Donnerstag, 7. Juni 2012

Von daher...

Da bin ich wieder. Es ist ein bisschen Zeit vergangen seit dem letzten Post, aber im Herzen war ich immer bei euch. Oberindianerehrenwort. Eigentlich wollte ich mich gestern melden, aber ich hatte einfach keine Zeit. Das ist auch für mich ungewohnt. Doch hier kommen sie: die neusten Unwichtigkeiten aus dem Elfenbeinturm.  

Ich war vorhin gerade bei den Mülltonnen und hab' einen riesen Batzen Papiermüll nach unten gebracht - in einer noch größeren Papiertüte. Warum ich das erzähle? Wo es doch zugegebenermaßen unwichtiger Scheiß ist? Es erinnert mich an die Geschichte von der Judaskuh. Ich habe darüber mal in irgendeinem Buch gelesen. Auf Schlachthöfen, wenn die nervöse und gestörte Herde langsam gen Schlachtmesser getrieben werden muss, gibt es eine Kuh, die vorgeht; eine Kuh, die die Herde leitet und in den Abgrund führt. Das ist ihr Zweck und ihre Mission: Sie geht vor. Die anderen folgen, wie es ihre Natur ist. Ihr Schicksal jedoch ist nicht das, welches dem Rest der Herde blüht. Kurz vor dem Ende weicht sie aus, bleibt am Leben und erfüllt ihre Bestimmung. Sie wird neue Kühe in den Abgrund führen, während der Rest stirbt, überlebt sie, bis auch ihre Zeit gekommen ist. Sie hat ihre Art verraten, viele Male, selbst, wenn ihr dieser Verrat nicht einmal bewusst sein dürfte. Und ihr Lohn? Keine 30 Silberlinge, sondern Zeit, ein Aufschub, pures Überleben.  Eine tragische Geschichte. Und so trage ich die große Papiertüte wieder nach oben, während all ihre Verwandten im Müll liegen und auf ihre Ende warten. Irgendwie versüßt man sich den Alltag. 

Sie reden. Sie reden ununterbrochen. Wie kann man sich nur so verflucht viel zu erzählen haben? Gerade, wenn man miteinander befreundet ist. Ist es nicht eigentlich ein Zeichen von besonderer Nähe, wenn man auch zusammen schweigen kann? Wenn Stelle nicht bedrückend wirkt, dann ist man sich wirklich vertraut. Wenn Smalltalk lächerlich und unnötig geworden ist, hat man Freunde. Versteht mich nicht falsch; ich bin wirklich nicht schweigsam; ich rede auch hin und wieder viel, und ich telefoniere sogar gern, aber hier, im Hörsaal, höre ich nur Scheiße um mich herum. Dieses hirnlose Geschwätz, ununterbrochen. Alles, was ich höre, sind ekelerregende Plattitüden und gestelzte Dialoge. Aber es liegt auch ein bisschen an mir: Ich muss irgendetwas Magnetisches an mir haben; ich ziehe diese Trauben aus Vollidioten an. Hinter mir sitzen drei Mädchen, und weil Mädchen offenbar immer auch irgendeine Sprache studieren, machen sie ihre Übersetzungshausaufgaben für irgendeinen Mist im Anschluss an diese Vorlesung. Bereits, als ich in den Hörsaal kam, habe ich die drei Grazien, die zusammen mit Sicherheit mind. 200kg wiegen, als Risikogruppe eingestuft. Der Durchschnitt wird aber - und das muss man fairerweise zugeben - von ihrer kinnlosen Anführerin in die Höhe getrieben. Ich habe sie zur Anführerin bestimmt, weil sie klar am meisten redet. Schon dreimal habe ich umgedreht und vorwurfsvoll geguckt: starr mit hochgezogenen Augenbrauen. Keine Reaktion. Es geht einfach nahtlos weiter: geflüstertes Lachen, Grammatikfrage, geflüstertes Lachen, Lamentieren, Wochenendplanung. Ich hasse es. Und sie fressen! Sie fressen ihre Bonbons und Riegel wie Tiere. Knistern. Aber was soll ich tun? Ihnen ins Gesicht schreien und ausführlich erläutern, was ich von ihnen halte? Ich entscheide mich dagegen. Die Leute müssten das allein merken. Stattdessen schreibe ich diese Beobachtungen auf, während sich die Miene meines Kugelschreibers fest in das gelbliche Papier drückt. Noch fünfzehn Minuten bis zum Ende der Vorlesung. Die Anwesenheitsliste ist bereits rumgegangen. Gott schütze das Bachelor-System. In Scharen erheben sich Idioten, nur, um fünfzehn Minuten eher irgendwo zu sein. Das mag respektlos gegenüber dem Dozenten und dessen Dramaturgie sein. Es ist ihnen egal. Sie scheißen drauf. Mit ihren geschäftigen Gesichtsausdrücken und ihren schwulen Sporttaschen. Jeder findet einige Sachen interessant. Jeder langweilt sich irgendwo zu Tode. Ich neige auch eher dazu, abzuschalten und mein Leben oder den Highscore bei Angry Birds zu überdenken, aber einfach lautstark aufzustehen und, mit einem deutlich spürbaren Schulterzucken, die Tür ins Schloss fallen zu lassen, finde ich einfach unglaublich unhöflich und respektlos. Wenn nun vielleicht gerade Pause ist, und sowieso alle in Strömen den Hörsaal verlassen, da es offensichtlich unmöglich ist, 1 1/2 Stunden nicht zu pinkeln, dann verstehe ich jeden, der die Gelegenheit beim Schopfe packt, wenn es eben zu langweilig ist und einfach geht. Aber so? 

