lied schon kannte. Ich bin sicherlich ein bisschen geprägt, aber ich hatte immer eine Schwäche für traurige Soldaten-, Arbeiter,- und Gefangenenlieder. Dieser melancholische und trotzdem hoffnungsschwangere Pathos ist einfach großartig.  Ich bin damit aufgewachsen. Wenn ich mich zurück erinnere, sehe ich mich als fünfjährigen Jungen mit einem Überbiss in der kleinen Nische im Schlafzimmer meiner Großeltern, in der ich meine Spielsachen hatte, auf dem Boden sitzen, während ich meine Mutter mit großen Augen anstarrte und ihr dabei zu sah, wie sie um mich herum putzte und wir dabei beide lauthals sangen. Die traurigen Arbeiterlieder ihrer DDR-Schulzeit, die englischsprachigen 70'er-Hits, deren Texte wir beide weder verstanden noch wirklich konnten und ein paar Schlager von Roger Whittaker, Lena Valaitis und Juliane Werding. Wenn ich heute noch einmal an Johnny Blue oder Rio Bravo von Valaitis denke, dann schallen die Stimmen von meiner Mutter und mir, zusammen mit dem monotonen Geräusch des Staubsaugers aus meiner Erinnerung bis in die Gegenwart - an die Stimme der Interpretin kann ich mich nie erinnern, aber das ist auch nicht wichtig.   

Gleich ist es Mitternacht. Ich war eben noch einmal auf dem Balkon, um mich für heute von den Zigaretten zu verabschieden. Es ist angenehm kühl, und wäre nicht ein paar Türen weiter irgendeine bekackte Party, wäre es absolut still im Innenhof zwischen der Hausreihe, in der ich wohne und der gegenüberliegenden. So wird die Dunkelheit nur von den beiden LED-Augen meiner Solareule und dem fiebrigen Gegacker der Party gestört. Überhaupt stiften die kleinen Augen eine verrückte Atmospähre, wenn es dunkel ist.


Ich geh' jetzt ins Bett.

A.

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