Sonntag, 8. Juli 2012

Wheatfields Forever


Leute, es tut mir leid. Immer, wenn ich mich abends hingesetzt habe, um etwas zu schreiben, war ich zu müde und/oder zu betrunken. Dies klingt, als hätte ich irgendwelche Probleme, was nicht der Fall ist. Vielmehr bedeutet es, dass ich in der Heimat bin. Ich sitze auf Terrassen, in Gärten und Wohnzimmern. Ich trinke Bier, Café und Coca freakin' Cola. Ich esse Gegrilltes, Kuchen und Erbsen. Dies ist ein günstiger Moment, denke ich. Der Rest sieht sich gerade irgendeine Scheiße mit sprechenden Hamstern an. Außerdem hat es mich irgendwie gestört, so lange nichts zu posten. Ich freue mich regelrecht, endlich wieder zu schreiben. Es hat mir gefehlt. Das bedeutet wohl, dass es mir irgendetwas bringt, das Ganze hier. Gehen wir nicht weiter ins Detail - das ist mysteriöser. 

Aber im Ernst: Ich liebe es unglaublich, Erbsenschoten aufzuknacken und zu essen. Das war früher schon mein absolutes Sommerhighlight. Und eigentlich ist es das noch immer. Scheiß auf Strand und die ganze Scheiße. Erbsenschoten! Es ist ungewohnt, mal länger als zwei Tage hier zu sein. Man nimmt sich fast wieder als Teil der alten Welt war - selbst, wenn die meisten der alten Freunde längst in anderen Städten leben. Jeder vierte Jugendliche macht keinen Schulabschluss in Wismar, meiner Heimatstadt. Der Rest verlässt die Stadt. Und das sieht man. Zumindest bilde ich mir das ein. Zwischen den Millionen von Rentern und Touristen, die im Normalfall auch Rentner sind, findet man kaum jüngere Menschen, denen nicht schon auf die Stirn geschrieben steht, dass sie, wie formuliere ich das höflich, nun ja, assige Dummbratzen sind. Die drei preußischen K's, möchte man meinen. Nur sind es hier: Köter, Kind und Kippe. Die Schere wird größer.

"White Dream" - Ja, das könnte auch mein Striperinnen-Name sein. Wir leben tatsächlich in einer Welt, in der Menschen weiße Erdbeeren wollen. Oder in einer, in der Menschen wollen, dass andere Menschen weiße Erdbeeren wollen.


In der Herrenabteilung des H&M beäugen mich zwei Typen in Jogginghose. Wie alt sie sind, kann ich nicht sagen. Die Klamotten sind aber nicht von hier, denke ich, während ich kurz zurückstarre. Sie sehen mich an, als wären sie ziemlich gefährlich. Ihre Unterkiefer stehen über. Neandertal-Zwillinge. Ihre Haut ist gebräunt und ihre Frisur uniform. In der Umkleidekabine stinkt es tatsächlich wie in einer Umkleidekabine. Beißender Schweiß. Ich fühl' mich wie nach dem Sportunterricht. Während ich mir gerade vorstelle, wer schon alles vor mir das T-Shirt anprobiert hat, ertönt Geschrei. Ohne die Saloon-Tür aufschwenken zu müssen, sehe ich die Familie vor mir; Mutti koordiniert gerade drei Kinder. Die Süßen brauchen neue Hosen. Die kleinen Jungs schlagen die Türen auf und zu und schreien sich gelangweilt an, während Papa genervt, aber ruhig darauf wartet, endlich weiterzuziehen, wahrscheinlich zum Jack Wolfskin Store. Ich beschließe, zu gehen, und während ich den Vater abwertend ansehe, brüllt seine Frau aus der Kabine: "So einen entspannten H&M hatten'we lang nich, ne?". Natürlich nicht. Ihr seid ja auch am Ende der Welt. Hier könnt ihr mit euren scheiß Kindern den ganzen verfluchten Laden lahmlegen. Hinter mir in der Kassenschlange steht so ein Mando-Diao-Look-A-Like-Spasti mit Strohhut und Sonnenbrille. Sie sehen alle gleich aus. Alle.

