Samstag, 16. Juni 2012

One Night in Paris

Es ist ein komisches Gefühl, zu den Klängen der englischen Nationalhymne aufzuwachen. Aber genau das ist mir passiert. Die verfluchte Kieler Woche. Ich habe eine Schwäche für Hymnen. Nicht, weil ich ein fieser Nationalist bin, sondern, weil ich das Pathos und die Tragik mag, die in den Melodien stecken. Vor allem die osteuropäischen Hymnen sind cool. Mein all-time-favorite ist übrigens die Hymne Aserbaidschans'.

Wusstet ihr z.b., dass die Melodie der britischen Hymne auch die, der Lichtenstein'schen ist? Ja! Oder, dass dieselbe Melodie (God Save the Queen) für eine Zarenhymne in Russland, die alte Bayernhymne, ein amerikanisches Patriotenlied und die ehemalige Hymne der Schweiz verwendet wurde? Ja, selbst die preußische Volkshymne "Heil dir im Siegerkranz" wurde 123 Jahre und länger auf diese Melodie gesungen. Mit diesem Wissen, würde ich wiederum sagen, dass die bescheuerte Kapelle unten am Militärhafen eher Letzteres gespielt hat. Da können die Hauptschüler von der Bundeswehr ein bisschen die Gewalt der Geschichte spüren.

Alles ist auf einmal lauter als sonst. Feuerwerk. Hin und wieder trägt der Wind das brummige Bass-Gelaber von irgendeinem Pseudomoderator herüber. Bis spät in die Nacht wurde irgendwo in der Nähe gefeiert. War das sympathisch, mal wieder jemanden "Nossa, Nossa..." brüllen zu hören. Die Kieler Förde sieht aus, als wäre ein scheiß Weltkrieg ausgebrochen: Man sieht mehr Boote, Yachten, Schiffe und Segler als Wasser. Mein Kontoauszug sagt, dass ich zum allerletzten Mal Kindergeld erhalten habe. Wie ich das feiere, weiß ich auch noch nicht.

Den ganzen Tag schon bekämpfe ich das vuvuzeleske Dröhnen der Schiffshörner mit dem ersten Album von Norah Jones. "Come Away With Me" ist wirklich eine gute Platte - ja, ich find' "Platte"-Sagen auch bescheuert, aber alles für den Stil! Wiederholungen sind Mist. Das ist aber auch noch nicht so schlimm, wie Musiker, die sagen, sie hätten heut' Abend noch 'ne "Mucke", statt einem "Auftritt". Das ist wirklich widerwärtig. Egal, das Norah-Album ist ihr bestes! Selbst, wenn ich es schon mal erwähnt habe (Der Soundtrack zum Film), ich weiß noch ganz genau, wo und wann ich es zum ersten Mal gehört habe: im Herbst 2004, zwei Jahre nachdem das Album rausgekommen war. Ich war gerade in eine neue Klasse gekommen und auf Studienfahrt in Paris. Das war mein erstes Mal in Paris. Es war schon dunkel. Die Bäume am Rand der Seine waren mit Lichterketten geschmückt und der Eiffelturm flackerte in regelmäßigen Intervallen dazu. Ein geschickter Kniff, denn keine Kamera kann wirklich einfangen, wie eindrucksvoll und ja, ein wenig kitschig, das aussieht. Es lässt sich nur mit den eigenen Augen sehen. Ein bisschen Disneyland-Feeling. Es ist der letzte Tag der Reise, weswegen wir abschließend eine klassische Touristenfahrt auf der Seine unternommen haben. Der Anleger hieß Bâton-Rouge, das weiß ich noch. Danach haben wir uns alle auf dem Place de la Concorde getroffen, um in einem hässlichen blauen Doppelstockbus wieder nach Deutschland zu fahren.

Auf der Seine


Ich saß in der oberen Etage des Busses ganz vorn, so dass ich durch die große Frontscheibe auf die Straßen blicken konnte. Neben mir saß ein Mädchen, mit dem ich vor der Reise kaum ein Wort gewechselt hatte. Wir saßen jedoch bereits auf der Hinfahrt nebeneinander und 16 Stunden sind eine verflucht lange Zeit. Sie wusste inzwischen nicht nur, dass ich ziemlich cool war, sondern auch, dass ich mich durchaus für Musik begeistern konnte. Sie bat mich, doch mal in das Album reinzuhören, das sie sich mitgenommen hatte. Der Name kam mir bekannt vor. Bestimmt irgendeine Mädchenscheiße, dachte ich. Das kam nicht aus dem Nichts. Ich wusste über sie, dass sie in einer dämlichen Volkstanzgruppe mitmachte und auf Pferde stand. Herrgottnochmal, sie hatte einen blonden Pferdeschwanz und ihre Mutter war Zahnärztin - es konnte also nicht wirklich etwas cooles sein, was sie mir da anbot. Dass Norah Jones es damit bis auf Platz 2 der deutschen Albencharts geschafft hatte, war völlig an mir vorbeigegangen. Aber damals interessierte ich mich auch mehr für andere Dinge. Ungefähr nach der ersten Strophe des ersten Titels ("Don't Know Why"), musste ich mir eingestehen, dass ich mich geirrt hatte. Mit meinem Diskman auf dem Schoß sog ich alles, was ich sah in mich auf, und brannte es für immer in mein Gedächtnis. Die laue Herbstnacht, das gemächliche Treiben in den beleuchteten Straßen dieser eindrucksvollen Stadt, die geschafften Gesichter der Anderen und diese wunderbare Musik dazu. Niemand im Bus sprach ein Wort, soweit ich das sehen konnte. Alle waren ruhig, ein wenig müde und verabschiedeten sich von dieser wunderbaren Sepia-Kulisse. Ich kam mir nicht nur erwachsen vor, sondern eher wie in einem Film. Die Musik aus meinen Kopfhörern hätte genauso gut der Schlusssong sein können, bei dem die Kamera am Ende immer weiter weg, wie sagt man, "fadet", fährt? Wie auch immer, ihr wisst, was ich meine.

