Donnerstag, 2. August 2012

Die Leuchtturmtagebücher: Tag 4

Mit letzten Tagen ist das so eine Sache. Es ist nicht mehr wie zuvor, wenn du weißt, dass du am Abend wieder im eigenen Bett liegen wirst. Es ist nicht mehr dasselbe, wenn du dich von allem verabschiedest, was du siehst. Letzte Tage sind immer mit Melancholie verbunden - schließlich sind es Abschiede. Und Abschiede sind eben scheiße, soviel ist sicher. Ein letztes Mal mit Gefühl: Dies sind die Leuchtturmtagebücher.

Die Leuchtturmtagebücher

Tag 4:


Das Erste, was ich sehe, ist ein von Wolken verhangener, dunkler Himmel. Der Wecker hat noch nicht geklingelt, aber ich weiß instinktiv, dass er kurz davor ist, es zu tun. Es liegt bereits in der Luft, die Stille, bevor mein Handy die Faded Paper Figures "B Film" immer lauter singen lässt. Ich streife mir schnell meine Klamotten über und schließe die Tür leise hinter mir. Im Treppenhaus hört man die Menschen; ihr Packen, ihr Gerede. Ich nicke der Empfangstussi zu und gehe erst einmal vor die Tür, um eine zu rauchen. Französisches Frühstück vor dem Frühstück: Gauloises. In einem gläsernen Anbau sitzt die Gemeinde aus Touristen, isst und quatscht, lacht und herzt. ein riesiger Mann stapft immer wieder labernd durch die Gänge und füllt Kaffee auf. Das muss der Hausherr sein. Er sieht schon aus, als würde er einem auf den Sack gehen: Ein riesiger Pseudo-Seebär, der auch auf dem Fischmarkt Passanten vollquatschen könnte, mit 'nem Aal in der Hand. Unangenehm. Unten, im Foyer, hängen drei gerahmte Urkunden an der Wand. Als ich nähe trete und die fernöstlichen Zeichen darauf sehe, muss ich schon schmunzeln; asiatischer Naturheilkundeschwachsinn. Der Hausherr ist offensichtlich ein Meister im Reiki. Ja, er hat den ersten, den zweiten und den dritten Grad (Meistergrad)! Nicht schlecht, oder? Und das auch noch innerhalb von drei Monaten. Ich würde jedem sofort meine Wirbelsäule anvertrauen, der sich im Rausch eines beknackten Midlife-Crisis-Esotherik-Trips sein Geld für so einen Dünnschiss hat aus der Tasche ziehen lassen. Andere kaufen sich ein Motorrad - der Hausherr wird Homo-Miyagi. Wahrscheinlich hatte er selbst einen Bandscheibenvorfall oder so und hat im Zuge dessen, von alternativen Heilmethoden im Internet gelesen. Und nun hat er sich dazu berufen gefühlt, irgendetwas zu tun, jetzt wo er in den Wechseljahren ist. Die Welt ist voll von Leuten, die dümmeren Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Ein ewiger Kreis. 

Der Himmel sieht düster aus, und die Luftfeuchtigkeit ist ins Unermessliche gestiegen. Ich fühle mich, als würde sich ein klebriger Film auf meine Haut legen und mich erdrücken. Es ist noch nicht einmal 10.00 Uhr, und schon liegt ein Gewitter in der Luft. Man möchte meinen, das erleichtere einem den Abschied. Irgendwie ist das tatsächlich ein bisschen so. Das Frühstück war OK und der Reiki-Sensei hat uns in Ruhe gelassen. Seine Frau bietet uns noch an, eine weitere Nacht zu bleiben, doch wir lehnen ab. Das Hotel war wirklich in Ordnung; ich wär gern noch geblieben, doch wir haben eine Mission. Nur noch ein Leuchtturm auf der Agenda: Pilsum. Erinnert sich noch jemand an "Otto - Der Außerfriesische"? Ich leider ja.

