Dienstag, 14. August 2012

Der talentierte Mr. Lexley

Willkommen im Angesicht des sicheren Todes, liebe Freunde. Ich bin der König der Titel. Ich habe mich auf den Balkon gesetzt und komme mir düster vor. Bedrohliche Dunkelheit bevölkert alles, was ich sehe. Irgendwo krächzen Krähen und mit dem Wind weht "Que Sera, Sera" und das Gelächter einer Party im Freien zu mir auf den Balkon. Ich komm' mir vor wie in einem szenigen Film. Was mir noch fehlt hier draußen, ist eine alte Underwood-Schreibmaschine und das Licht einer Kerze. Doch Nostalgie hat keinen USB-Port, und ihr könntet dann auch nicht lesen, was ich mir aus den Rippen leiere. Zurück zur Tagesordnung.

Liebes Tagebuch,
als ich aufwache, ist es 07:00 Uhr, was bedeutet, dass ich erst seit weniger als fünf Stunden schlafe. Mir ist schrecklich warm, in meinem alten Kinderzimmer riecht es wie in einem Schlangenhaus und in meinem Kopf liegt ein riesiger Ziegelstein, zumindest fühlt es sich so an. Ich mühe mich hoch und gehe langsam und holperig in die Küche. Die Sonne scheint so grell, dass ich meine Augen zusammenkneife, während ich die Kopfschmerztablette schlucke und anschließend ein Glas Leitungswasser hinterher schütte. Gute Reise, kleiner Freund, gute Reise. Die Küche meiner Eltern ist aufgeräumt und riecht nach Vergangenheit, so ruhig und in das Licht der Sonne gehüllt. So muss ein Komatraum sein: All die vertrauten Orte, getaucht und schläfriges Licht. Nur sind sie einsam, und es fühlt sich an, als stehe man in einem alten Foto. Alles hier hat eine innere und feste Ordnung. Meine Mutter sortiert ihre Teelöffel sogar nach Herkunft - in Reih' und Glied liegen sie in der Schublade, bereit zum Fahnenappell, wie eiserne kleine Soldaten. Jeder hat seine Leichen im Keller. Alles schläft noch, während ich benebelt nach draußen in den Garten starre, ohne die heilige Ruhe des Morgens einer langen Nacht zu stören. Ich kann mich nicht daran erinnern, wieder in mein Bett gegangen zu sein, doch genau dort wache ich drei Stunden später auf. Die Kopfschmerzen sind noch da.

Ich war nachts auf dem Rückweg von einer Geburtstagsparty, als ich von einem Nachbarn meiner Eltern auf die Terrasse gewunken wurde, um noch etwas zu trinken. Meine Eltern waren auch noch da. Kleinstädte sind tückisch, aber herzlich. Ich weiß nicht, wie viel ich vorher schon getrunken hatte, aber es hat ausgereicht, um mich zu einem uncharmanten und lauten Großmaul zu machen. Das ist so lange in Ordnung, wie ich mich nicht an Diskussionen über Dinge beteilige, die ich eigentlich hasse. Denn nun, enthemmt und frei, sage ich, was ich wirklich denke, ohne Skrupel und ohne Pardon. Zugeben, das ist mindestens genauso unterhaltsam, wie es verletzend ist, doch geht es manchmal nach hinten los, während ich nicht mitbekomme, dass ich mich wie das Arschloch benehme, dass ich im Verborgenem natürlich immer war. Worte sind meine Freunde, und wenn ich wütend bin, fliegen sie mir zu und ich rede mich in Rage. Ich bin außerordentlich treffsicher, wenn es darum geht, jemanden zu verletzen - oft sogar, ohne, dass es mir bewusst ist. Noch bin ich mir nicht so richtig sicher, wo ich das mal gebrauchen könnte.

Ich hasse es zum Beispiel, wenn jemand behauptet, dass Darkwing Duck in gleichem Maße ein Superheld wäre, wie Batman, denn das ist gottverdammter Schwachsinn! Er ist eine verfluchte Disney-Figur und vor allem ist er eine scheiß Ente! Eine Ente, ok? Er ist eine Ente! Kein Superheld. Eine scheiß Superhelden-Ente vielleicht, aber kein gleichwertiges Pendant zu richtigen Superhelden wie Batman, Superman, Spawn oder Spiderman. Ja, richtige Superhelden. Ist Mighty Mouse denn nun auch ein scheiß Superheld? Nein, er ist eine verfickte Maus, eine Superhelden-Maus für sabbernde Kleinkinder und Zurückgebliebene!

Als der Gastgeber mir sagte, dass ich mir unbedingt "Ziemlich beste Freunde" im Kino ansehen müsse, wusste meine Mutter bereits, was die Stunde geschlagen hatte und bat mich auszutrinken, damit wir gehen können. Ich glaube, sie sieht das in meinen Augen - die verraten mich immer. Außerdem hat sie mich beim Fußballgucken schon Dinge über die Mitspieler der gegnerischen Mannschaften sagen hören; böse Dinge, die dafür gesorgt haben, dass ich mit meinem Vater nicht mehr auf der Terrasse die Spiele sehen darf. Als ich gerade damit beginne, zu erklären, dass mir Filme wie diese schon durch das Gelaber der ganzen Assis verdorben werden, bevor ich sie überhaupt gesehen habe, und dabei die Worte "ge-hangover-t" und "ge-king-of-queens-t" (Neologismen, für die ich mir jetzt noch selbst auf die Schulter klopfe) benutze, stehen wir auf, um zu gehen. Beim Verabschieden sage ich noch mehr als einmal: "Das ist doch genau wie bei scheiß Avatar! Da haben auch alle gesagt, der sei genial, dabei war es nur dämliche Wichse - und James Cameron ist ein Arschloch".