Seit dem war ich noch dreimal in Paris. Großstädte sind nun wirklich nicht mein Ding, Überraschung, aber Paris ist anders. Ich hab kein besonderes Faible für die französische Kultur oder die Sprache, es ist die Stadt selbst. Ich kann ohne Weiteres auf den Eiffelturm oder den Louvre (die Mona Lisa ist wirklich verdammt klein, hinter siebzig Glasscheiben und vier Milliarden asiatischen Touristen) verzichten, aber das provenzielle Montmartre oder der Jardin des Tuileries sind schon allein die Reise wert. Und die Straßen, die Straßen von Paris. So könnte auch mein Roman heißen.


Die Straßen von Paris

Man spürt förmlich die Geschichte um einen herum. Es ist speziell, selbst, wenn man nur das sieht, was täglich Millionen begaffen.


Rue de Norvins, Montmartre
 
Montmartre, der Berg der Märtyrer, früher Künstlerkolonie und Bohème-Zentrum (Picasso, Dalí, Van Gogh etc.) ist natürlich ein Touristenmagnet, spätestens seit "Die fabelhafte Welt der Amélie", aber irgendwie hat das kleine Viertel im Norden von Paris seinen dörflichen Charme erhalten. Ich mochte es immer sehr dort. Die Herz-Jesu-Kirche aus weißem Sandstein vom Fuße des Berges ist auch ein nettes Fotomotiv. Reingehen muss man nicht. Dort lernte ich, dass man seine Mütze abnehmen muss, wenn man eine Kirche betritt. Verrückte Religionen. Betritt man einen jüdischen Friedhof, muss man seinen Kopf bedecken.
 
Sacré-Cœur de Montmartre

Montmartre ist der perfekte Ort, um seine Zeit zu vertrödeln. Es gibt einen McDonald's fast direkt an der Metrostation, ganz in der Nähe vom Moulin Rouge und genügend Fotomotive für nostalgische Abende zu Hause. Zwar ziehen sich auch hier Ströme von Touristen durch die engen Gassen, doch wenn man einfach zweimal wahllos abbiegt, findet man sich allein wieder, zwischen den maroden Fassaden und dem charmanten Idyll des Viertels. Vor ein paar Jahren, als ich mit zwei-drei Freunden dort unterwegs war, haben wir uns, auf der Suche nach einem kleinen Dalí-Museum verlaufen und standen auf einmal mitten in einem kleinen Innenhof. Eine fast geisterhafte Szene; ein Mann saß auf einem kleinen Schemel und spielte Cello, während keine zwei Meter neben ihm, ein Großmütterchen auf einer Bank schlief, fast aufgebart, als wäre sie gestorben und dies ihre letzte Ruhestätte.

Irgendein teures Café auf Montmartre

Als ich letztes Jahr in Paris war, hatte ich zunächst befürchtet, es hätte sich ein wenig abgenutzt und könnte nicht mit der Stadt aus meinen Erinnerungen mithalten, aber es war so schön wie immer. Inzwischen umgehe ich zwar so gut wie alle Sehenswürdigkeiten und genieße nur noch die Atmosphäre in den Straßen und an der Seine, aber selbst die ist die Reise wert. Aber mit dem Bus fahre ich da niemals wieder hin! Flugzeuge sind natürlich auch richtig scheiße und Fliegen ist nun wirklich kein Spaß, aber es ist einfach schneller. Und ein Auto braucht man in Paris nun wirklich nicht.

Unglaublich empfehlenswert ist auch einer der großen Pariser Friedhöfe. Père Lachaise. Die sagenumwobene Totenstadt; weitläufig und eher wie ein Park in unserem Sinne. Hier ruhen Unmengen an berühmten Persönlichkeiten, deren Gräber fast Pilgerstätten gleichen (Piaf, Chopin, Wilde, Proust, Morisson, Balzac etc.).

Friedhof Père Lachaise

Gott, wären es nicht nur so wenige Reiseziele, die es in mein Herz geschafft hätten, könnte ich fast ein Reiseblog oder sowas schreiben. Wohnen möchte ich in Paris nicht, dazu wäre es mir viel zu geschäftig. Aber in regelmäßigen Intervallen ist es sehr angenehm. Man kommt sich dort so romantisch, träumerisch und wichtig vor. Als wär man doch der Hauptdarsteller in einem Film.

Draußen, in Kiel, setzt gerade der Regen ein. Das hat die Kieler Woche jetzt davon! Jetzt werdet ihr alle nass! Ich werde jetzt das Norah-Album ausmachen und etwas anderes hören. Leben heißt Veränderung! Stillstand ist der Tod! Nostalgie bringt hier keinen weiter.

A.

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