Mittwoch, 4. Juli 2012

Lake of Fire

BALLOOOOONS!
Fröhlichen Unabhängigkeitstag! Jedes Jahr am 04. Juli muss ich wie automatisch an Nirvana denken - ich kann nichts dagegen tun. Schuld ist eine uralte Eselsbrücke. Es muss 2005 gewesen sein, vor sieben Jahren. Ich ging mit einem Mädchen, das ich kurz zuvor kennengelernt hatte, am Strand von Boltenhagen spazieren. Es wurde gerade Sommer, denke ich. Als ich ihr sagte, dass ich so meine Probleme damit hätte, an Geburtstage zu denken und dass das nun wirklich nicht persönlich gemeint sei, lächelte sie schüchtern und meinte nur: "Ach, das ist bei mir ganz leicht. Denk' einfach an 'Lake of Fire' von Nirvana: 'See them again 'till the Fourth of July'". Sie hatte recht. Und jetzt, nachdem wir uns schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben, und ich wirklich lange nicht "Lake of Fire" oder überhaupt Nirvana gehört habe, muss ich trotzdem daran denken, unabänderlich. Ich erinnere mich an keinen der anderen Geburtstage von irgendwelchen Verflossenen - nur an diesen.

Nirvana gehörte damals zum kulturellen Selbstverständnis in Mecklenburg, über zehn Jahre nach Cobains Tod. Vieles braucht wohl länger, bis es in Mecklenburg ankommt. Wobei ich mir fast sicher bin, dass ich 2005 schon wieder zu cool für Nirvana war. Ich weiß gar nicht, ob das jetzt auch noch so ist, aber damals war es so; früher oder später hatte jeder, der sich gegen blond gefärbte Haare, Neoprenjacken und die Provinz-Disco entschied, irgendwann seine ganz persönliche Nirvana-Phase. Einige haben da das volle Programm mitgemacht: angefangen mit fettigen Haaren und "Ich muss unbedingt ein paar Akkorde auf der Gitarre lernen" bis hin zu "Niemand versteht mich" oder "Ich ess' nie wieder Tiere". Ich bin sogar mal einem Typen begegnet, der mir tatsächlich sagte, dass er "wie Kurt" sei; er habe auch ein Magengeschwür und sei sehr dünn. In vielen Seniorenheimen gibt es demnach vermutlich eine ganze Menge Leute, die "wie Kurt" sind. Da wusste ich, dass es endgültig Zeit wird, sich zu distanzieren.

Doch zwei-drei Jahre zuvor war ich total dabei. Nachdem ich es aufgegeben hatte, meine Wochenenden allein mit der Fußball-Bundesliga und meiner alten Freundin, der Playstation, zu verbringen, stürzte ich mich mitten hinein. Ich ließ mir die Haare wachsen, begann zu rauchen und wie verrückt all das nachzuholen, was ich vorher verpasst hatte. Gitarre hatte ich schon davor gespielt, was sich nun endlich, in dieser "Szene" auch mal auszahlte - gerade, wenn es darum ging, Mädchen anzugraben. Für all meine Freunde damals gehörte das Unplugged-Album zur festen Grundausstattung. Es war wie Bibel als Hörbuch. Ich hab' es gerade mal, so als Selbstversuch, aufgelegt: Unwillkürlich schmeckt meine Zigarette nach Gras und ich höre das Blubbern einer Bong irgendwo in meinem Gedächtnis. Ach, im Park sitzen und scheiße aussehen - das waren Zeiten. Sonnenuntergänge über irgendwelchen Dorftümpeln, von Regen und Wind zerzauste Klamotten, im Zelt schlafen, die ganze Nacht irgendwo durch die Straßen irren, Liebeskummer, Probleme, die keine waren, Scheiße bauen. 

Aber, wie es schon die weise Philosophin Nelly Furtado einst sagte, "All good things come to an end". Auch die Nirvana-Phase endete für die Meisten; einige entschieden sich dann doch für die Provinz-Discos und die gefärbten Haare, einige entschieden sich einfach für andere, weniger breitgetretene Bands, deren Logo nicht auf den zerflätterten Rucksäcken 14-jähriger Pseudo-Borderline-Mädchen zu lesen war. Aber niemals wieder war man so auf einer Linie. Bescheuert eigentlich.  Ich war damals, im Sommer 2005, meiner Nirvana-Zeit jedenfalls schon entwachsen - sie noch nicht. Aber sie war hübsch, dann konnte man darüber hinwegsehen. Regeln sind alles.

