Samstag, 30. Juni 2012

Tangenten

Alles ist vergessen. Alles ist wieder gut oder so ähnlich - "keine Nacht hat vierundzwanzig Stunden". Diesen Satz habe ich heute Morgen gelesen - fand' ihn passend. Murakami, falls ihr es genau wissen wollt.

Kennt ihr dieses feine Gefühl, wenn ihr einen Lebenslauf schneidet, der so gar nichts mit dem euren zu tun hat? Was ich meine ist, wenn man plötzlich und nur für kurze Zeit eine unbedeutende Nebenrolle in der rasanten Geschichte eines anderen spielt. Natürlich passiert das vermutlich jeden Tag. Und natürlich, eine rasante Geschichte ist immer eine Sache des Blickwinkels, aber ich denke, ihr wisst trotzdem, was ich damit sagen wollte.

Ich erinnere mich an einige solcher Ereignisse. Mal war es ein kurzes Gespräch mit einem Typen, der angeblich irgendwelche Leute mit einem Samurai-Schwert angegriffen hat, im Auftrag angeblicher Drogenkuriere (ich habe das Schwert gesehen), mal bin ich durch fünfzig Zufälle mit ein paar Freunden in der Wohnung eines schnurrbärtigen Typen gelandet, der uns, während im Hintergrund eine Videokassette über deutsche Panzer lief, bei einem Bier beichtete, dass er erst seit Kurzem wieder auf freiem Fuß sei, da er einige Jahre wegen des Mordes an einem Zuhälter im Knast gesessen habe. Ich weiß noch, wie ich mich geschämt habe, dass ich ihm zuvor meine Hand gab, während einige meiner Freunde gebannt an seinen Lippen hingen, als er beschrieb, wie er den Mann angeblich getötet hätte. Keine Ahnung, ob irgendetwas davon wahr gewesen ist. Beunruhigend war es allemal. All das liegt Jahre zurück. Die Typen habe ich niemals wieder gesehen, aber für einen kurzen Moment war ich ein Teil von alledem.

Ein Ereignis geistert mir jedoch präsenter als alle anderen immer wieder durch den Kopf. Es war im Juli 2001. Ein Kumpel von mir feierte seinen Geburtstag. Wir waren dreizehn und haben jede Menge Mist gemacht. Nachdem wir die damals noch üblichen Kindergeburtstagsbestandteile mit Café und Familie hinter uns gebracht hatten, beschlossen wir, reaktionär, wie wir damals waren, noch ein wenig, wie sagt man, Scheiße zu bauen. In weiser Voraussicht hatten ich und ein Freund bereits am Vormittag eine Dose Farbspray in einem Fahrradladen gekauft. Wir zogen also durch die Gegend und taten Dinge, die heute wahrscheinlich keinen Neunjährigen mehr schockieren würden, aber damals kam ich mir vor wie ein Gangster. Ein Kumpel kannte den Wirt einer ziemlich schäbigen Kneipe, weswegen wir sogar Bier tranken bzw. es durften. Das war 'ne große Sache. Ein anderer hatte Schnupftabak dabei. Widerliches Zeug. Ich erinnere mich immer noch daran, wie danach mein Taschentuch ausgesehen hat. Ich erspare euch weitere kompromittierende Einzelheiten, da es ja hier nicht um das geht, was ich getan habe. Nur so viel: Als gegen 03:00 Uhr nachts auf einmal der Alarm der örtlichen Feuerwehr losging, waren wir uns sicher, dass das wegen uns sein musste, was unter Umständen sogar möglich war.

Wir rannten. Wir rannten so schnell, wir konnten. Raus aus der Stadt und in den Wald. Um zum Haus des Geburtstagskindes (hach!) zu gelangen, musste man einen ca. 2km langen Weg durch den Wald in Kauf nehmen. Auf etwa halber Strecke hatten wir uns wieder einigermaßen eingekriegt, begannen normal zu gehen und zogen uns gegenseitig damit auf, wie hysterisch wir zuvor waren. Was sollte schon passieren? Wir waren Männer. Plötzlich sahen wir die Lichter eines Autos vor uns. Wir bemühten uns, keinen verdächtigen Eindruck zu machen. Welchen verdächtigen Eindruck sollten fünf Jungs mit beschmierten Händen und roten Köpfen mitten in der Nacht im Wald schon machen? Doch das Auto bewegte sich nicht weiter auf uns zu, es hielt. Je näher wir kamen, desto mehr sahen wir auch: Niemand war im Wagen, jedoch waren Kofferklappe und Fahrertür offen. Der Motor lief. Niemand war zu sehen, aber ringsum war auch finstere Nacht - man konnte nichts erahnen im Dickicht und zwischen den Bäumen. Wir schwiegen und gingen mit festen Schritten unbeirrt immer weiter. Auf Höhe des Autos sprach niemand von uns. Ich wette, wir dachten alle das Gleiche, doch wir schwiegen alle. Wahrscheinlich wollte keiner, dass die eigenen Gedanken erwidert wurden.

Nach 100 m kehrte das Leben in unsere Körper zurück und die Angst wich. Ich weiß noch, dass ich lachend sagte, dass do wohl jemand noch seinen Müll loswerden müsste. Mit "Müll" meinte ich "Leiche". Die Anderen lachten und stimmten mir zu - längst nicht mehr so verhalten. Wir waren Männer.

Plötzlich zeichneten die Scheinwerfer des Autos deutlich unsere Schatten vor uns auf den Waldweg. Der Fahrer war zurückgekehrt. Der Motor lief an. Mein ganzer Körper zitterte. Es gibt kein schlimmeres Gefühl als vor Angst zu zittern. Ich hatte solche Angst, dass ich das Zittern nicht mehr zurückhalten konnte. Man hatte einfach zu viele Filme gesehen. "Langsam weitergehen", sagte einer von uns. Ich könnte nicht einmal sagen, ob ich es sagte. Das Auto kam immer näher. Das Geräusch des Wagens wurde lauter, doch zog er nicht an uns vorbei. Ich weiß nicht, wie lange uns der Fahrer im Schritttempo folgte. Niemand von uns wagte es, sich umzudrehen oder auch nur kurz vom einheitlichen Tempo abzuweichen. Es könnten zwei Minuten gewesen sein, vielleicht aber auch zehn. Irgendwann gab er uns stillschweigend und instinktiv das Zeichen, dass er nun an uns vorbei fahren würde. Wir wichen an den Rand, doch ich wagte es nicht, das Auto oder den Fahrer anzusehen. Wir ließen ihn passieren - oder er uns. 

Eine halbe Stunde später, während ich mir die Farbe von den Fingern wusch, zitterte ich noch immer. Doch wir lachten wieder, wir machten Witze, wir spielten Tony Hawk und wir vergaßen. Wir vergaßen nicht, was wir so getan hatten - all das waren Anekdoten, die wir über die Jahre bei uns hielten. Doch über das Auto sprachen wir nicht wieder. Ich würde wetten, dass die anderen Jungs unter Umständen nicht einmal mehr wissen, dass es tatsächlich passiert war, und nicht die Szene aus irgendeinem dämlichen Film war, den sie mal bekifft gesehen hatten. 

Was genau passiert war, werde ich nie erfahren, aber es hat mich bis ins Mark erschüttert und ich denke heute noch ab und an daran. Bewertet es, wie ihr wollt. Vielleicht hat jemand einfach nur seinen Röhrenfernseher loswerden wollen und vielleicht nicht. Für kurze Zeit war ich jedoch Teil einer Geschichte, die nicht zu meiner gehörte. Das war es, was ich meinte. Wenn ihr euch anstrengt, fällt euch garantiert auch so etwas ein. Wir berühren Lebensläufe, die ins Chaos führen, große Tragödien, Hollywoodstreifen, Morde und Heldenepen - und putzen uns danach die Zähne und machen weiter, vielleicht jeden Tag.

A.      

Freitag, 29. Juni 2012

themorningafter

Ich hab's gesagt. Ich hätte es nicht sagen sollen. Draußen sind die Tropen; ich bin gegen 7 Uhr vom Donnern des Gewitters wach geworden. Um 8 Uhr stand ich schon rauchend auf dem Balkon und blickte in den prasselnden Regen und die Blitze über dem Wasser. Irgendwie gehören Unwetter doch in eine spätere Zeit des Tages. Wie soll man lächelnd in die Welt herausgehen, wenn sie einen so begrüßt. Mein Gesicht brennt. In der 80. Minute bin ich gestern einfach aus dem Raum gegangen, um mir meinen EM-Bart abzurasieren, vielleicht ein bisschen grob und ohne danach Aftershave zu benutzen. Schweinsteiger und Lahm hatten meinen minimalistischen Bartwuchs nicht mehr länger verdient.

Heute in Kiel! © kn-online.de

Den ganzen Tag schon vegetiere ich in diesem Gewächshausklima dahin und fühle mich furchtbar leer. Ich will einfach nichts mehr über Niederlage gestern hören und umgehe systematisch das Fernsehprogramm und die Titelseiten der gängigen Zeitungen. Draußen leuchten schon wieder die nächsten Blitze auf und der Regen setzt ein. Donner. Wundervoll. Meine Kippenschachtel ist auch leer. Und die scheiß Gute-Laune-Nachrichten von Captain Morgan Deutschland bei Facebook gehen mir auch auf den Sack. Ich habe heute Nacht auch noch irgendwem die Freundschaft gekündigt. Wem habe ich vergessen. Wenn ich nicht mal das weiß, war es keiner Freundschaft - nicht einmal einer digitalen - würdig. 

Überhaupt distanzieren sich gerade haufenweise Leute von mir. Das ist nichts Neues. Über die Jahre ist das immer mal wieder passiert. Wie eine Regel, die irgendwann immer wieder greift. Die Wenigsten halten lange durch, und selbst von denen gehen einige scheinbar mit der Zeit. Aber das muss wohl so sein. Und wisst ihr was? Fickt euch! Keine Kompromisse. Ich rede mir manchmal gern ein, dass ich wie einer dieser Filme bin, an denen sich einige nie sattsehen können, obwohl sie speziell und vielleicht etwas vulgär sind - anderen wiederum reicht es wirklich, wenn sie den Film ein paar Mal gesehen haben. Ich will einfach kein verfluchter Lemming sein. Und irgendwie kann ich es auch einfach nicht.

Ich bin nur so gefühlsduselig, weil ich ein bisschen Wein getrunken habe. Normalerweise habe ich keine Gefühle. Der scheiß Fußball verdirbt mir den ganzen Tag. Ich werd' mir auch das Finale Sonntag nicht angucken. Die können mich mal.

Schlaft schön,
A. 

Donnerstag, 28. Juni 2012

Der Sommer 2006

Nach der großen Revolte gegen den WWF ist nun alles, wie gehabt, keine Sorge. IADST: back to buisness. Ich hatte jedoch das Gefühl, mich dagegen auflehnen zu müssen, und sei es nur in diesem kleinen Rahmen. Solange ich die Leute erreiche, die das hier lesen, war es die Sache doch wert. Und vielleicht spenden ein Paar meiner Leser nun auf keinen Fall Geld an den WWF. Armut und Dreck sind überall. Gebt die fünf Euro, die ihr für euer Seelenheil investieren wolltet, lieber 'nem Penner vorm Supermarkt! Was er damit macht, wisst ihr zwar nicht, aber das wisst ihr beim WWF auch nicht. Die ganze Welt geht am Ende doch trotzdem vor die Hunde, und es interessiert niemanden.

