Freitag, 13. Juli 2012

Schlaf gut, Taschenrechner

Mein Taschenrechner ist kaputt. Ich bin eine verdammte Niete im Kopfrechnen - das ist also wirklich ein Verlust. Außerdem war er ein treuer Begleiter. Irgendwann in der elften Klasse habe ich angefangen, ihn total mit einem Edding zu beschmieren. Das hat ihm eine persönliche, wenn auch schmutzige Note gegeben. Ich kann nicht alles entziffern, aber ich bin mir sicher, dass "Team Fehlkurs" auf dem Deckel steht, in Druckbuchstaben. Das war schön damals. Dass ich mein Abitur geschafft habe, war auch mehr Glück und Zufall, als so etwas wie ein verdienter Lohn für den jahrelangen Fleiß. Ansonsten kann ich diverse Male "Lex" lesen. Ich bin ein großer Künstler, ohne dabei egozentrisch zu sein. Und jetzt ist er tot. Mach's gut, alter Freund, ruhe in Frieden.

Mein Großvater hat mich gerade angerufen. O2 hätte sich gerade wegen eines neuen Handyvertrags bei ihm gemeldet. Der Verkäufer meinte, dass es eine ziemlich gute Idee wäre, wenn mein Opa (72) eine Internet-Flat abschließe. Verfluchte Vollidioten. Er hat schon Probleme, SMS zu verschicken, was in seinem Alter ja nun wirklich auch keine Schande ist. Und diese seelenlosen Konsumroboter-Arschlöcher von O2 wollen ihm ein scheiß Smartphone mit Touchscreen und Internetflat am Telefon aufquatschen. "Das kann man heutzutage schon sehr gebrauchen" - ich höre die Sätze schon. Aber: Don't hate the player, hate the game. Der Callcenter-Trottel von O2 folgt nur den gängigen Geschäftspraktiken. Bei solchen Jobs kann man sich wahrscheinlich keine moralische Integrität leisten. In harten Zeiten ist Moral auch nur ein Luxus. So, Plattidtüdenmodus OFF. Trotzdem ärgert mich das. Ich werde meinem Opa, wie fast jedes Mal, ein Handy rauszuchen, das gegen den Zeitgeist strebt. So wird das wenigstens was - schließlich habe selbst ich schon manchmal Probleme, eine Nummer in mein 3 Jahre altes Smartphone einzuspeichern. In seinem aktuellen Handy hat er, soweit ich weiß, sogar eine direkte Facebook-Verbindung. Da hatte der Callcentermann gewonnen. Danke O2. Schnelllebige Scheiße alles. The Times they are a-changin'!

Ich habe gestern den ganzen Tag Musik gemacht, von 11.00 Uhr bis 22.00 Uhr - nach Jahren mal wieder. Den ganzen Tag gespielt und gesungen, geschrieben und aufgenommen. Das war wunderbar. Ein Freund von mir hat ein Studio über seiner Wohnung. So etwas wäre früher ein Segen gewesen. Eigentlich ist es das immer noch. Eine Mandoline zu kaufen, war tatsächlich eine richtig gute Idee! Ich hätte einfach Rockstar werden sollen, statt mich an der Uni einzuschreiben. Ich bin zwar extrem aufgeregt und zittrig vor Auftritten, aber die Studioarbeit macht mir Spaß. Ich würde jedoch nach wenigen Jahren an Lungenkrebs sterben. Den ganzen Tag habe ich nur zwei Brötchen gegessen, dafür aber durchgehend Bier getrunken und geraucht. Es war wie früher. Und es ist anstrengend. Nachdem der eine Song im Kasten war, habe ich mich gefühlt, als hätte ich zuvor dafür ein Stück von mir rausbrechen müssen. Als ich gestern Abend zu Hause ankam, bin ich einfach nur noch ins Bett gefallen. Mir schmerzen immer noch die Fingerkuppen der linken Hand.

Mein Freund, der Produzzent
 
Das ziemlich hübsche Mädchen, das heute Morgen neben mir aufgewacht ist, verkündete mir, kurz, nachdem ich meine Augen geöffnet hatte, dass sie heute Nacht ein Foto gemacht hätte, während ich schlief. Nicht von mir, sondern vom Sonnenaufgang über der Förde. Die Kamera sagt, dass sie das Bild um 04:03 Uhr aufgenommen hat. Sie muss wach geworden sein, hat wahrscheinlich den Lichtschein durch die offene Balkontür gesehen und ist dann aufgestanden, um draußen ein Foto zu machen. Manchmal sind die Farben des Himmels so schön, dass sie einem auffallen.

Morning has spoken
 
Manchmal schießen mir aus dem Nichts Versatzstücke irgendwelcher Filme oder Lieder in den Kopf, die ich als Kind mal gesehen oder gehört habe, völlig zusammenhangslos. Ich erinnere mich dann an ein Bild, an eine Stimmung und fühle ein bisschen von dem, was ich gefühlt habe, als ich noch wusste, was ich da genau sah oder hörte. Vorhin ging es mir wieder so und diesmal es gelang mir sogar, den Zusammenhang zu kitten. Ich wusste nur noch, dass es sich um einen Zeichentrickfilm handelte. Irgendetwas mit Goldgräbern und Wölfen bei Nacht. Ich weiß noch, dass ich es sehr gemütlich fand'. Nach und nach konnte ich all das, was irgendwo in den Ecken meines Kopfes gespeichert war, wieder zusammensetzen. Nachdem ich die wichtigsten Punkte zusammengekratzt hatte, God bless Google, ist es mir gelungen, den Clip bei Youtube zu finden: DuckTales Folge 58. Gleich nach der Wende muss ich diese Folge auf Videokassette gehabt haben, und jetzt, wo ich sie sehe, nach bestimmt zwanzig Jahren, meine ich mich an jedes Detail erinnern zu können.


 
Gute Nacht,
A.   

Kommentare:

  1. Der Song im Kasten - der würde mich interessieren. Gibt es eine Chance, den zu hören?

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  2. Üblicherweise copy-paste ich keine Textstücke in die Kommentare, es erschiene mir jedoch frevelhaft, besagten besonders unterstreichenswerten Satz nur indirekt wiederzugeben, eben weil ich ihn so gelungen finde. Daher: "Nachdem der eine Song im Kasten war, habe ich mich gefühlt, als hätte ich zuvor dafür ein Stück von mir rausbrechen müssen."

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