Montag, 30. Juli 2012

Die Leuchtturmtagebücher: Tag 2

Scheiße, ich habe es partout nicht geschafft gestern. Ich versuche, das Rauchen aufzugeben. Irgendwann habe ich dann einfach beschlossen, zu schlafen. Den ganzen Reisebericht in einem Rutsch zu posten wäre auch eine Idee gewesen - würde sicherlich aber die Grenzen des Zumutbaren sprengen. Deswegen also, wie versprochen, hier, der zweite Teil dieser legendären Urlaubsberichte. Außerdem habe ich mich dazu entschlossen, den guten alten Blocksatz zu verabschieden. Stillstand ist der Tod! Dies sind die Leuchtturmtagebücher.

Falls ihr den ersten Tag verpasst haben solltet, hier:

Die Leuchtturmtagebücher

Tag 2:


Glücksstadt
Als ich aufwache, habe ich Mühe, mich zu orientieren. Keine Ahnung, wie die Stadt heißt. Keine Ahnung, in welchem Bundesland ich bin. Ich putze meine Zähne und sehe mein rotes Gesicht im Spiegel. Die Vermieterin sitzt mit einer Oma in der Küche und spricht irgendeine völlig unidentifizierbare Mundart. Ich habe mein Leben lang an der Küste gelebt, aber nun beginnt Plattdeutsch mich zu nerven. Wir dringen in Regionen vor, in denen man "Jau" statt "Jo" sagt. Das ist absurd. Jetzt steht schon "Schiethus" an den öffentlichen Toiletten. Schwachköpfe. Das ist weder niedlich noch urig - das ist behindert. Beim Zusammenpacken ramme ich zweimal meinen Kopf unabsichtlich gegen dasselbe Fenster. Es ist die große Woche des Hirnzellengenozids. Die Vermieterin winkt uns zum Abschied. Ich winke zurück. Hach. Am Ende der Straße gibt es einen Topkauf, einen Supermarkt in der Provinzvariante. Heilfroh greife ich die einzige Sonnenmilch im Sortiment und eine Schachtel Gauloises. "Na, geht's in die Sonne?", fragt die Kassierin. Ihr messerscharfer Verstand macht sie zu einer Verschwendung, hier in an der Kasse des Pampa-Discounters. "Sieht ganz so aus", sage ich mit einem unechten aber charmanten Lächeln. Die Fahrt geht weiter.

Kleiner Leuchtturm am Ufer
Gegen 10.00 Uhr erreichen wir Glücksstadt. Hier die Elbe zu überqueren, war wunderbar und ersparte uns dazu den Umweg über Hamburg. Ich mag Hamburg einfach nicht. Während wir auf die Fähre warten, entdecke ich einen kleinen Leuchtturm am Ufer. Direkt am Fähranleger befindet sich ein kleiner Imbiss/Stehkneipe mit dem zauberhaften Namen "Happytown Beachclub". Versteht ihr, Happytown - Glücksstadt? Fantastisch.

Die Fähre ist klein und funktional, aber es gibt ein Deck mit ein paar Bänken, das man über eine Stahltreppe erreicht. Kinder haben sich bereits am Geländer gesammelt und zeigen voller Begeisterung auf irgendwelche Punkte am Horizont. Ihre Eltern ignorieren das größtenteils. Als wäre das ein scheiß Kreuzfahrtdampfer. Aber ich renne auch sofort hoch, nachdem ich die Fahrkarte gelöst habe. Wie kann auch so verbittert sein und nicht mal mehr auf einer Fähre aussteigen? Ich atme tief ein - selbst, wenn ich keinen besonderen Unterschied wahrnehme. Die Morgensonne hat den Tag bereits auf über 20°C erhitzt - der leichte Wind, der auf der Elbe weht, fühlt sich großartig an, nach all der Wärme und dem Schweiß vom Vortag. Am Ende des Flusses kann man den unheilvollen Schatten der Großstadt erahnen.

Elbfähre
  
"Wir umfahren ein kleines Leuchtfeuer..."
Wir umfahren ein kleines Leuchtfeuer und ich entdecke einen weiteren Turm am anderen Ufer der Elbe. Man vergisst fast, dass man auf einem Fluss ist - und nicht auf dem Meer. Als wir uns Wischhafen langsam nähern und im Auto sitzen, beginnt die Luft nach Fischabfällen und Motoröl zu riechen. Ich kenne den Geruch gut - gemocht habe ich ihn nie. Im Nachbarwagen fächert sich eine ältere Frau unentwegt die stinkende Luft zu. Das ist wohl maritimer Charme zwischen ihren Nasenflügeln: Motoröl und Fischabfälle. Oder es erinnert sie an etwas. Ich muss bei dem Geruch an den kleinen Hafen in Norwegen denken, an Urlaube mit meinen Eltern, an Angelausflüge, Wellengang und Kotze. Der Geruch schlängelt sich allmählich durch die Kanäle der Klimaanlage und setzt sich in meiner Nase fest.

Auf dem anderen Ufer versuchen wir sofort mithilfe der Karte herauszufinden, welchen Leuchtturm ich von der Fähre aus gesehen habe. Nach ein paar Käffern geht eine Landstraße links ab und führt uns zu einem hässlichen Campingplatz direkt am Leuchtturm. Treffer. Zum Glück müssen wir nicht auf dem Campingplatz parken. Camper sind Abschaum. Ja, alle. Im Radio singt Angus Stone "End of the World". Er hat Recht.

Elbinsel Krautsand
Am Kanal
Danach orientieren wir uns wieder Richtung Meer. Die Landschaft wird schöner. An einigen Häusern baumeln rote Fahnen mit weißem Pferd - wir sind in Niedersachsen. Lange Zeit sieht alles gleich aus. Maisfelder, Getreidefelder, Mähdrescher, Bauernhöfe, doch dann sind wir wieder am Ozean. Otterndorf. Nie zuvor gehört. Wir halten an einem kleinen Kanal. Die Anwohner beäugen uns kritisch, als ich, mit Sonnenbrille und Kippe im Mund, aussteige. Eigentlich ist es ganz schön hier. Ein paar Meter entfernt liegt ein Boot vor Anker. Kinder springen über die Reling und lachen sich schlapp, während Mutti an Deck sitzt und Nicholas Sparks liest oder so.

Die dicke Berta
Wir fahren weiter bis kurz vor Cuxhaven. Alle Häfen hier scheinen mit "v" geschrieben zu werden. Überbleibsel vergangener Zeiten. Wir packen neben zwei Spastis. Der auf dem Beifahrersitz hat die Tür weit offen und mustert mich skeptisch. Halstattoo und Eisteeflache. Ich steck' das Navi vorsichtshalber ein. Die Provinzidioten sehen auch überall gleich aus. Captain Halstattoo könnte auch problemlos irgendwo in Mecklenburg auf dem Parkplatz einer Tankstelle rumlungern und scheiße aussehen, in seinem getunten Kleinwagen. Ich hab nie verstanden, warum Leute ihre billigen Kleinwagen zu solchen Tuning-Perversionen ummodelieren. Ist das nicht eine Verschwendung bei solchen Schrottkarren? Wenn das nun irgendein dicker, teuerer Wagen wäre, den man dadurch proletenmäßig veredeln könnte. Aber so? Ist das nicht, als vergolde man eine Casio-Uhr?

Ebbe in Dorum
Als wir von der Autobahn abfahren, sind wir fast in Dorum. Langsam entspricht die Umgebung wieder dem Postkartenklischee, das ich von der Nordsee habe. Dorum ist ein typisches Badenest; riesiger Strand, riesiger Campingplatz (voller Abschaum), Jack Wolfskin Store, Fischrestaurants. Es ist Ebbe. Der Leuchtturm sieht fantastisch aus. Er stand einst im Meer und wurde erst 2003 an seinen heutigen Standort versetzt. Nach einer Verlegung der Schifffahrtsruten verlor er seine Aufgabe als Leitfeuer. Bis in die neunziger Jahre sollte er Schiffbrüchigen als Zufluchtsstätte dienen. Nun steht er funktionslos und kastriert am Strand, direkt neben einem Campingplatz (voller Abschaum). Dort sitzen sie vor ihren ekligen Wohnwagen und bräunen ihre fetten Körper, während sie Bier saufen und den Mädchen am Strand auf die Ärsche glotzen. Trauriges Schicksal. Zumindest das, des Leuchtturms. 1886 ist er gebaut worden; genau 100 Jahre vor meiner Geburt. Das kann nun wirklich kein Zufall sein. Ich mag ihn, entthront und deplaziert, sein eigener Grabstein. In vielen Leuchttürmen gibt es die Möglichkeit zu heiraten. Obereversand sieht dazu wahrscheinlich zu düster aus. Vor ihm wollen sich keine Bräute mit schwabbeligen Oberarmen und Krönchen auf dem Kopf fotografieren lassen. Das macht ihn nur charmanter.

Leuchtturm Obereversand (heute in Dorum)
Im Ort setzen wir uns in ein Restaurant. Ich bestelle ein "Krabbenbrot" und bin bis ins Mark erschüttet, als ich auf der Rechnung sehe, dass es 15 € kostet. Das kommt dabei raus, wenn man nicht in die Karte guckt, beim Bestellen. Dekadenz hat tatsächlich ihren Preis. Dann gibt es zum Abend eben nur Brot. Geschmeckt hat es trotzdem. Außerdem macht die Hitze verzweifelt. Jede Möglichkeit, im Schatten zu sitzen und etwas zu trinken, ist unbezahlbar und wundervoll.

