Donnerstag, 19. Juli 2012

"...the waters around you have grown"

Scheiße, ich habe eben gesehen, dass das Auto weg ist. Ich meine den alten, weinroten Ford Fiesta, den man, mit einem Werbeschild auf dem Dach, auf dem kleinen Hügel neben der Esso-Tankstelle abgestellt hat, um ihn langsam verwesen zu lassen. Er stand seit ein paar Jahren dort. In mir breitet sich ein Gefühl von Leere aus. Ich bin nicht mehr oft in meiner Heimatstadt, aber wenn, dann ist das Auto, das Erste worauf ich achte. Ritualisiert blicke ich aus dem Beifahrerfenster, bis ich es endlich sehe. Dann war ich Zuhause. Und jetzt ist es weg. Sein einziger Zweck war es doch nur, dieses bescheuerte Werbeschild auf dem Dach zu tragen. Ich bin sicher, das hätte der Fiesta auch weiterhin geschafft.
 
Das Auto hat früher einem Freund von mir gehört. Ich habe nie ein Auto besessen, nie einen Führerschein gemacht. Aber aus irgendeinem tief verwurzelten Macho-Instinkt heraus habe ich mich mit den Autos meiner Freunde identifiziert. Ich war Teil des Teams. Und weil mich ständig alle durch die Gegend fahren mussten, habe ich unendlich viel Zeit auf den Beifahrersitzen dieser Wagen verbracht. Der Freund, dem der Fiesta gehört hat, war immer einer meiner besten. Ich erinnere mich noch an die erste Fahrt, die wir mit dem Wagen unternommen haben. Nachdem er seine Führerscheinprüfung bestanden hatte, bekam er das Auto von seiner Mutter. Wir waren beide aufgeregt. Doch bevor wir in die Weiten Mecklenburgs aufgebrochen sind, mussten wir uns dringend einen Adapter (Kassette zu MP3) besorgen, damit das Ganze auch den angemessenen Soundtrack bekommen würde. Der erste Song, den wir im Auto hörten, war "California" von Phantom Planet. Dann fuhren wir los. Die Sonne schien und die Felder leuchteten. In meiner Erinnerung ist irgendwie immer Sommer.

Unzählige Male hat er mich mit dem Fiesta durch die Gegend gefahren. Oft hat er mich morgens abgeholt und wir fuhren zusammen zur Schule. Ich war fast immer zu spät - er hatte fast immer miese Laune. Oft hat er mich zu irgendwelchen Freundinnen gefahren und wieder abgeholt, am nächsten Morgen. Wie oft stand ich irgendwo in der Pampa habe darauf gewartet, dass am Horizont einer scheiß Landstraße das bordeauxfarbene Auto erscheint, um mich wieder in Sicherheit zu bringen? Ich erinnere mich an eine Fahrt nach Rostock. Natürlich war Sommer. Die Heizung war defekt, und so haben wir uns fast zu Tode geschwitzt auf der Autobahn, während wir laut "Livin' on a prayer" mitbrüllten. Mir ist egal, ob das merkwürdig klingt. Irgendwann lernte der Fahrer, wie ich ihn jetzt mal nenne (das klingt so schön sherlockholmesmäßig), ein Mädchen kennen, und ging nach Berlin. Er verkaufte das Auto an die Idioten, die dem Fiesta dann das Werbeschild aufs Dach stellten. Und so blieb er dort stehen. Wie ein Denkmal für unsere Freundschaft und die wilden Jahre. Und was bleibt nun? Abdrücke im Gras, die der Wind mit der Zeit glättet.

Doch alles vergeht, nicht wahr? Der grau-verputzte Wohnblock, indem ich als Kind gelebt habe: abgerissen. Mein Kindergarten: abgerissen. Mein Hort: abgerissen. Meine Schule: abgerissen. Alles zerfällt und verschwindet. Was bleibt, sind nervige Anekdoten oder schwülstige Blog-Einträge. Trotzdem mag ich diese kleinen Sentimentalitäten. Und ich vermisse meinen Kumpel, den Fahrer des Fiestas. Wo immer du bist, alter Freund, ich hoffe, es geht dir gut.

A.

Kommentare:

  1. Du weißt schon dass Dich in Zukunft die leere Stelle neben der Esso-Tankstelle an den Wagen und Deinen Freund und eine schöne Zeit erinnert wird oder?! Ich wollte nur sicher gehen.
    Also kein Grund für Sentimentalitäten. Und trotzdem solltest Du natürlich gerne weiterhin über solche schreiben!

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    1. Du weißt doch aber, was ich meine. Sicher, der glanzlose Überrest von Liberty Island würde auch daran erinnern, dass da mal eine Statue gestanden hat - dasselbe ist doch trotzdem nicht.

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    2. Es fügt den Erinnerungen vielleicht einen kleinen süßen Schmerz hinzu. Was sie fast noch besser macht oder?!!

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    3. Ich weiß ja nicht. Das könnte aber fast 'ne Gaslight-Zeile sein.

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    4. Huch. Na das ist ja schon nahe an unheimlich ;-)
      Habe übrigens die "reinhören-Funktion" bei amazon mal genutzt. Klingt in meinen Ohren erstmal irgendwie nach Bruce Springsteen. Aber so kleine Ausschnitte sind ja oft nicht sehr aussagekräftig. Noch darf ich also offiziell hier lesen würde ich sagen.

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    5. Na siehste! Ich hab mir da aber auch keine Gedanken gemacht. Springsteen ist übrigens DAS Vorbild des Gaslight-Sänger. Die stammen aus der gleichen Gegend.

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