Donnerstag, 14. Juni 2012

Bekenntnisse des Rummelliebhabers

Ich habe gerade, wie jeden Morgen, fast ein ganzes Glas Trinkschokolade auf ex getrunken. Ich fürchte jedoch, dass die Milch nicht mehr so gut war. Erst beim Absetzen kurz vor Schluss, bemerkte ich die säuerliche Note, die sich in den sonst so gewohnten Geschmack von Nesquick und frischer Vollmilch aus dem Penny mit eingeschlichen hatte. Ich habe Angst mich zu übergeben. Wer hat das nicht? Hilft Wasser? Ich trinke zumindest gerade Unmengen von Wasser - das wird schon irgendeinen beschwichtigenden Effekt haben. Vielleicht sollte ich aber lieber Leitungswasser trinken. Das wäre dann nicht so eine Verschwendung, sollte ich mich tatsächlich übergeben müssen. Habt ihr's nicht gemerkt? Ich habe "Übergeben" statt "Kotzen" gesagt. Mal kein Gossenslang und so. 

Mein Kopf schmerzt, obwohl ich gar nicht viel getrunken habe. Das muss einfach die Anspannung sein, die gerade erst abgefallen ist. Statt im Elfenbeinturm, habe ich das Spiel mit ein paar Freunden in einer Kneipe gesehen. Das hat mir gefallen. Das würde ich sogar öfter machen. Die türkischen Besitzer waren vollends für Deutschland. Als ich in der Halbzeit auf's Klo wollte, begegnete ich dem kleinen Sohn der Besitzerin. Er grinste mich an, hob beide Fäuste und sagte mit einem Nicken: "Deutschland!". Ich antworte ihm mit einem Lächeln, das ein stolzer Vater seinem Sohn zuwirft. Zumindest kam ich mir so vor. Vielleicht war es aber auch eher die Arroganz eines Kolonialfürsten. Man sollte diskutieren, ob nicht der beste Weg in die gelungene Integration, der Ausschluss der Türkei von allen internationalen Fußballturnieren sein könnte. Da der Fernseher neben dem großen Fenster aufgestellt ist, hat man auch einen schönen Blick auf die Straße und den Supermarkt auf der anderen Seite. Mitten im Spiel sah man sogar einige Mädchen vor dem Supermarkt halten. Sie hatten kleine Deutschlandfahnen an ihren Fahrrädern. Aber das Spiel war wohl Nebensache.

Eine unabhängige Probandin hat gerade die Milch getestet und ist der Überzeugung, dass sie nicht sauer sei. Das ist aber Quatsch. Sie ist sauer - sonst wär mir ja wohl nicht übel. 

Es ist so schwül draußen. Und weil ich den ganzen Tag über die Balkontüren offengelassen habe, ist es selbst in meinem Zimmer schwül. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass man meinen könnte, es hätte hier drin geregnet. Es riecht nach den Asia-Instant-Nudeln, die ich mich gerade gemacht habe. Wie in einer verfluchten Thai-Küche.

Die Kieler Woche liegt in der Luft. Man spürt es schon. Die ersten kleineren Yachten sammeln sich wie Unheilsboten an dem Steg, den ich vom Balkon aus sehen kann. Auch dieses Jahr scheine ich der Einzige zu sein, der sich  einfach nicht auf den ganzen Mist freut. Die Stadt ist voll, die Busse sind voll, die Parkplätze sind belegt und alle quatschen ununterbrochen von nichts anderem. Ich mein', ich werde nicht hingehen, aber selbst das nervt mich schon. Niemand scheint davor gefeit zu sein. Es ist wie ein verfluchtes Fieber. Nur ich bin immun. L'enfer c'est les autres. So ein scheiß Aufstand, wegen Bierzelten, abgehalfterten Promis, miesen Bands und Fressbuden. Wenn ich irgendwann einmal (hoffentlich) aus dieser schönen Stadt wegziehe, werde ich der einzige Einwohner sein, der nie dort war. Wenn das nichts ist.

Natürlich bin ich ein Trottel und kämpfe da gegen Windmühlen, aber ich kann es einfach nicht leiden. Es stößt mich regelrecht ab. Ich würde genauso über das Oktoberfest oder Weihnachtsmärkte sprechen. Manchmal wünschte ich, dass mich das nicht so ankotzen würde, dass ich es auch mögen würde, dass es mir vielleicht sogar Spaß macht und ich mich darauf - das wäre einfach unkomplizierter. Schließlich verstehen die wenigsten, warum man so etwas nicht leiden kann. Eine Freundin sagte mir gerade am Telefon, dass es doch super sei auf der Kieler Woche: überall Party, überall Musik und gute Laune und man sei draußen. Puh. Selbst das lockt mich nicht. Obwohl es verheißungsvoll klingt, zweifelsohne. Ich bin gern draußen. Bloß große Menschenmengen werden immer mehr zum Problem. Wahrscheinlich werde ich auch immer schlimmer, aber ich schnappe ununterbrochen Gesprächsfetzen von Fremden auf und denke mir die Lebensläufe dazu (und das war noch sehr höflich formuliert), fälle Vorurteile und bin angeekelt von all den albernen Spasten und ihrem Getue. Außerdem schreibe ich fast ununterbrochen das Wort "ununterbrochen".

Ich krame schon den ganzen Tag nach traumatischen Erinnerungen in meinem Gedächtnis, die meine Aversion gegen Volksfeste erklären könnten. Als ich jung war, mochte ich den Rummel. Aber auch nur, weil man dort losen konnte, glaube ich. Losen ist cool. Autoscooter gefielen mir nicht. Ich empfand es als störend, dass man von deren anderen angefahren wurde. Es machte mir dann einfach keinen Spaß. Damit habe ich wohl das Thema verfehlt. Achterbahnen sind auch nichts für mich. Würde mir nicht schlecht werden, fände ich es vielleicht nicht mal so dämlich, dafür Geld zu bezahlen. Es ist auch nicht vererbt, meine Eltern lieben es, jedes Jahr auf den Rostocker Weihnachtsmarkt zu fahren. Mir fällt nichts ein. Vermutlich bin ich einfach ein verdammter Stinkstiefel. Wie dem auch sei, ich werde den ganzen Scheiß einfach aussitzen. 

Ich und meine fünf Freunde hier scheißen auf die Kieler Woche
  

1 Kommentar:

  1. Wie gut ich all das kenne!

    mitfühlende Grüße (von einem anderen Stinkstiefel wie es scheint)

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