Dienstag, 12. Juni 2012

Volle Kraft zurück

Nachdem ich in den letzten Tagen viele Kommentare und Posts gelesen und gehört habe, die in eine ähnliche Kerbe zu schlagen scheinen, wie mein letzter Post, möchte ich mich, in aller Freundschaft, von einer aufgeblasenen Haltung gegenüber der EM und dem Fahnenkult distanzieren. Was ich damit meine? Ein Kumpel hat mir heute von einer feschen Street-Art-Aktion erzählt, bei der die aufgeklärten Straßenkünstler diese kleinen Autofähnchen abgebrochen haben, um sie durch antinationalistische Flugblätter zu ersetzen. Ihr Eifer in allen Ehren, aber das geht nun wirklich auch zu weit. Und wenn ich dann dieses ganze aufgeblasene Geschwafel von irgendwelchen Nervsäcken lesen, die sich fadenscheinig über den voranschreitenden Nationalismus und Deutschland-Kult echauffieren, schäme ich mich regelrecht, dass ich einen ähnlichen Tenor hatte. 

Sicher, sicher, peinlich und blöd sind die ganzen Public-Viewing-Auswüchse allemal, aber niemand sollte sich darum sorgen müssen, dass die Fußball-EM für wachsenden Nationalismus in unserem schönen Lande verantwortlich ist. Denn das ist sie nicht. Diese Euphorie stirbt alle zwei Jahre wieder, vier Wochen nachdem sie wiedergeboren wurde. Die Grundhaltung, dass wir besser sind als andere, wird doch viel subtiler transportiert. Man denke nur an die höhnischen Kommentare der Springer-Presse zur Griechenland-Pleite. So etwas vermittelt den Menschen das Gefühl, wir ziehen nicht alle am selben blau-gelben Strang, und dass Deutschland besser sei - schließlich sind wir ja nicht pleite, sondern die Trottel dort unten, weil sie faul und verlogen sind. Warum mögen die Leute wohl die Kanzlerin, wenn doch zugleich die Umfragewerte der Union sinken? Weil Horst und Uwe am Imbiss das Gefühl haben, dass sie unsere Interessen so toll vertritt und total den Ton angibt in Brüssel und den Hinterzimmern dieser Welt. Wir sind wieder wer in der Welt. Und ganz ohne Autofähnchen. 

Doch deswegen macht niemand irgendeine bekackte Street-Art-Aktion. Dort wird genauso an Patriotismus-Impulse appelliert, nur eben subtiler. Es geht eben um das Streben nach Anerkennung. Im Großen wie im Kleinen. Es geht darum, sich selbst zu feiern, bzw. für die meisten darum, endlich mal einen Grund dafür zu haben. Man muss die Dinge voneinander trennen. Nationalismus ist Egozentrik - nur größer. Die EM und ihre Randerscheinungen gehen vorbei und sind auch nicht anders als Weihnachten oder der Valentinstag - wenn man sie denn aus einer antisportlichen Perspektive betrachten will. Es gibt so viele Gründe, die Leute und alles hier und auch anderswo scheiße zu finden, aber die EM und das alberne Fahnengeschwenke bringen die pseudo-zynischen Spackos so in Wallung? Was zum Fick stimmt denn nicht mit allen?

Das Ekelhafteste, was ich seit Wochen erlebt habe, stieß mir gestern an der Aldi-Kasse zu. Während ich zwischen bunten Feuerzeugen, Zigarettenhülsen, Batterien und den Maltesermischlingen, die mich von Hundefuttertüten anglotzten, darauf wartete, dass es voranging, stand vor mir in der Schlange ein Pärchen. Er, nennen wir ihn, der Einfachheit halber, mal Dirk: schätzungsweise 41; die Klamotten schrien: "Mallorca-Urlauber", und "Für immer 30!", das Haar wich langsam der gebräunten Kopfhaut und ein Bäuchlein lugte deutlich unter dem kurzärmligen, gemusterten Hemd hervor. Sie, nennen wir sie Nicole: ca. 28; pechschwarz-gefärbtes, geglättetes Haar; so braun, dass es schwerfällt zu urteilen, ob südländisch oder Disconutte; auch ein bisschen, wie sagt man, untersetzter; gekleidet wie eine 18jährige Ende der 90'er. Mit Bedacht berührt Dirk nun den wenigen Mist, den die beiden in diesem zauberhaften Shoppingtempel ausgewählt haben, und schiebt ihn auf dem Laufband zusammen. Sie sieht abwesend aus, obwohl er sich darum bemüht, immer wieder Blickkontakt zu suchen. Dann treffen sich ihre Blicke. Ihrer stumpf und unentschlossen, seiner von Kitsch und Stolz nur so triefend. Er neigt den Kopf, lächelt und sagt: "Unser erster gemeinsamer Einkauf". Sie lächelt. Er küsst sie geräuschvoll. Beide sehen wieder in getrennte Richtungen. Ende der Szene. Der Vorhang fällt. Mir ist alles aus dem Gesicht gefallen. Ich glaube, ich habe mich innerlich übergeben müssen. Ich glaube an ihre Liebe, ganz fest, ganz fest. Dirk und Nicole. Ich mochte den Aldi noch nie.