Italien also. Ich freu' mich nicht darauf - eigentlich möchte es nicht einmal sehen müssen. Ich will einfach nur, dass es vorbei ist - nicht, weil ich Fußball nicht mag oder nicht will, dass wir Europameister werden oder ein cooler Gegen-Den-Strom-Schwimmer bin, sondern, weil ich es so schrecklich aufregend finde. Zu aufregend. Gegen Dänemark und Griechenland war alles in Ordnung, aber Italien? Zu tief sitzt noch der Stachel von 2006.

Ich erinnere mich noch genau: Es muss Ende der ersten Juli-Woche 2006 gewesen sein. Die damalige Mrs. Lexman feierte ihren Geburtstag in einem griechischen Restaurant. Wir saßen alle, also meine und ihre Familie, draußen auf der Teresse und verfolgten nach dem Essen das Spiel auf einer Leinwand. Ich bin kein Freund der griechischen Küche. Ich weiß, alle Welt liebt das. Ich bilde mir immer ein, dass ich gegen irgendeines der vielen Gewürze allergisch bin. Jedenfalls war mir schlecht. Möglicherweise lag das jedoch eher an der Aufregung vor dem Spiel. Es begann schon damit, dass nur ich zur Nationalhymne aufgestanden bin. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. 

Nachdem Grosso und Del Piero dann in der Verlängerung all unsere Hoffnungen auf ein Sommermärchen mit Happy End getötet und zerrissen hatten, und es klar war, dass wir bei einer WM im eigenen Land maximal 3. werden können, beglichen meine Eltern die dekadent hohe Getränkerechnung, was sie bis heute bereuen - nicht, weil die Jugendliebe nicht für immer hielt, sondern, weil die verfluchte Getränkerechnung wesentlich höher war, als alles, was die Gastgeber begleichen mussten. Der Eifer des Gefechts.
 
In mir zerbrach alles, als der Schiedsrichter abpfiff, und ich wollte nur noch nach Hause, oder zumindest an einen Ort, der so etwas Ähnliches war. Als wir aufstanden, um endlich zu gehen und ich bereits völlig in mich versunken war, schlug mir ihr Vater freundschaftlich auf den Rücken, legte seinen Arm um meine Schultern und sagte: "Alex, du musst aber auch zugeben, dass sie wirklich schlechter waren." Ich war wütend und fast ohnmächtig. Ich duzte ihn darauf hin zum einzigen Mal in der Zeit, in der sich die Episoden unserer beider Leben überschnitten: "Lass mich in Ruhe!", habe ich gesagt und mich anschließend aus seinem Griff losgerissen. Ich weiß noch, dass ich den ganzen Rückweg über, 10-20m vorausgegangen bin.

Ich sehe ihn noch vor mir. Vor der WM hat er sich ein rotes T-Shirt mit dem Schriftzug "1966" gekauft. Wie ich meine, nur, um mich zu provozieren, denn 1966 war nicht sein Geburtsjahr, sondern das Jahr des schicksalträchtigen Wembley-Tors, Englands einzigem WM-Erfolg. Um sicherzugehen, dass man weiß, was gemeint ist, steht auf der Rückseite des Shirts aber auch noch mal der Endstand des England-Deutschland-Spiels von damals. Seiner Tochter kaufte er - wie ich meine, ebenfalls, um mich zu ärgern - ein ähnliches Shirt in blau, von einem italienischen Sieg gegen Deutschland. Wunderbar. Einen Tag, nachdem ich das sah, besorgte ich mir ein schwarzes T-Shirt mit "1990", der Nacht von Rom. Untragbar so etwas! Aber konsequent, wie ich bin, habe ich sie dann auch sofort, 7 Monate später, mit mir Schluss machen lassen. Hat gar nicht wehgetan.

Natürlich barg der Sommer 2006 noch viele andere wichtige, grundlegende und vor allem erzählenswerte Episoden, die ich vielleicht an anderer Stelle weiterführen werde.
Eine unangenehme, bedrückende Atmosphäre liegt in der Luft, und wenn ich ehrlich bin; ich habe ein schlechtes Gefühl, was das Spiel betrifft. Ich hoffe für uns alle, dass ich mich irre. Ich war gerade erst einmal Bier kaufen gehen und nun muss ich versuchen, mich irgendwie anderweitig zu beschäftigen. Vielleicht schreib' ich 'ne Rezension. Unauffällig Werbung gemacht. Als ich gerade in den Hausflur kam, roch es nach irgendetwas Bekanntem. Mein Mitbewohner meinte, er rieche etwas Gebackenem - ich roch nur, dass es wahrscheinlich angebrannt war. Vielleicht ist das eine große Analogie. Das ist, wie wir Dinge sehen: Verheißung und Makel. 

Mit den besten Wünschen und voller Hoffnung verbleibe ich 
Euer
A.


Montag, 25. Juni 2012

Panda Pressure: Der WWF gegen die Rechte der Menschen?

Um ehrlich zu sein; mir war der World Wildlife Fund, kurz: WWF, schon damals suspekt, als sie die World Wrestling Federation juristisch nach Jahren dazu zwangen, ihren Namen in WWE zu ändern. Keine Zweifel sollten darüber entstehen, wer das Sagen hat. Zugegeben, man hätte beide Unternehmen schon leicht verwechseln können. Die einen erzählen Geschichten von Gut und Böse, von harten Kämpfen auf Leben und Tod, von übermächtigen, fiesen Gegnern, die mit der Hilfe von Leidenschaft, Hartnäckigkeit und dem Applaus des Publikums niedergerungen werden können - die anderen veranstalten Wrestling-Kämpfe.

Und doch, natürlich hat sich der WWF in den letzten 50 Jahren mehr als verdient gemacht, im Kampf für die Rechte von Tieren und Umwelt. Er ist in über 100 Ländern aktiv und zählt, allein in Deutschland, laut eigenen Angaben, mehr als 430'000 Menschen zu seinen finanziellen Unterstützern. 2011 nahm der WWF Deutschland fast 51 Millionen Euro ein (weltweit: über 238 Millionen), von denen er, laut eigener Aussage, allein 36,5 Millionen wieder in "Projekte" investierte. In den letzten drei Jahren der allgegenwärtigen Wirtschaftskrise gelang es dem WWF somit jedes Jahr aufs Neue, die Einnahmen noch zu steigern. Selbst in diesen, finanziell schwierigen Zeiten haben die Menschen Vertrauen in den WWF und unterstützen ihn, seine Prinzipien und Projekte. Er ist DIE Tierschutzorganisation - nicht so aufmüpfig und wild wie Greenpeace, nicht so radikal und anstößig wie PETA

Und natürlich hat der WWF Erfolge vorzuweisen. So sei er (in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung und der Krombacher-Brauerei), nach eigenen Angaben, unter anderem dafür verantwortlich, dass 4,5 Millionen Hektar Wald, den etwa 11400 verschiedenen Tier- und Pflanzenarten im Kongo-Becken, ein sicheres Rückzugsgebiet bieten würden. Die Rolle des Partners Krombacher - wir erinnern uns natürlich an die Werbung mit Günther Jauch und Rudi Völler - ist jedoch eher zweifelhafter Natur gewesen. Doch nicht nur die Partner des WWF geraten von Zeit zu Zeit in ein Licht des Zweifels. Der WWF selbst reagiert ausgesprochen dünnhäutig auf kritische Stimmen, die etwa die mangelnde Transparenz des Unternehmens beklagen, oder dem WWF eine zu große Nähe zur Industrie nachsagen.

Am 20. April diesen Jahres veröffentlichte der Filmemacher Wilfried Huismann ein Buch mit dem Titel "Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda", was die erwähnte Industrienähe, die Intransparenz, die koloniale Vergangenheit und die Beteiligung des WWF an zweifelhaften Projekten kritisiert. Der Autor wirft dem Konzern unter anderem vor, umweltschädigende Unternehmen und Großkonzerne mit seinem Etikett grün zu waschen. Nun könnte man doch zurecht meinen, ein so gefestigtes und nobles Unternehmen (denn auch das ist der WWF ganz klar; ein Unternehmen) müsste doch eigentlich über jeglichen, durch vermeintliche Diffamierung gesäten Zweifel erhaben sein. Doch dem ist nicht so. 

Wie die Random-House-Verlagsgruppe der FAZ berichtete, sei bereits vor Veröffentlichung großer Druck vonseiten des WWF ausgeübt worden. Eine Woche nachdem das Buch erschienen und zunächst auch überall erhältlich war, kamen zahlreiche große deutsche Buchvertriebe wie Amazon, Thalia, Weltbild, Libri und KNV den Bitten des Global Players nach, und nahmen Huismanns Buch ohne jede Anmerkung oder Hinweis aus ihren Sortimenten. Einfach so. In einem Rechtsstaat wie Deutschland, indem Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit gelten und wir oft und gern mit dem Finger auf Andere zeigen, kann die Existenz eines Buches, das nicht gesetzlich verboten wurde (!) einfach so verschleiert werden, zumindest, wenn man eine noble Tierschutzorganisation ist. Wer nicht für sie ist, scheint gegen den Artenschutz zu sein. Ob sich das Ganze genauso verhalten hätte, wenn es sich um ein anderes, einem Unternehmen gegenüber kritisches Werk gehandelt hätte? Nicht auszudenken, was wäre, wenn so ein Vorgehen in Deutschland Schule machen würde, oder vielleicht sogar längst Schule gemacht hat.  

Der WWF versteht jedenfalls keinen Spaß, wenn es um das eigene, kapitale Standing geht, und wirft inzwischen mit einstweiligen Verfügungen nur so um sich. Natürlich drängt sich da der Verdacht auf, dass so viel Heiligkeit irgendwann selbstgerecht macht und getroffene Hunde eben bellen, denn an kritischen Stimmen, selbst aus den Reihen anderer Tierschutzorganisationen hat es nie gemangelt. Laut Informationen des NDR-Magazins Zapp habe der WWF, eigens zur aktuellen Debatte, sogar eine "Taskforce Huismann" ins Leben gerufen, deren einziger Zweck es sei, den besorgten Unterstützern ihre Zweifel zu nehmen. Viel Aufwand für einen Haufen "falsche und ehrverletzende Behauptungen", wie der WWF es selbst in einer Pressemitteilung formuliert, in der er auch deutlich den Verdacht eines Eingriffs in die Meinungsfreiheit zu negieren versucht. 

Ein Dokumentarfilm Huismanns ("Der Pakt mit dem Panda"), der seinem strittigen Buch vorausgegangen ist, wurde bereits mit zwei Filmpreisnominierungen und drei einstweiligen Verfügungen ausgestattet. Daran, dass der Film diese Preise auch erhält, hat der WWF-Anwalt im Zapp-Interview so seine Zweifel und gibt sich gelassen und süffisant, denn der WDR hat den Film bereits, auf Druck des WWF, aus dem Sortiment gestrichen. Gern hätte ich außerdem auf einen Beitrag der ARD-Sendung Titel, Thesen, Temperamente verwiesen, aber leider, aus welchen Gründen auch immer, fehlt genau dieser Beitrag in der Mediathek. Systematisch macht der WWF kritische Stimmen mundtot. Solange sein Buch und auch sein Film erscheinen dürfen, müssen sie auch erscheinen.