Der kleine Preuße, Wremen
Der letzte Stopp, bevor wir in die heutige Unterkunft fahren, ist Wremen. Direkt am Deich steht ein großes Hotel mit Meerblick. Das wär' ein Ort für Flitterwochen. Die nächste große Stadt wirft ihre Schatten voraus. Am Horizont der Wesermündung erkennt man deutlich die Kräne Bremerhavens. Frachter kreuzen vor uns, als wir den letzten Leuchtturm für heute erreichen. 5 Meter Sehenswürdigkeit. Ich habe keine Ahnung, der wievielte Leuchtturm das heute ist. Irgendwie ist es auch egal.

Wir setzen uns auf die Mole, halten unsere Füße ins Wasser und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Das Wasser ist kalt und immer wieder müssen wir höher rutschen. Die Flut kommt langsam. Laut Navi sind es nur fünfzehn Minuten bis Imsum, einem kleinen Vorort von Bremerhaven. Das Pensum des Tages steckt uns in den Knochen, doch wir sind begeistert, wie reibungslos alles bisher geklappt hat. Es ist ruhig. Selbst die Assi-Weiber, die ein paar Meter weiter sitzen und rauchen, sind kaum zu hören. Am Horizont kann man die Silhouette eines anderen Leuchtturms erkennen, unerreichbar auf dem Meer. Hier ist perfekter Ort.

"Hier ist ein perfekter Ort."

Imsum ist eine vertrocknete Eigenheimsiedlung mit Hauptstraße; ein paar Bushaltestellen, ein paar Briefkästen, sonst nichts. Als wir an der Adresse ankommen, sind wir uns nicht sicher, ob alles richtig gelaufen ist. Es war schwer, für heute eine Unterkunft zu bekommen. Nachdem wir immer wieder am Telefon abgewiesen wurden, verwies man uns an eine andere Nummer, eine Frau aus der Nachbarschaft. Diese verwies uns dann wiederum an eine andere Nummer, und so sind wir letztendlich hier, in Imsum gelandet. Niemand geht an die Tür. Niemand nimmt das Telefon ab. Nach einer Ortsbegehung ohne nennenswerte Vorkommnisse haben wir dann doch Glück. 40 €, sauberes Zimmer, ein paar peinliche Bilder vom Schützenverein an der Wand. Wieder unterm Dach. Wieder schrecklich heiß.

Abends kann ich nicht einschlafen. Ich höre Geräusche auf der Treppe. Mir wird klar, dass niemand weiß, wo wir genau sind, die Tür nicht abgeschlossen ist, und, dass ich nicht einmal ein Taschenmesser bei mir habe. Wir sind mitten im Nichts, zwischen Eigenheimen und Maisfeldern. Das kommt davon, dass nur noch CSI und Two and a half man im Fernsehen laufen. Jetzt wittert man überall kranke Mörder und Fallen. Soll ich aufstehen und nachsehen? Die Geräusche werden lauter und formen sich zu Schritten in meiner Phantasie. Ich stehe auf, stolpere durch die dunkle Monteurswohnung und stoße mich überall. Ich weiß nicht, wo Lichtschalter sind und alles ist fremd. Kurze Panik. Dann Nichts. Alles ist ruhig. Scheiß drauf, geh' zurück ins Bett, Cowboy!

Morgen geht's weiter.

A.

Samstag, 28. Juli 2012

Die Leuchtturmtagebücher: Tag 1

Ich bin wieder da. Die Temperatur ist gesunken und der Regen ist zurückgekehrt. Hinter mir liegen 15 Leuchttürme in 4 Tagen und eine Strecke von über 1000 Kilometern quer durch die norddeutsche Pampa; endlose Landstraßen, Deiche und goldgelbe Felder. Es gibt natürlich wesentlich mehr Leuchttürme an der Nordsee. Man hätte auch zu den vielen Inseln aufbrechen können - nur wäre das viel zu teuer geworden. Wir sind geblieben, bis das Geld und der Tank alle waren. Ein Hauch von Abenteuer möchte man meinen. Und ja, Idealismus fühlt sich großartig an. Scheiß auf jede Pauschalreise in den Süden. Scheiß auf jeden Kurztrip nach Dubai. Scheiß auf Mallorca und die Türkei. Scheiß auf Tauchen in Ägypten. Scheiß auf jede Hotelanlage, jeden Pool und jeden Campingplatz. Es gibt nichts Schöneres, als einer Idee hinterher zu jagen, einer eigenen Idee. Nichts ist mehr wert.

Meine Augen und Ohren waren immer geöffnet. Natürlich bin ich darauf vorbereitet, Euch umfassend über die Geschehennisse des Weges zu unterrichten. Jeden Abend habe ich, vor dem Schlafen, die Dinge, die mir aufgefallen sind, in mein kleines Angebernotizbuch gekritzelt. Vieles kann man überhaupt nicht lesen, aber keine Sorge, ich habe das Hirn eines Elefanten (und auch seine Handschrift). Ich habe mir die Mühe gemacht, mit Hilfe von Google, alle Stationen und Wege der Reise zu verbildlichen. Gott schütze unsere modernen Zeiten. Fragt mich nicht, warum ich so pedantisch bin. Verwechselt mich außerdem bitte nicht mit einem der Trillionen von dämlichen Hobbyfotografen, die ständig, mit ihrer Spiegel-Reflex vom Weihnachtsgeld, Nasenlöcher aus der Hocke heraus, und Baumrinde aus einem Abstand von einem Zentimeter fotografieren, um ihre Idiotenfreunde bei Facebook zu beeindrucken. Ich bin keine Nikon! Alles, was ich sehe, ist schöner als dass, was auf den Fotos davon übrig bleibt. Außerdem würde selbst ein Klumpen Scheiße gut aussehen, wenn man so einen Effekt darüber legt. Und doch gehören die Bilder dazu, verdeutlichen sie doch die Eindrücke. 

Und jetzt Schluss mit den Einleitungen: Dies ist die Geschichte meiner Reise. Dies sind die Leuchtturmtagebücher.

Die Leuchtturmtagebücher

Tag 1:


Es ist merkwürdig, wenn man sich überlegt, wie unglaublich nah, die fast schon plakative Nordseeküste liegt. Es sind nur 1 1/2 Stunden bis Westerhever. Man hat das Gefühl, gerade erst den Speckgürtel Kiels verlassen zu haben, da ist man schon in einer anderen Welt; einer Welt, die wirkt, als laufe man mitten durch die Postkarten-Idylle eines Jever-Werbespots. Als wir das erste Mal kurz vor Westerhever an einem Deich halten, habe ich fast ein schlechtes Gewissen, meine Kippe glanzlos aber effektvoll in diese Umgebung zu schnipsen. Alles wirkt so aufgeräumt und harmonisch. Die Hitze des Sommers kam nun doch irgendwie überraschend. Während ich meinen Arm aus dem offenen Beifahrerfenster baumeln lasse, strömt ein frischer Geruch ins Auto, den nicht zuordnen kann. Am ehesten würde ich zu Pfefferminz tendieren, wenn ich mich entscheiden müsste.

Der NDR hat den Leuchtturm von Westerhever zum Schönsten in Norddeutschland erwählt. Dort sollte also auch die Reise beginnen. Das Beste zu Anfang, wie es so schön heißt. Ein dicklicher Nervsack von Parkwächter bemüht sich nach Kräften, durchgehend Plattdeutsch zu sprechen und verlangt stattliche 3 €, als wir auf den einzigen ausgeschilderten Parkplatz mitten im Nirgendwo abbiegen. Wir hatten keine Ahnung, dass sich Parkplatz und "Infohus" (When Plattdeutsch goes wrong) satte 3,5 km entfernt vom Leuchtturm befinden. Inzwischen waren 30°C und Ebbe. Obwohl sich nur Wasser zwischen uns und England befindet, scheint die Luft zu stehen; nicht einmal der Hauch eines leichten Windes weht. Ich ärgere mich über meine eigenen Erwartungen. Wahrscheinlich hatte ich mir vorgestellt, wir fahren einfach von Leuchtturm zu Leuchtturm und halten direkt davor - wie bei McDrive. Das T-Shirt beginnt an meinem Körper zu kleben und der Horizont verschwimmt immer wieder mit dem Weg, wie der Highway in einem kitschigen, amerikanischen Film. Doch je näher wir dem Leuchtturm kommen, desto mehr wächst auch die Erkenntnis, dass sich der Weg gelohnt hat. Außerdem sieht er aus einigen Perspektiven aus wie ein Penis, da direkt neben dem Turm zwei identische kleine Häuser stehen.

Westerhever
"Die Landschaft sieht aus wie in einem Albtraum..."
Auf dem Rückweg fällt mir auf, wie surreal die Umgebung um mich herum wirkt, jetzt wo ich das Ziel nicht mehr direkt vor Augen habe. Die Landschaft sieht aus wie in einem Albtraum, aber irgendwie schön. Der Weg wird immer länger und die Temperaturen machen die kleinsten Bewegungen zu schier unüberbrückbaren Herausforderungen - zumindest für unsere verweichlichten Stadtkörper.

Der Leuchtturm in St. Peter Ording ist verflucht noch mal unauffindbar. Wir entscheiden uns kurzerhand, auf den Leuchtturm zu scheißen und stattdessen irgendwo ein Bier zu trinken. Am Nebentisch sitzt eine Familie, die ihrem Akzent nach zu urteilen, aus England angereist ist. Der Vater der Familie hat sich scheinbar sogar die Mühe gemacht, einige rudimentäre Dinge auf Deutsch zu lernen. Selbst die Kinder sagen "Danke", als die Kellnerin ihnen ihre Pommes bringt. Ob sich die deutschen Touristen auch so im Ausland verhalten? SPO, wie ich St. Peter Ording nennen darf, scheint ein klassischer Urlaubsort an der See zu sein. Überall Anker und Schwimmringe, um auch den größten Idioten darauf hinzuweisen, dass er sich in einer Stadt am Meer befindet. Überall Kinder in Badekleidung, Hunde, Bierbäuche und braun-gebrannte Hängetitten. Von Zeit zu Zeit fährt auch das obligatorische Scheißauto, voller glotzender Spastis mit freiem Oberkörper, mit heruntergelassenen Fenstern und lauter Musik durch den Ort. Trotzdem notiere ich mir SPO auf der imaginären Liste von Orten, zu denen ich mit meinen Kindern in den Urlaub fahren könnte, wenn ich denn welche habe.

