Mittwoch, 11. Juli 2012

Jerry und die Abenteuer im Einkaufszentrum

Jerry und ich am Tresen der Welt
Ich hatte mich immer für einen der coolsten Typen gehalten. Ich dachte echt, ich wäre 'ne große Nummer gewesen, was Besonderes und so. Doch das stimmte nicht, nein. Bisher. Denn jetzt hat sich alles geändert. Jetzt bin ich der coolste Typ. Ich habe einen Barhocker! Ja, ihr habt richtig gehört: Ich habe meinen eigenen Barhocker. Der stammt aus dem Bestand einer alten Bowlingbahn, in der ein Freund meiner Eltern arbeitet. Ich musste nicht einmal dafür bezahlen, ich alter Glückspilz.

Er steht jetzt auf meinem Balkon. Das Fensterbrett ist der Tresen und dahinter beginnt die Welt. Ist das nicht ein romantisch pathetisches Bild? Natürlich, von der anderen Seite sieht es vermutlich ziemlich assi aus - aber das ist doch bei jedem Tresen so.

Ich werde ihn niemals wegwerfen. Er wird mich auf allen künftigen Umzügen begleiten - wohin auch immer es gehen mag, der Barhocker kommt mit. Ich habe beschlossen, ihn Jerry zu nennen, auch auf die Gefahr hin, dass es merkwürdig klingen könnte, wenn ich sage, dass ich ein bisschen auf Jerry sitze und mir den Sonnenuntergang über dem Meer ansehe. Ein Frauenname passt aber doch überhaupt nicht zu einem Barhocker. Außerdem geht die verfluchte Sonne auch gar nicht auf der Seite unter, die ich vom Balkon aus sehen kann. Ich könnte mir also maximal den Sonnenaufgang ansehen - und da schlafe ich für gewöhnlich. Und mal im Ernst, warum sollte ich das überhaupt sagen? Trotzdem sollten die Dinge einen Namen haben - das macht alles so schön persönlich. Ich nehme mir auch seit bestimmt zehn Jahren immer wieder vor, meiner Gitarre einen Namen zu geben. Einen Frauennamen versteht sich. Die Gitarre, die ich jetzt spiele, ist bestimmt schon die Siebte oder achte - keine hat einen Namen bekommen. Ich kann mich einfach auf keinen festlegen. Caroline find ich schön. Der kommt in die engere Auswahl. Es gibt, glaube ich, Dinge, die lieber innerhalb meines Kopfes bleiben sollten. Wie auch immer, jetzt wisst ihr's: King Lex I. = cooler Motherfucker mit Barhocker.

Es gibt keine Erbsenpflanzen mehr in Mecklenburg - Ich bin satt.

Ich war gestern Shoppen. Das Wetter war schlecht und es sind Ferien. Ich hätte wirklich klüger sein müssen, denn es war unglaublich voll. In welchen Laden man auch ging, überall laute und nervige Vollidioten. Vor dem Uhrenladen wurde ich fast weggedrängelt. Offenbar war meine Zeit abgelaufen, denn die Zahnspangenschlampen in Adidas-Montur konnten wirklich nicht länger darauf warten, mit ihren Smartphones diese hässlichen bunten Plastikuhren zu fotografieren, oder zu googeln oder was auch immer man jetzt alles machen kann, wenn man ein Handy auf ein Produkt richtet. In den 90'ern waren es noch die bunt aufgeblähten Casio G-Shock Uhren, heute heißen sie Ice Watch. Und sie sind tatsächlich genauso hässlich. Ich hatte früher eine gelbe G-Shock. Aber ich hab auch viel Scheiß mitgemacht; Tamagotchi, Neoprenjacken, diese Adidas-Hosen mit Knöpfen an der Seite, Yoyos - ich war immer dabei.

Die Klimaanlage im ganzen Center muss ausgefallen sein, denn die Luft war fürchterlich - und eigentlich bin ich nicht einmal empfindlich, was so etwas betrifft. Neben den üblichen Idioten schienen auch ganz Dänemark und die komplette Arabische Liga im Citti-Park unterwegs zu sein. Die Dänen erkennt man immer daran, dass sie gigantische Mengen an Alkohol in prall gefüllten Einkaufswagen auf den Parkplatz schieben. Der Fusel ist zu Hause einfach zu teuer, und während Mama und Papa die Wochenendfeiern sichern, strömen die Kinder, Børnene, in den Intersport und den H&M. Einer hätte mich fast an die Grenze meiner Belastungsfähigkeit gebracht, weil er ununterbrochen auf seiner Red-Bull-Dose rumgetrommelt hat, während er durch die Reihen des H&M stolzierte. Nachdem er meine Blicke nicht deuten konnte, bin ich einfach in den Weiland gegangen. Überall stehen Exemplare von "Shades of Grey". Ich hatte es schon im Gefühl und der Spiegel hat mich bestätigt: Wer das liest, ist doof. Eine selbstgefällige Tussi hat sich dazu aufgeschwungen, ihrem dicklichen Vater lautstark, über mehrere Reihen hinweg, ein Buch zu empfehlen. Sie hat sich für "Hummeldumm" entschieden. Passt zu ihr. Lemminge. Aber ich habe mich endlich dazu durchgerungen, mir den "Wolkenatlas" zuzulegen. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Das klingt sehr fremd aus meinem Mund.

