Donnerstag, 28. Juni 2012

Der Sommer 2006

Nach der großen Revolte gegen den WWF ist nun alles, wie gehabt, keine Sorge. IADST: back to buisness. Ich hatte jedoch das Gefühl, mich dagegen auflehnen zu müssen, und sei es nur in diesem kleinen Rahmen. Solange ich die Leute erreiche, die das hier lesen, war es die Sache doch wert. Und vielleicht spenden ein Paar meiner Leser nun auf keinen Fall Geld an den WWF. Armut und Dreck sind überall. Gebt die fünf Euro, die ihr für euer Seelenheil investieren wolltet, lieber 'nem Penner vorm Supermarkt! Was er damit macht, wisst ihr zwar nicht, aber das wisst ihr beim WWF auch nicht. Die ganze Welt geht am Ende doch trotzdem vor die Hunde, und es interessiert niemanden.

Italien also. Ich freu' mich nicht darauf - eigentlich möchte es nicht einmal sehen müssen. Ich will einfach nur, dass es vorbei ist - nicht, weil ich Fußball nicht mag oder nicht will, dass wir Europameister werden oder ein cooler Gegen-Den-Strom-Schwimmer bin, sondern, weil ich es so schrecklich aufregend finde. Zu aufregend. Gegen Dänemark und Griechenland war alles in Ordnung, aber Italien? Zu tief sitzt noch der Stachel von 2006.

Ich erinnere mich noch genau: Es muss Ende der ersten Juli-Woche 2006 gewesen sein. Die damalige Mrs. Lexman feierte ihren Geburtstag in einem griechischen Restaurant. Wir saßen alle, also meine und ihre Familie, draußen auf der Teresse und verfolgten nach dem Essen das Spiel auf einer Leinwand. Ich bin kein Freund der griechischen Küche. Ich weiß, alle Welt liebt das. Ich bilde mir immer ein, dass ich gegen irgendeines der vielen Gewürze allergisch bin. Jedenfalls war mir schlecht. Möglicherweise lag das jedoch eher an der Aufregung vor dem Spiel. Es begann schon damit, dass nur ich zur Nationalhymne aufgestanden bin. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. 

Nachdem Grosso und Del Piero dann in der Verlängerung all unsere Hoffnungen auf ein Sommermärchen mit Happy End getötet und zerrissen hatten, und es klar war, dass wir bei einer WM im eigenen Land maximal 3. werden können, beglichen meine Eltern die dekadent hohe Getränkerechnung, was sie bis heute bereuen - nicht, weil die Jugendliebe nicht für immer hielt, sondern, weil die verfluchte Getränkerechnung wesentlich höher war, als alles, was die Gastgeber begleichen mussten. Der Eifer des Gefechts.
 
In mir zerbrach alles, als der Schiedsrichter abpfiff, und ich wollte nur noch nach Hause, oder zumindest an einen Ort, der so etwas Ähnliches war. Als wir aufstanden, um endlich zu gehen und ich bereits völlig in mich versunken war, schlug mir ihr Vater freundschaftlich auf den Rücken, legte seinen Arm um meine Schultern und sagte: "Alex, du musst aber auch zugeben, dass sie wirklich schlechter waren." Ich war wütend und fast ohnmächtig. Ich duzte ihn darauf hin zum einzigen Mal in der Zeit, in der sich die Episoden unserer beider Leben überschnitten: "Lass mich in Ruhe!", habe ich gesagt und mich anschließend aus seinem Griff losgerissen. Ich weiß noch, dass ich den ganzen Rückweg über, 10-20m vorausgegangen bin.

Ich sehe ihn noch vor mir. Vor der WM hat er sich ein rotes T-Shirt mit dem Schriftzug "1966" gekauft. Wie ich meine, nur, um mich zu provozieren, denn 1966 war nicht sein Geburtsjahr, sondern das Jahr des schicksalträchtigen Wembley-Tors, Englands einzigem WM-Erfolg. Um sicherzugehen, dass man weiß, was gemeint ist, steht auf der Rückseite des Shirts aber auch noch mal der Endstand des England-Deutschland-Spiels von damals. Seiner Tochter kaufte er - wie ich meine, ebenfalls, um mich zu ärgern - ein ähnliches Shirt in blau, von einem italienischen Sieg gegen Deutschland. Wunderbar. Einen Tag, nachdem ich das sah, besorgte ich mir ein schwarzes T-Shirt mit "1990", der Nacht von Rom. Untragbar so etwas! Aber konsequent, wie ich bin, habe ich sie dann auch sofort, 7 Monate später, mit mir Schluss machen lassen. Hat gar nicht wehgetan.

Natürlich barg der Sommer 2006 noch viele andere wichtige, grundlegende und vor allem erzählenswerte Episoden, die ich vielleicht an anderer Stelle weiterführen werde.
Eine unangenehme, bedrückende Atmosphäre liegt in der Luft, und wenn ich ehrlich bin; ich habe ein schlechtes Gefühl, was das Spiel betrifft. Ich hoffe für uns alle, dass ich mich irre. Ich war gerade erst einmal Bier kaufen gehen und nun muss ich versuchen, mich irgendwie anderweitig zu beschäftigen. Vielleicht schreib' ich 'ne Rezension. Unauffällig Werbung gemacht. Als ich gerade in den Hausflur kam, roch es nach irgendetwas Bekanntem. Mein Mitbewohner meinte, er rieche etwas Gebackenem - ich roch nur, dass es wahrscheinlich angebrannt war. Vielleicht ist das eine große Analogie. Das ist, wie wir Dinge sehen: Verheißung und Makel. 

Mit den besten Wünschen und voller Hoffnung verbleibe ich 
Euer
A.


1 Kommentar:

  1. 1. Panda Pressure: Ich fand es gut und angebracht, sich darüber aufzuregen und das Thema hier anzusprechen. Solche Themen sind IADST, und back to business passt nicht zu Dir - und das haben wir hier auch glaube ich nicht zu erwarten!
    Mit dem Spenden halte ich es in der Tat so, dass ich genau sehen kann, wo ich gerade etwas (vermeintlich) Gutes tue. Deshalb gibt es von mir nur direkte Hilfe. Für Tiere und für Menschen. Und wenn der Typ, der mir den Straßenfeger verkaufen wollte und um 10 oder 20 Cent gebeten hat, erst total überrascht schaut und sich dann tierisch freut, weil er 2€ von mir bekommen hat (und ganz ehrlich, die hatte ich da wirklich locker über), ist es mir das wert. Was er danach damit macht, bleibt ja ihm überlassen.

    2. Italien : Ich hoffe Du hast es schon ein bisschen verkraftet, das gestrige Spiel. Ich für meinen Teil muss sagen, dass mich die diesjährige EM nicht wirklich mitgerissen hat (als interessantes Spiel habe ich lediglich Dänemark-Portugal in Erinnerung). Deshalb war ich gestern auch nicht ganz so angespannt. Und auch nicht ganz so enttäuscht über den Ausgang des Spiels. Weil es - für mich - dieses Mal tatsächlich so war, dass die Italiener besser gespielt haben. Ich gönne es Ihnen trotzdem nicht so recht. Weil sie so furchtbare Schauspieler sind. Aber immerhin habe ich mich lange nicht so aufgeregt wie 2006. Im besten Fall war das bei Dir ähnlich.

    Und jetzt bin ich gespannt auf die anderen wichtigen, grundlegenden und erzählenswerten Episoden aus Deinem Leben im Jahr 2006!

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