Zurück in die Zukunft. Ich habe einen schier endlosen Stadtspaziergang hinter mir. Es ist warm und die Sonne scheint über Kiel. Ich hatte sogar eine kurze Hose an! "Shorts", oder wie ihr Menschen das auch immer nennt. Von hier aus sind es nur einige Minuten bis runter zum Wasser. Da steht die Luft wenigstens nicht so. Das ist ein schöner, wenn auch langer, Weg. Vorbei an den Segelboten, deren versnobte Namen schon auf ihre Besitzer schließen lassen. Vorbei an den dicken Meerblick-Villen der Studentenverbindungen, deren Lage auf ihre Zielgruppe schließen lässt. Vorbei an drei fetten Weibern, die keinen Mikrometer Platz machen, um mich vorbei zu lassen und unbeirrt weiter nebeneinander gehen und ihre schleimige Unterhaltung führen. Vorbei an zwei Bushidos in Jogginghosen, deren lautes, klischeehaft intoniertes Gelaber schon fünf Minuten vorher zu hören war - der Wind stand ungünstig. Vorbei an völlig überladenen Strandbars, voller Lemminge mit Sonnenbrillen. Und schließlich auch vorbei am Zaubereiministerium, dem Sitz des Landtags, einem roten Klotz mit Meerblick (Anzugtypen wuseln wie Ameisen durch die Eingänge). Eigentlich würde ich gern wieder nach Hause, aber ich muss ein Eis spendieren.

Im Buchladen (fast schon ritualisiert, gehe ich einmal pro Woche in den Weiland) untersuche ich lustlos die Regale nach irgendetwas Brauchbarem. Nichts haut mich wirklich um. Ich will mal wieder einen Knaller lesen, doch ich finde einfach nichts. Die Titel allein nerven mich schon. Und die ganze Zeit bin ich durch das Gequatsche von so einem Wichser von überengagiertem Vater abgelenkt. Halbglatze, Khakihose, Wolfskin-Jacke, Brille. Ein Mädchen weint und sitzt auf der kleinen Bank neben dem Wasserspender für übereifrige Ladenhüter (ich meine keine Bücher). "Papa, du warst weg!". Schluchz. "Nein, ich war nur hier im Laden. Die ganze Zeit. Wirklich. Ich geh' niemals weg. Guck mal, Sophie, Papa hat schon ein Buch gefunden, das er mitnehmen möchte. Wie steht's denn bei dir?". Papa geht niemals weg? Das lässt auf viel schließen. Nachdem er auch den Klappentext vorgelesen hat, übergebe ich mich innerlich. Intern? Kann man sich intern übergeben? Ich übergebe mich jedenfalls intern, wenn es das gibt. Egal, Neologismus, Baby! "Sophie, so langsam müssen wir aber auch wieder weiter. Die Anderen warten doch schon". Ich frag mich, wer "die Anderen" sind. Andere selbstherrliche Ökowichser? Andere Väter, die gerade Besuchstag haben, weil sie von den Müttern getrennt leben? "Sophie, wie sieht es aus?". Ohne dass Sophie antwortet, wird ihr das längst fällige Ultimatum gestellt: "Zehn Minuten, dann aber wirklich. Versprochen, Sophie?". Wie penetrant oft er allein ihren Namen sagt, geht mit schon auf den Sack. Sophie nimmt kein Buch mit. Keine Schande. Ich fand' Buchläden auch ziemlich scheiße, als ich acht war - eigentlich auch noch, als ich sechzehn war. Ich kaufe auch nichts. Die ziehen mich runter, die Beiden.

Ich spendiere ein Eis. Selbst esse ich jedoch keines. Ich mag Eis eigentlich - ich fühl mich nur so furchtbar dämlich, während ich es esse. Es sieht einfach blöd aus. Ich wusel mich durch die überfüllten Straßen zurück in den Elfenbeinturm und tippe dieses Zeug. Die EM, auch wenn sie mir nicht gefallen hat, hat ein tiefes Loch in meiner Tagesplanung hinterlassen. Und denn sind auch noch Semesterferien! Dadurch, dass es nicht einmal mehr die Harald-Schmidt-Show gibt, habe ich Mühe, mir zu merken, welchen Wochentag wir haben. Egal, im Oktober beginnt ja schon ein neues Semester. Es gibt immer ein neues Semester.

Euch allen einen gesegneten Independence Day - und ein gesundes neues Jahr!

A.


Nirvana- Lake of fire( Unplugged in NY) from rotten apple on Vimeo.  

        

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