Versteht mich nicht falsch; ich stehe nicht auf der Seite Huismanns und maße mir auch nicht an, die Richtigkeit seiner Kritik zu beurteilen - ich stehe auf der Seite der Informationsfreiheit, und das solltet ihr, die ihr das hier lest, ebenfalls! Es geht nicht darum, den WWF als Organisation zu brandmarken - es gilt, seine Praktiken und Methoden gegenüber Presse und Buchmarkt zu verurteilen. Niemand darf vor Kritik gefeit sein! Wir dürfen nicht zulassen, dass in Deutschland eine kritische Meinung auf Druck eines Unternehmens, ohne eine völlige juristische Legitimation, einfach weggewischt werden darf. Wie sehen wir doch sonst immer mitleidig nach China und Russland und bilden uns etwas auf unsere Rechtsstaatlichkeit ein. Keine Lobby, ob nun Tierschutz, oder nicht, darf Druck auf Verleger und Fernsehanstalten ausüben! Sicher, vermutlich findet so etwas im Verborgenen öfters statt, aber hier haben wir ein konkretes Beispiel, etwas, an dem wir uns festklammern können. 

Weist darauf hin, teilt diesen Artikel, erzählt es euren Freunden, damit das Ganze nicht nur eine bloße Randnotiz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kurz vor Mitternacht und in den Artikeln der FAZ bleibt! Der Zweck heiligt hier nicht die Mittel.    

Pandabären gibt es nur in China, oder?

Quellen und Infomaterial:

Sonntag, 24. Juni 2012

12

Der Himmel kotzt sich aus über Kiel, schon den ganzen Tag. Als müsste er die Kieler Woche verarbeiten, all das, was er gesehen und gehört hat. Was machen die Leute beim Hurricane wohl? Ich schätze Mumford & Sons wären das Ganze auch bei Regen wert.

Ich wünschte, ich würde Festivals mögen. So manches Line-Up hat mich schon überzeugt, und trotzdem konnte ich mich nie dazu durchringen, mir das auch mal anzutun. Das Wetter, der Preis, das Schlafen im Zelt, die Warterei auf die Band, und die ganzen albernen Vollidioten mit den bunten Atzen-Sonnenbrillen und den Chucks hindern mich einfach jedes Mal. Das ist wie bei Fußballspielen; ich würde gern öfter in's Stadion, aber die ganzen Idioten stören mich - und ich kann nicht pinkeln, wenn die Toiletten in der Halbzeit so fürchterlich überfüllt sind. Die vielen Leute machen dem kleinen Soldaten Druck. Aber Bier-Trinken gehört auch dazu. Ihr versteht das: ein Teufelskreis. Am Schlimmsten ist es, wenn ich richtig inner Schlange stehen muss, nur um irgendwann eine Lücke an der Pissrinne zu ergattern. Wenn ich dann auch noch von irgendwelchen besoffenen Pennern angelabert werde, kann ich auch gleich wieder in den Innenraum gehen und warten, bis ich wieder zuhause bin.

Das Wetter zieht mich runter, im Kreuzworträtsel komm' ich nicht weiter, und gefühlt mache ich seit Wochen nur noch dasselbe: Fußball gucken, Rezensionen schreiben (siehe: Buchpiraten) und dänische Texte übersetzen. Zugegeben: Die meiste Zeit sehe ich Fußball und hänge rum. Die großen Turniere sind aber auch wirklich wunderbar. England - Italien: Sonst sind zumindest meine Sympathien irgendwie verteilt. Hier jedoch gönne ich einfach keinem den Sieg. Egal, wenigstens läuft Fußball. Fast jeden Abend ein Spiel, Tippligen, Online-Managerligen - herrlich. Ich geh' mir selbst auf den Sack.

Ich muss mal wieder etwas Verrücktes machen. Ich glaub', wenn wir Europameister werden, lass ich mir 'ne 12 tätowieren, einfach so. Gerade kam, nach gefühlten 100 Jahren, mal wieder ein Angebot rein, einen Songtext zu schreiben. Auf meine Frage, wie viel gewünscht wird, also, ob nun zwei Strophen und ein Chorus wurde mir gesagt, dass das scheißegal sei, und ich lediglich acht Zeilen abliefern müsse, die sich reimen. Die Kohle könnte ich in mein Europameisterschaftstattoo investieren. Das ist ein verfluchter Wink des Schicksals.

Gute Nacht, meine süßen Hasis.
A.  

Samstag, 23. Juni 2012

Alex Vocemira ist ein großer Mann

The name's changed but the rest stays the same. Die große Ummodelierung von IADST hat begonnen. Ich habe meinen Nickname geändert, als Symbol. So wie damals, als sich Britney die Haare geschoren hat, weil sie sich zu einem besseren Menschen gewandelt hatte oder so ähnlich. Alles wird jetzt nach und nach ein bisschen modifiziert, so das am Ende dieser Entwicklung, alle kleinen Nicklichkeiten verschwunden sind, und es nur noch um den Text geht. Keine Buchrezensionen, kein Album der Woche - nur noch meine Beobachtungen (äußere wie innere) sollen hier im Mittelpunkt stehen.

Liebes Tagebuch,
gerade habe ich es gewagt: Ich bin raus in die Stadt; raus in die überfüllten Straßen eines schwülen und drückenden Kiels. Die Kieler Woche zieht ein letztes Mal ihre Kreise. Alle meine Freunde scheinen seit Tagen ihre Zeit nur noch dort zu verbringen. Mein Boykott war erfolgreich, wie jedes Jahr. Ein Freund von mir sieht sich gerade so eine bescheuerte Schiffsparade an. Als ich ihn deswegen hänselte und fragte, ob die anderen Leute aus dem Seniorenheim auch dort hingingen, erinnerte er mich daran, dass ich eine tiefe und ehrliche Freude dabei empfinde, Blumen und Gemüse auf meinem Balkon hochzuziehen. Touché. Ich gehöre nicht mehr zu den coolen Kids. Das wird immer offensichtlicher. Während gestern bis spät in die Nacht die Bässe und das Gelächter irgendeiner Studentenparty vom Wind durch meine offenen Balkontüren geweht wurden, wartete ich darauf, dass endlich die Wiederholungen uralter South-Park-Folgen auf Comedy Central begonnen, weil ich mich inzwischen so sehr daran gewöhnt habe, dabei einzuschlafen. Das ist fast schon ein Pawlowscher Reflex.

Unten, direkt neben der Haustür, stehen zwei Typen, mühevoll an die Wand gelehnt und verdecken die Gesichter mit ihren Händen. Ich frag' mich, welche Sonne sie blendet. Der Himmel ist bedeckt, auch wenn es unsagbar warm ist. Als ich näher komme, sehe ich, dass der eine von ihnen noch immer das weiße Trikot der Nationalmannschaft trägt. Sie stützen einander. Das Spiel endete vor über 12 Stunden - das nenn' ich Ausdauer. Der im Trikot löst sich von seinem Freund und stolpert mühevoll ein paar Schritte in meine Richtung. Seine Bewegungen wirken so falsch und hölzern, dass ich mir fast nicht mehr sicher bin, ob er wirklich betrunken, oder einfach geistig behindert ist. Egal, ich deute einen kleinen Bogen an, während wir uns aufeinander zu bewegen. Ich sehe ihm direkt ins Gesicht - wohin er sieht, lässt sich nur schwer beurteilen. Er sieht aus, als wolle er mich anpöbeln und verprügeln, jedoch eine Sekunde später wirkt es, als habe er all das vergessen. Es ist, als könne man dabei zusehen, wie die Übelkeit und der Schwindel zurück in seine Glieder fahren. Er umklammert fest die Bierflasche in seiner linken Hand, aus der er vermutlich seit Stunden nicht getrunken hat, und flüchtet sich zurück in den sicheren Halt der Hauswand.

Ich schalte den MP3-Player ein und ziehe an ihnen vorbei. Ich ziehe an allen vorbei; an den Studenten in den geblümten Shorts, an den Müttern, die mit ihren dicken, von verblassten Tattoos gesäumten Oberarmen ihre Kinderwagen schieben, vorbei an den zu stark geschminkten Büroweibern, die sich immer noch in zu enge Stoffhosen zwängen, vorbei an den Schnurrbartträgern mit verbrannter Haut, die, in ärmellosen Shirts, von ihren Kötern durch die Fußgängerzone geleitet werden, vorbei an den alten Männern, die im Tweed-Anzug an den Tischen vor dem Café sitzen und aussehen wie Sartre, vorbei an 400 Kindern, die alle die gleiche Frisur haben und von ihren Müttern wie H&M-Models angezogen werden. 

Nachdem ich 5-6 Titel weiterschalten musste, höre ich plötzlich die ersten Takte von Michael Nyman's "The Heart Asks Pleasure First", der Titelmelodie aus dem Film "Das Piano". Dämlicher Film, aber ein grandioser Soundtrack. Das Lied ist, in dieser Version, allein vom Klavier gespielt. Ich habe das Gefühl, nur noch im Rhythmus des Songs zu laufen; ich werde immer schneller und hämmere meine Schritte unaufhaltsam in den Boden. Unendlich viele, prall gefüllte Busse fahren an mir vorbei. Ich ernte böse Blicke von einem Rentner-Ehepaar, als ich meine Zigarette in einen der dekorativen Blumenkästen, mitten auf dem Bürgersteig, schnipse. Ich halte ihrem Blick stand und gehe weiter. Immer, wenn 1:37min verstrichen ist, ziehe ich kurz meinen MP3-Player aus der Tasche meiner Strickjacke, um das Lied von vorn abzuspielen. Es ist eine großartige Melodie. Ich bin mir ihr aufgewachsen. 1993 ist der Film erschienen. Meiner Mutter muss er gefallen haben, denn sie summte und sang die Melodie meine ganze Jugend lang. Ich kannte jeden Ton, jede Nuance, lange bevor ich den Film zum ersten Mal gesehen hatte. Und der Film war scheiße. Sicher, Sam Neil war cool in "Jurassic Park" und auch in "Merlin", ja in "Merlin", aber "Das Piano" ist bedrückender, übersensibilisierter Dreck. Es gibt eine Stelle im Lied, etwa nach 43 Sekunden, bei der Nyman mit einer tieferen Gegenmelodie zum Hauptthema einsetzt. Dort wird das Ganze zu der mythischen Hymne, an der ich mich einfach nicht satthören kann, und sofort bin ich ein kleiner Junge auf dem Rücksitz, der durch das Seitenfenster, die mit Tannen bewachsenen Berge Norwegens beobachtet oder seiner Mutter beim Abwasch zusieht.

Im Eifer des Gefechts verpasse ich den Eingang der Sparkasse. Als ich mich umdrehe, rempel' ich fast eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm an. Bei sowas verstehen die Leute keinen Spaß. Sie funkelt mich böse an, während ich entschuldigend meine Augenbrauen hochziehe und versuche zu lächeln. Als ich mich in der Glastür spiegele, sehe ich, dass meine Stirn glänzt. Ich bin vielleicht ein wenig zu schnell marschiert.

Im Rossmann ist gerade verfluchte Rushhour. Ist ja auch nachvollziehbar, wenn irgendwelche untersetzten Schlampen ihren bescheuerten Wochenendeinkauf in einer Drogerie machen müssen. Und so stehe ich eine gute Viertelstunde in der Schlange der einzigen geöffneten Kasse, um ein bescheuertes Milkaherz und 'ne Schachtel Zigaretten zu kaufen und muss mir währenddessen das dämliche Gelaber zweier rothaariger Verlierer anhören, die hinter mir in der Schlange warten, sich über ihre Dozentin auslassen und danach grunzen, als hätten sie ihr Headset auf und würden mit ihren Freunden gegen irgendwelche Elfenarmeen kämpfen. "Ja, das kann ganz bös' werden mit ihr, nech?". Bös? Nech? Idioten.

