Montag, 27. August 2012

Am Ende der Nacht

Draußen fällt gerade ein mächtiges Gewitter vom Himmel, obwohl die Sonne nicht aufgehört hat, zu scheinen. Ich trinke eine Tasse Pfefferminztee und höre "29" von Ryan Adams, eines von drei Alben aus dem Jahre 2005. Ich erinnere mich noch genau, wie ich die Amazon-Verpackung aufriss. Draußen lag Schnee. Wenige Tage später war Weihnachten, dann Sylvester, dann der Weltuntergang. Keine Angst, ich wisch mir die Tränen aus dem Gesicht. 

Ich bin weder ein Teekenner, noch einer dieser nervigen Spasten, die sich ihren krümeligen Snob-Tee selbst aufbrühen, um damit anzugeben. Früher war ich sogar eher jemand, der (wenn überhaupt) irgendeinen billigen Himbeer-Vanille-Erdbeer-Tee mit 27 Löffeln Zucker trank. Doch dann entdeckte meine Mutter im Urlaub den Pfefferminztee aus dem Hause Eilles und zwang ihn mir auf, als ich einen Kater hatte, nach irgendeinem Grillabend in der alten Heimat. Seitdem trinke ich viermal die Woche eine riesige Tasse Tee - sogar ohne Zucker! Also wenn Sie, lieber Leser, zufällig Repräsentant der Firma Daboven sind, ich bin gern bereit in irgendeiner Form Werbung für Ihre Firma zu machen. Ich würde alles tun, um nicht mehr für das Zeug bezahlen zu müssen. Meine Spanne reicht von Werbebannern, über T-Shirts, bis hin zu Gesichtstätowierungen.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich erinnere mich partout nicht daran, wann ich zum letzten Mal die Sonne habe aufgehen sehen. Ich bin kein scheiß Vampir - ich wache einfach nur immer erst auf, wenn sie schon lang am Himmel steht. Ich meine aber so einen richtig schön langsamen Sonnenaufgang - nach einer durchgefeierten Nacht oder im Zuge einer frischen Romanze, wisst Ihr? Sich den Wecker zu stellen, würde einem solchen Zauber nicht gerecht werden und ihn stattdessen nur pervertieren. Ein paar Sonnenaufgänge dämmern jedoch in meinem Gedächtnis, wenn ich mich anstrenge.

Ich weiß nicht mehr genau, wie der Abend begann, an dem dieses Foto entstand. Es ist immerhin fünf Jahre her - zumindest sagt das der Ordner, indem ich das Bild fand. Ich meine mich dunkel daran zu erinnern, dass mich ein Kumpel aus dem Club, in welchem wir zu dieser Zeit fast jeden Freitag verbrachten, nach Hause fuhr. Als er mich auf der Auffahrt meiner Eltern absetzte und wir beschlossen, noch eine zu rauchen, laberten wir angesoffen und nostalgisch rum, so lange, bis aus einer Kippe vier wurden, wir wieder in's Auto stiegen und an den Strand fuhren. Wir hielten kurz an der Tanke, kauften zwei Six-Packs Bier und genug Zigaretten, um die Nacht zu überstehen und rasten schließlich durch die leere Stadt; vorbei an den düsteren Ruinen unserer Kindheit und vorbei an den Häusern voller schlafender Lemminge. Irgendwann bogen wir auf den schmalen Weg, der direkt zum Wasser führte.

