Sonntag, 19. August 2012

Das Ende der Welt

Wolken sehen auch gut aus, wenn man Fotos von ihnen nicht bearbeitet

6:34 Uhr. Die Sonne scheint durch das Fenster direkt auf meinen linken Fuß, der unter der Bettdecke hervor guckt und nun grell und weiß leuchtet, als wäre er aus Kreide. Solarien sind 'was für Schwuchteln. Strände auch - zumindest, wenn die Sonne scheint und es warm ist. Für kurze Zeit hallt immer wieder ein Knallen durch den Innenhof. Intuitiv sehe ich vor meinem inneren Auge eine Frau ihren Fußabtreter gegen einen Laternenpfahl schlagen, wie früher. Jedes Wochenende schien sich dieses Schauspiel in unserem Wohngebiet zu wiederholen, während wir auf den Bürgersteigen spielten, Fußballkarten tauschten oder Fahrradfahren lernten. Der Wetterbericht hat Schreckliches vorhergesagt, und so hielt ich es für eine gute Idee, den Tag, statt am Strand oder im Park, im klimatisierten Einkaufszentrum zu verbringen. Konsum gegen Kummer. Die Hoffnung, dass es dort leer sein würde, war natürlich trügerischer Natur, meine sehr verehrten Damen und Herren.

11:10 Uhr. Auf der Fahrt kommt man auch an einem Ikea vorbei. Es ist noch nicht einmal Mittag, doch alles ist schon so voll, dass die Leute auf dem letzten Ende des Parkplatzes parken, gefühlte zwei Kilometer vom aufgesetzt duzenden Eingang entfernt. Irgendwann müssen Menschen, die in den Städten ohne einen eigenen Ikea wohnten, angefangen haben, wie Planeten um eine Sonne zu kreisen. Pervertierte Wochenendausflüge mit den Kleinen waren die Folge; schwedisches Frühstück, Kaufen, Mittag im firmeneigenen Restaurant, Kaufen, ewiges Irren durch die surrealen Regallabyrinthe der Warenausgabe, Hotdog-Essen, Schwedenshop, Heimfahrt - in den meisten Fällen wahrscheinlich nur, weil man eine neue Klobürste und eine Schreibtischlampe kaufen wollte. Ich habe nie verstanden, warum die Leute mit so einer Heiligkeit von diesem Ort sprechen, und ihre Ausflüge dorthin so glorifizieren, als fahren sie in einen beschissenen Freizeitpark, immer wieder zum ersten Mal.

Versteht mich nicht falsch, ich bin keiner dieser veganen, naturliebenden Idealismus-Idioten, die in Sepiafarben in ihrer umweltverpestenden Benzinschleuder von VW-Bus durch unsere wunderbare Welt fahren, um neue interessante Orte und Menschen kennenzulernen und die graue kapitalistische Todesroutine zu verdammen, während sie sich selbst dabei so sehr in ihrer Rolle gefallen und glauben, in einem scheiß Musikvideo vom verfickten Jack Johnson zu leben (Alexander Supertramp is dead, bitches!); ich schätze Ikea sehr - schließlich bin ich nicht gerade reich. Und mit Ikea verhält es sich wie mit H&M: Mit wenigem finanziellen Aufwand lässt sich der Eindruck von gutem Stil erwecken. Sowas mögen die Leute; so tun als ob. Damit es bei uns zu Hause auch so aussieht, wie bei den reichen Leuten im Fernsehen. Damit ich genauso schick und lässig aussehe, wie die ewig-jungen Schauspieler und Musiker, wenn sie, von Paparazzi belagert, über den Santa Monica Boulevard schlendern. Wie lang der ganze Krempel hält, und wo er herkommt, ist doch schon längst scheißegal. Die Intervalle haben sich doch bei allem verkürzt. Was scheren uns irgendwelche jungen Mädchen in Kambodscha, die unsere Vintage-Sweatshirts und 60'er-Sommerkleidchen zusammenfriemeln, um ihre nur drei Jahre jüngeren Kinder zu ernähren? Vertrauen kann man doch sowieso niemandem mehr. Nicht mal dem WWF! Und letztendlich ist es doch wie Büchern, Filmen und Musik: Der Erfolg gibt allen recht. Würde Ikea auch noch Schlafmöglichkeiten anbieten, würden viele dort wohlmöglich sogar ihren dämlichen Urlaub verbringen. Und allein in Kiel gibt es inzwischen mehr H&M-Filialen als Altkleidercontainer. Andere Möbelhäuser und Modeketten wirken, wie aus der Zeit gefallen. Und ernsthafte Alternativen, die unserem Stilgefühl noch schmeicheln, sind längst unerschwinglich geworden, bedenkt man, in welch kurzen Zeitabständen wir inzwischen Klamotten kaufen. Wir sind gut konditioniert und unsere Seelen gehören dem schwedischen Unternehmertum. Der Preis, den wir, neben den Paar Euro, der Heuchelei und dem Verlust an Möglichkeiten zahlen müssen, ist lediglich der, dass wir in den Kleiderschränken und Wohnzimmern unserer Mitmenschen immer wieder dem eigenen, höchst individuellen Geschmack gegenüberstehen, wieder und wieder.