Im Weiland laufe ich, mit einem abschätzigen Lächeln auf meinen süßen Lippen, am Bestseller-Regal vorbei, nur, um wenig später feststellen zu müssen, dass ich gar nicht so cool, indie und Underground bin, wie ich dachte, und, dass sich das Buch, was ich suche, tatsächlich auf Platz 3 der Bestsellerliste befindet - zwischen den Tributen von Panem und Donna Leon. Ein paar Mädchen tummeln sich vor der Fantasy-Ecke und begaffen die ganze Wegwerfscheiße mit den furchtbar dämlichen Titeln und den düster-kitschigen Covern.

Der Typ im Blumenladen merkt nach relativ kurzer Zeit, dass er mir so ziemlich alles verkaufen kann, da ich mich einen Scheiß für seine Sträuße und deren Beschaffenheit interessiere. Mein einziges Ziel ist es, weniger als 15 € auszugeben und irgendetwas Ansehnliches für ein süßes Mädchen zu kaufen. Ich bin ein Gentleman, vielleicht sogar der Letzte.

Und Gottschalk geht zu RTL? Auch du, Thommy? Judas! Nach all den Jahren, in denen ich Gottschalk immer, aus einer grundsoliden und nostalgischen Verbundenheit heraus, unterstützt habe, schießt er mir in den Rücken und setzt sich neben Bohlen.

Als ich eben die Wohnungstür aufschloss, wäre ich fast über die Gratis-Bild gestolpert, die offenbar jeder Deutsche heute bekommen hat. Danke dafür, Axel Springer AG - jetzt muss ich wirklich den Papiermüll runterbringen. Ich glaub', heute Abend ist das große Feuerwerk. Ein bisschen davon kann man vom Balkon erahnen. Ich werde immer traurig bei Feuerwerken. Feuerwerken? Feuerwerks? Feuerwerki? Das klingt alles gleich scheiße. Mal abwarten. Zumindest dürfte ich sehen können, wie sich der Nachthimmel ab und an erleuchtet.

xoxo
A.

    

  

Freitag, 22. Juni 2012

Das Gelöbnis II

Ok, vielleicht dauert es doch länger. Ich habe ein cooles Logo in Auftrag gegeben. Das können wir uns dann alle tätowieren lassen und ich mach' T-Shirts und Kaffeebecher und so Zeug. Ich seh' das schon alles ganz groß vor mir. Naja, jedenfalls müsst ihr unter Umständen doch noch ein wenig länger mit diesem Design Vorlieb nehmen.

Ich arbeite dran!

xoxo
A.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Das Gelöbnis

Nachdem ich nun versehentlich das Titelbild zerstört und somit den Blog optisch vergewaltigt habe, schwöre ich hiermit feierlich, mich morgen um ein neues Design zu kümmern. Alles wird neu. Ich werde die Lesesachen und das Album der Woche rausnehmen, soweit es da keine Einwände gibt.

Bis morgen!

Mittwoch, 20. Juni 2012

Who watches the Watchmen?

Megagrins!
Ja, verfluchte Scheiße, das Mädchen vor mir hat tatsächlich "megagrins" gesagt. Ich bin angeekelt und gleichzeitig fasziniert. Sie hat ein fliehendes Kinn, blondes Haar und ihr Arsch guckt an beiden Seiten über die Kante des Stuhls. Ihre Augen sind auf eine Weise halb-geöffnet, dass sie ihrem Gegenüber immer das Gefühl gibt, sie hätte schon alles gesehen und gehört. Weiße Converse, lila Skinny-Jeans - ich bin mir jedoch nicht sicher, ob die Bezeichnung "skinny" wirklich angemessen ist. Dass gerade ein Tagebucheintrag aus Holocaust-Zeiten vorgelesen wird, der von Exekutionen an Juden handelt, hindert sie nun wirklich nicht daran, mit ihren zwei Freakshow-Freundinnen zu reden und zu lachen. Dass ich zweimal schon wirklich laut und vorwurfsvoll ausgeatmet habe, tut dem Ganzen auch keinen wirklichen Abbruch. Also zück' ich mein kleines, schwarzes Angebernotizbuch und schreibe diese Zeilen. Das hilft. Ich implodiere lieber. 

Die Tasche ihrer Nachbarin liegt auf dem Tisch; schwarzes Schlangenlederimitat - sehr geschmackvoll, zumindest, wenn man eine Nutte ist. Der Eindruck scheint gar nicht so unglaublich weit hergeholt, kombiniert sie doch die zauberhafte Tasche mit einem schmalen Leopardenhalstuch, das sie, fast wie eine Krawatte gebunden, um den dürren Hals trägt. Der schwarze Nagellack ist an den meisten Stellen angebröselt, als hätte er schon vor Wochen begonnen abzuplatzen. Vielleicht gab es mal einen Anlass, ihn aufzulegen. Ich erspare mir und vor allem euch weitere Spekulationen darüber. 

Ich finde abgeplatzten Nagellack so unglaublich unattraktiv. Ich bin nun wirklich kein Freund von Nagellack, also so generell, meine ich - genau wie von aggressivem Lippenstift. Ich hab nichts gegen geschminkte Frauen, versteht mich nicht falsch - ich wollte keinen Müsli-Frauen-Seid-Wie-Ihr-Seid-Scheiß propagieren. Smokey-Eyes (das heißt doch so?) sind hot *megagrins*. Ich weiß auch nicht, warum genau. Doch dieser Nagellackmist erinnert mich zu sehr an dieses Perlenketten-80'er-Kitsch-Plastik-Romantik-Ding. Wisst ihr noch, wie die Softpornodarstellerinnen Ende der 90'er auf RTL2 immer aussahen? Damals, als ich heimlich aufgeblieben bin, um Brüste zu sehen, habe ich gelernt, dass ich nicht möchte, dass meine Frau so aussieht. Brüstemäßig schon, aber nicht in Sachen Perlenketten, Dauerwellen, riesige Ohrringe und Nagellack, verdammt. Das geht hier heute in eine merkwürdige Richtung, merkt ihr das? 

Aber diesen bizarren Rest stehen zu lassen, wo sie doch sonst penibel auf ihr skurriles Erscheinungsbild zu achten scheint. Zumindest ist sie nicht so ein wabberiger Knochensack wie ihre dämliche Freundin. Sie ist schlank, aber das scheint mehr an ihrer generellen Statur zu liegen. Es sieht aus, als hätte sie den Körper eines Kindes. Ich wette, sie glaubt, sie strahle so etwas Ähnliches wie einen intellektuellen Chic aus. Eine Prise Wednesday Adams ist auch zu spüren. Wenn sie nicht mit ihrer Nachbarin redet, liest sie in einem Buch. Erst, als sie pinkeln geht (natürlich nicht in der Pause, denn die Zeit hat sie dafür genutzt, ein wenig lauter zu reden), sehe ich, dass sie American Psycho liest. Na und, sie ist bestimmt trotzdem blöd. Während sie lacht, sehe ich, dass ihre Schneidezähne ein wenig gelblich sind. Bestimmt raucht sie irgendeine Sorte mit weißen Filtern. Das würde zu ihr passen.

Es gibt einfach Momente, in denen man die Fresse halten sollte (z.b. im Kino und im Bus), selbst, wenn man nicht zuhört oder mitdenkt - das ist schließlich keine Schande. Wenn Quellen über die Erschießung von Juden vorgelesen werden, dann sind das beispielsweise solche Momente. Da sollte man doch über das nötige Maß an Pietät und Respekt verfügen, und stattdessen einfach mal kein bescheuertes Arschloch sein und nur an sich selbst und den eigenen Mist denken. 

Mädchen Nr. 3 trägt eine weiße Jeansjacke!

Vier Stunden später

Madame Megagrins sitzt auch in dieser Vorlesung. Wieder mit Gang - sogar expandiert. Ich sitz wirklich am anderen Ende des Hörsaals, aber ihr Gerede ist mindestens genauso eindringlich. Und dann: ein Hauch von Gerechtigkeit. Laut spricht der Dozent sie direkt an: Sie möge doch bitte ihre Privatgespräche unterlassen, es störe schließlich. Doch sie, sie lächelt es einfach weg, mit ihren schmalen Lippen; der vermutlich einzigen Sache an ihr, die schmal ist.

Sie weiß, dass der Dozent eine Lachnummer ist, denn, zugegeben; das ist ist er leider. Nicht nur die Vorlesung ist öde und trocken, er ist es ebenfalls. Ein grauer, bebrillter Mann mit einer viel zu nasalen, säuselnden Stimme. Die Thematik antiker Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist auch nicht gerade ein Entertaiment-Highlight. Jede Woche schäme ich mich. Ich schäme mich für all die, die ihm durch ihr Gerede, ihr Fernbleiben und ihr offen zur Schau gestelltes Desinteresse, jede Woche vor Augen führen, dass er nicht hierfür geboren ist. Er ist ein Wissenschaftler, kein Redner, kein Showmaster - nicht mal ein wenig. Und das ist sein Problem. Er tut mir leid, aber wovon er redet? Keine Ahnung. Wenigstens halte ich die Fresse. Es muss schrecklich sein, diesen Mangel an Achtung und Respekt in so einem Beruf zu spüren. Normalerweise finden rund 200 Studenten in diesem Hörsaal platz. Ungefähr 40 Menschen sind hier.

Und die Gruppe von Arschlöchern redet immer weiter. Immer und immer weiter. Doch ein kleiner Lichtblick, ein winziger Funken Freude keimt auf, wenn ich sie ansehe: Sie sind alle irgendwie hässlich. Ist das Gottes Rache? Es muss wohl so sein. Sie haben schon ihre Strafe erhalten, und sie erhalten sie jeden Tag aufs Neue. Vielleicht wissen einige von ihnen es noch nicht einmal, aber es ist offensichtlich - für jeden. Jede von ihnen (auch der Idiot, der mit ihnen lacht und am Rand der Gang sitzt) ist auf ihre ganz spezielle Art und Weise hässlich. Das ist keine verfluchte Metapher, ich mein's ernst. Niemand ist perfekt, aber ihre Makel stechen mir ins Auge, und das war höflich ausgedrückt. Das haben sie davon.

Und doch wächst das Gefühl, dass es immer mehr von ihnen werden. Vielleicht bin auch ich einfach der Idiot, und der Rest ist normal. Vielleicht saß heute hinter mir jemand, der mich angesehen und anschließend sein rotes Notizbuch gezückt hat, um sich darin, für seinen Blog, zu vermerken, wie krank ich ihn mache. 

A.

Montag, 18. Juni 2012

Jumanjment Day

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Hört ihr das? Das soll doch wohl ein verfickter Witz sein. Ich saß gerade an einer Dänischübersetzung, als dieses infernale Getrommel über mich hereinbrach. Was denken die Leute? Nur, weil gerade scheiß Kieler Woche ist, muss doch nicht überall Ausnahmezustand herrschen. Was ist denn bloß los, ey? Und dass am Sonntag, dem Tag der verfluchten Kirche. Und die besudeln das mit ihrem dämlichen heidnischen Getrommel.

Ich hab das schon kritisch beäugt, als auf einmal Rauch zwischen den Bäumen aufstieg. Ich war mir sicher, dass da einfach nur jemand nicht in der Lage ist, richtig zu grillen. Das sah aus, als versuche jemand etwas über dem offenen Feuer zu rösten - und wahrscheinlich war die Wahrheit gar nicht so weit entfernt. Dann mischten sich ein paar lustige Stimmen ein, aber selbst das ging noch in Ordnung. Eigentlich hat man es auch nur auf dem Balkon gehört. Immer, wenn ich eine rauchen gegangen bin, hab ich rübergeschielt und geguckt, was nun passiert. Ich hatte keine Ahnung. Nächste Zigarette: Wikingerschach. Wundervoll. Und wie schön sich alle freuen konnten. Und wie sie gelacht haben. Schön. 