Im Toys"R"Us herrscht Endzeitstimmung. Ich gehe da oft rein, manchmal zwar nur, um neidisch auf den ganzen Scheiß zu sein, den die Kinder jetzt kaufen können. Allein das ganze Star-Wars-Zeug! Star Wars war der erste Film, den ich mich erinnere, gesehen zu haben. Noch vor der Wende. Unser Nachbar hatte einen Videorekorder und hatte es irgendwie geschafft, eine aufgenommene Version von Star Wars zu bekommen. Ich hab' die Videokassette tausende Male gesehen. Meine Mutter sagte mal, sie hat das schon früher gern wegen der West-Werbung geguckt. Bei mir sind die Grenzen da fließender. Jedenfalls war es mir erst möglich, Spielzeug aus dem Film zu bekommen, als ich 1994 in Disney-Land war. Vorher nicht und danach irgendwie auch nicht. Falsche Zeit, falscher Ort. Und heute gibt es alles: Lichtschwerter, Lego-Raumschiffe, Yoda-Plüschtiere. Es gibt sogar den verfluchten Sprachverzerrer, damit sich die eigene Stimme wie Darth Vader anhört. Das ist so cool! Nachdem mir meine Begleitung verdeutlicht hat, dass ich mir keinen 20cm großen Gummi-T-Rex kaufen sollte, gehe ich mit leeren Händen, wie so oft. Ich freu mich so darauf, Kinder zu haben. Dann kann ich dieses ganze Zeug kaufen. Hoffentlich kriege ich keine Tochter. Die kann ich nicht zu einem Klavier spielenden Fußball-Nationalspieler machen, der auch noch Star-Wars-Fan ist, sondern muss sie täglich vor Jungs beschützen und verstecken, bis sie 30 ist. War nur ein Spaß, bleibt locker! Oder? Überall fahren Jungs auf Tretautos durch die Gänge und kollidieren fast mit meinen langen Beinen. Als ich nach ihren Eltern Ausschau halte, sehe ich eine junge Frau mit Kopftuch, die es nicht für nötig hält, ihre agilen Kinder zu ermahnen. Papa spielt mit seinem Handy. Wahrscheinlich wird der ganze Laden bei Regen als scheiß Indoor-Spielplatz genutzt. Dicke Typen mit verbrannter Haut und ärmellosen Shirts streifen durch die Regale und bereichern die ohnehin schon miese Luft durch eine zarte Note Schweiß. Der Griechenlandurlaub fiel ja auch aus, dieses Jahr. Selbstherrliches Pack, breitbeinig marschieren sie durch die Gänge und Passagen des Centers.

Ich bin ein bisschen angesoffen. Ich war bis eben in einer Bar mit ein paar Freunden. Aber ich lass' euch nicht im Stich heute! Habe gerade noch eine geraucht mit Jerry. Als ich kurz über die Brüstung geblickt habe, sah ich, dass die Frau, die unter mir wohnt, auch am Fenster stand. Sie bemerkt mich nicht. Ich sehe, dass sie ein Fernglas in der Hand hält. Sie nutzt es nicht, um etwa in die Wohnung gegenüber zu schielen, sondern zielt stattdessen auf die Blumenrabatte im Garten. Wahrscheinlich ist sie einfach nicht mehr so gut zu Fuß. Ich habe eigentlich keine Gefühle, aber das berührt mich schon ziemlich. Sie sieht die Blumen nur aus der Ferne. Ich habe sie noch nie im Garten gesehen, sie kann also die Blumen auch nicht eingepflanzt haben. Ich denke, sie möchte sie einfach nur mal wieder vom Nahen sehen. Das möchte ich auch.

Gute Nacht,
A.  

Kommentare:

  1. 1. Caroline. Wie Caroliiine? Oder wie Cärolein?

    2. Adidas-Hosen mit Knöpfen an der Seite? Habe da gerade gar kein Bild vor Augen... Ich finde allerdings ganz allgemein, dass die (ganz) jungen Leute heut schon fast wieder uniformiert rumlaufen. Ich kann mich noch an diverse Richtungen gleichzeitig erinnern. Es gab Mods und Popper und Punker und Skins und Heavys und Grufties - alles zur gleichen Zeit. Dagegen ist es ja jetzt fast ein wenig langweilig. Oder mir fehlt einfach der Blick dafür.

    3.Du willst Kinder? Na ich hoffe Du bist dann auch noch als King Lex I. hier tätig, das würde mich echt interessieren. Echt.

    4.Kleinen Blumenkasten nett bepflanzen und der Nachbarin unter Dir schenken. Macht Freude. Auf beiden Seiten.

    5. Jerry? Finde ich gut!

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  2. 1. Cärolein!

    2. Die Hosen nannte man früher liebevoll "Schnellfickerhosen", weil man die Knopfleiste an der Seite ziemlich fix aufreißen konnte, was auf dem Schulhof auch gänge Praxis war. (Sieh mal: http://imageshack.us/photo/my-images/156/adibreakac6.png/) Und ja, alle Jungs sehen aus wie Justin Bieber. Erst ab 19 separiert sich das, glaube ich, wieder.

    3. Natürlich Kinder. Ob, ich dann noch blogge, weiß ich nicht.

    4. Wäre vielleicht wirklich eine Idee!

    5. Damn right!

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