Montag, 30. Juli 2012

Die Leuchtturmtagebücher: Tag 2

Scheiße, ich habe es partout nicht geschafft gestern. Ich versuche, das Rauchen aufzugeben. Irgendwann habe ich dann einfach beschlossen, zu schlafen. Den ganzen Reisebericht in einem Rutsch zu posten wäre auch eine Idee gewesen - würde sicherlich aber die Grenzen des Zumutbaren sprengen. Deswegen also, wie versprochen, hier, der zweite Teil dieser legendären Urlaubsberichte. Außerdem habe ich mich dazu entschlossen, den guten alten Blocksatz zu verabschieden. Stillstand ist der Tod! Dies sind die Leuchtturmtagebücher.

Falls ihr den ersten Tag verpasst haben solltet, hier:

Die Leuchtturmtagebücher

Tag 2:


Glücksstadt
Als ich aufwache, habe ich Mühe, mich zu orientieren. Keine Ahnung, wie die Stadt heißt. Keine Ahnung, in welchem Bundesland ich bin. Ich putze meine Zähne und sehe mein rotes Gesicht im Spiegel. Die Vermieterin sitzt mit einer Oma in der Küche und spricht irgendeine völlig unidentifizierbare Mundart. Ich habe mein Leben lang an der Küste gelebt, aber nun beginnt Plattdeutsch mich zu nerven. Wir dringen in Regionen vor, in denen man "Jau" statt "Jo" sagt. Das ist absurd. Jetzt steht schon "Schiethus" an den öffentlichen Toiletten. Schwachköpfe. Das ist weder niedlich noch urig - das ist behindert. Beim Zusammenpacken ramme ich zweimal meinen Kopf unabsichtlich gegen dasselbe Fenster. Es ist die große Woche des Hirnzellengenozids. Die Vermieterin winkt uns zum Abschied. Ich winke zurück. Hach. Am Ende der Straße gibt es einen Topkauf, einen Supermarkt in der Provinzvariante. Heilfroh greife ich die einzige Sonnenmilch im Sortiment und eine Schachtel Gauloises. "Na, geht's in die Sonne?", fragt die Kassierin. Ihr messerscharfer Verstand macht sie zu einer Verschwendung, hier in an der Kasse des Pampa-Discounters. "Sieht ganz so aus", sage ich mit einem unechten aber charmanten Lächeln. Die Fahrt geht weiter.

Kleiner Leuchtturm am Ufer
Gegen 10.00 Uhr erreichen wir Glücksstadt. Hier die Elbe zu überqueren, war wunderbar und ersparte uns dazu den Umweg über Hamburg. Ich mag Hamburg einfach nicht. Während wir auf die Fähre warten, entdecke ich einen kleinen Leuchtturm am Ufer. Direkt am Fähranleger befindet sich ein kleiner Imbiss/Stehkneipe mit dem zauberhaften Namen "Happytown Beachclub". Versteht ihr, Happytown - Glücksstadt? Fantastisch.

Die Fähre ist klein und funktional, aber es gibt ein Deck mit ein paar Bänken, das man über eine Stahltreppe erreicht. Kinder haben sich bereits am Geländer gesammelt und zeigen voller Begeisterung auf irgendwelche Punkte am Horizont. Ihre Eltern ignorieren das größtenteils. Als wäre das ein scheiß Kreuzfahrtdampfer. Aber ich renne auch sofort hoch, nachdem ich die Fahrkarte gelöst habe. Wie kann auch so verbittert sein und nicht mal mehr auf einer Fähre aussteigen? Ich atme tief ein - selbst, wenn ich keinen besonderen Unterschied wahrnehme. Die Morgensonne hat den Tag bereits auf über 20°C erhitzt - der leichte Wind, der auf der Elbe weht, fühlt sich großartig an, nach all der Wärme und dem Schweiß vom Vortag. Am Ende des Flusses kann man den unheilvollen Schatten der Großstadt erahnen.

Elbfähre
  
"Wir umfahren ein kleines Leuchtfeuer..."
Wir umfahren ein kleines Leuchtfeuer und ich entdecke einen weiteren Turm am anderen Ufer der Elbe. Man vergisst fast, dass man auf einem Fluss ist - und nicht auf dem Meer. Als wir uns Wischhafen langsam nähern und im Auto sitzen, beginnt die Luft nach Fischabfällen und Motoröl zu riechen. Ich kenne den Geruch gut - gemocht habe ich ihn nie. Im Nachbarwagen fächert sich eine ältere Frau unentwegt die stinkende Luft zu. Das ist wohl maritimer Charme zwischen ihren Nasenflügeln: Motoröl und Fischabfälle. Oder es erinnert sie an etwas. Ich muss bei dem Geruch an den kleinen Hafen in Norwegen denken, an Urlaube mit meinen Eltern, an Angelausflüge, Wellengang und Kotze. Der Geruch schlängelt sich allmählich durch die Kanäle der Klimaanlage und setzt sich in meiner Nase fest.