Die Frage, die übrig bleibt: Wer ist denn nun der größere Heuchler? Derjenige, der sich all dessen bewusst ist, und trotzdem dort kauft, oder derjenige, der sich darüber freut, was für einen guten Geschmack er hat, und wie sehr er doch wie irgendein Hollywood-Arschloch aussieht, obwohl er nur ein beschissener Student oder Einzelhandelskaufmann in der Lehre ist?

11:16 Uhr. Eine Gruppe Dänen kommt aufgeregt und mit prall gefüllten Wagen vor sich aus den Toren des Einkaufszentrums gerannt. Ihre Augen leuchten vor Euphorie und Abenteuer, und sie quatschen wild durcheinander. In etwa so müssen meine Eltern ausgesehen haben, als die Mauer gefallen war und sie zum ersten Mal nach Lübeck fuhren, um mit ihrem wenigen Geld zu shoppen (damals sagte man noch "einkaufen"). Ungefähr so muss auch ich ausgesehen haben, als meine finstere, reiche Großtante mich kurz nach der Wende mit in einen Spielzeugladen in Hildesheim nahm, mir sagte, dass ich mir eine Sache, egal welche, würde aussuchen dürfen, und mich dann in die endlosen bunten Regalen schickte, die mich vor unbekannten Reizen fast explodieren ließen. Ich entschied mich damals für ein ferngesteuertes Auto, eines ohne Kabel (!). Dass ich mir auch durchaus etwas größeres hätte aussuchen dürfen, habe nicht einmal begriffen. Ich meine, das Auto war ferngesteuert! Ferngesteuert! Na gut, Dänemark ist nun kein bekacktes Dritte-Welt-Land und auch keine graue sozialistische Utopie, aber es ist schon skurril, mit welcher Hingabe, Skandinavier einen H&M (!), einen Media-Markt oder die Spirituosenabteilung im Citti leer kaufen. Dort sind die Preise höher und das Angebot kleiner, hoch oben im Norden.

Ich rauche noch eine, bevor es richtig losgeht. Massen strömen an mir vorbei: Familien, Paare, Typen mit Poloshirts, hochgeklappten Kragen, hässlichen Tattoos und Sonnenbrillen, Mädchen in Hotpants, deren wabbelige Beine, der Oberfläche eines Golfballs gleichen. Das Café neben dem kümmerlichen Springbrunnen, durch den immer wieder lachende Kinder laufen, um sich nass zu spritzen, ist brechend voll, und der südländisch aussehende Kellner in einem schwarzen V-Ausschnitt-Shirt in Kindergröße hat große Mühe, sich durch die Reihen zu schlängeln und dem sitzenden Pack einen weiteren Frappu-fucking-ccino mit Sojamilch aufzuquatschen.

Und doch, es erfüllt mich hier. Für kurze Zeit blende ich all die Schwanzgesichter um mich herum aus und kaufe. Ich kaufe und kaufe. Anders als andere Typen hatte ich nie ein Problem mit dem Einkaufen, selbst, wenn es um Kleidung geht. Ich probiere neues Zeug an, berate meine Begleitungen, entdecke Schnäppchen und freue mich schon an der Kasse darauf, den ganzen neuen Scheiß zu tragen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Ich habe übrigens auch kein Problem mit langen Telefonaten und kenne mich noch dazu überhaupt nicht mit Autos oder Motorsägen aus - ich bin ein Traummann, wie er in der InTouch steht.

