Montag, 6. August 2012

Funeral Songs

Zurück zum Tagesgeschäft. Ich habe scheußlich geschlafen; einer dieser Träume, die einen durch alle Stunden der Nacht verfolgen, selbst wenn man ab und an wach wird und versucht, sie abzuschütteln: Ich stand allein inmitten einer Straße, auf der die Autos nur so an mir vorbei rasen, ohne, dass ich von ihr herunter komme, um mich in Sicherheit zu bringen. Plötzlich sieht es nach Rettung aus; jemand wirft mir ein Seil um die Hüften und versucht, mich nach oben zu hieven. Bei diesem Rettungsversuch gerate ich jedoch zwischen die Räder eines Lkw. In der nächsten Einstellung sehe ich die Überreste meines Körpers vor die Füße meiner Großeltern fliegen, die am Straßenrand warten. Ich stehe neben meinem Großvater, als das passiert. Ich klopfe ihm auf die Schulter und sage: "Sieh da lieber nicht hin - das könnte dich emotional ganz schön mitnehmen". Was geht ab, Dr. Freud? Anschließend beobachtete ich dann das ganze Geschehen nach meinem grausamen Tod weiter - als Geist quasi. Ein widerwärtiges Gefühl: Ich versuchte krampfhaft, mit meinen Freunden und meiner Familie in Kontakt zu treten. Bei einigen klappte es, bei anderen nicht. Und ich konnte Wasser bewegen und kontrollieren (#aquaman). Ich war ein Geist. Am Ende befand ich mich vor der kleinen Flussbiegung, an der ich früher mit meinem Vater geangelt habe. Irgendwie wollte ich es schaffen, genügend Wasser in ein Tuch zu bekommen, um die Form meines Körpers zu rekonstruieren und wieder am Leben der Anderen teilzunehmen

Die Flussbiegung im Wald





Fab Four
Seit Tagen träume ich so eine Scheiße und bin dann nach dem Aufwachen gleich wieder müde. Im Moment bin ich nie länger als vier Tage am selben Ort. Ich erschreck mich immer, wenn ich aufwache, und weiß nie, wo ich bin. Gestern Morgen brauchte ich ein paar Minuten, bis ich die Umrisse meines alten Kinderzimmers zuordnen konnte. Und dann war alles ganz vertraut; das Blubbern des Aquariums, die Silhouetten der Gitarren, das alte Beatles-Poster, das ich aus Paris mitgebracht hatte, als ich zum zweiten Mal da war. Ich hab' es am Stand eines Bouquinisten gekauft, und kam mir ungeheuer romantisch vor, bis ich gemerkt hatte, dass das Motiv so ungeheuer verbreitet ist, dass ich es auch im nächsten Karstadt hätte kaufen können. Überhaupt ist mein Kinderzimmer ein Friedhof für Erinnerungen geworden. Meine Eltern haben nichts mit dem Raum gemacht, seit ich zuhause ausgezogen bin. Alles sieht aus, als wäre ich im Urlaub oder früh und unglücklich verstorben, als hätte die Zeit hier aufgehört zu existieren.

Die kleinen Star-Wars-Figuren, die mir meine Mutter gleich nach der Wende in Disneyland gekauft hat bewachen nach zwanzig Jahren immer noch das Geschehen. Die mit Ziegenhaut bespannte Trommel aus Marokko steht noch immer oben auf dem Regal - seit über zehn Jahren. Marokko ist ein Dreckloch. Ich war nur einen Tag lang da, doch alles hat mich angewidert; das Essen, der Geruch, der Dreck in den Straßen, selbst die aufdringlichen armen Leute. Ich war noch ein Kind, doch ich hab mich schrecklich geschämt, als uns die Kinder Marokkos barfuß durch die Straßen Tangers gefolgt sind und um Almosen gebettelt haben. Ich hab' mich so schuldig gefühlt. Die Kinder wollten alles haben; Sonnenbrillen, Tempo-Taschentücher, blonde Haare, Uhren, Essen und Geld. Als ich sah, wie der Kellner das fremde Essen mit seinen bloßen, dreckigen Händen anfasste, konnte ich nichts davon zu mir nehmen. Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen und war nicht auf dem Klo. Als wir wieder auf dem Schiff Richtung Gibraltar saßen, habe ich mich leer gefühlt. Ohne, dass sie etwas dafürkonnten, wurden die Kinder in diese schmutzigen armen Straßen geboren, durch die kleine Flüsse aus Fäkalien rinnen, während ich, ohne dass ich etwas dafür getan hatte, auf der Terrasse eines spanischen Strandrestaurants an der Costa del Sol sitze und Paella esse, als die Sonne über dem Meer untergeht.     