Auf dem anderen Ufer versuchen wir sofort mithilfe der Karte herauszufinden, welchen Leuchtturm ich von der Fähre aus gesehen habe. Nach ein paar Käffern geht eine Landstraße links ab und führt uns zu einem hässlichen Campingplatz direkt am Leuchtturm. Treffer. Zum Glück müssen wir nicht auf dem Campingplatz parken. Camper sind Abschaum. Ja, alle. Im Radio singt Angus Stone "End of the World". Er hat Recht.

Elbinsel Krautsand
Am Kanal
Danach orientieren wir uns wieder Richtung Meer. Die Landschaft wird schöner. An einigen Häusern baumeln rote Fahnen mit weißem Pferd - wir sind in Niedersachsen. Lange Zeit sieht alles gleich aus. Maisfelder, Getreidefelder, Mähdrescher, Bauernhöfe, doch dann sind wir wieder am Ozean. Otterndorf. Nie zuvor gehört. Wir halten an einem kleinen Kanal. Die Anwohner beäugen uns kritisch, als ich, mit Sonnenbrille und Kippe im Mund, aussteige. Eigentlich ist es ganz schön hier. Ein paar Meter entfernt liegt ein Boot vor Anker. Kinder springen über die Reling und lachen sich schlapp, während Mutti an Deck sitzt und Nicholas Sparks liest oder so.

Die dicke Berta
Wir fahren weiter bis kurz vor Cuxhaven. Alle Häfen hier scheinen mit "v" geschrieben zu werden. Überbleibsel vergangener Zeiten. Wir packen neben zwei Spastis. Der auf dem Beifahrersitz hat die Tür weit offen und mustert mich skeptisch. Halstattoo und Eisteeflache. Ich steck' das Navi vorsichtshalber ein. Die Provinzidioten sehen auch überall gleich aus. Captain Halstattoo könnte auch problemlos irgendwo in Mecklenburg auf dem Parkplatz einer Tankstelle rumlungern und scheiße aussehen, in seinem getunten Kleinwagen. Ich hab nie verstanden, warum Leute ihre billigen Kleinwagen zu solchen Tuning-Perversionen ummodelieren. Ist das nicht eine Verschwendung bei solchen Schrottkarren? Wenn das nun irgendein dicker, teuerer Wagen wäre, den man dadurch proletenmäßig veredeln könnte. Aber so? Ist das nicht, als vergolde man eine Casio-Uhr?

Ebbe in Dorum
Als wir von der Autobahn abfahren, sind wir fast in Dorum. Langsam entspricht die Umgebung wieder dem Postkartenklischee, das ich von der Nordsee habe. Dorum ist ein typisches Badenest; riesiger Strand, riesiger Campingplatz (voller Abschaum), Jack Wolfskin Store, Fischrestaurants. Es ist Ebbe. Der Leuchtturm sieht fantastisch aus. Er stand einst im Meer und wurde erst 2003 an seinen heutigen Standort versetzt. Nach einer Verlegung der Schifffahrtsruten verlor er seine Aufgabe als Leitfeuer. Bis in die neunziger Jahre sollte er Schiffbrüchigen als Zufluchtsstätte dienen. Nun steht er funktionslos und kastriert am Strand, direkt neben einem Campingplatz (voller Abschaum). Dort sitzen sie vor ihren ekligen Wohnwagen und bräunen ihre fetten Körper, während sie Bier saufen und den Mädchen am Strand auf die Ärsche glotzen. Trauriges Schicksal. Zumindest das, des Leuchtturms. 1886 ist er gebaut worden; genau 100 Jahre vor meiner Geburt. Das kann nun wirklich kein Zufall sein. Ich mag ihn, entthront und deplaziert, sein eigener Grabstein. In vielen Leuchttürmen gibt es die Möglichkeit zu heiraten. Obereversand sieht dazu wahrscheinlich zu düster aus. Vor ihm wollen sich keine Bräute mit schwabbeligen Oberarmen und Krönchen auf dem Kopf fotografieren lassen. Das macht ihn nur charmanter.

Leuchtturm Obereversand (heute in Dorum)
Im Ort setzen wir uns in ein Restaurant. Ich bestelle ein "Krabbenbrot" und bin bis ins Mark erschüttet, als ich auf der Rechnung sehe, dass es 15 € kostet. Das kommt dabei raus, wenn man nicht in die Karte guckt, beim Bestellen. Dekadenz hat tatsächlich ihren Preis. Dann gibt es zum Abend eben nur Brot. Geschmeckt hat es trotzdem. Außerdem macht die Hitze verzweifelt. Jede Möglichkeit, im Schatten zu sitzen und etwas zu trinken, ist unbezahlbar und wundervoll.