Büsum
Durch Anstrengung und Hitze ist Büsum bereits in dem Moment völlig egal, indem ich den Leuchtturm gefunden habe und ein Krabbenbrötchen in der Hand halte. Im Prinzip ist das auch alles, was es über Büsum zu sagen gibt, außer, dass es ziemlich scheiße ist, wenn man die falsche Seite des Hafens langläuft, um dann, kurz vor Schluss, festzustellen, dass sich der Leuchtturm gegenüber befindet.

Im Hafen liegt ein stinkender Fischkutter unter schwarz-weiß-roter Flagge. Hoppla! Ein volltätowierter Glatzkopf im Blaumann säubert gerade die Netze und beschallt den ganzen Hafen mit irgendwelcher Nazimusik, die wie die Punk-Versuche einer Schülerband klingt. Ich wette, der bildet sich richtig etwas ein auf sein ehrliches, aussterbendes Handwerk. Der Strand ist hermetisch durch Geldeinsammler abgeriegelt. Als ich klein war, haben Strände noch kein Geld gekostet.

"Alles scheint Teil eines riesigen Windkraftrads zu sein..."
Wir verlassen die See und fahren Richtung Elbe, wo wir uns eine Unterkunft für die Nacht organisiert haben. Alles sieht gleich aus, sobald wir der Küste den Rücken kehren. Die Landschaft hat sich verändern. Die Deiche und die Pfefferminzwiesen sind verschwunden; wir könnten überall sein, Niedersaschen, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg; endlose Felder, Reiter- und Bauernhöfe. Alles scheint Teil eines riesigen Windkraftrads zu sein, als bräuchten wir die ganzen Kohle- und Atomkraftwerke wirklich nicht mehr. 

Irgendwann biegen wir ab und halten vor einer alten Scheune und einem geräumigen Haus mit großem Garten. "Sie haben ihr Ziel erreicht", gart die Frau aus dem Navigationssystem. Während der Vermieter uns begrüßt und in das kleine Zimmer unter dem Dach geleitet, überlege ich krampfhaft, an welchen Schauspieler er mich erinnert. Für 46 € hätte ich zumindest ein Badezimmer erwartet. Nein, Gemeinschaftsbad. Wundervoll. Ein Franzose mit dickem Wagen, der einzige Gast außer uns, hat mir ein paar schwarze Haare auf dem Grund der Dusche zurückgelassen, so als kleines Suprise wahrscheinlich. Merci beaucoup, du haariger Wichser! 

Das Zimmer ist schrecklich aufgeheizt, aber der Schlaf erwischt mich bereits kurz nachdem ich mich hingelegt habe.

So, das war der erste Teil der Leuchttumtagebücher. Morgen geht's weiter!

A.



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Montag, 23. Juli 2012

Down in the Valley

Ich bin zurück, und ich bin zerschossen. Im Dämmerlicht der Sonne sieht selbst Kiel gar nicht so schlecht aus. Trotzdem: Es ist nirgends so schön wie daheim. Die Pflanzen auf dem Balkon scheinen mich vermisst zu haben. Ob sie noch lang genug leben, um zu bemerken, dass ich wieder da bin, kann ich nur schwer einschätzen, mit meinen bescheidenen botanischen Fähigkeiten. Während die Tagetes einfach nur verdorrt, sind meine Kapuzinerkressen übervölkert von Rapsglanzkäfern. Und so viel ist sicher: Rapsglanzkäfer sind Hurensöhne! Sie krabbeln sogar an den Außenwänden entlang und suchen nach neuen Plätzen zum Ausbreiten, die kleinen, dämlichen Wichser.

Die Tage rauschen momentan nur so an mir vorbei. Ehe ich richtig wach bin, ist auch schon wieder Abend. Und meinen kleinen Terminkalender habe ich auch schon seit Wochen nicht in den Händen gehalten. Sollte ich irgendwann einmal einen richtigen Job haben, werden mir diese Sommer fehlen; Bücher, Musik und der Geruch von Grillfleisch. Scheiße, ich könnte niemals Vegetarier sein, im Sommer. Ach, im Winter auch nicht; der Entenbraten meiner Mutter wäre zu verlockend. Hier ist es mir auch wieder möglich, Bilder auf den Computer zu laden. Das erklärt auch die völlige Reizüberflutung in diesem Post.

Am Samstag haben mich ein paar Freunde aus Kiel in der Heimat besucht. Ein bisschen Sightseeing im Nichts, ihr wisst schon. Ich habe ein gebügeltes Hemd angezogen und war sogar wirklich in Stimmung (was nicht immer der Fall ist). Zwei bis drei Bier hatte ich schon getrunken - ich war noch nicht einmal betrunken. Es war auch noch hell, und ich wollte gerade ein paar Flaschen aus dem Schuppen holen, als ich so heftig mit dem Kopf gegen den Türrahmen geschlagen bin, dass mir übel wurde. Es tat eigentlich überhaupt nicht weh, aber die Spätfolgen waren hässlich. Nach ein paar Minuten fühlte ich mich wie an dem Morgen nach meinem Abiball, sprich: so, als hätte ich einen schrecklichen Kater, und das auch noch grundlos. Eine 500'er Kopfschmerztablette mit Bier runterzuspülen, war im Nachhinein auch nicht so eine gute Idee. Den Rest des Abends verbrachte ich dann damit, den Anderen dabei zuzusehen, wie sie immer betrunkener werden, und mich darauf zu konzentrieren, nicht zu kotzen. Das hat mir dezent den Abend versaut. Der Alkohol verfärbt die Menschen, macht sie zu Karikaturen und Zerrbildern. Wie manche es bloß aushalten, sich ständig nüchtern unter Betrunkene zu mischen, ist mir ein Rätsel. Kurze Zeit war ich mir fast sicher, nie wieder irgendetwas zu trinken. Haha. Als ich dann nachts im Bett lag und meine Augen schloss, habe ich Farben gesehen; immer wieder neongrüne Explosionen, bis ich einen kalten Lappen auf der Stirn hatte. Ich schätze, das war kein gutes Zeichen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich zwar noch immer ziemlich scheiße, aber Bier-Trinken ging wieder.  

Die Sümpfe der Heimat

Boltenhagen-Beach
Nachdem alle ausgeschlafen hatten, sind wir zu einem Abstecher nach Boltenhagen aufgebrochen. Müsste ich jemanden davon überzeugen, dass Mecklenburg seine glanzvollen Ecken hat, wäre es immer Boltenhagen, was ich vorzeigen würde. Ich hab' mich ein wenig wie auf einer Klassenfahrt gefühlt: Sonnenlicht, Essen vom Imbiss und Wandern unter Kopfschmerzen.

Da ich während meines lebendigen Knock-outs am Vorabend ungefähr fünfundvierzig Liter Wasser getrunken hatte, kam ich gleich nach der Ankunft in den Genuss der öffentlichen Toilette an der Strandpromenade. Öffentliche Toiletten sind Spiegel der menschlichen Seele. Alles stank und klebte wie eh und je. Der Typ, der mich am Pissoir ablöste, trug tatsächlich nur ein ärmelloses Shirt und eine Badehose. Er ist barfuß in diese sanitäre Vorhölle marschiert! Warum zum Teufel pinkelt er denn nicht ins Wasser, wo er doch offensichtlich vom Strand kommt? Ich schüttel mir den Ekel aus dem Gesicht, setze meine Sonnebrille auf, zünde mir die zweitausendste Zigarette an und gehe zurück zu meinen Freunden. Nachdem ich in den vergangenen Wochen diverse Strände und Strandpromenaden ausgekundschaftet habe, kann ich es verkünden: Es ist überall das Gleiche; Tretautos, Hunde, Menschenmassen. Auf dem Weg zum Ende der Seebrücke (woher eigentlich so ein pathetischer Name für einen Steg?) fühlt man sich wie auf einem Flughafen; es geht schleppend vorwärts und man riecht das Rasierwasser des Vordermanns. So könnte ein Roman heißen: "Das Rasierwasser des Vordermanns". Als ich kurz dazu ausholen wollte, alles um mich herum zu verfluchen, wurde ich angestoßen und darauf hingewiesen, dass ich nicht so zornig sein soll. Ich bin zu schwammig im Kopf, um Gegenwehr zu leisten. Das Wetter macht milde - und wenn man seinen Kopf gegen die Stahlschiene eines Türrahmen schlägt.
Spätrömische Dekadenz am Ostseestrand
In meiner Erinnerung hat sich jedoch ein anderes absurdes Szenario verankert. In einem etwas gehobeneren Strandrestaurant im Osten der Stadt, indem ich vor Jahren mal etwas gegessen habe, gibt es eine große Veranda, auf der die Gäste an der frischen Luft essen können, ein bisschen wie bei den Waltons - nur eben schicker, versteht sich. Auf der Veranda stand ein freundlich aussehender Indianer (!), der sich selbst mit einer umgehängten Western-Gitarre begleitend, "Mr. Tambourine Man" sang. Für die halbe Minute, in der wir an der Veranda vorbei kamen, war alles in eine friedliche und harmonische Atmosphäre gehüllt und wie in einer Sepia-Zeitlupe. Die dick gefressenen Touristen aßen, ohne einander anzusehen, schweigend ihre Filets, weil auch sie bemerkt haben, dass der Indianer ihnen allen überlegen ist und sie alle nur um ihn kreisen, wie leblose Planetenklumpen um eine Sonne. Das Ganze hätte eine Filmszene sein können. "I'm not sleepy and there is no place I'm going to" - er hat es nicht wie Dylan gesungen, sondern irgendwie weicher, irgendwie einnehmender. Ich hätte mich gern einfach auf den Asphalt fallen lassen, um ihm weiter zuzuhören und auch ein Teil dieses weichen Breis' im Sonnenlicht zu werden.