Und dann, aus dem Nichts. Nicht einmal das Fenster war auf. Jumanji. Als säße ich im verfluchten Foyer einer König der Löwen-Aufführung. Es war wirklich so unglaublich laut. Ich kam mir total rassistisch vor, als ich mich darüber aufgeregt habe, aber eigentlich habe ich mich am meisten über diese selbstgefällige Blockparty-Einstellung aufgeregt. Zwischen den Bäumen konnte man immer mal wieder das Gesicht, irgendeiner lockigen Esoterikschlampe sehen, die die Atmosphäre in sich aufsaugt, während ihre bescheuerten und unkontrollierbaren Gören durch den Garten rennen und ab und an einen Fußball gegen die Mauer treten. Kein Gedanke wird daran verschwendet, dass das ja auch Leute stören könnte. Aber warum auch? Die sollen denn mal nicht so spießig sein. Können ja alle dazu kommen und mit tanzen und ein wenig Spaß haben. Wichser.  Dass Ignoranz immer mit Lockerheit verwechselt wird. 

Die dicke Frau hat heute auch wieder Gas gegeben. "Nossa, Nossa..." - ich bin extra auf meinen Schreibtisch geklettert, um mit der Faust gegen die Decke zu bullern. Hab' ich also doch mal Kontakt zur Außenwelt aufgenommen. Man muss eben nur freundlich auf die Menschen zugehen. Sie hat erst unbeeindruckt weiter ihre Scheißmusik angelassen, dann aber doch leiser gedreht - musste wahrscheinlich noch ein bisschen Stärke demonstrieren. Sie ist schließlich älter als ich und ich bin nur ein Student, was für sie wohl bedeutet, dass sie auch klüger und erfahrener ist und so. Ihr kennt das. Wahrscheinlich meint sie, damit irgendwie ein Vorrecht auf das Scheiße-Sein zu haben. So ein scheiß Bullschit. Jeden Tag lese und höre ich Dinge von Menschen, die älter sind als ich - trotzdem sind sie Vollidioten. 

Übrigens solltest du, der du das hier liest, in dem Haus gegenüber wohnen; Milchglas schütz nicht vor Blicken ins Badezimmer! Wenn du die Frau aus dem ersten Stock bist; vergiss, was ich hier schreibe. Wenn du jedoch der dicke Mann aus dem Erdgeschoss bist; kauf' dir 'ne verfluchte Gardine!

Ich hab' gute Laune. Ich musste mich richtig zurückhalten, in meinem Kopf tanzen und trommeln viel schlimmere Formulierungen umher.

A.  

Samstag, 16. Juni 2012

One Night in Paris

Es ist ein komisches Gefühl, zu den Klängen der englischen Nationalhymne aufzuwachen. Aber genau das ist mir passiert. Die verfluchte Kieler Woche. Ich habe eine Schwäche für Hymnen. Nicht, weil ich ein fieser Nationalist bin, sondern, weil ich das Pathos und die Tragik mag, die in den Melodien stecken. Vor allem die osteuropäischen Hymnen sind cool. Mein all-time-favorite ist übrigens die Hymne Aserbaidschans'.

Wusstet ihr z.b., dass die Melodie der britischen Hymne auch die, der Lichtenstein'schen ist? Ja! Oder, dass dieselbe Melodie (God Save the Queen) für eine Zarenhymne in Russland, die alte Bayernhymne, ein amerikanisches Patriotenlied und die ehemalige Hymne der Schweiz verwendet wurde? Ja, selbst die preußische Volkshymne "Heil dir im Siegerkranz" wurde 123 Jahre und länger auf diese Melodie gesungen. Mit diesem Wissen, würde ich wiederum sagen, dass die bescheuerte Kapelle unten am Militärhafen eher Letzteres gespielt hat. Da können die Hauptschüler von der Bundeswehr ein bisschen die Gewalt der Geschichte spüren.

Alles ist auf einmal lauter als sonst. Feuerwerk. Hin und wieder trägt der Wind das brummige Bass-Gelaber von irgendeinem Pseudomoderator herüber. Bis spät in die Nacht wurde irgendwo in der Nähe gefeiert. War das sympathisch, mal wieder jemanden "Nossa, Nossa..." brüllen zu hören. Die Kieler Förde sieht aus, als wäre ein scheiß Weltkrieg ausgebrochen: Man sieht mehr Boote, Yachten, Schiffe und Segler als Wasser. Mein Kontoauszug sagt, dass ich zum allerletzten Mal Kindergeld erhalten habe. Wie ich das feiere, weiß ich auch noch nicht.

Den ganzen Tag schon bekämpfe ich das vuvuzeleske Dröhnen der Schiffshörner mit dem ersten Album von Norah Jones. "Come Away With Me" ist wirklich eine gute Platte - ja, ich find' "Platte"-Sagen auch bescheuert, aber alles für den Stil! Wiederholungen sind Mist. Das ist aber auch noch nicht so schlimm, wie Musiker, die sagen, sie hätten heut' Abend noch 'ne "Mucke", statt einem "Auftritt". Das ist wirklich widerwärtig. Egal, das Norah-Album ist ihr bestes! Selbst, wenn ich es schon mal erwähnt habe (Der Soundtrack zum Film), ich weiß noch ganz genau, wo und wann ich es zum ersten Mal gehört habe: im Herbst 2004, zwei Jahre nachdem das Album rausgekommen war. Ich war gerade in eine neue Klasse gekommen und auf Studienfahrt in Paris. Das war mein erstes Mal in Paris. Es war schon dunkel. Die Bäume am Rand der Seine waren mit Lichterketten geschmückt und der Eiffelturm flackerte in regelmäßigen Intervallen dazu. Ein geschickter Kniff, denn keine Kamera kann wirklich einfangen, wie eindrucksvoll und ja, ein wenig kitschig, das aussieht. Es lässt sich nur mit den eigenen Augen sehen. Ein bisschen Disneyland-Feeling. Es ist der letzte Tag der Reise, weswegen wir abschließend eine klassische Touristenfahrt auf der Seine unternommen haben. Der Anleger hieß Bâton-Rouge, das weiß ich noch. Danach haben wir uns alle auf dem Place de la Concorde getroffen, um in einem hässlichen blauen Doppelstockbus wieder nach Deutschland zu fahren.

Auf der Seine


Ich saß in der oberen Etage des Busses ganz vorn, so dass ich durch die große Frontscheibe auf die Straßen blicken konnte. Neben mir saß ein Mädchen, mit dem ich vor der Reise kaum ein Wort gewechselt hatte. Wir saßen jedoch bereits auf der Hinfahrt nebeneinander und 16 Stunden sind eine verflucht lange Zeit. Sie wusste inzwischen nicht nur, dass ich ziemlich cool war, sondern auch, dass ich mich durchaus für Musik begeistern konnte. Sie bat mich, doch mal in das Album reinzuhören, das sie sich mitgenommen hatte. Der Name kam mir bekannt vor. Bestimmt irgendeine Mädchenscheiße, dachte ich. Das kam nicht aus dem Nichts. Ich wusste über sie, dass sie in einer dämlichen Volkstanzgruppe mitmachte und auf Pferde stand. Herrgottnochmal, sie hatte einen blonden Pferdeschwanz und ihre Mutter war Zahnärztin - es konnte also nicht wirklich etwas cooles sein, was sie mir da anbot. Dass Norah Jones es damit bis auf Platz 2 der deutschen Albencharts geschafft hatte, war völlig an mir vorbeigegangen. Aber damals interessierte ich mich auch mehr für andere Dinge. Ungefähr nach der ersten Strophe des ersten Titels ("Don't Know Why"), musste ich mir eingestehen, dass ich mich geirrt hatte. Mit meinem Diskman auf dem Schoß sog ich alles, was ich sah in mich auf, und brannte es für immer in mein Gedächtnis. Die laue Herbstnacht, das gemächliche Treiben in den beleuchteten Straßen dieser eindrucksvollen Stadt, die geschafften Gesichter der Anderen und diese wunderbare Musik dazu. Niemand im Bus sprach ein Wort, soweit ich das sehen konnte. Alle waren ruhig, ein wenig müde und verabschiedeten sich von dieser wunderbaren Sepia-Kulisse. Ich kam mir nicht nur erwachsen vor, sondern eher wie in einem Film. Die Musik aus meinen Kopfhörern hätte genauso gut der Schlusssong sein können, bei dem die Kamera am Ende immer weiter weg, wie sagt man, "fadet", fährt? Wie auch immer, ihr wisst, was ich meine.

Seit dem war ich noch dreimal in Paris. Großstädte sind nun wirklich nicht mein Ding, Überraschung, aber Paris ist anders. Ich hab kein besonderes Faible für die französische Kultur oder die Sprache, es ist die Stadt selbst. Ich kann ohne Weiteres auf den Eiffelturm oder den Louvre (die Mona Lisa ist wirklich verdammt klein, hinter siebzig Glasscheiben und vier Milliarden asiatischen Touristen) verzichten, aber das provenzielle Montmartre oder der Jardin des Tuileries sind schon allein die Reise wert. Und die Straßen, die Straßen von Paris. So könnte auch mein Roman heißen.


Die Straßen von Paris

Man spürt förmlich die Geschichte um einen herum. Es ist speziell, selbst, wenn man nur das sieht, was täglich Millionen begaffen.


Rue de Norvins, Montmartre
 
Montmartre, der Berg der Märtyrer, früher Künstlerkolonie und Bohème-Zentrum (Picasso, Dalí, Van Gogh etc.) ist natürlich ein Touristenmagnet, spätestens seit "Die fabelhafte Welt der Amélie", aber irgendwie hat das kleine Viertel im Norden von Paris seinen dörflichen Charme erhalten. Ich mochte es immer sehr dort. Die Herz-Jesu-Kirche aus weißem Sandstein vom Fuße des Berges ist auch ein nettes Fotomotiv. Reingehen muss man nicht. Dort lernte ich, dass man seine Mütze abnehmen muss, wenn man eine Kirche betritt. Verrückte Religionen. Betritt man einen jüdischen Friedhof, muss man seinen Kopf bedecken.
 
Sacré-Cœur de Montmartre

Montmartre ist der perfekte Ort, um seine Zeit zu vertrödeln. Es gibt einen McDonald's fast direkt an der Metrostation, ganz in der Nähe vom Moulin Rouge und genügend Fotomotive für nostalgische Abende zu Hause. Zwar ziehen sich auch hier Ströme von Touristen durch die engen Gassen, doch wenn man einfach zweimal wahllos abbiegt, findet man sich allein wieder, zwischen den maroden Fassaden und dem charmanten Idyll des Viertels. Vor ein paar Jahren, als ich mit zwei-drei Freunden dort unterwegs war, haben wir uns, auf der Suche nach einem kleinen Dalí-Museum verlaufen und standen auf einmal mitten in einem kleinen Innenhof. Eine fast geisterhafte Szene; ein Mann saß auf einem kleinen Schemel und spielte Cello, während keine zwei Meter neben ihm, ein Großmütterchen auf einer Bank schlief, fast aufgebart, als wäre sie gestorben und dies ihre letzte Ruhestätte.