Doch es sind respektlose und graue Zeiten. Zumindest für die, denen das klar ist. Der Rest freut sich, wie frech und frei alles ist. Wildheit, Unnachgiebigkeit. Unsympathische Egozentriker sind auf einmal starke Typen mit eigenem Kopf. Ungehobelte Schlampen, die viel trinken, sind auf einmal kecke Freigeister mit Berliner Charme. "Die Kleine hat halt ihren eigenen Kopf" oder schlimmer: "Die Kleene ist halt so ein Mensch, der seinen eigenen Kopf hat, weeßte? Von daher...., ne? Leider geil". Verficktes Scheißpack! Ja, Bla, Frustrationswörter. Ich hasse hasse hasse es, wie inflationär die Leute "von daher" sagen. Es ist wie eine Epidemie, wie ein Virus, der alles und jeden ansteckt und pervertiert. Ich kann es nicht einmal mehr ertragen, wenn es richtig benutzt wird, sprich, wenn mehr darauf folgt, als nur eine affektierte Pause und ein dummes Grinsen. Achtet mal darauf! Wirklich, glaubt mir. Doch es sind respektlose und graue Zeiten. Auf dem Nachhauseweg wurde ich von zwei labernden Dreitagebart-Spastis vom Gehweg (!) geklingelt, weil sie der Meinung waren, nebeneinander auf ihren dämlichen Nostalgie-Fahrrädern entgegen der Fahrtrichtung zu fahren. Ja ja, sie sind schließlich gerade einem Musikvideo - da sieht das einfach cooler aus. Kurz bevor ich in meine Straße einbog und der Regen bereits eingesetzt hatte, was hier nun wirklich keine Metapher ist, sprach mich noch eine kleine Frau mit schlechten Zähnen an. Sie wollte den Weg in irgendeine Straße wissen, von der ich noch nie gehört hatte. Man habe sie bereits von Pontius zu Pilatus geschickt. Ihre Kapuze war weit in ihr Gesicht gezogen. Die Art, wie sie redete, deutete auf eine Trinkerin und einen Anwaltstermin hin. (Ich hab zu viel Sherlock geguckt in letzter Zeit). Als ich sie nach der Postleitzahl der Adresse fragte, um ihr eventuell doch helfen zu können, drehte sie sich, ohne ein weiteres Wort der geheuchelten Höflichkeit, einfach weg und ging in die Richtung, aus der sie vermutlich hierhin gelangt war. Sympathisch.

Auf die Einladung einer Freundin hin war ich abends zur Premiere eines Stückes im Studententheater. Zwei Dinge, die ich lernen musste: 
  1. Sich vorher einen anzutrinken, ist gar keine so gute Idee, weil es dort verflucht warm und still ist.
  2. Offensichtlich gehört es nicht zum guten Ton, ein Bier aus dem Foyer mit in die Vorstellung zu nehmen, um es auf seinem Platz zu trinken. Kino ist nicht Theater. Kino ist nicht Theater. Kino.... Muss so ein ungeschriebenes Common-Sense-Ding sein, oder so.   
Ja, das Theater ist nicht meine Welt - oder vielmehr mein Parkett. Vielleicht muss man dem Ganzen aber auch nur noch eine Chance geben, nüchtern und luftig gekleidet.

Außerdem habe ich ein riesiges Bild bei IKEA gekauft und es über mein Bett gehängt, bzw. hängen-lassen (von Menschen, die sich nicht mit einem Hammer und einem Nagel töten können). Wieder einem einheimischen Indie-Künstler das Abendessen genommen und die Ausbildung der Kinder verschlechtert. Score! 30€, 140cm x 100cm - damit kann niemand mithalten, der mit sowas tatsächlich seinen Lebensunterhalt verdient. Ja, ein echtes Unikat. Aber wer ist schon ein Unikat?

Ich wünschte, dass das der Ausblick in die Zukunft wäre

Gute Nacht  
A.

Kommentare:

  1. Ich korrigiere - man kann gar nicht zu viel Sherlock gucken! Nur ihn lesen ist besser!

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    1. ja, ich bin auch ein großer fan der bücher! Wenn ich nur genug davon lese und sehe, bilde ich mir immer ein, selbst deduktive fähigkeiten zu haben. Ich wär lieber consulting detective.

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    2. Aber da kann es doch nur den einen geben. Erfinde eine neue Jobbezeichnung und mach das Gleiche...

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    3. Meinst du, es ist noch nicht zu spät?

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  2. "...Hingegen schnelles Folgern, subtile Fallen, kluge Vorhersagen kommender Ereignisse, die triumphale Bestätigung kühner Theorien - ist das nicht der Stolz und die Rechtfertigung unserer Lebensarbeit?..."

    Wie könnte es dafür zu spät sein???

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    1. leider gibt es hier keinen like-button!

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    2. So ein Like-Button wäre doch aber viel zu gewöhnlich für Deinen Blog.
      Ich betrachte das trotzdem einfach mal als Zustimmung!

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