Morgen breche ich schon wieder auf. Diesmal jedoch zur anderen Seite, die ganze Nordseeküste runter, zumindest bis Emden - Holland wäre übertrieben. Ziel ist es, so viele Leuchttürme, wie nur möglich zu sehen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Leuchttürme. Zwar war ich mir dessen bis jetzt nicht bewusst, aber, wo auch immer ich im Urlaub war, Leuchttürme waren in der Nähe. Der Wetterbericht prophezeit Gutes und ich bin gerade dabei, ein angemessenes Mixtape für die Autofahrten zusammenzustellen. Um Pensionen kümmere ich mich spontan vor Ort, ich verrückter Ausbrecher. Mal sehen, wie weit uns das Geld trägt. Ich freu' mich schon. Sonntag werd' ich spätestens zurück sein und Bericht erstatten, schließlich bin ich dann vollgepumpt mit Eindrücken.

A.     

Donnerstag, 19. Juli 2012

"...the waters around you have grown"

Scheiße, ich habe eben gesehen, dass das Auto weg ist. Ich meine den alten, weinroten Ford Fiesta, den man, mit einem Werbeschild auf dem Dach, auf dem kleinen Hügel neben der Esso-Tankstelle abgestellt hat, um ihn langsam verwesen zu lassen. Er stand seit ein paar Jahren dort. In mir breitet sich ein Gefühl von Leere aus. Ich bin nicht mehr oft in meiner Heimatstadt, aber wenn, dann ist das Auto, das Erste worauf ich achte. Ritualisiert blicke ich aus dem Beifahrerfenster, bis ich es endlich sehe. Dann war ich Zuhause. Und jetzt ist es weg. Sein einziger Zweck war es doch nur, dieses bescheuerte Werbeschild auf dem Dach zu tragen. Ich bin sicher, das hätte der Fiesta auch weiterhin geschafft.
 
Das Auto hat früher einem Freund von mir gehört. Ich habe nie ein Auto besessen, nie einen Führerschein gemacht. Aber aus irgendeinem tief verwurzelten Macho-Instinkt heraus habe ich mich mit den Autos meiner Freunde identifiziert. Ich war Teil des Teams. Und weil mich ständig alle durch die Gegend fahren mussten, habe ich unendlich viel Zeit auf den Beifahrersitzen dieser Wagen verbracht. Der Freund, dem der Fiesta gehört hat, war immer einer meiner besten. Ich erinnere mich noch an die erste Fahrt, die wir mit dem Wagen unternommen haben. Nachdem er seine Führerscheinprüfung bestanden hatte, bekam er das Auto von seiner Mutter. Wir waren beide aufgeregt. Doch bevor wir in die Weiten Mecklenburgs aufgebrochen sind, mussten wir uns dringend einen Adapter (Kassette zu MP3) besorgen, damit das Ganze auch den angemessenen Soundtrack bekommen würde. Der erste Song, den wir im Auto hörten, war "California" von Phantom Planet. Dann fuhren wir los. Die Sonne schien und die Felder leuchteten. In meiner Erinnerung ist irgendwie immer Sommer.

Unzählige Male hat er mich mit dem Fiesta durch die Gegend gefahren. Oft hat er mich morgens abgeholt und wir fuhren zusammen zur Schule. Ich war fast immer zu spät - er hatte fast immer miese Laune. Oft hat er mich zu irgendwelchen Freundinnen gefahren und wieder abgeholt, am nächsten Morgen. Wie oft stand ich irgendwo in der Pampa habe darauf gewartet, dass am Horizont einer scheiß Landstraße das bordeauxfarbene Auto erscheint, um mich wieder in Sicherheit zu bringen? Ich erinnere mich an eine Fahrt nach Rostock. Natürlich war Sommer. Die Heizung war defekt, und so haben wir uns fast zu Tode geschwitzt auf der Autobahn, während wir laut "Livin' on a prayer" mitbrüllten. Mir ist egal, ob das merkwürdig klingt. Irgendwann lernte der Fahrer, wie ich ihn jetzt mal nenne (das klingt so schön sherlockholmesmäßig), ein Mädchen kennen, und ging nach Berlin. Er verkaufte das Auto an die Idioten, die dem Fiesta dann das Werbeschild aufs Dach stellten. Und so blieb er dort stehen. Wie ein Denkmal für unsere Freundschaft und die wilden Jahre. Und was bleibt nun? Abdrücke im Gras, die der Wind mit der Zeit glättet.

Doch alles vergeht, nicht wahr? Der grau-verputzte Wohnblock, indem ich als Kind gelebt habe: abgerissen. Mein Kindergarten: abgerissen. Mein Hort: abgerissen. Meine Schule: abgerissen. Alles zerfällt und verschwindet. Was bleibt, sind nervige Anekdoten oder schwülstige Blog-Einträge. Trotzdem mag ich diese kleinen Sentimentalitäten. Und ich vermisse meinen Kumpel, den Fahrer des Fiestas. Wo immer du bist, alter Freund, ich hoffe, es geht dir gut.

A.

Mittwoch, 18. Juli 2012

Der Tag endet

Wer hat sich gerade das neue Gaslight-Album bestellt? Der Lexman. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mir das Ganze zu sparen. Also wirklich wörtlich. Momentan rinnt mir das wenige Geld nur so durch die Finger. Aber ich liebe The Gaslight Anthem und es wäre einfach ungerecht, der Band nicht auch mal etwas zurückzugeben. Und was soll's? Ist doch bloß scheiß Papier. Wie schon meine heiße (und ebenso weise) Freundin Lana Del Rey gesungen hat: "We don't need no money - we can make it all work"! 

Übermorgen dürfte die CD hier sein. Und ganz im Geheimen hoffe ich wirklich, dass sie ein zweites "The '59 Sound" wird. Das ist einfach das großartigste Album aller Zeiten. Ja, jetzt habe ich's gesagt. Aber es stimmt. Das Album hat mich damals mitten in mein kaltes, steinernes Herz getroffen. Die Songs sind einfach perfekt zu allem; zum Autofahren, zum Traurigsein, zum Tanzen, zum Vögeln, zum Erinnern, zu allem! Eine fabelhafte Platte. Falls ihr sie noch nicht kennen solltet, ändert das umgehend. Ich mein's ernst: Hört euch "The '59 Sound" an, das ganze Album! Was sag ich, kauft es! Und solltet ihr das Album nicht mögen, lest bitte niemals wieder meinen Blog.

Ich fühle mich wie nach 'nem scheiß Marathon. Kühlungsborn ist verdammt weitläufig. Ich war seit Jahren nicht mehr dort. Irgendwann mal im Dunkeln, aber das zählt nicht. Eine beschauliche Kleinstadt mit ansehnlicher Strandpromenade, schönen Hotels und teuren Restaurants. Überall Rentner und Familien. Zauberhaft. Und es sind immer dieselben Gesichter, das ganze verfickte Jack-Wolfskin-Imperium. Mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht marschieren die Väter mit ihren dicklichen Frauen (nach drei Geburten) über die Bürgersteige. Ihre Lebensläufe triefen aus jeder Pore: Wir fahren einen schön geräumigen Kleinbus, damit unsere Kinder mit ihren skandinavischen Vornamen auch den nötigen Platz haben. Wir renovieren gerade ein altes Bauernhaus. Mein Mann macht im Sommer immer so einen Trip mit seinen Jungs: Sie campen, laufen durch die brandenburgische Wildnis, benutzen hirnlos ein GPS-Gerät und lassen sich für sieben Tage Bärte stehen - deswegen wahrscheinlich auch die scheiß Outdoor-Klamotten in der Fußgängerzone eines Kurbad-Kaffs.

Alle bewegen sich in Zeitlupe und stehen im Weg. Eigentlich gibt es keinen Grund, sich zu beeilen, aber sie stehen trotzdem im Weg. Der Himmel scheint jeden Moment aufzubrechen. Tut er nicht. Stattdessen regnet es wieder. Schön. Ich hätte mir fast ein Hemd von D&G gekauft, mir ist jedoch rechtzeitig eingefallen, dass ich arm bin. Inzwischen versuchen ja selbst die teuren Klamotten, arm auszusehen. Ich bin unschuldig. Ich habe mich richtig erschrocken, als ich das Etikett gesehen habe. Und das in 'nem Touristen-Outlet. Gut gegessen habe ich jedoch. Man muss sich auch mal auf die landestypische Küche einlassen: Ich entschied mich für Fish & Chips. Überraschend gut, wirklich. Die Kellnerin labert mich voll. Das ist ein Fluch: Ich habe eine lange Tradition solcher Fälle. Ich sah eine kleine Buchhandlung und beschloss kurzerhand, mir irgendein Buch zu kaufen. Mitten im schmalen Eingang steht ein dickes, etwa achtjähriges Mädchen mit dem Rücken zu mir. Ich bleibe stehen und räuspere mich. Keine Reaktion. Ich sehe die Eltern des Mädchens an, die unbeeindruckt neben ihr stehen. Keine Reaktion. Ich drängel das Mädchen zur Seite und betrete kopfschüttelnd den Buchladen. Als ich mich nochmals umdrehe, um den Dreien einen abfälligen Gesichtsausdruck zuzuwerfen, sehe ich, dass das kleine Mädchen offensichtlich das Down-Syndrom hat. Ich schäme mich.

