Sonntag, 10. Juni 2012

Deutschland, meine gefährliche Geliebte

Achtung: das hier ist der offizielle EM-Post auf IADST.

War das ein Krimi? Eigentlich nicht; es war doch lediglich eine erste Gruppenpartie. Um ehrlich zu sein, war ich trotzdem den ganzen Tag über aufgeregt und in den letzten zehn Minuten des Spiels hätte ich das Ganze lieber im Teletext verfolgt - das wäre einfach weniger nervenaufreibend gewesen. Ich hätte am liebsten gleich nach dem Aufwachen, mein weißes Trikot übergesteift, nur, um mich selbst noch mehr mit der Sache an sich zu identifizieren. Und wie allgegenwärtig der Fußball auf einmal wieder ist. Nachdem ich mich mit der Friseurin kurz über den Verfall der Jugend, der Eltern und der Politik verständigt hatte (Das kann ich gut: Ich treff bei sowas fast immer die richtigen Töne, unabhängig davon, ob ich es tatsächlich so sehe. Ich hätte mal doch auf die Springer-Journalisten-Akademie oder in die Politik gehen sollen.), kam das Gespräch natürlich auf "uns're Jungs heut' abend". Bei einem kurzen Gespräch mit der freundlichen Verkäuferin im Sportladen ging es gleich weiter: "Hoffentlich gewinnen die heute, schon allein, wegen den Verkäufen." Das war sehr ehrlich und vernünftig. Kurz zuvor hatte sie mir nämlich schon gesagt, dass ihr Chef der Meinung war, dass sich die grünen Auswärtstrikots und die Girly-Shirt-Variante des Heimtrikots mit Sicherheit nicht verkaufen würden, weswegen er sie gar nicht erst geordert hatte. Selbst vor dem ersten Spiel ließ sich bereits ausmachen, dass das eine recht dumme Entscheidung war. Außerdem erfuhr ich, dass viele der coolen Disco- und Tankstellenboys durchaus lieber die Kinder-Version des Nationaltrikots kaufen würden, weil diese so schön eng sitze. Sie ist zwar auch billiger, aber sein wir mal ehrlich: 60€ für ein Kindertrikot? Naja, es ist sitzt schön eng.

Und überall an den Rändern der Autobahn sieht man die kleinen Fähnchen liegen, weil sie einfach nicht für eine Geschwindigkeit jenseits der 80km/h gemacht sind. Überall diese albernen Überzieher für die Autospiegel. Und jede pissige Kleinstadt eröffnet mindestens drei Public-Viewing-Standorte. Aber die Leute wollen ja auch. Es gibt eine tiefe und aufrichtige Sehnsucht danach, sich mit billigem Trödel in schwarz-rot-gold einzudecken. Überall trifft man nun Menschen, die sich eigentlich einen Scheiß für Fußball interessieren, jedoch härter beflaggt und geschminkt sind, als ein Südstaaten-Redneck zum 4. Juli. Und die ganzen dämlichen Weiber, die kaum vier Spieler aufzählen können und nicht mitbekommen, wie sich das Spiel überhaupt entwickelt, da sie sich und ihre Freundinnen, inmitten des feiernden Mobs, die ganze Zeit selbst fotografieren müssen. Aber die Stimmung, alles für die Stimmung. Und weil sich mal einen Monat niemand für Patriotismus zu schämen braucht, wird das Ganze dann gleich bis zur Kotzgrenze überdehnt. Ich kann dieses neue Lied von den Toten Hosen schon jetzt nicht mehr hören. Ich bin wirklich ein riesen Fußballfan. Ich hab Trikots. Hölle, ich sammel sogar jedes Turnier die Paninisticker. Ich freu' mich über jedes bisschen Aufmerksamkeit, das unsere Nationalelf abbekommt, aber ich finde es langsam nur noch nervig, wie sich die Leute verhalten. Am Schlimmsten ist es, wenn kurz mal zu den Fanmeilen geschaltet wird: "Wir machen hier Pardy, Pardy, Pardy - bis zum nächsten Spiel, hehe. Wenn unsere Jungs wieder so spielen, denn werd'n 'se auch Meister hier, Europameister! Huuuuuu!". Man möchte brechen. Die würden doch alle jeden Scheiß bejubeln. 2002, als Public-Viewing noch nicht "Public-Viewing" hieß, sondern noch irgendwie anders, hab ich das noch genossen, mit 200 Fans in der alten Lagerhalle der Busbetriebe in meiner Heimatstadt zu stehen. Aber da war ich auch noch fünfzehn, und noch nicht so ein zynischer Wichser. Ich jubel einfach für die Fußballnationalmannschaft, weil ich Fußballfan bin, nicht weil wir alle besoffen sind, wir alle mal an einem Strang ziehen und uns voll einer auf unser eigenes Land an sich abgeht. Ich glaub' die Motive sind einfach grundverkehrt bei vielen. Spätestens, wenn man wieder diese kleinen schwarz-rot-geil-Aufkleber kaufen kann, sollte man merken, dass es irgendwie dämlich läuft. Ich habe nichts gegen Patriotismus, solange er mit Sport zusammenhängt oder zumindest nicht auf der Grenze zur Dummheit tanzt. Aber irgendwie wirkt das alles falsch und verkrampft, wenn es so plötzlich wie ein Gewitter hereinbricht und nach vier Wochen wieder verschwindet. 2006 begann das alles irgendwie eklig zu werden. Da wurde das Ganze zur Massenhysterie. Inzwischen sind die Fanmeilen voller als damals - und das ohne Gästefans. 400'000 Menschen auf dem Fanfest in Berlin. Das muss man sich mal vorstellen. Wie sich auf einmal alles von selbst mobilisiert. Ich guck' die Spiele nur noch im kleinen Kreis. Mir ist das Spiel wichtiger als die lustige Riesenparty mit den ganzen Arschlöchern. Gott, ich gehe mir mit dem Gerede selbst auf den Sack, aber ich empfinde es so. Es ist, als hätte man kleine intime Lieblingsband, die auf einmal einen Charthit hatte. Nun sind die Konzerte plötzlich voll von Trillionen von Teenie-Weibern und saufenden Spackos, die eigentlich nur in den Sänger verliebt sind. Schon ist alles im Arsch, auch, wenn die Band noch Diesselbe ist. Man kann es immer noch hören. Aber die Konzerte sind ätzend.