Irgendein teures Café auf Montmartre

Als ich letztes Jahr in Paris war, hatte ich zunächst befürchtet, es hätte sich ein wenig abgenutzt und könnte nicht mit der Stadt aus meinen Erinnerungen mithalten, aber es war so schön wie immer. Inzwischen umgehe ich zwar so gut wie alle Sehenswürdigkeiten und genieße nur noch die Atmosphäre in den Straßen und an der Seine, aber selbst die ist die Reise wert. Aber mit dem Bus fahre ich da niemals wieder hin! Flugzeuge sind natürlich auch richtig scheiße und Fliegen ist nun wirklich kein Spaß, aber es ist einfach schneller. Und ein Auto braucht man in Paris nun wirklich nicht.

Unglaublich empfehlenswert ist auch einer der großen Pariser Friedhöfe. Père Lachaise. Die sagenumwobene Totenstadt; weitläufig und eher wie ein Park in unserem Sinne. Hier ruhen Unmengen an berühmten Persönlichkeiten, deren Gräber fast Pilgerstätten gleichen (Piaf, Chopin, Wilde, Proust, Morisson, Balzac etc.).

Friedhof Père Lachaise

Gott, wären es nicht nur so wenige Reiseziele, die es in mein Herz geschafft hätten, könnte ich fast ein Reiseblog oder sowas schreiben. Wohnen möchte ich in Paris nicht, dazu wäre es mir viel zu geschäftig. Aber in regelmäßigen Intervallen ist es sehr angenehm. Man kommt sich dort so romantisch, träumerisch und wichtig vor. Als wär man doch der Hauptdarsteller in einem Film.

Draußen, in Kiel, setzt gerade der Regen ein. Das hat die Kieler Woche jetzt davon! Jetzt werdet ihr alle nass! Ich werde jetzt das Norah-Album ausmachen und etwas anderes hören. Leben heißt Veränderung! Stillstand ist der Tod! Nostalgie bringt hier keinen weiter.

A.

Freitag, 15. Juni 2012

Buchpiraten

Kurzer Zwischenruf: Ich beteilige mich an einem neuen Buchrezensionsblog. Ich werde also in Zukunft jegliche Buchbesprechung + Geschimpfe dort ablassen. Hier bleiben meine üblichen Beobachtungen + Geschimpfe natürlich erhalten. 

Trotzdem würde ich mich freuen, viele von euch, auch auf dem anderen Blog als Leser zu begrüßen. Give peace a chance!


Liebe Grüße,
A.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Bekenntnisse des Rummelliebhabers

Ich habe gerade, wie jeden Morgen, fast ein ganzes Glas Trinkschokolade auf ex getrunken. Ich fürchte jedoch, dass die Milch nicht mehr so gut war. Erst beim Absetzen kurz vor Schluss, bemerkte ich die säuerliche Note, die sich in den sonst so gewohnten Geschmack von Nesquick und frischer Vollmilch aus dem Penny mit eingeschlichen hatte. Ich habe Angst mich zu übergeben. Wer hat das nicht? Hilft Wasser? Ich trinke zumindest gerade Unmengen von Wasser - das wird schon irgendeinen beschwichtigenden Effekt haben. Vielleicht sollte ich aber lieber Leitungswasser trinken. Das wäre dann nicht so eine Verschwendung, sollte ich mich tatsächlich übergeben müssen. Habt ihr's nicht gemerkt? Ich habe "Übergeben" statt "Kotzen" gesagt. Mal kein Gossenslang und so. 

Mein Kopf schmerzt, obwohl ich gar nicht viel getrunken habe. Das muss einfach die Anspannung sein, die gerade erst abgefallen ist. Statt im Elfenbeinturm, habe ich das Spiel mit ein paar Freunden in einer Kneipe gesehen. Das hat mir gefallen. Das würde ich sogar öfter machen. Die türkischen Besitzer waren vollends für Deutschland. Als ich in der Halbzeit auf's Klo wollte, begegnete ich dem kleinen Sohn der Besitzerin. Er grinste mich an, hob beide Fäuste und sagte mit einem Nicken: "Deutschland!". Ich antworte ihm mit einem Lächeln, das ein stolzer Vater seinem Sohn zuwirft. Zumindest kam ich mir so vor. Vielleicht war es aber auch eher die Arroganz eines Kolonialfürsten. Man sollte diskutieren, ob nicht der beste Weg in die gelungene Integration, der Ausschluss der Türkei von allen internationalen Fußballturnieren sein könnte. Da der Fernseher neben dem großen Fenster aufgestellt ist, hat man auch einen schönen Blick auf die Straße und den Supermarkt auf der anderen Seite. Mitten im Spiel sah man sogar einige Mädchen vor dem Supermarkt halten. Sie hatten kleine Deutschlandfahnen an ihren Fahrrädern. Aber das Spiel war wohl Nebensache.

Eine unabhängige Probandin hat gerade die Milch getestet und ist der Überzeugung, dass sie nicht sauer sei. Das ist aber Quatsch. Sie ist sauer - sonst wär mir ja wohl nicht übel. 

Es ist so schwül draußen. Und weil ich den ganzen Tag über die Balkontüren offengelassen habe, ist es selbst in meinem Zimmer schwül. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass man meinen könnte, es hätte hier drin geregnet. Es riecht nach den Asia-Instant-Nudeln, die ich mich gerade gemacht habe. Wie in einer verfluchten Thai-Küche.

Die Kieler Woche liegt in der Luft. Man spürt es schon. Die ersten kleineren Yachten sammeln sich wie Unheilsboten an dem Steg, den ich vom Balkon aus sehen kann. Auch dieses Jahr scheine ich der Einzige zu sein, der sich  einfach nicht auf den ganzen Mist freut. Die Stadt ist voll, die Busse sind voll, die Parkplätze sind belegt und alle quatschen ununterbrochen von nichts anderem. Ich mein', ich werde nicht hingehen, aber selbst das nervt mich schon. Niemand scheint davor gefeit zu sein. Es ist wie ein verfluchtes Fieber. Nur ich bin immun. L'enfer c'est les autres. So ein scheiß Aufstand, wegen Bierzelten, abgehalfterten Promis, miesen Bands und Fressbuden. Wenn ich irgendwann einmal (hoffentlich) aus dieser schönen Stadt wegziehe, werde ich der einzige Einwohner sein, der nie dort war. Wenn das nichts ist.

Natürlich bin ich ein Trottel und kämpfe da gegen Windmühlen, aber ich kann es einfach nicht leiden. Es stößt mich regelrecht ab. Ich würde genauso über das Oktoberfest oder Weihnachtsmärkte sprechen. Manchmal wünschte ich, dass mich das nicht so ankotzen würde, dass ich es auch mögen würde, dass es mir vielleicht sogar Spaß macht und ich mich darauf - das wäre einfach unkomplizierter. Schließlich verstehen die wenigsten, warum man so etwas nicht leiden kann. Eine Freundin sagte mir gerade am Telefon, dass es doch super sei auf der Kieler Woche: überall Party, überall Musik und gute Laune und man sei draußen. Puh. Selbst das lockt mich nicht. Obwohl es verheißungsvoll klingt, zweifelsohne. Ich bin gern draußen. Bloß große Menschenmengen werden immer mehr zum Problem. Wahrscheinlich werde ich auch immer schlimmer, aber ich schnappe ununterbrochen Gesprächsfetzen von Fremden auf und denke mir die Lebensläufe dazu (und das war noch sehr höflich formuliert), fälle Vorurteile und bin angeekelt von all den albernen Spasten und ihrem Getue. Außerdem schreibe ich fast ununterbrochen das Wort "ununterbrochen".

Ich krame schon den ganzen Tag nach traumatischen Erinnerungen in meinem Gedächtnis, die meine Aversion gegen Volksfeste erklären könnten. Als ich jung war, mochte ich den Rummel. Aber auch nur, weil man dort losen konnte, glaube ich. Losen ist cool. Autoscooter gefielen mir nicht. Ich empfand es als störend, dass man von deren anderen angefahren wurde. Es machte mir dann einfach keinen Spaß. Damit habe ich wohl das Thema verfehlt. Achterbahnen sind auch nichts für mich. Würde mir nicht schlecht werden, fände ich es vielleicht nicht mal so dämlich, dafür Geld zu bezahlen. Es ist auch nicht vererbt, meine Eltern lieben es, jedes Jahr auf den Rostocker Weihnachtsmarkt zu fahren. Mir fällt nichts ein. Vermutlich bin ich einfach ein verdammter Stinkstiefel. Wie dem auch sei, ich werde den ganzen Scheiß einfach aussitzen. 

Ich und meine fünf Freunde hier scheißen auf die Kieler Woche
  

Dienstag, 12. Juni 2012

Volle Kraft zurück

Nachdem ich in den letzten Tagen viele Kommentare und Posts gelesen und gehört habe, die in eine ähnliche Kerbe zu schlagen scheinen, wie mein letzter Post, möchte ich mich, in aller Freundschaft, von einer aufgeblasenen Haltung gegenüber der EM und dem Fahnenkult distanzieren. Was ich damit meine? Ein Kumpel hat mir heute von einer feschen Street-Art-Aktion erzählt, bei der die aufgeklärten Straßenkünstler diese kleinen Autofähnchen abgebrochen haben, um sie durch antinationalistische Flugblätter zu ersetzen. Ihr Eifer in allen Ehren, aber das geht nun wirklich auch zu weit. Und wenn ich dann dieses ganze aufgeblasene Geschwafel von irgendwelchen Nervsäcken lesen, die sich fadenscheinig über den voranschreitenden Nationalismus und Deutschland-Kult echauffieren, schäme ich mich regelrecht, dass ich einen ähnlichen Tenor hatte. 

Sicher, sicher, peinlich und blöd sind die ganzen Public-Viewing-Auswüchse allemal, aber niemand sollte sich darum sorgen müssen, dass die Fußball-EM für wachsenden Nationalismus in unserem schönen Lande verantwortlich ist. Denn das ist sie nicht. Diese Euphorie stirbt alle zwei Jahre wieder, vier Wochen nachdem sie wiedergeboren wurde. Die Grundhaltung, dass wir besser sind als andere, wird doch viel subtiler transportiert. Man denke nur an die höhnischen Kommentare der Springer-Presse zur Griechenland-Pleite. So etwas vermittelt den Menschen das Gefühl, wir ziehen nicht alle am selben blau-gelben Strang, und dass Deutschland besser sei - schließlich sind wir ja nicht pleite, sondern die Trottel dort unten, weil sie faul und verlogen sind. Warum mögen die Leute wohl die Kanzlerin, wenn doch zugleich die Umfragewerte der Union sinken? Weil Horst und Uwe am Imbiss das Gefühl haben, dass sie unsere Interessen so toll vertritt und total den Ton angibt in Brüssel und den Hinterzimmern dieser Welt. Wir sind wieder wer in der Welt. Und ganz ohne Autofähnchen. 

Doch deswegen macht niemand irgendeine bekackte Street-Art-Aktion. Dort wird genauso an Patriotismus-Impulse appelliert, nur eben subtiler. Es geht eben um das Streben nach Anerkennung. Im Großen wie im Kleinen. Es geht darum, sich selbst zu feiern, bzw. für die meisten darum, endlich mal einen Grund dafür zu haben. Man muss die Dinge voneinander trennen. Nationalismus ist Egozentrik - nur größer. Die EM und ihre Randerscheinungen gehen vorbei und sind auch nicht anders als Weihnachten oder der Valentinstag - wenn man sie denn aus einer antisportlichen Perspektive betrachten will. Es gibt so viele Gründe, die Leute und alles hier und auch anderswo scheiße zu finden, aber die EM und das alberne Fahnengeschwenke bringen die pseudo-zynischen Spackos so in Wallung? Was zum Fick stimmt denn nicht mit allen?