Letzte Zigarette für heute. Es werden immer mehr. Wenn es mal so etwas wie ein Sättigungsgefühl gab, was das Rauchen betrifft, ist es verschwunden. Es ist, als würde ich die Scheißdinger essen. Ich muss aufhören. Bald. Nächste Woche. Irgendwann. Keine Ahnung.

Mehr "Wichtiges" habe ich nicht mitzuteilen und meine Laune wird auch mieser.
A.

Der Tag beginnt

Ich kann nicht mehr schlafen. Der Regen prasselt gegen das angekippte Fenster und ich habe Albträume. Es ist im Prinzip immer derselbe Scheißtraum: Ich bin wieder im Teenageralter und komme an eine neue Schule. Im Traum sieht diese Schule jedoch immer anders aus. Dunkle, tropfende Gänge und Tausende von Kindern, an denen ich mich vorbei drücken muss, um in die Klassenräume zu gelangen. Ich komme immer zu spät und die Lehrerin hat die Stunde bereits eröffnet. Manchmal sehen die Klassenräume aus wie in meiner Grundschule - manchmal sind sie reine Produkte meiner Fantasie. Dann geht es los: Während ich wieder durch die Gänge irre, bricht irgendeine Katastrophe oder eine Revolution los. Alles strömt durcheinander und Panik peitscht mich in riesige Massen-Fahrstühle und in die Katakomben der Schule.  Hier im Keller ist es fast dunkel und alles wirkt verlassen in diesem gigantischen Komplex aus Gängen, Toiletten und Duschen. Überall sind Pfützen und alter Dreck bedeckt die verkommenen Fliesen an den Wänden. Und dann bin ich allein. Keine Treppen, keine Eingänge mehr zum Fahrstuhl. Ich bin gefangen in dieser riesigen Kloake, während ich deutlich spüre, dass irgendwer hinter mir her ist, mich verfolgt. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich lieber rennen und verzweifelt nach einem Ausgang suchen sollte, oder aber, ob ich mich einfach meinem Schicksal ergebe und mich in einer der Millionen von Nischen verstecke, zwischen Dreck, schmutzigem Wasser und Fäkalien. Ab und an laufe ich anderen Flüchtigen in die Arme, doch wir sind uns sofort dessen bewusst, dass jeder auf sich gestellt ist, hier unten. Dann sitzt mir der Feind so nah im Nacken, dass ich seine hallenden Schritte auf dem verdreckten Boden schallen höre. Ist das nicht eine wunderschöne Allegorie auf das Leben selbst?

Vorsichtig schiebe ich mich aus dem Bett und schlüpfe in Hausschuhe, die mir wahrscheinlich noch nie gepasst haben, so klein, wie sie sind. Es gelingt mir, die Tür leise zu schließen, damit ich sie nicht wecke. Die Zigarette schmeckt noch nicht, aber ich weiß, dass sie nötig ist, um den Tag auch als solchen anzuerkennen. Der Himmel ist grau-braun und von dichten Wolken bedeckt. Kein Wind. Der Regen fällt in geraden Bahnen direkt zu Boden. Ich drücke meine Nase an das Fliegengitter und frage mich, wie bescheuert das wohl von der anderen Seite aussehen mag. Es ist kalt. Ich hätte eine Hose mitnehmen sollen. Ein Glas Milch, und schon sitze ich vor meinem aufgeklappten Laptop und tippe dieses Zeug, ehe ich es wieder vergesse.

Die letzten Tage waren vollgepresst mit Dingen, weswegen ich mich jetzt erst melde. Vorgestern war ich auf einen kurzen Abstecher in Hamburg. Ich habe die Hoffnung längst aufgegeben, mit dieser Stadt warm zu werden. Ich bin kein Freund von Großstädten im Generellen, aber Hamburg und Berlin mag ich besonders wenig. Ich mag nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit die Leute über diese Städte reden. "Ja, 'ist halt Berlin, ne?" oder "Sowas kann man in Hamburg nicht bringen!" Sie bilden sich etwas darauf ein, dort geboren oder hingezogen zu sein, und irgendwie gefällt mir das nicht. Dieses ganze Kult-Gewichse mit Hamburg und Berlin. Außerdem hasse ich überfüllte Fußgängerzonen und szeniges Getue von Retro-Brillen-Spastis mit Tattoos, Piercings und St.Pauli-Aufnähern an der Umhängetasche. Eigentlich gefiel mir der morbide Schick des Schanzenviertels, auch bei Regen. Für kurze Augenblicke war ich der Meinung, dass es ein bisschen wie in einem kalten New Orleans aussieht, nach dem Hurrikan. 

Scheiße, ich muss los. Ich meld' mich heute Abend nochmal. So als Entschädigung.

Ich fahr' jetzt an den Strand. Muss man aber auch, bei dem Wetterchen.

xoxo
A.  

Freitag, 13. Juli 2012

Schlaf gut, Taschenrechner

Mein Taschenrechner ist kaputt. Ich bin eine verdammte Niete im Kopfrechnen - das ist also wirklich ein Verlust. Außerdem war er ein treuer Begleiter. Irgendwann in der elften Klasse habe ich angefangen, ihn total mit einem Edding zu beschmieren. Das hat ihm eine persönliche, wenn auch schmutzige Note gegeben. Ich kann nicht alles entziffern, aber ich bin mir sicher, dass "Team Fehlkurs" auf dem Deckel steht, in Druckbuchstaben. Das war schön damals. Dass ich mein Abitur geschafft habe, war auch mehr Glück und Zufall, als so etwas wie ein verdienter Lohn für den jahrelangen Fleiß. Ansonsten kann ich diverse Male "Lex" lesen. Ich bin ein großer Künstler, ohne dabei egozentrisch zu sein. Und jetzt ist er tot. Mach's gut, alter Freund, ruhe in Frieden.

Mein Großvater hat mich gerade angerufen. O2 hätte sich gerade wegen eines neuen Handyvertrags bei ihm gemeldet. Der Verkäufer meinte, dass es eine ziemlich gute Idee wäre, wenn mein Opa (72) eine Internet-Flat abschließe. Verfluchte Vollidioten. Er hat schon Probleme, SMS zu verschicken, was in seinem Alter ja nun wirklich auch keine Schande ist. Und diese seelenlosen Konsumroboter-Arschlöcher von O2 wollen ihm ein scheiß Smartphone mit Touchscreen und Internetflat am Telefon aufquatschen. "Das kann man heutzutage schon sehr gebrauchen" - ich höre die Sätze schon. Aber: Don't hate the player, hate the game. Der Callcenter-Trottel von O2 folgt nur den gängigen Geschäftspraktiken. Bei solchen Jobs kann man sich wahrscheinlich keine moralische Integrität leisten. In harten Zeiten ist Moral auch nur ein Luxus. So, Plattidtüdenmodus OFF. Trotzdem ärgert mich das. Ich werde meinem Opa, wie fast jedes Mal, ein Handy rauszuchen, das gegen den Zeitgeist strebt. So wird das wenigstens was - schließlich habe selbst ich schon manchmal Probleme, eine Nummer in mein 3 Jahre altes Smartphone einzuspeichern. In seinem aktuellen Handy hat er, soweit ich weiß, sogar eine direkte Facebook-Verbindung. Da hatte der Callcentermann gewonnen. Danke O2. Schnelllebige Scheiße alles. The Times they are a-changin'!

Ich habe gestern den ganzen Tag Musik gemacht, von 11.00 Uhr bis 22.00 Uhr - nach Jahren mal wieder. Den ganzen Tag gespielt und gesungen, geschrieben und aufgenommen. Das war wunderbar. Ein Freund von mir hat ein Studio über seiner Wohnung. So etwas wäre früher ein Segen gewesen. Eigentlich ist es das immer noch. Eine Mandoline zu kaufen, war tatsächlich eine richtig gute Idee! Ich hätte einfach Rockstar werden sollen, statt mich an der Uni einzuschreiben. Ich bin zwar extrem aufgeregt und zittrig vor Auftritten, aber die Studioarbeit macht mir Spaß. Ich würde jedoch nach wenigen Jahren an Lungenkrebs sterben. Den ganzen Tag habe ich nur zwei Brötchen gegessen, dafür aber durchgehend Bier getrunken und geraucht. Es war wie früher. Und es ist anstrengend. Nachdem der eine Song im Kasten war, habe ich mich gefühlt, als hätte ich zuvor dafür ein Stück von mir rausbrechen müssen. Als ich gestern Abend zu Hause ankam, bin ich einfach nur noch ins Bett gefallen. Mir schmerzen immer noch die Fingerkuppen der linken Hand.

Mein Freund, der Produzzent
 
Das ziemlich hübsche Mädchen, das heute Morgen neben mir aufgewacht ist, verkündete mir, kurz, nachdem ich meine Augen geöffnet hatte, dass sie heute Nacht ein Foto gemacht hätte, während ich schlief. Nicht von mir, sondern vom Sonnenaufgang über der Förde. Die Kamera sagt, dass sie das Bild um 04:03 Uhr aufgenommen hat. Sie muss wach geworden sein, hat wahrscheinlich den Lichtschein durch die offene Balkontür gesehen und ist dann aufgestanden, um draußen ein Foto zu machen. Manchmal sind die Farben des Himmels so schön, dass sie einem auffallen.