Fashionblog Alert
Im H&M sieht Cobain von einem T-Shirt auf mich herab, als ich das Angebot an Winterjacken sondiere, an einem der heißesten Tage des Jahres. Das muss das Ende der Welt sein. Die Stones, die Beatles, Guns & Roses, Bambi, Micky Mouse und Cobain. Ein Atemzug. Sie alle sind ikonenhafte T-Shirt-Motive für Hipster geworden. Hätte das jemand Cobain vor zwanzig Jahren erzählt, hätte er sich vermutlich umgebracht. Ich kaufe eine Winterjacke, mit der ich auch problemlos im England der 70'er Jahre zur Fuchsjagd gehen könnte und ein blaues Sweatshirt ohne Print, das eher aussieht, als hätte es jemand während der Grunge-Ära getragen, als das es neu wäre. Kein Gedanke an Kambodscha.

Im Citti fressen wir uns durch alle Abteilungen. Gott segne Probierhäppchen. Ich koste vier verschiedene Sorten Paprika, zwei Sorten Melone, zwei Sorten Käse, einen amerikanischen Burger und frisch gegrillte Bratwurst mit Käsefüllung. Ich kaufe tatsächlich ein teures Stück Käse und fünf dieser Bratwürste. Bratwurst für fünf Euro - egal.

Im Media-Markt löse ich meine Schuld gegenüber The Gaslight Anthem ein, indem ich alle mir fehlenden Alben kaufe (so richtig), die mich doch schon seit Jahren begleiten. Würden das alle so machen, hätte die Musikindustrie auch nicht so einen Stock im Arsch. Man hört rein, kostenlos im Internet, und dann kauft man es, wenn es einem denn gefällt. Na gut, es dürfen natürlich keine Jahre dazwischen liegen. Ist doch auch was für's Angeber-Regal. "Ich besitze jetzt "The '59 Sound"!" -  seht mal, was ich für einen guten Geschmack habe. "Komm, hören wir es in dem schicken Radio im Retro-Design", dass ich mir gerade gekauft habe.

16:01 Uhr. Ich schleppe drei pralle Einkaufstüten (Gentleman der alten Schule), meine Waden ziehen und ich verfüge nicht einmal mehr über die nötige Motivation, um dem Ritual entsprechend in den Weiland zu gehen. Momentan scheint mich jedes Buch nach fünfzig Seiten anzukotzen - was soll ich also da? Ich will mich endlich wieder völlig in einem Buch verlieren, mich verlieben und davon besessen sein - wie damals, als ich "Der Schatten des Windes" las; "Katzentisch" auch so ein Buch und "Das Bildnis des Dorian Gray" und "Der Fänger im Roggen" und "Eine Studie in Scharlachrot" ebenso. Mir fehlt der Zauber dieser Bücher, der einen die ganze Nacht lesen lässt, völlig losgelöst von Müdigkeit und der Wichtigkeit des nächsten Morgens. Scheiße, ich war jedenfalls nicht im Weiland.

0:51 Uhr. Das angesoffene Gelächter irgendeiner alten Schlampe hallt durch die Dunkelheit. Es klingt wie das Lachen der Hexe aus einem dieser alten russischen Märchenfilme. Immer wieder bellt sie vor Heiterkeit, während der Rest der beschissenen Gartenparty ihren scheiß Background-Chor spielt, der sie und ihre grässliche Stimme voller alberner Dummheit hartnäckig umrahmt. Behinderte Wichser. Achtlos schreien sie vor traurigem Ausnahme-Spaß und Litern von Jägermeister, während alle Wohnungen, die an den Innenhof grenzen, dieses peinliche und verzweifelte Schauspiel mit anhören dürfen. Bässe hämmern durch die Nacht. Die gealterten Lacher passen nicht zum Takt der Bassdrum und wirken irgendwie deplatziert. Das dumpfe 4/4 Gehämmer, eines, der sechshundertsechsundsechzig Andrea-Berg-Songs, wäre eigentlich passender, als diese Nähmaschinen-Rhythmik, die eher nach Trance-Party klingt. Kurze Stille. Feuerwerk - natürlich. Kein beschissener 50. Geburtstag ohne ein minderwertiges, bescheuertes Pyrogefurze aus dem Internet. Als ich kurz vor dem Einschlafen meinen MP3-Player einschalte, um dieses grässliche Scheiße nicht mehr hören zu müssen, säuselt mir Angus Stone ins Ohr, dass dies das Ende der Welt sei.

