Freitag, 17. August 2012

Fünfundzwanzig Minuten Ruhm

Der Regen hatte gerade nachgelassen und ein paar Sonnenstrahlen fielen mir vor die Füße, als ich vorhin an der Schwelle zum Balkon stand und diesen zauberhaften Moment festhielt. Dadurch, dass die Grünanlagen völlig durchnässt waren, hatte die verfluchte Rasenmäher-Infanterie die Schlacht endlich verloren gegeben - nachdem sie mich nun schon seit Tagen genervt haben. Die dämliche, fette und zutiefst unsympathische Familie in der Wohnung über mir geht mir auch auf den Sack. Immerzu hämmert es. Keine Ahnung, ob die seekuheske Dame des Hauses einfach nur ein sehr dickes Stück Fleisch zusammenklopft, oder aber ihren hohlen Schädel im 4/4 Takt gegen die Wand schlägt, doch der Rhythmus brennt sich in mein Hirn und hindert mich an jeglicher Konzentration. Wenn sie damit fertig ist, zieht sie sich für gewöhnlich die Charts von vor sechs Monaten rein. Irgendwann breche ich in ihre Wohnung ein und stehle den verfluchten Subwoofer. Ich kann die scheiß Bassline von "Somebody that I used to know" einfach nicht mehr ertragen. Ich weiß, warum es so viele nörgelige Rentner gibt. Wenn man tagsüber zu Hause ist, wird man irgendwann penibel, wenn es um Geräusche im Haus geht. Vielleicht sollte ich morgen mal in den Park gehen, Ewigkeiten mit dem Bus fahren oder die Penny-Kasse blockieren, indem ich ewig nach Kleingeld krame. Das würde mich bestimmt ausgeglichener machen.

Bevor ich jedoch mit dem üblichen Käse loslege, sage ich erst einmal etwas Nettes. Und los: Ich freue mich über das gesteigerte Interesse an IADST, über die lobende Worte und die Solidaritätsbekundungen. Auch die Empfehlungen anderer Blogger (Momentaufnahmen...MisanthropinWiderWillen und ..kathrineverdeen) haben dazu beigetragen, dass nicht nur meine Freunde und ich IADST besuchen. Zwar bin ich der Meinung, dass das auch angemessen ist, trotzdem danke und so.

Und trotzdem, trotzdem, trotzdem ist meine Laune seit Tagen irgendwie beschissen. Da hängt ein Schatten über mir. War es gestern oder vorgestern? Ich weiß es nicht mehr. Was spielt das auch für eine Rolle? Egal, sagen wir einfach gestern, und sei es nur wegen der Beatles-Anspielung im Vorfeld. Gestern, als ich, der guten Ordnung halber, mal alle möglichen E-Mail-Accounts kontrollierte, stieß ich auf eine Mail im Postfach meiner alten Band. Sie war erst wenige Stunden alt. Man wollte uns als Support-Act für eines der Deutschlandkonzerte des niederländischen Indie-Musikers Blaudzun, der wegen Albumpromotion auf Europatournee ist. Macht euch keine Vorwürfe, ich musste auch googeln. Und Scheiße, die Songs klingen gar nicht so übel. Natürlich, wenn dann müsste er Support für mich sein, aber trotzdem, verdammt nochmal: Er steht bei Universal unter Vertrag. In dem Club, wo der Gig steigen soll, war ich selbst schon zu Konzerten. Vor ein paar Jahren habe ich dort die Bloodhound Gang gesehen und sogar ein Foto mit Evil Jared vor dem Laden ergattert. The Gaslight Anthem sind dort aufgetreten. Und jetzt würde ich dort stehen und singen. Ich habe abgelehnt.