Pilsum
Über eine Stunde lang brausen wir auf Frieslands Landstraßen, bis wir Pilsum erreichen. Alle Orte enden mit "-siel" hier draußen. Außer Pilsum natürlich. Auf dem Parkplatz in der Nähe des Leuchtturms müssen wir dann feststellen, dass das Geld fast weg ist. Ein Fünfziger und ein Euro Kleingeld. Da der Parkautomat keine Fünfziger nimmt, sind wir auf die Gnade einer Rentnerin angewiesen, die uns ihr Parkticket schenkt. Vielleicht ist die Menschheit doch noch nicht verloren. Die kleine Würstchenbude und die öffentliche Toilette haben noch nicht geöffnet. Obwohl alles so nebelverhangen ist, kann man die Umrisse holländischer Industrie auf der anderen Seite des Wassers erkennen. Auf dem Deich weht ein leichter Wind, der den klebrigen Film von der Haut zieht, den die Schwüle zuvor dort hinterlassen hat. Vor uns geht ein kleiner Junge, der seinen Vater darauf hinweist, dass der Leuchtturm gar nicht blinken würde. Verdammt richtig. Die Witterung würde es zulassen.

Hochzeitsgesellschaft in Pilsum

Je näher wir kommen, desto mehr zeigt sich auch das Übel: Im Leuchtturm gibt es ein Standesamt. Ich erkenne eine dickliche Braut mit Krönchen und einen Bräutigam mit Sonnenbrille und Bürstenschnitt, der sich offensichtlich für einen Türsteher oder das Abziehbild eines Draufgängers hält. Die Zeremonie ist beendet und es wird zum Hochzeitsfoto ausgeholt. Muss das wunderbar sein, auf dieser Erinnerung für die Ewigkeit, einen Haufen unbeteiligter Fremder in kurzen Hosen zu sehen, wie sie mit ihren umgehängten Kameras und ihren Gürteltaschen das kitschige Romantik-Utopia des trotteligen Brautpaars besudeln. Tür auf: Das nächste Brautpaar tritt hervor, nachdem es den heiligen Bund der Ehe offensichtlich zum erneuten Male geschlossen hat. Die Braut trägt grau und wirkt auch so. Ihr Glanz muss vor Jahren, nach der ersten Hochzeit erloschen sein. Das nächste Paar lässt sich trauen. Fließband! Und wir haben nicht einmal irgendein bescheuertes Schnapszahldatum. Als ob das auch etwas ändern würde. Für ein paar Minuten sitzen wir auf dem Deich und beobachtet dieses Theater der Peinlichkeiten und lachen einfach. Kein Zorn, keine Rage. Es ist einfach irgendwie witzig, sie alle dabei zu beobachten, wie sich so furchtbar ernst nehmen. Wir verlassen Pilsum, nachdem wir einem jungen Familienvater unser Parkticket in die Hand gedrückt haben. Wahrscheinlich ist es heute noch gültig.

Greetsiel
Auf dem Hinweg haben wir die erhobenen Masten eines kleinen Hafens gesehen. Wir beschließen, dort nach einem Restaurant zu suchen. Noch einmal die Kohle raushauen, ein kleiner, harmonischer Funken Dekadenz, bevor wir in den Regen und den Sturm Kiels zurückfahren. Wir finden Greetsiel, ein beschauliches und idyllisches Fischernest voller Restaurants und kleinen Boutiquen. Wieder spendiert uns jemand das Parkticket. Es muss auch solche Tage geben. Der Zugang zur öffentlichen Toilette neben dem Bernsteingeschäft bleibt uns jedoch verwehrt. Komisches Gefühl. Ich bleibe vor einem Uhrenladen stehen und sofort fällt mir eine Automatikuhr ins Auge. 2000 €. Ob ich mir so etwas jemals werde leisten können? Ich habe noch nie in meinem Leben 2000 € besessen.

Restaurant
Wir entscheiden uns, in das erste Restaurant, direkt am Wasser zu gehen. Weil ich nicht draußen, zwischen den ganzen Menschen, sitzen will, nerve ich rum, dass es doch innen bestimmt angenehm kühl sein wird, in so einem gehobeneren Laden. Ja, das war ein Irrtum. Drinnen ist es mindestens genauso heiß, wie draußen. Merkwürdiger Laden. In der unteren Etage sind Weinflaschen bis an die Decke gestapelt. Eine Vinothek. Da hatte wohl jemand einen Traum. Die Kellnerin mustert mich skeptisch, als ich eine große Cola bestelle. Irgendwie tun die sich immer schwer damit. Ich bekomme meine Cola in einem 0,5-Liter-Bierglas. Damit kann ich leben. Mein Flammkuchen mit Speck und Lauch ist köstlich. Der Teig ist fantastisch. Wir zahlen und schlendern zurück. Vorbei am Meer. Vorbei an den kleinen Fischkuttern. Vorbei an den Restaurants. Vorbei an den Touristen. Vorbei an die Läden mit den teuren Uhren. Vorbei am malerischen Idyll dieses kleinen Nests. Wir lassen die Masten des Hafens hinter uns und setzen uns in unser glühend heißes Auto.