Ich kannte den Platz von fast prähistorischen Schulausflügen und romantischen Spaziergängen. Ich neige bei so etwas zu Altbewährtem. Diesselben Cafés oder Kneipen beim ersten Treffen, diesselben Orte im Park, an denen ich Schluss machte. Never change a winning team. Zumindest war das damals so. Und so saßen wir den Rest der Nacht im Schilf und redeten über eine Vergangenheit, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch Gegenwart war; über Mädchen, über Fußball und Freundschaft, über Abenteuer, Zukunftsperspektiven und Nächte, die wie diese waren. Ein kleines Holzboot, das an einem morschen Pfahl befestigt vor uns im Wasser lag, dümpelte bedächtig vor sich in. Irgendwann begann der Horizont, in schrecklich vielen Farben aufzublühen. Langsam aber sicher begann die Welt wieder zu atmen. Ein paar Möwen schrien am Himmel. Wir sagten es zwar nicht, aber ich denke, wir waren uns beide bewusst, dass solche Momente in Zukunft seltener, wenn nicht sogar, verschwinden würden. Die Zukunft rief bereits nach uns. Wir standen auf, klopften unsere Klamotten ab, die klamm vor Morgentau waren, und fuhren los. Die Stadt war nicht mehr leer. Die Häuser waren keine Ruinen mehr. Achso, äh, Don't drink and drive und so. Als ich die Wohnungstür aufschloss, lief ich meinem Vater in die Arme, der sich gerade für die Arbeit fertigmachte. "Jetzt kommst du nach Hause? Du solltest mal über dein Leben nachdenken, du Chillbruder". Meine Mutter musterte mich böse, als ich die Tür zu meinem Kinderzimmer schloss, um endlich zu schlafen - wenn schon nicht aus Müdigkeit, dann zumindest aus Höflichkeit.
2007: "Irgenwann begann der Horizont in schrecklich vielen Farben aufzublühen"
Ein Sonnenaufgang fällt mir noch ein - nur ist der noch länger her. Es muss vor ungefähr acht Jahren gewesen sein; ich war noch ein Junge. Damals verbrachte ich all meine Wochenenden in einem kleinen Kaff nahe meiner Heimatstadt. Hier holte ich wirklich alles nach, was ich in den Jahren zuvor, mit Playstation und Bundesliga, verpasst hatte. Meine Haare waren wild und ich hatte angefangen zu rauchen, während ich immer schlechter in der Schule wurde. Flüchtige Bekannte aus einem anderen Nest kamen in die Stadt, bewaffnet mit Zelten, Fusel und Piece. Es war schon dunkel, als sie ihre Zelte auf einer ungeheuer großen Wiese am Rande des Ortes aufschlugen. Ich schlief nicht, wie vereinbart, bei einem Kumpel, sondern setzte mich an's Lagerfeuer der Freunde, die eigentlich eher Fremde waren, kannte ich doch nicht einmal die meisten ihrer Namen. Ich erinnere mich, Gitarre gespielt zu haben. Bestimmt das Standardprogramm: Angie, Where Did You Sleep Last Night, Wonderwall, Leaving On A Jetplane - was man halt so spielt bei solchen Anlässen, wenn man jünger ist.
Irgendwann fand ich mich in einem der Zelte wieder. Zu meiner Linken liegt jemand und schläft - keine Ahnung, wer. Zu meiner Rechten liegt ein Mädchen und ist wach. Wir sprechen nicht miteinander, aber wir haben auch Nichts zu sagen. Meine Hände sind in ihrem Schlafsack. Sie hatte prächtige Titten, das weiß ich noch. Draußen ließ sich dumpf das Gerede der Anderen vernehmen, garniert vom Geknister des Lagerfeuers. Ich weiß nicht mehr genau, warum, aber irgendwann stand ich auf und ging raus, zurück in die Welt. Ich glaube, draußen stritt und schrie jemand. Ich ließ das Mädchen, deren Namen ich nicht mehr weiß zurück, um der Sache auf den Grund zu gehen. Schwer gefallen ist es mir aber auch nicht.

Ich trat zurück an's Feuer und schnappte auf, dass ein Mädchen angetrunken abgehauen sei. Die eine Hälfte schien betrübt darüber zu sein, während die andere gackerte. War mir eigentlich egal, soll sie doch - aber als ich irgendeinen Trottel selbstüberschätzend sagen hörte, sie schneide sich bestimmt wieder in die Arme oder steche sich mit ihren Nadeln, stand ich auf, griff eine Taschenlampe und ging los, um sie zu suchen. Nicht, weil ich ein Samariter bin, es lag vielmehr daran, dass mich die Andern auf einmal ankotzten. Was kümmerte mich irgendeine hysterische Gothic-Schlampe?