In der Uni wurde heute über Denkmälher Papst Pius II' in Siena gesprochen. Ich war schon mal dort, aber ich kann mich partout an nichts erinnern. Es hat geregnet, das ist, was ich noch weiß. Die große Piazza, die der Beamer gerade an die Wand wirft, kommt mir jedoch bekannt vor. Die Toskana ist wunderschön, selbst, wenn sich Siena nicht gerade in mein Gedächtnis gebrannt hat. Die Städte mögen geschichtsträchtig sein, aber das, was wirklich beeindruckend ist, ist die Landschaft drum herum. Alles, wirklich alles, sieht aus wie in einem endlosen Werbespot für Olivenöl: weite Felder und Plantagen, gedämpftes Sonnenlicht, riesige Zypressenbäume. Daran erinnere ich mich. Ich sehe die Landschaft noch immer vor mir. Ich sitze in einem Reisebus und bin in der zwölften Klasse. Ich höre "Voices" von Ryan Adams.



Pienza scheint, den Fotos der Vorlesung nach zu urteilen, auch eine sehr schöne und friedliche Stadt zu sein. Sollte ich jemals wieder in der Toskana sein, ich werde diese Stadt besichtigen. Vermutlich habe ich es in zwei Wochen vergessen. Solltet ihr mal dort sein, fahrt nach Cinque Terre, in das Fünferland. Man kann nur mit dem Zug hin. Es liegt auf dem steilen Hang einer Küste, die keinen anderen Zugang als den Zugtunnel hat. Orangenbäume, schroffe Felsen und die reine Idylle.

Cinque Terre
 
Meine Urlaubserinnerungen werden von dem Gequatsche der anderen unterbrochen - in stereo. Rechts und links von mir sitzen zwei fast identische Pärchen. Ein Junge mit Sporttasche und einem geröteten Gesicht (demnach natürlich ein Sportstudent) und ein relativ attraktives Mädchen. Auf der anderen Seite das gleiche Bild. Sie haben nicht einmal den Anstand zu flüstern. Die Menschen haben einfach das Gespür dafür verloren, wann sie anderen auf den Sack gehen. Oder es ist ihnen einfach egal. Letzteres würd' ich tippen.

Gute Nacht,
A.
 


Kommentare:

  1. Kurz etwas zu Fußball, Fans und Fähnchen.

    Es mag sein, dass viele der Leute, die sich Fähnchen ans Auto machen, komische Überzieher an ihren Außenspiegeln haben, sich die "deutschen Farben" ins Gesicht malen beim Public Viewing gegenseitig fotografieren und nicht jeden Spieler der Nationalmannschaft beim Namen kennen, nicht wirklich den Namen Fan verdienen.
    Aber sie feiern etwas, vielleicht auch nur sich selbst und nehmen eine Fußballereignis als Anlass dafür.
    Das ist mir aber weitaus lieber als die Leute, die sich Fanschals umwerfen, alle Namen aller Spieler kennen und dann ins Stadion gehen um sich dort (oder auch schon davor) zu prügeln. Und gerne mal mit Leuten, die sich ebenfalls Fan nennen, leider aber vom Gegner.

    Ich gestehe, ich schaue auch nur Fußball, wenn es um die EM oder WM geht. Weil ich es interessanter finde als die Bundesliga.
    2006 habe ich mit (unter anderem) einem Trikot bekleidet, dass mir eine Freundin angedreht hat, mit vielen Menschen beim Public Viewing gesessen und mitgefiebert, mitgefeiert, mitgejubelt und mitgelitten. Und nach spätestens zwei Spielen kannte ich alle Spieler beim Namen.
    Ich fand die Stimmung toll, hätte sie aber vermutlich auch ohne Fähnchen, Trikot, Tröten und was weiß ich was genauso toll gefunden.

    Langer Rede kurzer Sinn - Hauptsache die Leute haben Spaß und sind friedlich miteinander.

    Ich hoffe Du kannst die EM trotz dieser überwiegend friedlich feiernden Massen genießen. Sieh ihnen ihre Unwissenheit doch einfach nach.

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    1. Nachsicht ist meine größte Tugend.

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    2. Allein mir fehlt der Glaube. Aber ich kann mich natürlich irren...

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