Van Gogh: "Caféterrasse am Abend"
Die goldene Buddha-Figur steht auch immer noch auf ihrem alten Platz. Sie war ein Revenge-Geschenk der Königin der Hölle. Mir wurde mehrfach das Vergnügen zuteil, einem Mädchen, das ich gerade kennengelernt hatte, ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Also entschied ich mich für eine kleine Buddha-Figur - weil ich es einfach witzig und übertrieben unpersönlich fand. Irgendwann schenkte sie mir dann auch eine Buddha-Figur. Eigentlich bescheuert, dass ich sie behalten habe. Normalerweise reiße ich hinter mir alle Brücken ein, werfe alles weg und verbrenne melodramatisch Erinnerungsstücke an Verflossene - es sei denn, die Dinge sind wirklich schön oder waren absurd teuer, wie die Van-Gogh-Replik, die mir die Königin der Hölle schenkte, kurz bevor sie mir das Herz herausriss, um es zu essen.

So liege ich morgens im Bett und durchsuche mein altes Zimmer nach Erinnerungsstücken und den dazugehörigen Geschichten. Ich erinnere mich an alles. Die silberne Lavalampe: Ich weiß noch genau, wie ich betteln musste, damit ich sie bekomme. Die Lichterkette, die jahrelang wie ein Sternenhimmel über meinen Teenager-Abenteuern wachte. Die teure Grafik, die ich in einer Galerie in der Stadt entdeckt hatte, als wir mit der Schule dort waren. Ich habe begeistert Zuhause davon erzählt, woraufhin meine Großmutter sie mir schenkte. 

Manchmal, wenn ich bei meinen Eltern bin, frage ich mich, wie ich früher ausschlafen konnte, bei dem Licht und den Geräuschen, die das Aquarium so macht. Immerzu knistern irgendwelche Steinchen an der Glasscheibe, andauernd dröhnt die Pumpe und um 08:00 Uhr geht das verfluchte Licht an, schon ist es taghell. Schrecklich. Und doch ist es nach wenigen Tagen, als wäre ich nie weg gewesen.

Ich hatte geglaubt, das Bloggen würde mich davon abhalten, bösartige Dinge nach außen zu lassen, wie ein Boxsack, aber leider habe ich mich da wohl geirrt. Vorgestern, als ich meiner Großmutter gerade etwas über eine Bundestagsabgeordnete erzählen wollte, benutze ich tatsächlich die Formulierung "Pumucklfotze", um die Politikerin zu beschreiben. Als sie mich daraufhin etwas benommen ansah, schämte ich mich. Merkwürdiger Moment. Ich bin trotzdem Oma's Liebling, denke ich, trotz meines schmutzigen Ausdrucks.

Danke, KVG.
Jetzt bin ich wieder in Kiel und es regnet. Hier ist immer immer immer schlechtes Wetter, immer. Ich bin heute Bus gefahren! In den Ferien geht das aber - nicht so voll. Hinter mir saß irgendeine fette Schlampe, die die ganze Zeit telefoniert hat, aber ich musste nicht weit fahren, weswegen ich sie ertragen habe. Außerdem war sie ja schon hässlich - was sollte man ihr sonst noch an den Hals wünschen. Sie trägt ihre Strafe doch schon mit sich rum, Tag für Tag.

Den ganzen Tag musste ich daran denken, dass ich früher immer mit meinen Freunden darüber rumgewitzelt habe, dass jeder den anderen eine Liste mit den Songs für die eigene Beerdigung geben muss, für den Fall der Fälle. Ich hatte mal fünf Songs, doch ich bekomme sie einfach nicht mehr richtig zusammen, weswegen ich noch einmal darüber nachgedacht habe. Ist ja auch 'ne wichtige Entscheidung. Man muss immerhin sichergehen, dass die Leute auch weinen und wehmütig werden, ne? Da müssen alle Dämme brechen. Außerdem müssen die Songs ja auch eine besondere Bedeutung für mich gehabt haben. Ich hatte nicht das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden. Beim jetzigen Stand der Dinge würde ich hierzu tendieren:
  1. The Gaslight Anthem - Blue Jeans & White T-Shirts
  2. Ryan Adams - Oh My Sweet Carolina
  3. Bob Forrest - Moonshiner (Bob Dylan Cover)
  4. Ryan Bingham - The Weary Kind
  5. Oasis - Live Forever
  6. Patrick Park - Something Pretty
  7. Bush - Glycerine
  8. Death Cab For Cutie - I Will Follow You Into The Dark 
  9. Rio Reiser - Übers Meer 
  10. The Rolling Stones - Wild Horses 
Ich hör' jetzt auf, ehe es 'ne Compilation wird. So viel morbide Scheiße in einem Post, wa? Das muss am Regen liegen, und daran, dass ich so schlecht schlafe. Aber: It can't rain all the time!

A.          

1 Kommentar:

  1. Wieso sind immer die schrecklichen Träume so realistisch und bei den schönen weiß man irgendwie schon im Schlaf dass man leider nur träumt? Mir geht es zumindest meistens so.

    Beerdigungsmusik? Ich möchte keine. Ich möchte auch keine klassische Beerdigung. Verbrennen, verstreuen, fertig. Kein Grab, kein Stein, keine Blumenbeete. Orte, zu denen man pilgern kann/muss um eines Toten zu gedenken verlängern das Leiden der Lebenden in meinen Augen nur unnötig.
    Ich hoffe meinem Wunsch wird mal entsprochen - falls es jemanden gibt, der ihn erfüllen könnte...

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