Das Angebot kommt einfach vier verfickte Jahre zu spät. Unsere beknackten bürgerlichen Berufsperspektiven und der Druck unserer Eltern haben uns in alle Winde zerstreut. Allein das Proben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der Bassist lebt und arbeitet in Rostock, der zweite Gitarrist lebt und arbeitet in Berlin und ich, ich bin Kiel, der Stadt des unendlichen Regens, und warte darauf, dieses furchtbar ermüdende Studium abzuschließen, um mich anschließend den Rest meines Lebens vor eine Horde respektloser und arschgesichtiger Heranwachsender mit dämlichen Frisuren und Cyberspace-Handys zu stellen. Ich mal' das jetzt alles natürlich schwärzer, als es letztendlich ist - ich kann mich mit vielem arrangieren, und ihr kennt mich, ich wäre ein toller Lehrer, aber ich wollte Rockstar werden, verdammte Scheiße - oder zumindest Schriftsteller. Nicht so, wie andere Rennfahrer oder Bayernspieler werden wollten; ich meinte das todernst. Und Hölle, ich bin gut, sogar sehr gut. Man kann mich nachts wecken und ich schreibe ein ganzes beschissenes Album mit Songs voller Tiefgang, Melancholie, Hitpotenzial und riesengroßer Eier. Doch statt mich auf den Auftritt und das Gesaufe im Backstagebereich vorzubereiten, auf das Händeschütteln und Connections-Knüpfen, sitze ich in dieser hässlichen, grauen Scheißstadt und übersetze früh-neuzeitliche Übungsklausuren aus dem Dänischen ins Deutsche. Wer hat jetzt gewonnen? Doch es würde nichts bringen. Wir würden sicherlich einen guten Auftritt zustande bringen, aber es würde kein Danach geben. Wir haben nicht mal mehr CDs oder irgendwelches Merchandise-Zeug, das wir verkaufen könnten. Wir würden einfach wieder einen Schritt zurückgehen und uns lose für Weihnachten verabreden, wenn dann jeder mal bei seinen Eltern in der Heimat vorbeischaut.
 
Ich bin traurig. Und ich tue das, was ich immer tue, wenn ich mich fühle, wie ich mich jetzt fühle:
  • Ich laufe den ganzen Tag im Bademantel rum 
  • Ich rasiere mich nicht
  • Ich liege Ewigkeiten in der Badewanne und lese
  • Ich suhle mich in Selbstmitleid
  • Ich sehe mir Gitarren im Internet an, die ich mir nicht leisten kann
  • Ich stelle fest, dass ich mir gar keine Gitarre über 200 € leisten kann
  • Ich entwerfe einen komplexen Finanzplan, um die Gitarre finanzieren zu können, für die ich mich entschieden habe
  • Ich lass mich überzeugen, dass es Schwachsinn wäre, sich noch eine Gitarre zu kaufen - vor allem, wenn man sich dafür verschulden müsste
  • Ich bettel irgendwen um Geld an, um mir die Gitarre kaufen zu können
  • Ich kaufe mir keine neue Gitarre, weil mir niemand Geld geben will
  • Ich beschließe, mit dem Rauchen aufzuhören, wegen des Geldes der Gesundheit
  • Ich rasiere mich wieder, weil ich dämlich aussehe
  • Ich beginne wieder damit, Hosen zu tragen
  • Ich kriege mich wieder ein 
Natürlich habe ich meine Träume nicht beerdigt; das liegt nicht in meiner Natur - ich bin ein verlorener Junge; ich bestehe aus Ideen. Ich habe eine neue Band, schreibe neue Songs. Zwar tue ich so, als wäre das alles so ein Hobbyding. "Schaaatz, am Wochenende wollte ich mit den Jungs einen Motorradausflug machen. Ginge das?" - nein, nein, schwul! Irgendwie juckt es mich noch immer - und es macht viel zu großen Spaß, um nicht mehr zu wollen. Und doch habe ich ein Kapitel beendet. Die Absage an den Gig war gleichermaßen der letzte Lebenshauch meiner ersten Band, die lose (sehr lose) immerhin acht Jahre existiert hatte. Abschiede sind nicht mein Ding und es tut weh. All die Stunden in irgendwelchen Proberäumen, all das Lampenfieber, all die Mädchen, die wir beeindrucken wollten, all die Auftritte, all die Streitereien, all die Mädchen, die wir beeindruckt haben (was geht ab?), all die nach Rauch stinkenden Klamotten, all die schönen Erinnerungen und all die wunderbaren und großartigen Songs werden tatsächlich für immer in meinem Herzen bleiben. Es gibt Blätter mit Songtexten von uns, auf denen mein Blut klebt - ich wünschte, das wäre eine Metapher.

Morgen scheint die Sonne bestimmt wieder und lacht über all das hier.
A.  

Martin LXK2 (Bild: neue-musik-laden.de)
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Kommentare:

  1. Oder der Verkäuferin im Penny das offene Portemonaie hinhalten. Oder das Kleingeld in die offene Hand schütten.
    Beim Busfahren bitte sicherstellen, dass jemand auf dem Fensterplatz eingesperrt wird, der dann gerne zuhören wird!

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  2. Ich bin für Schriftsteller. UND Rockstar. Aber vor allem bin ich für nicht traurig...

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