Greetsiel

Der Verkehrsfunk wirft einen ersten großen Schatten auf die Rückreise. Vier Tage lang haben wir uns nun immer weiter von zu Hause entfernt. Jetzt wollen wir so schnell wie möglich den Rückweg hinter uns bringen. Das Geld ist alle, unsere Haut ist braun und ich bin wirklich entspannt. Wenn dein Pferd tot ist, steig ab. Zum Test gebe ich in das Navi ein, dass wir Autobahnen meiden wollen. 6 1/2 Stunden würde das dauern. Wir lachen und fahren los, Richtung Autobahn. Die Hiobsbotschaften werden immer schrecklicher und kurz hinter Bremen kommen wir tatsächlich das erste Mal zum Stehen. Die Stimmung kippt ein wenig. Je näher wir Hamburg kommen, desto schlimmer wird es. Im Verkehrsfunk tun die immer alle so, als kämen die ganzen Staus zwischen Hamburg und Bremen aus dem Nichts; als wäre das verschissene höhere Gewalt. Dass man da jedoch von einer scheiß Großbaustelle, in die nächste fährt, fällt irgendwie unter den Tisch. Nach 6 1/2 Stunden sind wir in Kiel. Ironie schmeckt bitter, wenn sie einen in den Nacken trifft.

Als ich abends auf dem Balkon stehe und rauche, entdecke ich den Lichtschein eines Leuchtturms auf dem dunklen Wasser der Kieler Förde. Der ist mir noch nie zuvor aufgefallen. Ich bin zufrieden und blicke hinaus auf das kleine Lämpchen, das immer wieder das Dunkel durchbricht. Es waren wunderbare Tage, in goldgelbes Licht getaucht. Ich habe schöne und irgendwie magische Erinnerungen in mein Gedächtnis gebrannt. Am Ende kommt es auf die Qualität von ihnen an. Ich erinnere mich trillionenmal lieber an diesen kleinen Funken Abenteuer, als daran, vor irgendeinem scheiß Hotel auf einer Liege gelegen zu haben. Erinnerung sind das Wichtigste, überdauern sie doch mit uns die Zeit. Egal, ob wir sie emporheben und glorifizieren, sie sind das, was zählt. Alles vergeht: ich, Du, die Leuchttürme, einfach alles. Wir alle sind im Angesicht des sicheren Todes. Die Frage ist, was wir bei uns tragen, bis zu dem Moment, indem wir ihn berühren.

Das waren die Leuchtturmtagebücher.

A.


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Kommentare:

  1. "dickliche Braut mit Krönchen" :D sehr geil! Bilder gefallen mir übrigens auch voll!


    ESTHIONTHERUN!

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  2. tolle Bilder! vor allem das erste!
    lust mir zu folgen?:
    http://sweet-kisses-lie.blogspot.de

    LG

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  3. 1) Ich will bitte die sich immer ändernde Zeile unter dem Blognamen zurück!
    2)"dickliche Braut mit Krönchen und einen Bräutigam mit Sonnenbrille und Bürstenschnitt". Ich bin weit davon entfernt, mir für mich eine Hochzeit im Prinzessinnenkleid (oder überhaupt) vorstellen zu können. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man das im optimalen Fall nur ein Mal im Leben macht. An diesem Tag finde ich es am allerwichtigsten, dass die beiden Hauptpersonen ihn so verbringen, wie sie es sich wünschen. Nur mit den Leuten, die sie dabei haben wollen, in der Umgebung, die sie sich wünschen und nicht zuletzt in der Kleidung, die sie an diesem besonderen Tag tragen möchten. Und wenn die beiden schweinemasken tragen wollen - sollen sie. Und wenn sie im Pyjama heiraten wollen - gerne. Und wenn sie nicht dem gerade angesagten Schönheitsideal entsprechen sollten sie das trotzdem und gerade deswegen tun. Im besten Fall verkneifen sich alle, die anderer Meinung sind, den beiden gegenüber jeglichen Kommentar. Oder sie freuen sich einfach mit und vergessen mal das Äußere, um das es gerade in dem speziellen Falle nicht vordergründig gehen sollte.
    3)Und Du bist doch ein Abenteurer. Und das ist auch gut so!

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