Der kleine Preuße, Wremen
Der letzte Stopp, bevor wir in die heutige Unterkunft fahren, ist Wremen. Direkt am Deich steht ein großes Hotel mit Meerblick. Das wär' ein Ort für Flitterwochen. Die nächste große Stadt wirft ihre Schatten voraus. Am Horizont der Wesermündung erkennt man deutlich die Kräne Bremerhavens. Frachter kreuzen vor uns, als wir den letzten Leuchtturm für heute erreichen. 5 Meter Sehenswürdigkeit. Ich habe keine Ahnung, der wievielte Leuchtturm das heute ist. Irgendwie ist es auch egal.

Wir setzen uns auf die Mole, halten unsere Füße ins Wasser und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Das Wasser ist kalt und immer wieder müssen wir höher rutschen. Die Flut kommt langsam. Laut Navi sind es nur fünfzehn Minuten bis Imsum, einem kleinen Vorort von Bremerhaven. Das Pensum des Tages steckt uns in den Knochen, doch wir sind begeistert, wie reibungslos alles bisher geklappt hat. Es ist ruhig. Selbst die Assi-Weiber, die ein paar Meter weiter sitzen und rauchen, sind kaum zu hören. Am Horizont kann man die Silhouette eines anderen Leuchtturms erkennen, unerreichbar auf dem Meer. Hier ist perfekter Ort.

"Hier ist ein perfekter Ort."

Imsum ist eine vertrocknete Eigenheimsiedlung mit Hauptstraße; ein paar Bushaltestellen, ein paar Briefkästen, sonst nichts. Als wir an der Adresse ankommen, sind wir uns nicht sicher, ob alles richtig gelaufen ist. Es war schwer, für heute eine Unterkunft zu bekommen. Nachdem wir immer wieder am Telefon abgewiesen wurden, verwies man uns an eine andere Nummer, eine Frau aus der Nachbarschaft. Diese verwies uns dann wiederum an eine andere Nummer, und so sind wir letztendlich hier, in Imsum gelandet. Niemand geht an die Tür. Niemand nimmt das Telefon ab. Nach einer Ortsbegehung ohne nennenswerte Vorkommnisse haben wir dann doch Glück. 40 €, sauberes Zimmer, ein paar peinliche Bilder vom Schützenverein an der Wand. Wieder unterm Dach. Wieder schrecklich heiß.

Abends kann ich nicht einschlafen. Ich höre Geräusche auf der Treppe. Mir wird klar, dass niemand weiß, wo wir genau sind, die Tür nicht abgeschlossen ist, und, dass ich nicht einmal ein Taschenmesser bei mir habe. Wir sind mitten im Nichts, zwischen Eigenheimen und Maisfeldern. Das kommt davon, dass nur noch CSI und Two and a half man im Fernsehen laufen. Jetzt wittert man überall kranke Mörder und Fallen. Soll ich aufstehen und nachsehen? Die Geräusche werden lauter und formen sich zu Schritten in meiner Phantasie. Ich stehe auf, stolpere durch die dunkle Monteurswohnung und stoße mich überall. Ich weiß nicht, wo Lichtschalter sind und alles ist fremd. Kurze Panik. Dann Nichts. Alles ist ruhig. Scheiß drauf, geh' zurück ins Bett, Cowboy!

Morgen geht's weiter.

A.

Kommentare:

  1. Unechtes aber charmantes Lächeln - so so.
    Ich mag die Fotos mit ihrem Blauschleier und der Vignette. Sehr sogar.
    Und irre ich mich oder lese ich in Deinen Leuchtturmtagebüchern neben den obligatorischen Unmutsäußerungen ziemlich oft etwas über perfekte Orte für Urlaube mit Kindern, über Hochzeiten und Flitterwochen? Da scheinen auf den schönen Fotos wohl die rosa Wolken geschickt überfärbt zu sein.

    Und dann noch etwas "technisches". Wie zum Teufel hast Du Text neben Fotos plaziert bekommen? Ich bin da schon mehrfach dran verzweifelt und wäre entsprechend dankbar für einen kleinen Tipp!

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    1. Nicht schlecht, Watson. Rosa Wolken schmeicheln mir aber wirklich nicht - ich bin doch ein cooler Zyniker.

      Was deine Frage betrifft:
      Ich mach das immer so, dass ich erst den Text schreibe und dann das Bild einfüge (vor das erste Wort des Absatzes), dann wird es links ausgerichtet und es passt. Also statt "zentriert" einfach "links". That's the whole magic!

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    2. Oh sorry, das mit dem coolen Zyniker hatte ich ganz vergessen. Wie konnte ich?

      Also diese whole magic habe ich meines Wissens nach bei meinen unzähligen Versuchen auch ausprobiert. Einen Versuch gebe ich mir noch, ansonsten bleibe ich eben bei der gewohnten Optik.

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    3. Kann auch an meiner Design-Vorlage liegen, aber Probleme hatte ich damit noch nie.

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