Ich habe seit einiger Zeit mal wieder ein Buch gelesen, was mich so richtig umgehauen hat. Wer keinen Bock hat, sich mein Geschwafel dazu durchzulesen, kann jetzt wieder zurück zu Facebook gehen. Für den Rest: eine Rezension zu "Gefährliche Geliebte" von Haruki Murakami:
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Badaaaaam:

Hajime ist ein Einzelkind. Im mittelständischen Vorstadts-Japan seiner Zeit ist er damit ein echter Exot, welcher sich immer irgendwie von den anderen unterscheidet und auf diese kindliche Weise auch isoliert. Das alles ändert sich, als er Shimamoto trifft: Die beiden werden zu freundschaftlichen Gefährten, deren Vertrautheit, eine tiefe, wenn auch naive Seelenverwandtschaft begründet. Als beide zwölf sind, trennen sich plötzlich ihre Lebensläufe - wie es bei Freundschaften in diesem Alter so oft der Fall ist: ein Umzug, ein Schulwechsel genügt, und man erwacht in einer anderen Welt ohne Brücken in die Vergangenheit, nur wenige Straßen entfernt. Trotzdem bleibt Shimamoto, das ruhige, leicht-hinkende Mädchen, mit all ihrer subtilen Schönheit und der Intimität, die beide, umgarnt von den Klängen alter Jazz-Platten, miteinander verband, über die Jahre, das bestimmende Ideal des Protagonisten Hajime.

Er erlebt erste Liebesbeziehungen und bricht gar ein Herz - er lebt das Leben eines jeden Teenagers (auch über die Grenzen Japans hinaus). Nach der Schule verlässt Hajime den Käfig seines Umfeldes und studiert Literatur in der Großstadt. Er knüpft kaum Beziehungen und Freundschaften und hält sich nach seinem Abschluss, allein und isoliert, mit einem eintönigen und tristen Lektoratsjob bei einem Kinderbuchverlag über Wasser. Nach fast zehn Jahren der sozialen Dürre lernt er seine Frau Yukiko kennen, deren wohlhabender, wenn auch ein wenig zwielichtiger Vater, beiden ein gut-situiertes Leben in der Oberschicht ermöglicht. Mit dem Kapital des Schwiegervaters eröffnet der bodenständige Hajime zwei Jazz-Clubs, die er nach seinem Ideal erschafft. Er lebt auf der Sonnenseite: eine liebevolle Frau, zwei kleine Töchter, keine Geldsorgen.

An einem verregneten Abend jedoch, als Hajime gerade in einer seiner Bars, am Tresen, nach dem Rechten sieht, tritt Shimamoto mit der Eleganz einer Halluzination zurück in sein Leben und durchbricht alles, was bisher bestand hatte.

Was Murakami hier geschrieben hat, ist weit mehr als eine bloße Geschichte über die glorifizierende Kraft einer Jugendliebe. Dieses Buch handelt vielmehr von der Leidenschaft und deren vermeintlichem Gegenteil: der Konvention. Die Beziehung zwischen Hajime und Shimamoto ist eine große Allegorie; eine komplexe Geschichte über Ordnung und Chaos, über Leben und Tod, liebevoll und grausam zugleich.

Nachdem ich bei "1Q84" schon aufgegeben hatte, hat Murakami mich mit dieser Geschichte wirklich begeistert und erobert. Ein herausragendes Buch!

A.


  

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