Samstag, 30. Juni 2012

Tangenten

Alles ist vergessen. Alles ist wieder gut oder so ähnlich - "keine Nacht hat vierundzwanzig Stunden". Diesen Satz habe ich heute Morgen gelesen - fand' ihn passend. Murakami, falls ihr es genau wissen wollt.

Kennt ihr dieses feine Gefühl, wenn ihr einen Lebenslauf schneidet, der so gar nichts mit dem euren zu tun hat? Was ich meine ist, wenn man plötzlich und nur für kurze Zeit eine unbedeutende Nebenrolle in der rasanten Geschichte eines anderen spielt. Natürlich passiert das vermutlich jeden Tag. Und natürlich, eine rasante Geschichte ist immer eine Sache des Blickwinkels, aber ich denke, ihr wisst trotzdem, was ich damit sagen wollte.

Ich erinnere mich an einige solcher Ereignisse. Mal war es ein kurzes Gespräch mit einem Typen, der angeblich irgendwelche Leute mit einem Samurai-Schwert angegriffen hat, im Auftrag angeblicher Drogenkuriere (ich habe das Schwert gesehen), mal bin ich durch fünfzig Zufälle mit ein paar Freunden in der Wohnung eines schnurrbärtigen Typen gelandet, der uns, während im Hintergrund eine Videokassette über deutsche Panzer lief, bei einem Bier beichtete, dass er erst seit Kurzem wieder auf freiem Fuß sei, da er einige Jahre wegen des Mordes an einem Zuhälter im Knast gesessen habe. Ich weiß noch, wie ich mich geschämt habe, dass ich ihm zuvor meine Hand gab, während einige meiner Freunde gebannt an seinen Lippen hingen, als er beschrieb, wie er den Mann angeblich getötet hätte. Keine Ahnung, ob irgendetwas davon wahr gewesen ist. Beunruhigend war es allemal. All das liegt Jahre zurück. Die Typen habe ich niemals wieder gesehen, aber für einen kurzen Moment war ich ein Teil von alledem.

Ein Ereignis geistert mir jedoch präsenter als alle anderen immer wieder durch den Kopf. Es war im Juli 2001. Ein Kumpel von mir feierte seinen Geburtstag. Wir waren dreizehn und haben jede Menge Mist gemacht. Nachdem wir die damals noch üblichen Kindergeburtstagsbestandteile mit Café und Familie hinter uns gebracht hatten, beschlossen wir, reaktionär, wie wir damals waren, noch ein wenig, wie sagt man, Scheiße zu bauen. In weiser Voraussicht hatten ich und ein Freund bereits am Vormittag eine Dose Farbspray in einem Fahrradladen gekauft. Wir zogen also durch die Gegend und taten Dinge, die heute wahrscheinlich keinen Neunjährigen mehr schockieren würden, aber damals kam ich mir vor wie ein Gangster. Ein Kumpel kannte den Wirt einer ziemlich schäbigen Kneipe, weswegen wir sogar Bier tranken bzw. es durften. Das war 'ne große Sache. Ein anderer hatte Schnupftabak dabei. Widerliches Zeug. Ich erinnere mich immer noch daran, wie danach mein Taschentuch ausgesehen hat. Ich erspare euch weitere kompromittierende Einzelheiten, da es ja hier nicht um das geht, was ich getan habe. Nur so viel: Als gegen 03:00 Uhr nachts auf einmal der Alarm der örtlichen Feuerwehr losging, waren wir uns sicher, dass das wegen uns sein musste, was unter Umständen sogar möglich war.

