Mittwoch, 18. Juli 2012

Der Tag beginnt

Ich kann nicht mehr schlafen. Der Regen prasselt gegen das angekippte Fenster und ich habe Albträume. Es ist im Prinzip immer derselbe Scheißtraum: Ich bin wieder im Teenageralter und komme an eine neue Schule. Im Traum sieht diese Schule jedoch immer anders aus. Dunkle, tropfende Gänge und Tausende von Kindern, an denen ich mich vorbei drücken muss, um in die Klassenräume zu gelangen. Ich komme immer zu spät und die Lehrerin hat die Stunde bereits eröffnet. Manchmal sehen die Klassenräume aus wie in meiner Grundschule - manchmal sind sie reine Produkte meiner Fantasie. Dann geht es los: Während ich wieder durch die Gänge irre, bricht irgendeine Katastrophe oder eine Revolution los. Alles strömt durcheinander und Panik peitscht mich in riesige Massen-Fahrstühle und in die Katakomben der Schule.  Hier im Keller ist es fast dunkel und alles wirkt verlassen in diesem gigantischen Komplex aus Gängen, Toiletten und Duschen. Überall sind Pfützen und alter Dreck bedeckt die verkommenen Fliesen an den Wänden. Und dann bin ich allein. Keine Treppen, keine Eingänge mehr zum Fahrstuhl. Ich bin gefangen in dieser riesigen Kloake, während ich deutlich spüre, dass irgendwer hinter mir her ist, mich verfolgt. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich lieber rennen und verzweifelt nach einem Ausgang suchen sollte, oder aber, ob ich mich einfach meinem Schicksal ergebe und mich in einer der Millionen von Nischen verstecke, zwischen Dreck, schmutzigem Wasser und Fäkalien. Ab und an laufe ich anderen Flüchtigen in die Arme, doch wir sind uns sofort dessen bewusst, dass jeder auf sich gestellt ist, hier unten. Dann sitzt mir der Feind so nah im Nacken, dass ich seine hallenden Schritte auf dem verdreckten Boden schallen höre. Ist das nicht eine wunderschöne Allegorie auf das Leben selbst?

Vorsichtig schiebe ich mich aus dem Bett und schlüpfe in Hausschuhe, die mir wahrscheinlich noch nie gepasst haben, so klein, wie sie sind. Es gelingt mir, die Tür leise zu schließen, damit ich sie nicht wecke. Die Zigarette schmeckt noch nicht, aber ich weiß, dass sie nötig ist, um den Tag auch als solchen anzuerkennen. Der Himmel ist grau-braun und von dichten Wolken bedeckt. Kein Wind. Der Regen fällt in geraden Bahnen direkt zu Boden. Ich drücke meine Nase an das Fliegengitter und frage mich, wie bescheuert das wohl von der anderen Seite aussehen mag. Es ist kalt. Ich hätte eine Hose mitnehmen sollen. Ein Glas Milch, und schon sitze ich vor meinem aufgeklappten Laptop und tippe dieses Zeug, ehe ich es wieder vergesse.

Die letzten Tage waren vollgepresst mit Dingen, weswegen ich mich jetzt erst melde. Vorgestern war ich auf einen kurzen Abstecher in Hamburg. Ich habe die Hoffnung längst aufgegeben, mit dieser Stadt warm zu werden. Ich bin kein Freund von Großstädten im Generellen, aber Hamburg und Berlin mag ich besonders wenig. Ich mag nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit die Leute über diese Städte reden. "Ja, 'ist halt Berlin, ne?" oder "Sowas kann man in Hamburg nicht bringen!" Sie bilden sich etwas darauf ein, dort geboren oder hingezogen zu sein, und irgendwie gefällt mir das nicht. Dieses ganze Kult-Gewichse mit Hamburg und Berlin. Außerdem hasse ich überfüllte Fußgängerzonen und szeniges Getue von Retro-Brillen-Spastis mit Tattoos, Piercings und St.Pauli-Aufnähern an der Umhängetasche. Eigentlich gefiel mir der morbide Schick des Schanzenviertels, auch bei Regen. Für kurze Augenblicke war ich der Meinung, dass es ein bisschen wie in einem kalten New Orleans aussieht, nach dem Hurrikan. 

Scheiße, ich muss los. Ich meld' mich heute Abend nochmal. So als Entschädigung.

Ich fahr' jetzt an den Strand. Muss man aber auch, bei dem Wetterchen.

xoxo
A.  

Kommentare:

  1. Männer in Hausschuhen sind mir suspekt. Immer schon gewesen.
    Ein qualifizierter Kommentar, ich weiß. Aber er wollte raus.

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    1. Ich bin ein großer Hausschuhfanatiker. Ich schwanke aber immer zwischen Großvater-Puschen und Gummi-Crocs (heißen die so?). Nenn mich ruhig spießig, aber in meiner Wohnung ist überall scheiß Pakett.

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    2. Ich sagte nicht spießig, sondern suspekt. In meinem Kopf würde wohl einfach nur freiwillig nicht das Bild eines Mannes in Hausschuhen entstehen. Dicke Socken, ja. Barfuß, ja.
      Und gerade Parkett lädt doch geradezu ein zum barfuß laufen! Aber jeder wie er mag. Zum Glück!

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