Auf dem kurzen Nachhauseweg lalle ich meiner Mutter ins Ohr, dass "Ziemlich beste Freunde"-Gucken in etwa so sei, "als ficke man 'ne vielleicht scharfe Tussi, von der man jedoch mit Sicherheit weiß, dass sie vorher mit vielen, vielen, vielen Asozialen gevögelt hat. Das verdirbt das doch irgendwie, nicht?" Puh. Früher war ich mal charismatisch, wenn ich etwas getrunken hatte, jetzt bin ich nur noch irgendwie bescheuert und zynisch - oder umgedreht. Und trotzdem; irgendetwas sagt mir, dass es nicht an mir liegt, sondern daran, dass alle so behindert sind; dass alle so einen Scheiß denken und reden, und sich dabei so verfickt wichtig nehmen. Ich habe nur irgendwie den Weg aus den Augen verloren, darüber hinweg zu sehen. Es liegt also doch an mir, oder? Versteht mich nicht falsch, ich klammere mich da keineswegs aus. Ich bin auch nur ein Vollidiot, der glaubt der Nabel der scheiß Welt zu sein und in einem Drehbuch zu leben. Das Zentrum des Universums, "l'enfer c'est les autres" und so. Ich geh' mir da auch selbst auf den Sack. Aus irgendeinem Schutzreflex heraus bilde ich mir jedoch ein, Klarsicht zu haben, die Dinge zu durchschauen, kein blinder Lemming zu sein. Wahrscheinlich rede ich mir das aber nur ein, um mich nicht mies zu fühlen. Und es klappt! Ich bin super, während alles verrottet und nach Lügen stinkt.

Ich versuche mir einfach Mühe zu geben und kein Idiot zu sein, doch dabei wird alles oder ich nur immer lächerlicher und bescheuerter, während ich vermutlich ein immer größerer Idiot werde.

Natürlich war das alles nicht mein Ernst, ich schlafe einfach nur zu wenig momentan,

oder?

A.        

Kommentare:

  1. Mitläufer machen und mögen was die Mehrheit macht, weil sie Angst haben anders zu sein.
    Bist Du ein Mitläufer? Ich wage zu behaupten Du bist es nicht. Was also spricht dagegen, Dir einen Film anzusehen, den viele für gut befunden haben? Natürlich immer vorausgesetzt, das Thema des Films spricht Dich überhaupt an. Letztendlich lässt Du Dich also vielleicht von vielen vermeintlichen Mitläufern davon abhalten, einen Film zu sehen, der Dir gefallen könnte. Ich finde das solltest Du Dir nicht nehmen lassen!
    Das ist ein bisschen wie in der Mode (eines Deiner Lieblingsthemen, ich weiß). Warum nicht etwas kaufen, was einem gefällt, nur weil es gerade "in" ist? Ich mache das, wenn denn mal etwas "in" ist, was mir zusagt. Weil es in einer Woche, einem Monat oder einem Jahr wieder total unmodern ist und ich es immer noch gerne trage.
    Genauso handhabe ich es mit Filmen, mit Büchern, mit Musik, Veranstaltungen und vielem mehr. Weil nicht immer schlecht sein muss, was die Masse gut findet.
    Und ganz ehrlich, mir ist es lieber die Masse begeistert sich für Filme wie ziemlich beste Freunde als sich Saw eins bis tausend anzusehen!

    "Worte sind meine Freunde, und wenn ich wütend bin, fliegen sie mir zu und ich rede mich in Rage. Ich bin außerordentlich treffsicher, wenn es darum geht, jemanden zu verletzen - oft sogar, ohne, dass es mir bewusst ist." Das erinnert mich sehr stark an eines meiner Lieblingslieder - Das zweite Gesicht vo Peter Fox. Und ich glaube, jeder von uns hat dieses zweite Gesicht. De Unterschied liegt wohl darin, wie man damit umgeht. Der eine lebt es aus, ohne Rücksicht auf Verluste. Der andere unterdrückt es komplett und kriegt vielleicht irgendwann Magengeschwüre deswegen. Und die breite Masse bewegt sich wohl irgendwo dazwischen.
    So lange Dir bewusst ist, was Du mit Deinen Worten anrichten kannst, ist noch alles im grünen Bereich. Allein Dein Gedanke, wozu Du diese (oft verletzende) Gabe mal nutzen könntest, macht mir ein bisschen Sorgen...

    Und nenne Dich nicht immer wieder Idiot, ich mag das nicht!

    AntwortenLöschen
  2. Hejhej!

    Es gibt sie noch, die Blogs, die aus Texten bestehen! Als ich vor so ungefähr 6 Jahren damit anfing, Blogs zu lesen, war das Gang und Gäbe. Ich hab anscheinend den Punkt nicht mitbekommen, an dem Blogs zu öffentlichen Fotoalben wurden.
    Danke, dass man sich durch deinen Blog nicht innerhalb von 5 Minuten durchgeklickt und 10 mal das gleiche Kleid oder den superduper coolen Nagellack (den man unbedingt braucht!!!) gesehen hat.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gern! Freut mich, dass du es genauso siehst.

      Löschen
  3. Wunderschöner Blog;)

    Love. Kimberley von http://daydreamerdaydreamer.blogspot.de/

    AntwortenLöschen
  4. wie hat deine mutter eigentlich auf deinen kommentar auf dem nachhauseweg reagiert?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich denke, eher verständnislos.

      Löschen
  5. übrigens, der film ist wirklich gut. ; )

    AntwortenLöschen