A. 

Kommentare:

  1. Ich lese diesen Post jetzt schon zum dritten Mal und finde immer wieder Stellen, zu denen ich meine ganz eigenen Gedanken habe. Nicht selten sind diese offensichtlich ziemlich gegensätzlich zu Deinen.
    Was letztendlich bleibt, jedes Mal, wenn ich den Post zu Ende gelesen habe, ist die Frage, wie ein Mensch sein muss, um vor Deinem kritischen Auge zu bestehen. Und ob es überhaupt solche Menschen gibt.

    Trotzdem hier noch ein paar meiner Gedanken:

    1. Ich finde Fotos in unbearbeitet immer am schönsten.
    2. Stil hat nichts mit Geld zu tun.
    3. Du scheinst im Lotto gewonnen zu haben. Glückwunsch!
    4. Mit Büchern geht es mir gerade ganz ähnlich wie Dir. Und dabei habe ich noch so viele liegen, die gelesen werden wollen. Sie werden auf die dunkle Jahreszeit warten müssen nehme ich an.
    5. Ich mag Jack Johnson, bewundere Veganer und wünsche mir für mich so manches Mal eine größere Portion Idealismus.
    6. Beim Thema Ende der Welt habe ich gleich R.E.M im Ohr gehabt.

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    1. Niemand besteht vor meinem Auge - nicht einmal ich selbst. Niemand ist perfekt oder heilig. IADST ist Zorn und Dystopie; fieser, nackter Realismus und traurige Satire, oder? Ich bin kein Soziopath und laufe auch nicht durch die Straßen, um Leute anzuschreien und ihnen zu erkären, wie falsch und hässlich sie alle sind. Doch muss ich zugeben, dass das oft meine Gedanken sind. Ich lasse hier eben alles 'raus, wie bei 'nem Boxsack.

      Um draußen vor meinem Auge zu bestehen, braucht es fast nichts; eben nur Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, und die Einhaltung des "Kategorischen Imperativ". Außerdem sollte sich niemand zu ernst nehmen oder ein langweiliges Arschloch sein. Aber wie gesagt, diesen Ansprüchen werde ich auch nicht immer gerecht.

      Außerdem:

      1. Das war auch so gemeint.
      2. Natürlich nicht. Meine Kritik bezog sich auf Idioten, die denken, dass es so wäre. Außerdem ging es eher um den selbst auferlegten Mangel an Möglichkeiten und Rock'n'Roll-Uniformen.
      3. Nein, habe ich nicht. Ich bin noch immer auf der Suche nach 359 €. Hast du eine Goldwaage gewonnen?
      4. Das hoffe ich auch.
      5. Ich habe nie behauptet, Jack Johnson nicht zu mögen - wie könnte ich auch? Jeder mag Jack Johnson, vor allem im Sommer. Jeder mag Jack Johnson! Ich bewundere auch Gewichtheberinnen - trotzdem finde ich es irgendwie dämlich. Ich bin ein Idealist, sonst würde ich mich über gar nichts mehr aufregen.
      6. Ich auch, aber R.E.M. habe ich, glaube ich, noch auf 'nem Discman gehört.

      Ich habe länger über deinen Kommentar nachgedacht. Ich hoffe, meine Reaktion war zufriedenstellend und lässt mich nicht als getroffenen Hund zurück.

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    2. Zufriedenstellend? Darum ging es mir nicht.
      Ich nehme dann mal meine Goldwaage wieder mit...

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  2. ...ist es die Schwäche die uns diesen erkennbaren Scheiß dennoch mitmachen lässt...??

    Ein gutes Buch ist Gold wert. Ich glaube, ich habe noch nie spontan ein Buch in einem Buchladen gekauft. Ich hätte viel zu große Angst vor einem Missgriff.
    Das Mahabharata (diese Fassung http://www.amazon.de/Mahabharata-Kurzfassung-Krishna-Dharma/dp/9171494553/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1345545817&sr=1-1) wird momentan mal wieder von mir gelesen und ist ein großer Lichtblick für mich und mentaler Rettungsanker in dieser Welt von Nichtigkeiten, Oberflächlichkeit, Geschmacklosigkeit und Untugend. Vielleicht ja auch was für dich.

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