Morning has spoken
 
Manchmal schießen mir aus dem Nichts Versatzstücke irgendwelcher Filme oder Lieder in den Kopf, die ich als Kind mal gesehen oder gehört habe, völlig zusammenhangslos. Ich erinnere mich dann an ein Bild, an eine Stimmung und fühle ein bisschen von dem, was ich gefühlt habe, als ich noch wusste, was ich da genau sah oder hörte. Vorhin ging es mir wieder so und diesmal es gelang mir sogar, den Zusammenhang zu kitten. Ich wusste nur noch, dass es sich um einen Zeichentrickfilm handelte. Irgendetwas mit Goldgräbern und Wölfen bei Nacht. Ich weiß noch, dass ich es sehr gemütlich fand'. Nach und nach konnte ich all das, was irgendwo in den Ecken meines Kopfes gespeichert war, wieder zusammensetzen. Nachdem ich die wichtigsten Punkte zusammengekratzt hatte, God bless Google, ist es mir gelungen, den Clip bei Youtube zu finden: DuckTales Folge 58. Gleich nach der Wende muss ich diese Folge auf Videokassette gehabt haben, und jetzt, wo ich sie sehe, nach bestimmt zwanzig Jahren, meine ich mich an jedes Detail erinnern zu können.


 
Gute Nacht,
A.   

Mittwoch, 11. Juli 2012

Jerry und die Abenteuer im Einkaufszentrum

Jerry und ich am Tresen der Welt
Ich hatte mich immer für einen der coolsten Typen gehalten. Ich dachte echt, ich wäre 'ne große Nummer gewesen, was Besonderes und so. Doch das stimmte nicht, nein. Bisher. Denn jetzt hat sich alles geändert. Jetzt bin ich der coolste Typ. Ich habe einen Barhocker! Ja, ihr habt richtig gehört: Ich habe meinen eigenen Barhocker. Der stammt aus dem Bestand einer alten Bowlingbahn, in der ein Freund meiner Eltern arbeitet. Ich musste nicht einmal dafür bezahlen, ich alter Glückspilz.

Er steht jetzt auf meinem Balkon. Das Fensterbrett ist der Tresen und dahinter beginnt die Welt. Ist das nicht ein romantisch pathetisches Bild? Natürlich, von der anderen Seite sieht es vermutlich ziemlich assi aus - aber das ist doch bei jedem Tresen so.

Ich werde ihn niemals wegwerfen. Er wird mich auf allen künftigen Umzügen begleiten - wohin auch immer es gehen mag, der Barhocker kommt mit. Ich habe beschlossen, ihn Jerry zu nennen, auch auf die Gefahr hin, dass es merkwürdig klingen könnte, wenn ich sage, dass ich ein bisschen auf Jerry sitze und mir den Sonnenuntergang über dem Meer ansehe. Ein Frauenname passt aber doch überhaupt nicht zu einem Barhocker. Außerdem geht die verfluchte Sonne auch gar nicht auf der Seite unter, die ich vom Balkon aus sehen kann. Ich könnte mir also maximal den Sonnenaufgang ansehen - und da schlafe ich für gewöhnlich. Und mal im Ernst, warum sollte ich das überhaupt sagen? Trotzdem sollten die Dinge einen Namen haben - das macht alles so schön persönlich. Ich nehme mir auch seit bestimmt zehn Jahren immer wieder vor, meiner Gitarre einen Namen zu geben. Einen Frauennamen versteht sich. Die Gitarre, die ich jetzt spiele, ist bestimmt schon die Siebte oder achte - keine hat einen Namen bekommen. Ich kann mich einfach auf keinen festlegen. Caroline find ich schön. Der kommt in die engere Auswahl. Es gibt, glaube ich, Dinge, die lieber innerhalb meines Kopfes bleiben sollten. Wie auch immer, jetzt wisst ihr's: King Lex I. = cooler Motherfucker mit Barhocker.

Es gibt keine Erbsenpflanzen mehr in Mecklenburg - Ich bin satt.

Ich war gestern Shoppen. Das Wetter war schlecht und es sind Ferien. Ich hätte wirklich klüger sein müssen, denn es war unglaublich voll. In welchen Laden man auch ging, überall laute und nervige Vollidioten. Vor dem Uhrenladen wurde ich fast weggedrängelt. Offenbar war meine Zeit abgelaufen, denn die Zahnspangenschlampen in Adidas-Montur konnten wirklich nicht länger darauf warten, mit ihren Smartphones diese hässlichen bunten Plastikuhren zu fotografieren, oder zu googeln oder was auch immer man jetzt alles machen kann, wenn man ein Handy auf ein Produkt richtet. In den 90'ern waren es noch die bunt aufgeblähten Casio G-Shock Uhren, heute heißen sie Ice Watch. Und sie sind tatsächlich genauso hässlich. Ich hatte früher eine gelbe G-Shock. Aber ich hab auch viel Scheiß mitgemacht; Tamagotchi, Neoprenjacken, diese Adidas-Hosen mit Knöpfen an der Seite, Yoyos - ich war immer dabei.

Die Klimaanlage im ganzen Center muss ausgefallen sein, denn die Luft war fürchterlich - und eigentlich bin ich nicht einmal empfindlich, was so etwas betrifft. Neben den üblichen Idioten schienen auch ganz Dänemark und die komplette Arabische Liga im Citti-Park unterwegs zu sein. Die Dänen erkennt man immer daran, dass sie gigantische Mengen an Alkohol in prall gefüllten Einkaufswagen auf den Parkplatz schieben. Der Fusel ist zu Hause einfach zu teuer, und während Mama und Papa die Wochenendfeiern sichern, strömen die Kinder, Børnene, in den Intersport und den H&M. Einer hätte mich fast an die Grenze meiner Belastungsfähigkeit gebracht, weil er ununterbrochen auf seiner Red-Bull-Dose rumgetrommelt hat, während er durch die Reihen des H&M stolzierte. Nachdem er meine Blicke nicht deuten konnte, bin ich einfach in den Weiland gegangen. Überall stehen Exemplare von "Shades of Grey". Ich hatte es schon im Gefühl und der Spiegel hat mich bestätigt: Wer das liest, ist doof. Eine selbstgefällige Tussi hat sich dazu aufgeschwungen, ihrem dicklichen Vater lautstark, über mehrere Reihen hinweg, ein Buch zu empfehlen. Sie hat sich für "Hummeldumm" entschieden. Passt zu ihr. Lemminge. Aber ich habe mich endlich dazu durchgerungen, mir den "Wolkenatlas" zuzulegen. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Das klingt sehr fremd aus meinem Mund.

Im Toys"R"Us herrscht Endzeitstimmung. Ich gehe da oft rein, manchmal zwar nur, um neidisch auf den ganzen Scheiß zu sein, den die Kinder jetzt kaufen können. Allein das ganze Star-Wars-Zeug! Star Wars war der erste Film, den ich mich erinnere, gesehen zu haben. Noch vor der Wende. Unser Nachbar hatte einen Videorekorder und hatte es irgendwie geschafft, eine aufgenommene Version von Star Wars zu bekommen. Ich hab' die Videokassette tausende Male gesehen. Meine Mutter sagte mal, sie hat das schon früher gern wegen der West-Werbung geguckt. Bei mir sind die Grenzen da fließender. Jedenfalls war es mir erst möglich, Spielzeug aus dem Film zu bekommen, als ich 1994 in Disney-Land war. Vorher nicht und danach irgendwie auch nicht. Falsche Zeit, falscher Ort. Und heute gibt es alles: Lichtschwerter, Lego-Raumschiffe, Yoda-Plüschtiere. Es gibt sogar den verfluchten Sprachverzerrer, damit sich die eigene Stimme wie Darth Vader anhört. Das ist so cool! Nachdem mir meine Begleitung verdeutlicht hat, dass ich mir keinen 20cm großen Gummi-T-Rex kaufen sollte, gehe ich mit leeren Händen, wie so oft. Ich freu mich so darauf, Kinder zu haben. Dann kann ich dieses ganze Zeug kaufen. Hoffentlich kriege ich keine Tochter. Die kann ich nicht zu einem Klavier spielenden Fußball-Nationalspieler machen, der auch noch Star-Wars-Fan ist, sondern muss sie täglich vor Jungs beschützen und verstecken, bis sie 30 ist. War nur ein Spaß, bleibt locker! Oder? Überall fahren Jungs auf Tretautos durch die Gänge und kollidieren fast mit meinen langen Beinen. Als ich nach ihren Eltern Ausschau halte, sehe ich eine junge Frau mit Kopftuch, die es nicht für nötig hält, ihre agilen Kinder zu ermahnen. Papa spielt mit seinem Handy. Wahrscheinlich wird der ganze Laden bei Regen als scheiß Indoor-Spielplatz genutzt. Dicke Typen mit verbrannter Haut und ärmellosen Shirts streifen durch die Regale und bereichern die ohnehin schon miese Luft durch eine zarte Note Schweiß. Der Griechenlandurlaub fiel ja auch aus, dieses Jahr. Selbstherrliches Pack, breitbeinig marschieren sie durch die Gänge und Passagen des Centers.

Ich bin ein bisschen angesoffen. Ich war bis eben in einer Bar mit ein paar Freunden. Aber ich lass' euch nicht im Stich heute! Habe gerade noch eine geraucht mit Jerry. Als ich kurz über die Brüstung geblickt habe, sah ich, dass die Frau, die unter mir wohnt, auch am Fenster stand. Sie bemerkt mich nicht. Ich sehe, dass sie ein Fernglas in der Hand hält. Sie nutzt es nicht, um etwa in die Wohnung gegenüber zu schielen, sondern zielt stattdessen auf die Blumenrabatte im Garten. Wahrscheinlich ist sie einfach nicht mehr so gut zu Fuß. Ich habe eigentlich keine Gefühle, aber das berührt mich schon ziemlich. Sie sieht die Blumen nur aus der Ferne. Ich habe sie noch nie im Garten gesehen, sie kann also die Blumen auch nicht eingepflanzt haben. Ich denke, sie möchte sie einfach nur mal wieder vom Nahen sehen. Das möchte ich auch.

