Dienstag, 29. Mai 2012

Der Soundtrack zum Film

Ich überlege eine Album der Woche-Rubrik einzuführen - oder so etwas wie ein Archiv für Buchrezensionen, aber vielleicht bin ich auch einfach zu faul dazu. Möglichweise würde ich damit aber auch Gefahr laufen, dem Blog ein Thema zugeben, was bedeuten würde, dass ich wirklich etwas zu sagen hätte - und das will ich eigentlich nicht. Da würde ich mir vorkommen wie irgendein szeniger Fashionblog oder ein toller Ratgeber für veganischen Kochmist. Das verliert dann doch seinen Drive und macht unter Umständen keinen Spaß mehr. Außerdem wäre ich dann einer von Denen. Soll ich sowas machen? 

Im Garten schreien Kinder wie Tiere. Wirklich, sie machen Grunzgeräusche und lachen anschließend apathisch darüber. Aber das ist niedlich und herzerwärmend, oder? Zumindest sehen das bestimmt ihre Eltern so. Wenn ich daran denke, dass uns früher die Anwohner damit gedroht haben, die Polizei zu rufen, sollten wir nicht mit dem Fußballspielen auf der Wiese zwischen den Wäschestangen aufhören, komme ich mir vor, als hätte ich wirklich in Vorkriegszeiten gelebt. Unerzogene Kinder haben wirklich 'ne Lobby. Bei uns war der Kindergarten noch mehr wie ein sympathisch-durchorganisiertes Gefängnis, und kein pädagogischer Abenteuerspielplatz. In Zweier-Gruppen auf den Hof, verschlossene Türen, Essenszeit, Spielzeit, Schlafenszeit. Keine Lern-Portfolios, keine offenen Räume, kein "Mach', worauf du Lust hast, Charlotte". Bei uns waren Regeln noch Regeln, und keine Richtwerte oder Ratschläge, mein Junge. Ob das Ganze letztendlich die erhofften Früchte trägt, wird sich wohl erst zeigen, wenn die ganzen aufgeweckten Freigeister dann selbst aufgeweckte Freigeister in die Welt setzen, bei denen sie dann ADHS diagnostizieren lassen können, wenn Charlotte keine Lust hat, sich selbst zu hinterfragen. Das Problem, was ich dabei sehe ist, dass dies doch eigentlich eine schlechte Vorbereitung auf das richtige Leben ist, denn, wie wir wissen, besteht das vornehmlich aus: verschlossenen Türen, Essenszeiten, Spielzeiten, Schlafenszeiten. Aber wer weiß schon, ob ich nicht selbst so bescheuert werde, wenn ich ein Kind habe? Wahrscheinlich toleriere ich dann auch jeden Mist, weil ich der Meinung bin, ich hätte das klügste und schönste Goldstück auf Gottes grüner Erde erschaffen, und dass mit meinem Penis. So war das schließlich auch mit dem Rauchen. Als ich noch nicht geraucht habe, fand' ich das richtig bescheuert und war voller Unverständnis, wenn ich nachts mit irgendwelchen Kumpels zu Zigarettenautomaten an's andere Ende der Stadt pilgern musste. Und kurzdarauf pilgerte ich selbst nachts an's andere Ende der Stadt - manchmal sogar allein. Ich bin mir nicht sicher, ob man Kinder und Nikotinsucht wirklich miteinander vergleichen kann, aber metaphorisch ist so ein Vergleich högscht (noch 10 Tage bis zur EM) interessant.

Auf dem Weg zur Uni lief heute morgen irgendein neuerer Song von Muse im Radio. Die haben sich auch über die Jahre selbst entwertet. Wenn ich daran denke, wie toll ich die früher fand', kommen sie mir inzwischen wie eine völlig andere Band vor. Wenn ich "Blackout" höre, erinnere ich mich sofort daran, wie es war, mit sechzehn im seligen Licht mehrerer Kerzen in irgendeiner heruntergekommenen Wohnung auf dem Boden zu liegen und den Lichtschein der einzelnen Flammen an der Decke zu beobachten. Bei jedem Windstoß bewegte sich alles im Takt des Liedes. Zumindest sah es so für mich aus, aber ich war auch völlig bekifft. Das waren schöne Zeiten. Heute wird mir schon schlecht, wenn ich meinen Kopf zu schnell drehe.

Genaugenommen fallen mir auch noch mehr Erinnerungen zu Muse ein, aber die würden hier zu weit gehen, Oink Oink. Es fällt mir ausgesprochen leicht, bestimmte Songs, den zugehörigen Erinnerungen zuzuweisen und sie wieder zum Leben zu rufen. Ich könnte heute noch die Playlisten von Urlaubs-, Party- und Liebesmixtapes aus sämtlichen Jahren rekonstruieren. Höre ich "Something Pretty" von Patrick Park, sehe ich durch das Autofenster auf die blühenden Rapsfelder am Straßenrand. Meine Freunde haben gerade nach und nach ihre Führerscheinprüfungen bestanden und wir fahren nach Boltenhagen an den Strand und wir leben alle in O.C. California. Höre ich "Come Away With Me" von Norah Jones, sitze ich vorn in einem Doppelstockbus und sehe die beleuchteten Pariser Straßen bei Nacht. Das Mädchen, das neben mir sitzt, hat mir gerade die CD (!) in die Hand gedrückt und gemeint, dass mir das gefallen könnte. Ich fühle mich wie ein geschäftiger Lebemann, obwohl ich noch zur Schule gehe, einfach wegen den Pariser Straßen. Höre ich "Killing In The Name Of" von Rage Against The Machine, schwitze ich, bin besoffen und stehe mit erhobenen Händen und einem dummen Gesichtsausdruck auf der Tanzfläche und brülle "Fuck you, I won't do what you tell me!!!" - mit allen im Chor. Höre ich "Oh My Sweet Carolina" von Ryan Adams, werde ich traurig, suhle mich in Selbstmitleid und Liebeskummer. Sie hat mich verlassen und ich werde niemals wieder lachen können. Höre ich "Leaving On A Jetplane" von John Denver, höre ich meine Mutter in der Küche singen (Ja, und ich sehe Liv Tyler und Ben Affleck vor einem gottverdammten Space-Shuttle). Höre ich "Hot Tequila Brown" von Jamiroquai, bin ich mit einem Kumpel in Norwegen, kippe Bacardi in leere Bierflaschen, um ihn darin zu mixen und labere davon, dass wir irgendwann berühmt sein werden - wir sollten Recht behalten. Höre ich "Born To Be My Baby" von Bon Jovi (!), sitze ich mit einem Freund im dunklen Proberaum und zupfe auf einer glitzernden, silbernen E-Gitarre herum. Höre ich "Mr. Brightside" von den Killers ,erzähle ich, wie scheiße ich elektronische Elemente in Rockmusik finde. Höre ich "Mr. Brightside" von den Killers, stehe ich in der dritten Reihe bei ihrem Konzert in Berlin, singe lauthals mit und bewundere den Einsatz, elektronischer Elemente in Rockmusik. Höre ich "To Sheila" von den Smashing Pumpkins, küsse ich sie.

So eine Playlist wär' 'was für's Sterbebett. Kurz bevor die Lichter ausgehen, noch einmal das ganze Leben hören.

A.


      

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