Samstag, 23. Juni 2012

Alex Vocemira ist ein großer Mann

The name's changed but the rest stays the same. Die große Ummodelierung von IADST hat begonnen. Ich habe meinen Nickname geändert, als Symbol. So wie damals, als sich Britney die Haare geschoren hat, weil sie sich zu einem besseren Menschen gewandelt hatte oder so ähnlich. Alles wird jetzt nach und nach ein bisschen modifiziert, so das am Ende dieser Entwicklung, alle kleinen Nicklichkeiten verschwunden sind, und es nur noch um den Text geht. Keine Buchrezensionen, kein Album der Woche - nur noch meine Beobachtungen (äußere wie innere) sollen hier im Mittelpunkt stehen.

Liebes Tagebuch,
gerade habe ich es gewagt: Ich bin raus in die Stadt; raus in die überfüllten Straßen eines schwülen und drückenden Kiels. Die Kieler Woche zieht ein letztes Mal ihre Kreise. Alle meine Freunde scheinen seit Tagen ihre Zeit nur noch dort zu verbringen. Mein Boykott war erfolgreich, wie jedes Jahr. Ein Freund von mir sieht sich gerade so eine bescheuerte Schiffsparade an. Als ich ihn deswegen hänselte und fragte, ob die anderen Leute aus dem Seniorenheim auch dort hingingen, erinnerte er mich daran, dass ich eine tiefe und ehrliche Freude dabei empfinde, Blumen und Gemüse auf meinem Balkon hochzuziehen. Touché. Ich gehöre nicht mehr zu den coolen Kids. Das wird immer offensichtlicher. Während gestern bis spät in die Nacht die Bässe und das Gelächter irgendeiner Studentenparty vom Wind durch meine offenen Balkontüren geweht wurden, wartete ich darauf, dass endlich die Wiederholungen uralter South-Park-Folgen auf Comedy Central begonnen, weil ich mich inzwischen so sehr daran gewöhnt habe, dabei einzuschlafen. Das ist fast schon ein Pawlowscher Reflex.

Unten, direkt neben der Haustür, stehen zwei Typen, mühevoll an die Wand gelehnt und verdecken die Gesichter mit ihren Händen. Ich frag' mich, welche Sonne sie blendet. Der Himmel ist bedeckt, auch wenn es unsagbar warm ist. Als ich näher komme, sehe ich, dass der eine von ihnen noch immer das weiße Trikot der Nationalmannschaft trägt. Sie stützen einander. Das Spiel endete vor über 12 Stunden - das nenn' ich Ausdauer. Der im Trikot löst sich von seinem Freund und stolpert mühevoll ein paar Schritte in meine Richtung. Seine Bewegungen wirken so falsch und hölzern, dass ich mir fast nicht mehr sicher bin, ob er wirklich betrunken, oder einfach geistig behindert ist. Egal, ich deute einen kleinen Bogen an, während wir uns aufeinander zu bewegen. Ich sehe ihm direkt ins Gesicht - wohin er sieht, lässt sich nur schwer beurteilen. Er sieht aus, als wolle er mich anpöbeln und verprügeln, jedoch eine Sekunde später wirkt es, als habe er all das vergessen. Es ist, als könne man dabei zusehen, wie die Übelkeit und der Schwindel zurück in seine Glieder fahren. Er umklammert fest die Bierflasche in seiner linken Hand, aus der er vermutlich seit Stunden nicht getrunken hat, und flüchtet sich zurück in den sicheren Halt der Hauswand.

Ich schalte den MP3-Player ein und ziehe an ihnen vorbei. Ich ziehe an allen vorbei; an den Studenten in den geblümten Shorts, an den Müttern, die mit ihren dicken, von verblassten Tattoos gesäumten Oberarmen ihre Kinderwagen schieben, vorbei an den zu stark geschminkten Büroweibern, die sich immer noch in zu enge Stoffhosen zwängen, vorbei an den Schnurrbartträgern mit verbrannter Haut, die, in ärmellosen Shirts, von ihren Kötern durch die Fußgängerzone geleitet werden, vorbei an den alten Männern, die im Tweed-Anzug an den Tischen vor dem Café sitzen und aussehen wie Sartre, vorbei an 400 Kindern, die alle die gleiche Frisur haben und von ihren Müttern wie H&M-Models angezogen werden. 

