Montag, 23. Juli 2012

Down in the Valley

Ich bin zurück, und ich bin zerschossen. Im Dämmerlicht der Sonne sieht selbst Kiel gar nicht so schlecht aus. Trotzdem: Es ist nirgends so schön wie daheim. Die Pflanzen auf dem Balkon scheinen mich vermisst zu haben. Ob sie noch lang genug leben, um zu bemerken, dass ich wieder da bin, kann ich nur schwer einschätzen, mit meinen bescheidenen botanischen Fähigkeiten. Während die Tagetes einfach nur verdorrt, sind meine Kapuzinerkressen übervölkert von Rapsglanzkäfern. Und so viel ist sicher: Rapsglanzkäfer sind Hurensöhne! Sie krabbeln sogar an den Außenwänden entlang und suchen nach neuen Plätzen zum Ausbreiten, die kleinen, dämlichen Wichser.

Die Tage rauschen momentan nur so an mir vorbei. Ehe ich richtig wach bin, ist auch schon wieder Abend. Und meinen kleinen Terminkalender habe ich auch schon seit Wochen nicht in den Händen gehalten. Sollte ich irgendwann einmal einen richtigen Job haben, werden mir diese Sommer fehlen; Bücher, Musik und der Geruch von Grillfleisch. Scheiße, ich könnte niemals Vegetarier sein, im Sommer. Ach, im Winter auch nicht; der Entenbraten meiner Mutter wäre zu verlockend. Hier ist es mir auch wieder möglich, Bilder auf den Computer zu laden. Das erklärt auch die völlige Reizüberflutung in diesem Post.

Am Samstag haben mich ein paar Freunde aus Kiel in der Heimat besucht. Ein bisschen Sightseeing im Nichts, ihr wisst schon. Ich habe ein gebügeltes Hemd angezogen und war sogar wirklich in Stimmung (was nicht immer der Fall ist). Zwei bis drei Bier hatte ich schon getrunken - ich war noch nicht einmal betrunken. Es war auch noch hell, und ich wollte gerade ein paar Flaschen aus dem Schuppen holen, als ich so heftig mit dem Kopf gegen den Türrahmen geschlagen bin, dass mir übel wurde. Es tat eigentlich überhaupt nicht weh, aber die Spätfolgen waren hässlich. Nach ein paar Minuten fühlte ich mich wie an dem Morgen nach meinem Abiball, sprich: so, als hätte ich einen schrecklichen Kater, und das auch noch grundlos. Eine 500'er Kopfschmerztablette mit Bier runterzuspülen, war im Nachhinein auch nicht so eine gute Idee. Den Rest des Abends verbrachte ich dann damit, den Anderen dabei zuzusehen, wie sie immer betrunkener werden, und mich darauf zu konzentrieren, nicht zu kotzen. Das hat mir dezent den Abend versaut. Der Alkohol verfärbt die Menschen, macht sie zu Karikaturen und Zerrbildern. Wie manche es bloß aushalten, sich ständig nüchtern unter Betrunkene zu mischen, ist mir ein Rätsel. Kurze Zeit war ich mir fast sicher, nie wieder irgendetwas zu trinken. Haha. Als ich dann nachts im Bett lag und meine Augen schloss, habe ich Farben gesehen; immer wieder neongrüne Explosionen, bis ich einen kalten Lappen auf der Stirn hatte. Ich schätze, das war kein gutes Zeichen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich zwar noch immer ziemlich scheiße, aber Bier-Trinken ging wieder.  

Die Sümpfe der Heimat

Boltenhagen-Beach
Nachdem alle ausgeschlafen hatten, sind wir zu einem Abstecher nach Boltenhagen aufgebrochen. Müsste ich jemanden davon überzeugen, dass Mecklenburg seine glanzvollen Ecken hat, wäre es immer Boltenhagen, was ich vorzeigen würde. Ich hab' mich ein wenig wie auf einer Klassenfahrt gefühlt: Sonnenlicht, Essen vom Imbiss und Wandern unter Kopfschmerzen.