Gute Nacht,
A.  

Sonntag, 8. Juli 2012

Wheatfields Forever


Leute, es tut mir leid. Immer, wenn ich mich abends hingesetzt habe, um etwas zu schreiben, war ich zu müde und/oder zu betrunken. Dies klingt, als hätte ich irgendwelche Probleme, was nicht der Fall ist. Vielmehr bedeutet es, dass ich in der Heimat bin. Ich sitze auf Terrassen, in Gärten und Wohnzimmern. Ich trinke Bier, Café und Coca freakin' Cola. Ich esse Gegrilltes, Kuchen und Erbsen. Dies ist ein günstiger Moment, denke ich. Der Rest sieht sich gerade irgendeine Scheiße mit sprechenden Hamstern an. Außerdem hat es mich irgendwie gestört, so lange nichts zu posten. Ich freue mich regelrecht, endlich wieder zu schreiben. Es hat mir gefehlt. Das bedeutet wohl, dass es mir irgendetwas bringt, das Ganze hier. Gehen wir nicht weiter ins Detail - das ist mysteriöser. 

Aber im Ernst: Ich liebe es unglaublich, Erbsenschoten aufzuknacken und zu essen. Das war früher schon mein absolutes Sommerhighlight. Und eigentlich ist es das noch immer. Scheiß auf Strand und die ganze Scheiße. Erbsenschoten! Es ist ungewohnt, mal länger als zwei Tage hier zu sein. Man nimmt sich fast wieder als Teil der alten Welt war - selbst, wenn die meisten der alten Freunde längst in anderen Städten leben. Jeder vierte Jugendliche macht keinen Schulabschluss in Wismar, meiner Heimatstadt. Der Rest verlässt die Stadt. Und das sieht man. Zumindest bilde ich mir das ein. Zwischen den Millionen von Rentern und Touristen, die im Normalfall auch Rentner sind, findet man kaum jüngere Menschen, denen nicht schon auf die Stirn geschrieben steht, dass sie, wie formuliere ich das höflich, nun ja, assige Dummbratzen sind. Die drei preußischen K's, möchte man meinen. Nur sind es hier: Köter, Kind und Kippe. Die Schere wird größer.

"White Dream" - Ja, das könnte auch mein Striperinnen-Name sein. Wir leben tatsächlich in einer Welt, in der Menschen weiße Erdbeeren wollen. Oder in einer, in der Menschen wollen, dass andere Menschen weiße Erdbeeren wollen.


In der Herrenabteilung des H&M beäugen mich zwei Typen in Jogginghose. Wie alt sie sind, kann ich nicht sagen. Die Klamotten sind aber nicht von hier, denke ich, während ich kurz zurückstarre. Sie sehen mich an, als wären sie ziemlich gefährlich. Ihre Unterkiefer stehen über. Neandertal-Zwillinge. Ihre Haut ist gebräunt und ihre Frisur uniform. In der Umkleidekabine stinkt es tatsächlich wie in einer Umkleidekabine. Beißender Schweiß. Ich fühl' mich wie nach dem Sportunterricht. Während ich mir gerade vorstelle, wer schon alles vor mir das T-Shirt anprobiert hat, ertönt Geschrei. Ohne die Saloon-Tür aufschwenken zu müssen, sehe ich die Familie vor mir; Mutti koordiniert gerade drei Kinder. Die Süßen brauchen neue Hosen. Die kleinen Jungs schlagen die Türen auf und zu und schreien sich gelangweilt an, während Papa genervt, aber ruhig darauf wartet, endlich weiterzuziehen, wahrscheinlich zum Jack Wolfskin Store. Ich beschließe, zu gehen, und während ich den Vater abwertend ansehe, brüllt seine Frau aus der Kabine: "So einen entspannten H&M hatten'we lang nich, ne?". Natürlich nicht. Ihr seid ja auch am Ende der Welt. Hier könnt ihr mit euren scheiß Kindern den ganzen verfluchten Laden lahmlegen. Hinter mir in der Kassenschlange steht so ein Mando-Diao-Look-A-Like-Spasti mit Strohhut und Sonnenbrille. Sie sehen alle gleich aus. Alle.

Die Kunst des Zufalls


Direkt vor der Tür des H&M laufe ich fast zwei Typen in die Arme, die, verkleidet als schwedische Soldaten aus dem 18. Jahrhundert, gerade über den Boulevard patrouillierten. Wismar war mal in Besitz der schwedischen Krone. Stadtgeschichte Bla. Ich hasse verkleidete Menschen. Keine Ahnung, warum. Ich habe noch immer ein Weihnachtsmanntrauma, glaube ich. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn man von irgendwelchen verkleideten Wichtigtuer-Wichsern angelabert wird. Wahrscheinlich kann ich auch einfach nicht nachvollziehen, woher das Selbstbewusstsein dafür kommt, so albern angezogen durch das Stadtzentrum zu laufen. Ich drehe mich weg und entdecke dabei einen Nazi, der vorm Imbiss Bier aus der Flasche trinkt. Er sieht auch herüber. Er hat sicherlich keine Ahnung, wer ich bin, aber ich erkenne ihn sofort. Der sah schon vor elf oder zwölf Jahren so aus, als er mit den anderen Idioten, deren Gegenwart auch immer ihre Zukunft war, auf dem Schulhof stand und rauchte. Ich erkenne jeden wieder. Ich vergesse keine Gesichter.

Den Rest der Zeit verbrachte ich damit, rumzuhängen, zu trinken und zu lesen. Also ganz anders als zu Hause. Mein Kopf ist ganz weich von der ganzen Sonne, und während ich mein Stück Erdbeertorte mit Schlagsahne esse, singt im Hintergrund Dolly Parton "I will always love you", schöner und persönlicher, als es Whitney jemals gekonnt hätte. In den Lokalnachrichten stand heute, dass meine alte Schulleiterin in Rente geht. Die Zeit schreitet voran - selbst, wenn sich hier alles wie früher anfühlt. Ich lese gerade "Luke und Jon" von Robert Williams. Ich hab's noch nicht ganz durch, aber bisher ist es ein ziemlicher Hauptgewinn. Lest es.

  
Morgen verlasse ich die sonnigen Terrassen Mecklenburgs wieder und kehre zurück in den Wind und den Regen Kiels. Home is where the heart is. Dann melde ich mich wieder. Ich leg mich jetzt ins Bett und erinnere mich selbst daran, warum die Spiderman-Trilogie scheiße ist.

Gute Nacht,
A.  


     

Mittwoch, 4. Juli 2012

Lake of Fire

BALLOOOOONS!
Fröhlichen Unabhängigkeitstag! Jedes Jahr am 04. Juli muss ich wie automatisch an Nirvana denken - ich kann nichts dagegen tun. Schuld ist eine uralte Eselsbrücke. Es muss 2005 gewesen sein, vor sieben Jahren. Ich ging mit einem Mädchen, das ich kurz zuvor kennengelernt hatte, am Strand von Boltenhagen spazieren. Es wurde gerade Sommer, denke ich. Als ich ihr sagte, dass ich so meine Probleme damit hätte, an Geburtstage zu denken und dass das nun wirklich nicht persönlich gemeint sei, lächelte sie schüchtern und meinte nur: "Ach, das ist bei mir ganz leicht. Denk' einfach an 'Lake of Fire' von Nirvana: 'See them again 'till the Fourth of July'". Sie hatte recht. Und jetzt, nachdem wir uns schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben, und ich wirklich lange nicht "Lake of Fire" oder überhaupt Nirvana gehört habe, muss ich trotzdem daran denken, unabänderlich. Ich erinnere mich an keinen der anderen Geburtstage von irgendwelchen Verflossenen - nur an diesen.

Nirvana gehörte damals zum kulturellen Selbstverständnis in Mecklenburg, über zehn Jahre nach Cobains Tod. Vieles braucht wohl länger, bis es in Mecklenburg ankommt. Wobei ich mir fast sicher bin, dass ich 2005 schon wieder zu cool für Nirvana war. Ich weiß gar nicht, ob das jetzt auch noch so ist, aber damals war es so; früher oder später hatte jeder, der sich gegen blond gefärbte Haare, Neoprenjacken und die Provinz-Disco entschied, irgendwann seine ganz persönliche Nirvana-Phase. Einige haben da das volle Programm mitgemacht: angefangen mit fettigen Haaren und "Ich muss unbedingt ein paar Akkorde auf der Gitarre lernen" bis hin zu "Niemand versteht mich" oder "Ich ess' nie wieder Tiere". Ich bin sogar mal einem Typen begegnet, der mir tatsächlich sagte, dass er "wie Kurt" sei; er habe auch ein Magengeschwür und sei sehr dünn. In vielen Seniorenheimen gibt es demnach vermutlich eine ganze Menge Leute, die "wie Kurt" sind. Da wusste ich, dass es endgültig Zeit wird, sich zu distanzieren.