Wir rannten. Wir rannten so schnell, wir konnten. Raus aus der Stadt und in den Wald. Um zum Haus des Geburtstagskindes (hach!) zu gelangen, musste man einen ca. 2km langen Weg durch den Wald in Kauf nehmen. Auf etwa halber Strecke hatten wir uns wieder einigermaßen eingekriegt, begannen normal zu gehen und zogen uns gegenseitig damit auf, wie hysterisch wir zuvor waren. Was sollte schon passieren? Wir waren Männer. Plötzlich sahen wir die Lichter eines Autos vor uns. Wir bemühten uns, keinen verdächtigen Eindruck zu machen. Welchen verdächtigen Eindruck sollten fünf Jungs mit beschmierten Händen und roten Köpfen mitten in der Nacht im Wald schon machen? Doch das Auto bewegte sich nicht weiter auf uns zu, es hielt. Je näher wir kamen, desto mehr sahen wir auch: Niemand war im Wagen, jedoch waren Kofferklappe und Fahrertür offen. Der Motor lief. Niemand war zu sehen, aber ringsum war auch finstere Nacht - man konnte nichts erahnen im Dickicht und zwischen den Bäumen. Wir schwiegen und gingen mit festen Schritten unbeirrt immer weiter. Auf Höhe des Autos sprach niemand von uns. Ich wette, wir dachten alle das Gleiche, doch wir schwiegen alle. Wahrscheinlich wollte keiner, dass die eigenen Gedanken erwidert wurden.

Nach 100 m kehrte das Leben in unsere Körper zurück und die Angst wich. Ich weiß noch, dass ich lachend sagte, dass do wohl jemand noch seinen Müll loswerden müsste. Mit "Müll" meinte ich "Leiche". Die Anderen lachten und stimmten mir zu - längst nicht mehr so verhalten. Wir waren Männer.

Plötzlich zeichneten die Scheinwerfer des Autos deutlich unsere Schatten vor uns auf den Waldweg. Der Fahrer war zurückgekehrt. Der Motor lief an. Mein ganzer Körper zitterte. Es gibt kein schlimmeres Gefühl als vor Angst zu zittern. Ich hatte solche Angst, dass ich das Zittern nicht mehr zurückhalten konnte. Man hatte einfach zu viele Filme gesehen. "Langsam weitergehen", sagte einer von uns. Ich könnte nicht einmal sagen, ob ich es sagte. Das Auto kam immer näher. Das Geräusch des Wagens wurde lauter, doch zog er nicht an uns vorbei. Ich weiß nicht, wie lange uns der Fahrer im Schritttempo folgte. Niemand von uns wagte es, sich umzudrehen oder auch nur kurz vom einheitlichen Tempo abzuweichen. Es könnten zwei Minuten gewesen sein, vielleicht aber auch zehn. Irgendwann gab er uns stillschweigend und instinktiv das Zeichen, dass er nun an uns vorbei fahren würde. Wir wichen an den Rand, doch ich wagte es nicht, das Auto oder den Fahrer anzusehen. Wir ließen ihn passieren - oder er uns. 

Eine halbe Stunde später, während ich mir die Farbe von den Fingern wusch, zitterte ich noch immer. Doch wir lachten wieder, wir machten Witze, wir spielten Tony Hawk und wir vergaßen. Wir vergaßen nicht, was wir so getan hatten - all das waren Anekdoten, die wir über die Jahre bei uns hielten. Doch über das Auto sprachen wir nicht wieder. Ich würde wetten, dass die anderen Jungs unter Umständen nicht einmal mehr wissen, dass es tatsächlich passiert war, und nicht die Szene aus irgendeinem dämlichen Film war, den sie mal bekifft gesehen hatten. 

Was genau passiert war, werde ich nie erfahren, aber es hat mich bis ins Mark erschüttert und ich denke heute noch ab und an daran. Bewertet es, wie ihr wollt. Vielleicht hat jemand einfach nur seinen Röhrenfernseher loswerden wollen und vielleicht nicht. Für kurze Zeit war ich jedoch Teil einer Geschichte, die nicht zu meiner gehörte. Das war es, was ich meinte. Wenn ihr euch anstrengt, fällt euch garantiert auch so etwas ein. Wir berühren Lebensläufe, die ins Chaos führen, große Tragödien, Hollywoodstreifen, Morde und Heldenepen - und putzen uns danach die Zähne und machen weiter, vielleicht jeden Tag.

A.      

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