Die Kunst des Zufalls


Direkt vor der Tür des H&M laufe ich fast zwei Typen in die Arme, die, verkleidet als schwedische Soldaten aus dem 18. Jahrhundert, gerade über den Boulevard patrouillierten. Wismar war mal in Besitz der schwedischen Krone. Stadtgeschichte Bla. Ich hasse verkleidete Menschen. Keine Ahnung, warum. Ich habe noch immer ein Weihnachtsmanntrauma, glaube ich. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn man von irgendwelchen verkleideten Wichtigtuer-Wichsern angelabert wird. Wahrscheinlich kann ich auch einfach nicht nachvollziehen, woher das Selbstbewusstsein dafür kommt, so albern angezogen durch das Stadtzentrum zu laufen. Ich drehe mich weg und entdecke dabei einen Nazi, der vorm Imbiss Bier aus der Flasche trinkt. Er sieht auch herüber. Er hat sicherlich keine Ahnung, wer ich bin, aber ich erkenne ihn sofort. Der sah schon vor elf oder zwölf Jahren so aus, als er mit den anderen Idioten, deren Gegenwart auch immer ihre Zukunft war, auf dem Schulhof stand und rauchte. Ich erkenne jeden wieder. Ich vergesse keine Gesichter.

Den Rest der Zeit verbrachte ich damit, rumzuhängen, zu trinken und zu lesen. Also ganz anders als zu Hause. Mein Kopf ist ganz weich von der ganzen Sonne, und während ich mein Stück Erdbeertorte mit Schlagsahne esse, singt im Hintergrund Dolly Parton "I will always love you", schöner und persönlicher, als es Whitney jemals gekonnt hätte. In den Lokalnachrichten stand heute, dass meine alte Schulleiterin in Rente geht. Die Zeit schreitet voran - selbst, wenn sich hier alles wie früher anfühlt. Ich lese gerade "Luke und Jon" von Robert Williams. Ich hab's noch nicht ganz durch, aber bisher ist es ein ziemlicher Hauptgewinn. Lest es.

  
Morgen verlasse ich die sonnigen Terrassen Mecklenburgs wieder und kehre zurück in den Wind und den Regen Kiels. Home is where the heart is. Dann melde ich mich wieder. Ich leg mich jetzt ins Bett und erinnere mich selbst daran, warum die Spiderman-Trilogie scheiße ist.

Gute Nacht,
A.  


     

Kommentare:

  1. Verkleidete Menschen? An Karneval nur peinlich, ansonsten - ein Grund für mich dezent panisch zu werden und die Flucht zu ergreifen! Bei mir ist tatsächlich ein Überbleibsel einer Nikolaus-Veranstaltung im Kindergarten (so einen Mist merkt sich mein vergessliches Hirn leider). Ich war IMMER lieb und der blöde Knecht Ruprecht hat irgendwie anderes angedeutet und hat drohend mit seiner Rute gewedelt. Überlieferungen nach hat es ziemlich lange gedauert, das kleine Mädchen mit den weißen Locken und dem unschön vor lauter Kreischen rot angelaufenen Gesicht wieder zu beruhigen. Naja, so ganz beruhigt ist sie wohl immer noch nicht.

    Aber genug von mir, nun zu Dir. Wieder mal Du einen (?) Post verfasst, der die unterschiedlichsten Stimmungen toll rüberbringt. Und die höflichen Formulierungen entzücken mich jedes Mal aufs neue.
    Daher freut es mich besonders, dass Dir etwas fehlt, wenn Du nicht schreibst. Weil mir etwas fehlen würde, wenn ich hier nichts zu lesen hätte!

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