Doch zwei-drei Jahre zuvor war ich total dabei. Nachdem ich es aufgegeben hatte, meine Wochenenden allein mit der Fußball-Bundesliga und meiner alten Freundin, der Playstation, zu verbringen, stürzte ich mich mitten hinein. Ich ließ mir die Haare wachsen, begann zu rauchen und wie verrückt all das nachzuholen, was ich vorher verpasst hatte. Gitarre hatte ich schon davor gespielt, was sich nun endlich, in dieser "Szene" auch mal auszahlte - gerade, wenn es darum ging, Mädchen anzugraben. Für all meine Freunde damals gehörte das Unplugged-Album zur festen Grundausstattung. Es war wie Bibel als Hörbuch. Ich hab' es gerade mal, so als Selbstversuch, aufgelegt: Unwillkürlich schmeckt meine Zigarette nach Gras und ich höre das Blubbern einer Bong irgendwo in meinem Gedächtnis. Ach, im Park sitzen und scheiße aussehen - das waren Zeiten. Sonnenuntergänge über irgendwelchen Dorftümpeln, von Regen und Wind zerzauste Klamotten, im Zelt schlafen, die ganze Nacht irgendwo durch die Straßen irren, Liebeskummer, Probleme, die keine waren, Scheiße bauen. 

Aber, wie es schon die weise Philosophin Nelly Furtado einst sagte, "All good things come to an end". Auch die Nirvana-Phase endete für die Meisten; einige entschieden sich dann doch für die Provinz-Discos und die gefärbten Haare, einige entschieden sich einfach für andere, weniger breitgetretene Bands, deren Logo nicht auf den zerflätterten Rucksäcken 14-jähriger Pseudo-Borderline-Mädchen zu lesen war. Aber niemals wieder war man so auf einer Linie. Bescheuert eigentlich.  Ich war damals, im Sommer 2005, meiner Nirvana-Zeit jedenfalls schon entwachsen - sie noch nicht. Aber sie war hübsch, dann konnte man darüber hinwegsehen. Regeln sind alles.

Zurück in die Zukunft. Ich habe einen schier endlosen Stadtspaziergang hinter mir. Es ist warm und die Sonne scheint über Kiel. Ich hatte sogar eine kurze Hose an! "Shorts", oder wie ihr Menschen das auch immer nennt. Von hier aus sind es nur einige Minuten bis runter zum Wasser. Da steht die Luft wenigstens nicht so. Das ist ein schöner, wenn auch langer, Weg. Vorbei an den Segelboten, deren versnobte Namen schon auf ihre Besitzer schließen lassen. Vorbei an den dicken Meerblick-Villen der Studentenverbindungen, deren Lage auf ihre Zielgruppe schließen lässt. Vorbei an drei fetten Weibern, die keinen Mikrometer Platz machen, um mich vorbei zu lassen und unbeirrt weiter nebeneinander gehen und ihre schleimige Unterhaltung führen. Vorbei an zwei Bushidos in Jogginghosen, deren lautes, klischeehaft intoniertes Gelaber schon fünf Minuten vorher zu hören war - der Wind stand ungünstig. Vorbei an völlig überladenen Strandbars, voller Lemminge mit Sonnenbrillen. Und schließlich auch vorbei am Zaubereiministerium, dem Sitz des Landtags, einem roten Klotz mit Meerblick (Anzugtypen wuseln wie Ameisen durch die Eingänge). Eigentlich würde ich gern wieder nach Hause, aber ich muss ein Eis spendieren.

Im Buchladen (fast schon ritualisiert, gehe ich einmal pro Woche in den Weiland) untersuche ich lustlos die Regale nach irgendetwas Brauchbarem. Nichts haut mich wirklich um. Ich will mal wieder einen Knaller lesen, doch ich finde einfach nichts. Die Titel allein nerven mich schon. Und die ganze Zeit bin ich durch das Gequatsche von so einem Wichser von überengagiertem Vater abgelenkt. Halbglatze, Khakihose, Wolfskin-Jacke, Brille. Ein Mädchen weint und sitzt auf der kleinen Bank neben dem Wasserspender für übereifrige Ladenhüter (ich meine keine Bücher). "Papa, du warst weg!". Schluchz. "Nein, ich war nur hier im Laden. Die ganze Zeit. Wirklich. Ich geh' niemals weg. Guck mal, Sophie, Papa hat schon ein Buch gefunden, das er mitnehmen möchte. Wie steht's denn bei dir?". Papa geht niemals weg? Das lässt auf viel schließen. Nachdem er auch den Klappentext vorgelesen hat, übergebe ich mich innerlich. Intern? Kann man sich intern übergeben? Ich übergebe mich jedenfalls intern, wenn es das gibt. Egal, Neologismus, Baby! "Sophie, so langsam müssen wir aber auch wieder weiter. Die Anderen warten doch schon". Ich frag mich, wer "die Anderen" sind. Andere selbstherrliche Ökowichser? Andere Väter, die gerade Besuchstag haben, weil sie von den Müttern getrennt leben? "Sophie, wie sieht es aus?". Ohne dass Sophie antwortet, wird ihr das längst fällige Ultimatum gestellt: "Zehn Minuten, dann aber wirklich. Versprochen, Sophie?". Wie penetrant oft er allein ihren Namen sagt, geht mit schon auf den Sack. Sophie nimmt kein Buch mit. Keine Schande. Ich fand' Buchläden auch ziemlich scheiße, als ich acht war - eigentlich auch noch, als ich sechzehn war. Ich kaufe auch nichts. Die ziehen mich runter, die Beiden.

Ich spendiere ein Eis. Selbst esse ich jedoch keines. Ich mag Eis eigentlich - ich fühl mich nur so furchtbar dämlich, während ich es esse. Es sieht einfach blöd aus. Ich wusel mich durch die überfüllten Straßen zurück in den Elfenbeinturm und tippe dieses Zeug. Die EM, auch wenn sie mir nicht gefallen hat, hat ein tiefes Loch in meiner Tagesplanung hinterlassen. Und denn sind auch noch Semesterferien! Dadurch, dass es nicht einmal mehr die Harald-Schmidt-Show gibt, habe ich Mühe, mir zu merken, welchen Wochentag wir haben. Egal, im Oktober beginnt ja schon ein neues Semester. Es gibt immer ein neues Semester.

Euch allen einen gesegneten Independence Day - und ein gesundes neues Jahr!

A.


Nirvana- Lake of fire( Unplugged in NY) from rotten apple on Vimeo.  

        

Montag, 2. Juli 2012

Auch nochma' Lob an die Mannschaft

Ich dachte, ich bin ein schlechter Verlierer - immerhin habe ich mir das EM-Finale gestern nicht angeguckt. Ich habe es einfach keinem von beiden gegönnt, obwohl die Italiener ja so prächtig ihre Hymne mitsingen. Gut, die Spanier haben keinen Text, aber allein ihre Gesichtsausdrücke. Die Gesichtsausdrücke! So sieht Entschlossenheit aus. Natürlich war nichts davon mein Ernst. Niemand sollte so etwas ernst meinen. Deswegen glaube ich auch, dass die Bild-Zeitung und die Politiker, die so etwas wie eine Mitsingpflicht beim Deutschlandlied fordern, einfach nur einen sehr zynischen und trockenen Humor haben. Was wohl Wolfgang Bosbach dazu zu sagen hat? Ich bin sicher, wir werden es erfahren - früher oder später.


Doch der Ton war rau am Wochenende, oder? Waren wir nicht noch alle ein Team vor dem Italienspiel? Die Nationalelf, die Bild-Zeitung, die Fans, das ganze Land - alle zusammen waren wir ein "Wir". Wir kommen ins Finale, wir werden Europameister, wir spielen am konstantesten. Und nun? Ihr Memmen! Ihr habt enttäuscht. Wir sind wegen Euch nicht Europameister. Und Rolf Töpperwien, völlig aus Zeit und Realität gefallen, mahnt bei Markus Lanz, dass es schon auffällig sei, dass da nur die Spieler mit Migrationshintergrund nicht richtig mitsängen. Ha! Nach dem Satz streicht er sich nervös die Kleidung zurecht und sieht sich um. Ist das Junky-Behaviour? Gottseidank gibt es noch so egozentrische und aufdringliche Fossilien wie Töppi - oder vielmehr: Gottseidank gibt es noch so verzweifelt profillose Schaufensterpuppen wie Markus Lanz, die so egozentrischen und aufdringlichen Fossilien wie Töppi eine Lobby geben.


Mal davon abgesehen, dass es mehr als müßig ist, darüber zu diskutieren, ob wir schlechter gespielt haben, weil einige unserer Spieler unsere/ihre Hymne nicht aus vollem Halse mitgeschmettert haben, und auch abgesehen davon, dass es verflucht nochmal jedem selber überlassen ist, ob er da mitsingt, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass es vorher auch niemanden gestört hat. Podolski ist nicht gerade ein Debütant mit seinen über 100 Länderspielen. Selbst beim Sommermärchen 2006 hat er nicht mitgesungen, als alle Welt Prinz Poldi, den Teenie-Schwarm gefeierte. Und Özil? Sonst ist er doch des deutschen liebster Türke oder so ähnlich. Dass wir seit 1996 keinen großen Titel mehr geholt haben, wird vermutlich am mangelnden Elan der Mannschaft bei der Hymne liegen. Was heißt "der Mannschaft", was Töppi und einige andere sagen wollten, ist doch, dass sich die vermeintlichen Ausländer im Team nicht richtig mit der Sache, mit Deutschland, identifizieren. So kann das ja auch nichts werden. Diese Undankbaren!  

Zugegeben, ich war gekränkt, ich war getroffen und ja, ich war auch enttäuscht von der Leistung der Mannschaft, doch der Ton, der momentan angeschlagen wird, ist doch eine Prise zu rau. Wenn die DFB-Elf jetzt noch zwei Spiele verliert, fordert die Springer-Presse wahrscheinlich, dass Jürgen Klopp endlich Bundestrainer wird. Der Kloppo, das ist einer von uns und so, ein Malocher, und nicht so ein aufgetakelter, schwäbischer Dandy. Ich seh die Schlagzeilen schon vor mir.