Das Ekelhafteste, was ich seit Wochen erlebt habe, stieß mir gestern an der Aldi-Kasse zu. Während ich zwischen bunten Feuerzeugen, Zigarettenhülsen, Batterien und den Maltesermischlingen, die mich von Hundefuttertüten anglotzten, darauf wartete, dass es voranging, stand vor mir in der Schlange ein Pärchen. Er, nennen wir ihn, der Einfachheit halber, mal Dirk: schätzungsweise 41; die Klamotten schrien: "Mallorca-Urlauber", und "Für immer 30!", das Haar wich langsam der gebräunten Kopfhaut und ein Bäuchlein lugte deutlich unter dem kurzärmligen, gemusterten Hemd hervor. Sie, nennen wir sie Nicole: ca. 28; pechschwarz-gefärbtes, geglättetes Haar; so braun, dass es schwerfällt zu urteilen, ob südländisch oder Disconutte; auch ein bisschen, wie sagt man, untersetzter; gekleidet wie eine 18jährige Ende der 90'er. Mit Bedacht berührt Dirk nun den wenigen Mist, den die beiden in diesem zauberhaften Shoppingtempel ausgewählt haben, und schiebt ihn auf dem Laufband zusammen. Sie sieht abwesend aus, obwohl er sich darum bemüht, immer wieder Blickkontakt zu suchen. Dann treffen sich ihre Blicke. Ihrer stumpf und unentschlossen, seiner von Kitsch und Stolz nur so triefend. Er neigt den Kopf, lächelt und sagt: "Unser erster gemeinsamer Einkauf". Sie lächelt. Er küsst sie geräuschvoll. Beide sehen wieder in getrennte Richtungen. Ende der Szene. Der Vorhang fällt. Mir ist alles aus dem Gesicht gefallen. Ich glaube, ich habe mich innerlich übergeben müssen. Ich glaube an ihre Liebe, ganz fest, ganz fest. Dirk und Nicole. Ich mochte den Aldi noch nie.

In der Uni wurde heute über Denkmälher Papst Pius II' in Siena gesprochen. Ich war schon mal dort, aber ich kann mich partout an nichts erinnern. Es hat geregnet, das ist, was ich noch weiß. Die große Piazza, die der Beamer gerade an die Wand wirft, kommt mir jedoch bekannt vor. Die Toskana ist wunderschön, selbst, wenn sich Siena nicht gerade in mein Gedächtnis gebrannt hat. Die Städte mögen geschichtsträchtig sein, aber das, was wirklich beeindruckend ist, ist die Landschaft drum herum. Alles, wirklich alles, sieht aus wie in einem endlosen Werbespot für Olivenöl: weite Felder und Plantagen, gedämpftes Sonnenlicht, riesige Zypressenbäume. Daran erinnere ich mich. Ich sehe die Landschaft noch immer vor mir. Ich sitze in einem Reisebus und bin in der zwölften Klasse. Ich höre "Voices" von Ryan Adams.



Pienza scheint, den Fotos der Vorlesung nach zu urteilen, auch eine sehr schöne und friedliche Stadt zu sein. Sollte ich jemals wieder in der Toskana sein, ich werde diese Stadt besichtigen. Vermutlich habe ich es in zwei Wochen vergessen. Solltet ihr mal dort sein, fahrt nach Cinque Terre, in das Fünferland. Man kann nur mit dem Zug hin. Es liegt auf dem steilen Hang einer Küste, die keinen anderen Zugang als den Zugtunnel hat. Orangenbäume, schroffe Felsen und die reine Idylle.

Cinque Terre
 
Meine Urlaubserinnerungen werden von dem Gequatsche der anderen unterbrochen - in stereo. Rechts und links von mir sitzen zwei fast identische Pärchen. Ein Junge mit Sporttasche und einem geröteten Gesicht (demnach natürlich ein Sportstudent) und ein relativ attraktives Mädchen. Auf der anderen Seite das gleiche Bild. Sie haben nicht einmal den Anstand zu flüstern. Die Menschen haben einfach das Gespür dafür verloren, wann sie anderen auf den Sack gehen. Oder es ist ihnen einfach egal. Letzteres würd' ich tippen.

Gute Nacht,
A.
 


Sonntag, 10. Juni 2012

Deutschland, meine gefährliche Geliebte

Achtung: das hier ist der offizielle EM-Post auf IADST.

War das ein Krimi? Eigentlich nicht; es war doch lediglich eine erste Gruppenpartie. Um ehrlich zu sein, war ich trotzdem den ganzen Tag über aufgeregt und in den letzten zehn Minuten des Spiels hätte ich das Ganze lieber im Teletext verfolgt - das wäre einfach weniger nervenaufreibend gewesen. Ich hätte am liebsten gleich nach dem Aufwachen, mein weißes Trikot übergesteift, nur, um mich selbst noch mehr mit der Sache an sich zu identifizieren. Und wie allgegenwärtig der Fußball auf einmal wieder ist. Nachdem ich mich mit der Friseurin kurz über den Verfall der Jugend, der Eltern und der Politik verständigt hatte (Das kann ich gut: Ich treff bei sowas fast immer die richtigen Töne, unabhängig davon, ob ich es tatsächlich so sehe. Ich hätte mal doch auf die Springer-Journalisten-Akademie oder in die Politik gehen sollen.), kam das Gespräch natürlich auf "uns're Jungs heut' abend". Bei einem kurzen Gespräch mit der freundlichen Verkäuferin im Sportladen ging es gleich weiter: "Hoffentlich gewinnen die heute, schon allein, wegen den Verkäufen." Das war sehr ehrlich und vernünftig. Kurz zuvor hatte sie mir nämlich schon gesagt, dass ihr Chef der Meinung war, dass sich die grünen Auswärtstrikots und die Girly-Shirt-Variante des Heimtrikots mit Sicherheit nicht verkaufen würden, weswegen er sie gar nicht erst geordert hatte. Selbst vor dem ersten Spiel ließ sich bereits ausmachen, dass das eine recht dumme Entscheidung war. Außerdem erfuhr ich, dass viele der coolen Disco- und Tankstellenboys durchaus lieber die Kinder-Version des Nationaltrikots kaufen würden, weil diese so schön eng sitze. Sie ist zwar auch billiger, aber sein wir mal ehrlich: 60€ für ein Kindertrikot? Naja, es ist sitzt schön eng.

Und überall an den Rändern der Autobahn sieht man die kleinen Fähnchen liegen, weil sie einfach nicht für eine Geschwindigkeit jenseits der 80km/h gemacht sind. Überall diese albernen Überzieher für die Autospiegel. Und jede pissige Kleinstadt eröffnet mindestens drei Public-Viewing-Standorte. Aber die Leute wollen ja auch. Es gibt eine tiefe und aufrichtige Sehnsucht danach, sich mit billigem Trödel in schwarz-rot-gold einzudecken. Überall trifft man nun Menschen, die sich eigentlich einen Scheiß für Fußball interessieren, jedoch härter beflaggt und geschminkt sind, als ein Südstaaten-Redneck zum 4. Juli. Und die ganzen dämlichen Weiber, die kaum vier Spieler aufzählen können und nicht mitbekommen, wie sich das Spiel überhaupt entwickelt, da sie sich und ihre Freundinnen, inmitten des feiernden Mobs, die ganze Zeit selbst fotografieren müssen. Aber die Stimmung, alles für die Stimmung. Und weil sich mal einen Monat niemand für Patriotismus zu schämen braucht, wird das Ganze dann gleich bis zur Kotzgrenze überdehnt. Ich kann dieses neue Lied von den Toten Hosen schon jetzt nicht mehr hören. Ich bin wirklich ein riesen Fußballfan. Ich hab Trikots. Hölle, ich sammel sogar jedes Turnier die Paninisticker. Ich freu' mich über jedes bisschen Aufmerksamkeit, das unsere Nationalelf abbekommt, aber ich finde es langsam nur noch nervig, wie sich die Leute verhalten. Am Schlimmsten ist es, wenn kurz mal zu den Fanmeilen geschaltet wird: "Wir machen hier Pardy, Pardy, Pardy - bis zum nächsten Spiel, hehe. Wenn unsere Jungs wieder so spielen, denn werd'n 'se auch Meister hier, Europameister! Huuuuuu!". Man möchte brechen. Die würden doch alle jeden Scheiß bejubeln. 2002, als Public-Viewing noch nicht "Public-Viewing" hieß, sondern noch irgendwie anders, hab ich das noch genossen, mit 200 Fans in der alten Lagerhalle der Busbetriebe in meiner Heimatstadt zu stehen. Aber da war ich auch noch fünfzehn, und noch nicht so ein zynischer Wichser. Ich jubel einfach für die Fußballnationalmannschaft, weil ich Fußballfan bin, nicht weil wir alle besoffen sind, wir alle mal an einem Strang ziehen und uns voll einer auf unser eigenes Land an sich abgeht. Ich glaub' die Motive sind einfach grundverkehrt bei vielen. Spätestens, wenn man wieder diese kleinen schwarz-rot-geil-Aufkleber kaufen kann, sollte man merken, dass es irgendwie dämlich läuft. Ich habe nichts gegen Patriotismus, solange er mit Sport zusammenhängt oder zumindest nicht auf der Grenze zur Dummheit tanzt. Aber irgendwie wirkt das alles falsch und verkrampft, wenn es so plötzlich wie ein Gewitter hereinbricht und nach vier Wochen wieder verschwindet. 2006 begann das alles irgendwie eklig zu werden. Da wurde das Ganze zur Massenhysterie. Inzwischen sind die Fanmeilen voller als damals - und das ohne Gästefans. 400'000 Menschen auf dem Fanfest in Berlin. Das muss man sich mal vorstellen. Wie sich auf einmal alles von selbst mobilisiert. Ich guck' die Spiele nur noch im kleinen Kreis. Mir ist das Spiel wichtiger als die lustige Riesenparty mit den ganzen Arschlöchern. Gott, ich gehe mir mit dem Gerede selbst auf den Sack, aber ich empfinde es so. Es ist, als hätte man kleine intime Lieblingsband, die auf einmal einen Charthit hatte. Nun sind die Konzerte plötzlich voll von Trillionen von Teenie-Weibern und saufenden Spackos, die eigentlich nur in den Sänger verliebt sind. Schon ist alles im Arsch, auch, wenn die Band noch Diesselbe ist. Man kann es immer noch hören. Aber die Konzerte sind ätzend.

Ich habe seit einiger Zeit mal wieder ein Buch gelesen, was mich so richtig umgehauen hat. Wer keinen Bock hat, sich mein Geschwafel dazu durchzulesen, kann jetzt wieder zurück zu Facebook gehen. Für den Rest: eine Rezension zu "Gefährliche Geliebte" von Haruki Murakami:
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Badaaaaam:

Hajime ist ein Einzelkind. Im mittelständischen Vorstadts-Japan seiner Zeit ist er damit ein echter Exot, welcher sich immer irgendwie von den anderen unterscheidet und auf diese kindliche Weise auch isoliert. Das alles ändert sich, als er Shimamoto trifft: Die beiden werden zu freundschaftlichen Gefährten, deren Vertrautheit, eine tiefe, wenn auch naive Seelenverwandtschaft begründet. Als beide zwölf sind, trennen sich plötzlich ihre Lebensläufe - wie es bei Freundschaften in diesem Alter so oft der Fall ist: ein Umzug, ein Schulwechsel genügt, und man erwacht in einer anderen Welt ohne Brücken in die Vergangenheit, nur wenige Straßen entfernt. Trotzdem bleibt Shimamoto, das ruhige, leicht-hinkende Mädchen, mit all ihrer subtilen Schönheit und der Intimität, die beide, umgarnt von den Klängen alter Jazz-Platten, miteinander verband, über die Jahre, das bestimmende Ideal des Protagonisten Hajime.