Nachdem ich 5-6 Titel weiterschalten musste, höre ich plötzlich die ersten Takte von Michael Nyman's "The Heart Asks Pleasure First", der Titelmelodie aus dem Film "Das Piano". Dämlicher Film, aber ein grandioser Soundtrack. Das Lied ist, in dieser Version, allein vom Klavier gespielt. Ich habe das Gefühl, nur noch im Rhythmus des Songs zu laufen; ich werde immer schneller und hämmere meine Schritte unaufhaltsam in den Boden. Unendlich viele, prall gefüllte Busse fahren an mir vorbei. Ich ernte böse Blicke von einem Rentner-Ehepaar, als ich meine Zigarette in einen der dekorativen Blumenkästen, mitten auf dem Bürgersteig, schnipse. Ich halte ihrem Blick stand und gehe weiter. Immer, wenn 1:37min verstrichen ist, ziehe ich kurz meinen MP3-Player aus der Tasche meiner Strickjacke, um das Lied von vorn abzuspielen. Es ist eine großartige Melodie. Ich bin mir ihr aufgewachsen. 1993 ist der Film erschienen. Meiner Mutter muss er gefallen haben, denn sie summte und sang die Melodie meine ganze Jugend lang. Ich kannte jeden Ton, jede Nuance, lange bevor ich den Film zum ersten Mal gesehen hatte. Und der Film war scheiße. Sicher, Sam Neil war cool in "Jurassic Park" und auch in "Merlin", ja in "Merlin", aber "Das Piano" ist bedrückender, übersensibilisierter Dreck. Es gibt eine Stelle im Lied, etwa nach 43 Sekunden, bei der Nyman mit einer tieferen Gegenmelodie zum Hauptthema einsetzt. Dort wird das Ganze zu der mythischen Hymne, an der ich mich einfach nicht satthören kann, und sofort bin ich ein kleiner Junge auf dem Rücksitz, der durch das Seitenfenster, die mit Tannen bewachsenen Berge Norwegens beobachtet oder seiner Mutter beim Abwasch zusieht.

Im Eifer des Gefechts verpasse ich den Eingang der Sparkasse. Als ich mich umdrehe, rempel' ich fast eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm an. Bei sowas verstehen die Leute keinen Spaß. Sie funkelt mich böse an, während ich entschuldigend meine Augenbrauen hochziehe und versuche zu lächeln. Als ich mich in der Glastür spiegele, sehe ich, dass meine Stirn glänzt. Ich bin vielleicht ein wenig zu schnell marschiert.

Im Rossmann ist gerade verfluchte Rushhour. Ist ja auch nachvollziehbar, wenn irgendwelche untersetzten Schlampen ihren bescheuerten Wochenendeinkauf in einer Drogerie machen müssen. Und so stehe ich eine gute Viertelstunde in der Schlange der einzigen geöffneten Kasse, um ein bescheuertes Milkaherz und 'ne Schachtel Zigaretten zu kaufen und muss mir währenddessen das dämliche Gelaber zweier rothaariger Verlierer anhören, die hinter mir in der Schlange warten, sich über ihre Dozentin auslassen und danach grunzen, als hätten sie ihr Headset auf und würden mit ihren Freunden gegen irgendwelche Elfenarmeen kämpfen. "Ja, das kann ganz bös' werden mit ihr, nech?". Bös? Nech? Idioten.

Im Weiland laufe ich, mit einem abschätzigen Lächeln auf meinen süßen Lippen, am Bestseller-Regal vorbei, nur, um wenig später feststellen zu müssen, dass ich gar nicht so cool, indie und Underground bin, wie ich dachte, und, dass sich das Buch, was ich suche, tatsächlich auf Platz 3 der Bestsellerliste befindet - zwischen den Tributen von Panem und Donna Leon. Ein paar Mädchen tummeln sich vor der Fantasy-Ecke und begaffen die ganze Wegwerfscheiße mit den furchtbar dämlichen Titeln und den düster-kitschigen Covern.

Der Typ im Blumenladen merkt nach relativ kurzer Zeit, dass er mir so ziemlich alles verkaufen kann, da ich mich einen Scheiß für seine Sträuße und deren Beschaffenheit interessiere. Mein einziges Ziel ist es, weniger als 15 € auszugeben und irgendetwas Ansehnliches für ein süßes Mädchen zu kaufen. Ich bin ein Gentleman, vielleicht sogar der Letzte.

Und Gottschalk geht zu RTL? Auch du, Thommy? Judas! Nach all den Jahren, in denen ich Gottschalk immer, aus einer grundsoliden und nostalgischen Verbundenheit heraus, unterstützt habe, schießt er mir in den Rücken und setzt sich neben Bohlen.

Als ich eben die Wohnungstür aufschloss, wäre ich fast über die Gratis-Bild gestolpert, die offenbar jeder Deutsche heute bekommen hat. Danke dafür, Axel Springer AG - jetzt muss ich wirklich den Papiermüll runterbringen. Ich glaub', heute Abend ist das große Feuerwerk. Ein bisschen davon kann man vom Balkon erahnen. Ich werde immer traurig bei Feuerwerken. Feuerwerken? Feuerwerks? Feuerwerki? Das klingt alles gleich scheiße. Mal abwarten. Zumindest dürfte ich sehen können, wie sich der Nachthimmel ab und an erleuchtet.

xoxo
A.

    

  

Kommentare:

  1. Ich hoffe für das süße Madchen dass es nicht erfährt wie egal Dir eigentlich ist, was Du ihr schenkst. Ich glaube Gentleman geht dann doch ein bisschen anders...

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    1. Wie sollte sie das jemals erfahren? Es ist ja nicht so, dass ich das irgendwie öffentlich machen würde. Aber Blumen sind Blumen. Es ist der Gedanke, auf den es ankommt, nicht die Auswahl der Blumen im Strauß.

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    2. Vieleicht hast Du recht. Und ich würde - wie immer - zuviel erwarten.

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    3. vielleicht erwartest du nicht zuviel, sondern das falsche.

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    4. So etwas denke ich auch des öfteren.

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