Als ich sie fand, erfüllten sich alle beschissenen Prophezeiungen. Sie saß im Schneidersitz auf dem dunklen Boden der Wiese. "Geh weg!", sagte sie, halb heulend. Ich wette, sie wusste nicht einmal meinen Namen. Keine Schande, ich kannte ihren auch nicht. Ich leuchtete sie mit der Taschenlampe an, als wäre ich ein scheiß Bulle und sagte, sie soll zurück zum Feuer kommen, da sah ich, dass Fäden von Blut ihre Armen herunter rannen. Ich kniff meine Augen zusammen und verzog meinen Mund. Ich kann kein Blut sehen, aber ich schaffte es mich zusammenzureißen. Sie stach wirklich verfickte Häkelnadeln unter die Haut ihres Unterarms. Unglaublich, wie bescheuert sie war. Trotzdem wollte ich, dass sie damit aufhörte. Ich schrie sie einfach eine Weile an, das half mir nicht nur, sondern brachte sie tatsächlich dazu, aufzuhören. Was ich sagte, weiß ich nicht mehr. Sie packte die Nadeln weg. Sie hatte sogar ein beschissenes Etui dafür. Ich krampte eine Packung Tempos aus meiner Arschtasche und wir wischten ihre Arme ab. Sie heulte. Eigentlich war ich nicht einmal besonders nett zu ihr, weil ich so schockiert war. Außerdem ist diese pseudo-depressive Wichtigtuerscheiße unendlich bescheuert. Aber jetzt standen wir nun einmal hier, mitten in der Nacht auf einer dunklen Wiese am Ende der Welt. Sie sagte, dass sie nicht wieder zurückgehen würde, auf keinen Fall. Scheiße, ich hatte wirklich kein Problem damit. Und so verließen wir die Wiese und gingen Richtung Ort. Sie war nicht einmal heiß; ihre Nase war riesig und ihre Haare auffällig pechschwarz gefärbt. Bescheuerte Kinder der Dunkelheit. Riesige Nasen machen alles kaputt.

Wir verbrachten Stunden damit, Freunde von mir wach zu klingeln. Die einzige Tankstelle im Ort hatte seit 21:00 Uhr geschlossen. Gott schütze Mecklenburg. Eine Freundin gab uns Pflaster, nachdem ich sie geweckt hatte. Wir müssen unendlich viele Kilometer gelaufen sein. Eine andere Freundin reichte uns Joghurt und Äpfel durch's Fenster nach draußen. Dann brachte ich sie an den See. Nachdem ich ununterbrochen geredet hatte, damit sie nicht mehr weinte, verstummte ich, um sie reden zu lassen. Wir setzten uns auf den Steg und ich hörte ihr zu. Sie gab wirklich nur Scheiße von sich, nur: Bla, ich bin so verliebt. Bla, er versteht mich nicht. Bla, meine Eltern verstehen mich nicht. Bla, der Schmerz hilft mir - dieser ganze Scheiß aus dem Ratgeber für nervige Teenager-Fotzen in schwarzen Klamotten und dämlichen Pentagrammen um den Hals.

Ich antwortete irgendwann, dass sie das bestimmt nicht ewig so sehen würde; dass sie auf den Typen scheißen solle, wenn er nichts von will; dass sie verfickt nochmal damit aufhören solle, sich Nadeln in die Arme zu stecken und dass es nicht immer regnen könne. Sie hörte garantiert nicht auf mich, machte am nächte Tag wahrscheinlich weiter, wie zuvor, aber als die Sonne langsam über dem See aufging und die Welt wieder zu atmen begann, erschien es mir, als hätte ich meine Zeit nicht verschwendet. Es war wunderschön hier. Schon als Kind hatte ich hier mit meinen Freunden gebadet. Der ganze See von einem riesigen, dichten Wald umrandet. Sie stand auf und ich begleitete sie noch ein Stück des Rückwegs. Ich weiß weder, wie sie hieß, noch habe ich sie jemals wieder gesehen. Ich frag' mich, ob sie sich überhaupt an diese merkwürdige Überschneidung unserer beider Leben erinnert. Sie ging zurück zu ihren Freunden, während ich mich in eine Bushaltestelle setzte und einschlief.

Es wird Zeit, der Sonne endlich mal wieder beim Aufgehen zuzusehen. Nur nicht heute.

Gute Nacht,
A.      

Kommentare:

  1. Wie ich es hasse, wenn solche Psychos ihre stummen Hilfeschreie immer genau dann ablassen, wenn andere es sich gerade "nett" machen.
    Vielleicht sollte man Visitenkärtchen eines Psychiaters parat haben, um in solchen Situationen adäquat handeln zu können. Nämlich statt verständnisgeheucheltem Gequatsche, einfach das Kärtchen zustecken und die Biege machen.

    Ach ja, Sonnenauf- & untergänge werden überbewertet.
    Kennste einen, kennste alle.
    Auf- & untergehen ist der Sonne Job.
    Ich werde auch nicht für jedes Wort, das ich tippe von meinem Chef fotografiert und gelobt.
    Gebe aber zu: Das 2007er-Pic ist schööön.

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    1. Ich sehe den Bundesligaprofis aber auch ziemlich gern bei ihrer Arbeit zu.

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  2. gegen eine gesichtstätowierung besorg ich dir das zeug :)

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