Er erlebt erste Liebesbeziehungen und bricht gar ein Herz - er lebt das Leben eines jeden Teenagers (auch über die Grenzen Japans hinaus). Nach der Schule verlässt Hajime den Käfig seines Umfeldes und studiert Literatur in der Großstadt. Er knüpft kaum Beziehungen und Freundschaften und hält sich nach seinem Abschluss, allein und isoliert, mit einem eintönigen und tristen Lektoratsjob bei einem Kinderbuchverlag über Wasser. Nach fast zehn Jahren der sozialen Dürre lernt er seine Frau Yukiko kennen, deren wohlhabender, wenn auch ein wenig zwielichtiger Vater, beiden ein gut-situiertes Leben in der Oberschicht ermöglicht. Mit dem Kapital des Schwiegervaters eröffnet der bodenständige Hajime zwei Jazz-Clubs, die er nach seinem Ideal erschafft. Er lebt auf der Sonnenseite: eine liebevolle Frau, zwei kleine Töchter, keine Geldsorgen.

An einem verregneten Abend jedoch, als Hajime gerade in einer seiner Bars, am Tresen, nach dem Rechten sieht, tritt Shimamoto mit der Eleganz einer Halluzination zurück in sein Leben und durchbricht alles, was bisher bestand hatte.

Was Murakami hier geschrieben hat, ist weit mehr als eine bloße Geschichte über die glorifizierende Kraft einer Jugendliebe. Dieses Buch handelt vielmehr von der Leidenschaft und deren vermeintlichem Gegenteil: der Konvention. Die Beziehung zwischen Hajime und Shimamoto ist eine große Allegorie; eine komplexe Geschichte über Ordnung und Chaos, über Leben und Tod, liebevoll und grausam zugleich.

Nachdem ich bei "1Q84" schon aufgegeben hatte, hat Murakami mich mit dieser Geschichte wirklich begeistert und erobert. Ein herausragendes Buch!

A.


  

Donnerstag, 7. Juni 2012

Von daher...

Da bin ich wieder. Es ist ein bisschen Zeit vergangen seit dem letzten Post, aber im Herzen war ich immer bei euch. Oberindianerehrenwort. Eigentlich wollte ich mich gestern melden, aber ich hatte einfach keine Zeit. Das ist auch für mich ungewohnt. Doch hier kommen sie: die neusten Unwichtigkeiten aus dem Elfenbeinturm.  

Ich war vorhin gerade bei den Mülltonnen und hab' einen riesen Batzen Papiermüll nach unten gebracht - in einer noch größeren Papiertüte. Warum ich das erzähle? Wo es doch zugegebenermaßen unwichtiger Scheiß ist? Es erinnert mich an die Geschichte von der Judaskuh. Ich habe darüber mal in irgendeinem Buch gelesen. Auf Schlachthöfen, wenn die nervöse und gestörte Herde langsam gen Schlachtmesser getrieben werden muss, gibt es eine Kuh, die vorgeht; eine Kuh, die die Herde leitet und in den Abgrund führt. Das ist ihr Zweck und ihre Mission: Sie geht vor. Die anderen folgen, wie es ihre Natur ist. Ihr Schicksal jedoch ist nicht das, welches dem Rest der Herde blüht. Kurz vor dem Ende weicht sie aus, bleibt am Leben und erfüllt ihre Bestimmung. Sie wird neue Kühe in den Abgrund führen, während der Rest stirbt, überlebt sie, bis auch ihre Zeit gekommen ist. Sie hat ihre Art verraten, viele Male, selbst, wenn ihr dieser Verrat nicht einmal bewusst sein dürfte. Und ihr Lohn? Keine 30 Silberlinge, sondern Zeit, ein Aufschub, pures Überleben.  Eine tragische Geschichte. Und so trage ich die große Papiertüte wieder nach oben, während all ihre Verwandten im Müll liegen und auf ihre Ende warten. Irgendwie versüßt man sich den Alltag. 

Sie reden. Sie reden ununterbrochen. Wie kann man sich nur so verflucht viel zu erzählen haben? Gerade, wenn man miteinander befreundet ist. Ist es nicht eigentlich ein Zeichen von besonderer Nähe, wenn man auch zusammen schweigen kann? Wenn Stelle nicht bedrückend wirkt, dann ist man sich wirklich vertraut. Wenn Smalltalk lächerlich und unnötig geworden ist, hat man Freunde. Versteht mich nicht falsch; ich bin wirklich nicht schweigsam; ich rede auch hin und wieder viel, und ich telefoniere sogar gern, aber hier, im Hörsaal, höre ich nur Scheiße um mich herum. Dieses hirnlose Geschwätz, ununterbrochen. Alles, was ich höre, sind ekelerregende Plattitüden und gestelzte Dialoge. Aber es liegt auch ein bisschen an mir: Ich muss irgendetwas Magnetisches an mir haben; ich ziehe diese Trauben aus Vollidioten an. Hinter mir sitzen drei Mädchen, und weil Mädchen offenbar immer auch irgendeine Sprache studieren, machen sie ihre Übersetzungshausaufgaben für irgendeinen Mist im Anschluss an diese Vorlesung. Bereits, als ich in den Hörsaal kam, habe ich die drei Grazien, die zusammen mit Sicherheit mind. 200kg wiegen, als Risikogruppe eingestuft. Der Durchschnitt wird aber - und das muss man fairerweise zugeben - von ihrer kinnlosen Anführerin in die Höhe getrieben. Ich habe sie zur Anführerin bestimmt, weil sie klar am meisten redet. Schon dreimal habe ich umgedreht und vorwurfsvoll geguckt: starr mit hochgezogenen Augenbrauen. Keine Reaktion. Es geht einfach nahtlos weiter: geflüstertes Lachen, Grammatikfrage, geflüstertes Lachen, Lamentieren, Wochenendplanung. Ich hasse es. Und sie fressen! Sie fressen ihre Bonbons und Riegel wie Tiere. Knistern. Aber was soll ich tun? Ihnen ins Gesicht schreien und ausführlich erläutern, was ich von ihnen halte? Ich entscheide mich dagegen. Die Leute müssten das allein merken. Stattdessen schreibe ich diese Beobachtungen auf, während sich die Miene meines Kugelschreibers fest in das gelbliche Papier drückt. Noch fünfzehn Minuten bis zum Ende der Vorlesung. Die Anwesenheitsliste ist bereits rumgegangen. Gott schütze das Bachelor-System. In Scharen erheben sich Idioten, nur, um fünfzehn Minuten eher irgendwo zu sein. Das mag respektlos gegenüber dem Dozenten und dessen Dramaturgie sein. Es ist ihnen egal. Sie scheißen drauf. Mit ihren geschäftigen Gesichtsausdrücken und ihren schwulen Sporttaschen. Jeder findet einige Sachen interessant. Jeder langweilt sich irgendwo zu Tode. Ich neige auch eher dazu, abzuschalten und mein Leben oder den Highscore bei Angry Birds zu überdenken, aber einfach lautstark aufzustehen und, mit einem deutlich spürbaren Schulterzucken, die Tür ins Schloss fallen zu lassen, finde ich einfach unglaublich unhöflich und respektlos. Wenn nun vielleicht gerade Pause ist, und sowieso alle in Strömen den Hörsaal verlassen, da es offensichtlich unmöglich ist, 1 1/2 Stunden nicht zu pinkeln, dann verstehe ich jeden, der die Gelegenheit beim Schopfe packt, wenn es eben zu langweilig ist und einfach geht. Aber so? 

Doch es sind respektlose und graue Zeiten. Zumindest für die, denen das klar ist. Der Rest freut sich, wie frech und frei alles ist. Wildheit, Unnachgiebigkeit. Unsympathische Egozentriker sind auf einmal starke Typen mit eigenem Kopf. Ungehobelte Schlampen, die viel trinken, sind auf einmal kecke Freigeister mit Berliner Charme. "Die Kleine hat halt ihren eigenen Kopf" oder schlimmer: "Die Kleene ist halt so ein Mensch, der seinen eigenen Kopf hat, weeßte? Von daher...., ne? Leider geil". Verficktes Scheißpack! Ja, Bla, Frustrationswörter. Ich hasse hasse hasse es, wie inflationär die Leute "von daher" sagen. Es ist wie eine Epidemie, wie ein Virus, der alles und jeden ansteckt und pervertiert. Ich kann es nicht einmal mehr ertragen, wenn es richtig benutzt wird, sprich, wenn mehr darauf folgt, als nur eine affektierte Pause und ein dummes Grinsen. Achtet mal darauf! Wirklich, glaubt mir. Doch es sind respektlose und graue Zeiten. Auf dem Nachhauseweg wurde ich von zwei labernden Dreitagebart-Spastis vom Gehweg (!) geklingelt, weil sie der Meinung waren, nebeneinander auf ihren dämlichen Nostalgie-Fahrrädern entgegen der Fahrtrichtung zu fahren. Ja ja, sie sind schließlich gerade einem Musikvideo - da sieht das einfach cooler aus. Kurz bevor ich in meine Straße einbog und der Regen bereits eingesetzt hatte, was hier nun wirklich keine Metapher ist, sprach mich noch eine kleine Frau mit schlechten Zähnen an. Sie wollte den Weg in irgendeine Straße wissen, von der ich noch nie gehört hatte. Man habe sie bereits von Pontius zu Pilatus geschickt. Ihre Kapuze war weit in ihr Gesicht gezogen. Die Art, wie sie redete, deutete auf eine Trinkerin und einen Anwaltstermin hin. (Ich hab zu viel Sherlock geguckt in letzter Zeit). Als ich sie nach der Postleitzahl der Adresse fragte, um ihr eventuell doch helfen zu können, drehte sie sich, ohne ein weiteres Wort der geheuchelten Höflichkeit, einfach weg und ging in die Richtung, aus der sie vermutlich hierhin gelangt war. Sympathisch.

Auf die Einladung einer Freundin hin war ich abends zur Premiere eines Stückes im Studententheater. Zwei Dinge, die ich lernen musste: 
  1. Sich vorher einen anzutrinken, ist gar keine so gute Idee, weil es dort verflucht warm und still ist.
  2. Offensichtlich gehört es nicht zum guten Ton, ein Bier aus dem Foyer mit in die Vorstellung zu nehmen, um es auf seinem Platz zu trinken. Kino ist nicht Theater. Kino ist nicht Theater. Kino.... Muss so ein ungeschriebenes Common-Sense-Ding sein, oder so.   
Ja, das Theater ist nicht meine Welt - oder vielmehr mein Parkett. Vielleicht muss man dem Ganzen aber auch nur noch eine Chance geben, nüchtern und luftig gekleidet.

Außerdem habe ich ein riesiges Bild bei IKEA gekauft und es über mein Bett gehängt, bzw. hängen-lassen (von Menschen, die sich nicht mit einem Hammer und einem Nagel töten können). Wieder einem einheimischen Indie-Künstler das Abendessen genommen und die Ausbildung der Kinder verschlechtert. Score! 30€, 140cm x 100cm - damit kann niemand mithalten, der mit sowas tatsächlich seinen Lebensunterhalt verdient. Ja, ein echtes Unikat. Aber wer ist schon ein Unikat?

Ich wünschte, dass das der Ausblick in die Zukunft wäre

Gute Nacht  
A.