Da ich während meines lebendigen Knock-outs am Vorabend ungefähr fünfundvierzig Liter Wasser getrunken hatte, kam ich gleich nach der Ankunft in den Genuss der öffentlichen Toilette an der Strandpromenade. Öffentliche Toiletten sind Spiegel der menschlichen Seele. Alles stank und klebte wie eh und je. Der Typ, der mich am Pissoir ablöste, trug tatsächlich nur ein ärmelloses Shirt und eine Badehose. Er ist barfuß in diese sanitäre Vorhölle marschiert! Warum zum Teufel pinkelt er denn nicht ins Wasser, wo er doch offensichtlich vom Strand kommt? Ich schüttel mir den Ekel aus dem Gesicht, setze meine Sonnebrille auf, zünde mir die zweitausendste Zigarette an und gehe zurück zu meinen Freunden. Nachdem ich in den vergangenen Wochen diverse Strände und Strandpromenaden ausgekundschaftet habe, kann ich es verkünden: Es ist überall das Gleiche; Tretautos, Hunde, Menschenmassen. Auf dem Weg zum Ende der Seebrücke (woher eigentlich so ein pathetischer Name für einen Steg?) fühlt man sich wie auf einem Flughafen; es geht schleppend vorwärts und man riecht das Rasierwasser des Vordermanns. So könnte ein Roman heißen: "Das Rasierwasser des Vordermanns". Als ich kurz dazu ausholen wollte, alles um mich herum zu verfluchen, wurde ich angestoßen und darauf hingewiesen, dass ich nicht so zornig sein soll. Ich bin zu schwammig im Kopf, um Gegenwehr zu leisten. Das Wetter macht milde - und wenn man seinen Kopf gegen die Stahlschiene eines Türrahmen schlägt.
Spätrömische Dekadenz am Ostseestrand
In meiner Erinnerung hat sich jedoch ein anderes absurdes Szenario verankert. In einem etwas gehobeneren Strandrestaurant im Osten der Stadt, indem ich vor Jahren mal etwas gegessen habe, gibt es eine große Veranda, auf der die Gäste an der frischen Luft essen können, ein bisschen wie bei den Waltons - nur eben schicker, versteht sich. Auf der Veranda stand ein freundlich aussehender Indianer (!), der sich selbst mit einer umgehängten Western-Gitarre begleitend, "Mr. Tambourine Man" sang. Für die halbe Minute, in der wir an der Veranda vorbei kamen, war alles in eine friedliche und harmonische Atmosphäre gehüllt und wie in einer Sepia-Zeitlupe. Die dick gefressenen Touristen aßen, ohne einander anzusehen, schweigend ihre Filets, weil auch sie bemerkt haben, dass der Indianer ihnen allen überlegen ist und sie alle nur um ihn kreisen, wie leblose Planetenklumpen um eine Sonne. Das Ganze hätte eine Filmszene sein können. "I'm not sleepy and there is no place I'm going to" - er hat es nicht wie Dylan gesungen, sondern irgendwie weicher, irgendwie einnehmender. Ich hätte mich gern einfach auf den Asphalt fallen lassen, um ihm weiter zuzuhören und auch ein Teil dieses weichen Breis' im Sonnenlicht zu werden.


Morgen breche ich schon wieder auf. Diesmal jedoch zur anderen Seite, die ganze Nordseeküste runter, zumindest bis Emden - Holland wäre übertrieben. Ziel ist es, so viele Leuchttürme, wie nur möglich zu sehen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Leuchttürme. Zwar war ich mir dessen bis jetzt nicht bewusst, aber, wo auch immer ich im Urlaub war, Leuchttürme waren in der Nähe. Der Wetterbericht prophezeit Gutes und ich bin gerade dabei, ein angemessenes Mixtape für die Autofahrten zusammenzustellen. Um Pensionen kümmere ich mich spontan vor Ort, ich verrückter Ausbrecher. Mal sehen, wie weit uns das Geld trägt. Ich freu' mich schon. Sonntag werd' ich spätestens zurück sein und Bericht erstatten, schließlich bin ich dann vollgepumpt mit Eindrücken.

A.     

Kommentare:

  1. Holland wäre aber DAS Ziel!
    Ansonsten - es war wie immer eine Freude hier zu lesen. Bis auf die Tatsache natürlich, dass Du wieder mal mit dem Kopf durch die Wand wolltest - oder so ähnlich.
    Viel Spaß bei Deiner Leuchtturmrundreise!

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    1. Vielen Dank, doch das sehen nicht viele Leute so. Irgendwann sind wir unter uns, die "Follower" werden immer weniger.

      Danke, Leuchttürme!

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    2. Die Hauptsache ist doch, dass Dir das schreiben Spaß macht. Und außerdem, wer weiß schon, wie viele Leute dich "heimlich" lesen, ohne sich als "Follower" zu outen?!!
      Außerdem kannst Du Dich glücklich schätzen - so viele Leser wie Du habe ich nicht vorzuweisen. Macht aber nichts. So lange ich immer mal wieder jemanden mit meinem Geschreibsel ansprechen kann ist alles ok.

      Und ansonsten - musst Du vielleicht einfach mal offensiv Werbung machen!

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    3. Ich wünschte, ich könnte, aber dazu fehlt mir die Lust. Mehr als 'nen Facebookaccount mach' ich nicht. Ich will mich auch nicht aufdrängen.

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    4. Es mag ja ein Vorurteil sein - aber ob Du bei Facebook Leute wirklich erreichen kannst - alleine mir fehlt der Glaube.
      Du scheinst mir tatsächlich ziemlich zerschossen zu sein. Erhol Dich ein bisschen...

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    5. Wo soll ich denn sonst Werbung machen? Streetart, RTL, gmx.de? Mir fehlt da die Vorstellungskraft.

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  2. Sanitäre Vorhölle. Ich schmeiß mich weg! Tolle Schreibe, wirklich! So macht das Spaß!
    Ich bleib dann mal hier.
    Schöne Reise noch!

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