Donnerstag, 17. Mai 2012

Und wenn die alten Raben...

Warum müssen ständig alle so verfickt laut sein? Andauernd vibriert irgendwo ein Handy. Ein gesetztes Mädchen bückt sich nach ihrem Smartphone mit Anhänger - ich tippe auf Blackberry. Sie hat ein aufgeschwemmtes Doppelkinn und Smokey Eyes. Tolle Kombination. Flüsternd brüllt sie in die Reihe vor mir, dass sie ein lateinisches Wörterbuch braucht, und als ihr der Typ vor mir entgegnet, dass er der Meinung war, dass sie doch schon ihr Latinum bestanden habe, antwortet sie: "Hallo?! Ich studier' Geschichte", was heißen soll, dass das Lateinische immer präsent sein muss, was natürlich Quatsch ist, soweit ich das beurteilen kann - ich bin mir aber auch nicht sicher, ob ich das kann, schließlich lausche ich nicht der Vorlesung, sondern verfolge dieses unsympathische Schauspiel in meiner Bankreihe. Schon als sie ihre Antwort mit "Hallo?!" einleitet, sträubt sich in mir alles. Hallo, als wäre sie ihre eigene beschissene Karikatur.

Zwei Plätze neben mir sitzt ein unscheinbarer Typ mit einer älteren Fossil-Uhr, der wie im Staccato auf die Tastatur seines Netbooks einhämmert. Er tippt wirklich ununterbrochen. Mehrmals übermannt mich die Neugier und ich strecke mich ein wenig, um einen Blick auf seinen Bildschirm zu werfen. Ich verstehe nichts. Erst dacht' ich, er chattet, aber dafür war er einfach zu schnell. Entweder er ist bei den Piraten und nimmt gerade an irgendeinem supertransparenten Open-Source-Scheiß teil oder er hackt den verfickten NASA-Hauptserver.

Es ist nie ganz still hier. Irgendwer putzt sich auch immer die Nase, und so entsteht ein großer gleichmäßiger Akkord aus Geflüster, Tastaturgetippe und Schnauben.

Vor mir sitzen zwei Typen, die sich in der fünfminütigen Pause furchtbar laut unterhalten haben, weswegen ich sie gleich nicht mochte. Der rechte hat schmale Schultern und kurze Arme, den obligatorischen Dreitagebart, der inzwischen so uniform ist, dass man glauben könnte, sie alle sängen bei Revolverheld. Graue Röhrenjeans, schwarze Jacke - alles passt zusammen und lässt ihn in der Masse verschwinden.
Bei seinem Nachbarn schreit jede Pore nach Stadion und Fanblock; eine hellblaue Levi's 501 in 'nem 90'er-Schnitt, Gürteltasche, Kapuzenpullover mit maskulin-blutigem Motiv, abgewetzte, dunkle Sneaker, Seitenscheitel und eine klobige, billige, aber vor allem funktionale Armbanduhr.
Selbstgefällig und laut haben sie über die Fans in Düsseldorf beim Relegationsspiel gesprochen, so laut, als täten sie es vor Publikum. Sehr beeindruckend. Flachwichser. Das dickliche Mädchen vom Anfang hat inzwischen auch das Übersetzen sein lassen und sich stattdessen ihrer Nachbarin zugewandt, um flüsternd aber anhaltend zu tuscheln. In den stark geschminkten Augen ihrer Freundin strahlt ein Selbstbewusstsein, das mir einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Ihre Haare sind filzig und unordentlich, der Schatten ihrer Frisur von vor zwei Tagen. Aber das assoziiert man ja heute mit Freiheit, solange die Klamotten dazu stimmen. Sie lacht laut, so, dass sich einige nach hinten umdrehen. Sie zuckt mit den Schultern, wenn auch nur angedeutet. Sie sieht aus wie eine Transe, mit ihren männlichen Gesichtszügen, und ich würde ihr das gern sagen. Einfach so. Nur, um ihre Selbstüberschätzung ein wenig zu torpedieren. Aber ich tue nichts dergleichen, ich schließe die Episode und sehe wieder nach vorn' zu Dozent und Beamerfläche, wo gerade ein Bild von Max Schmeling, als Symbolfigur der Einverleibung von Berühmtheiten in die NS-Propaganda gezeigt wird. Als die Vorlesung beendet ist und alle aufstehen, um ihre Sachen zusammenzuräumen, bohrt sich mir eine gepfiffene Melodie in's Hirn. Ich versteh' das nicht. Wieso fangen Menschen an, allein und umgeben von anderen, zu pfeifen? Ich finde weniges noch aufdringlicher und nerviger.   

Balkon. Immer wieder knackt es leicht. In dem Baum im Garten brechen zwei Raben kleine Ästchen mit ihren Schnäbeln ab, um ein Nest zu bauen und das zu tun, was Raben eben so machen. Noch während ich mich frage, wie ich eigentlich einen Raben von einer Krähe unterscheide, schießt mir dieses alte Gedicht in den Kopf, was zumindest ich in der neunten Klasse oder so lernen musste: "Barbarossa" vom Friedrich Rückert. Das Gedicht erzählt die alte Legende, welche besagt, dass Friedrich I. nicht auf einem seiner Feldzüge gestorben sei, sondern verborgen in den Tropfsteinhöhlen des Kyffhäuser Gebirges auf bessere Zeiten warte, um zurückzukehren. Sicher, nationalistischer Pathos, aber als Kind mochte ich die Geschichte, weil sie so schön mystisch war. Solange noch Raben um den Berg fliegen, kann Barbarossa nicht auferstehen und so ruht er Jahrhunderte lang in seinem dunklen Exil. Vor Jahren war ich mal mit meinen Großeltern am Kyffhäuser. Man kann dort sogar eine der Tropfsteinhöhlen besichtigen. Die Betreiber haben tief im Inneren der Höhle, auf einer kleinen Empore, einen Stuhl und einen Tisch, gedeckt mit festlichen Speisen, aufgestellt. Die Touristenführer betonen dann immer liebevoll routiniert, dass ihre Majestät nur gerade nicht im Raum sei. Das ist kitschig, aber irgendwie niedlich. Und während ich hier stehe, Jahre später, rauche und die Raben anglotze, muss es wohl stimmen:

"Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muss ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr"

Ich geh' wieder rein,
A.

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