Samstag, 11. August 2012

Gebissen vom Wind

Ich erinnere mich noch genau; es muss im Sommer vor fünf Jahren gewesen sein: Ich hatte mich gerade wieder zusammengerissen und damit aufgehört, ein wehleidiger Idiot zu sein. Die Königin der Hölle war verschwunden, auch wenn ich damit begonnen hatte, sie und meine traurige Geschichte zu einem Mythos zu Stillisieren, um Mädchen abzuschleppen. Wer behauptet, Geschichten über vorherige Beziehungen und den tiefschwarzen Schatten der Vorgängerin seien ein so etwas wie ein "Stimmungskiller" oder ein "No Go", ist nicht nur ein Vollidiot und benutzt schwulstige, peinliche Formulierungen, sondern unterschätzt auch die Macht, die darin liegt.

Es geht um Entscheidungen, um Möglichkeiten. Wie hättest Du, neues Mädchen, dich in derselben Situation verhalten? Wärst du nicht eigentlich glücklich gewesen? Ist nicht das, was ich versucht habe, zu sein, auch das, was du immer wolltest für dich? Wie konnte jemand nur diese Chance vorbei ziehen lassen? Das Schöne an einer Geschichte, in der man wahrhaft und tatsächlich der Gute war, ist, dass man die eigene Rolle in der Retrospektive nicht einmal verklären muss. Ja, Bla, ist trotzdem relativ, ich weiß. Ich spreche nicht von Mitleid, was es zu erzeugen gilt, sondern viel mehr davon, die eigene Vergangenheit zu einem düsteren und schmerzhaften Teil des eigenen Selbst zu machen; anstatt sie in irgendeiner Schublade zu verstauen, trägt man sie auf der Haut. Das gibt einem nicht nur Profil, sondern schützt auch gleichermaßen vor Gegenwart und Zukunft, wenn man das Leben denn so sehen will. Die eigene Angst muss zum Verbündeten werden - Batman ist großartig.


Darkest Hours In The Sun
Ich habe sogar ein altes Bild aus der Zeit gefunden. Wirksam und stilecht rauche ich eine Black Death. Image ist alles! Pathos auch. 2007 war die Sonnenbrille auch nur halb so lächerlich. Ja, das waren nichtsdestotrotz dunkle Stunden, Tage, Wochen und Monate. Keine Angst, ich pule dieses Ereignis nicht immer wieder hervor, um so etwas zu sagen wie: "Wisst Ihr, vermutlich hat mich das zu dem gemacht, der ich heute bin", oder "In diesen Nächten bin ich erwachsen geworden" oder "Danach habe ich niemals wieder eine Träne vergossen - weder vor Weinen, noch vor Lachen", obwohl es, neben Millionen anderer Faktoren, sicherlich seinen Beitrag dazu geleistet hat, aus mir den zauberhaften und niedlichen Sonnenschein zu machen, der ich heute bin. Merkt ihr's? Ich kann Mythen aus leidvollen Erinnerungen erschaffen. Ich geh' mir manchmal selbst auf den Sack.  

Aber darum soll es hier auch nicht gehen. Eigentlich hatte ich nicht vor, einen Vortrag zu halten, sondern wollte lediglich erklären, dass wir uns im Sommer 2007 befinden. That's what I call a Einleitung. Die Sonne scheint immer in der Erinnerung, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es Sommer war. Seit Kurzem hatte ich für meine Band eine Myspace-Seite erstellt. Die Älteren werden sich an Myspace erinnern. Beim Durchstöbern anderer Myspace-Seiten stieß ich auf eine junge Engländerin, eine Musikerin, die mir zugegebenermaßen in erster Linie auffiel, weil sie, nun ja, ziemlich heiß war. Nachdem ich mich durch die Fotos geklickt hatte, gab ich ihr eine Chance und hörte mir einen ihrer Songs an. "Heavy Stone". Die Qualität war nicht besonders gut. Wahrscheinlich hatte sie es in ihrer Studentenbude aufgenommen. Dieses scharfe, blonde Mädchen, eine billige Gitarre und ein PC (Damals, 2007, hatte noch nicht jeder einen Laptop). So stellte ich mir das vor. Und Scheiße, der Song war großartig, das konnte man sofort hören. Ihre zerbrechliche Stimme explodierte fast vor Potential. Wir wurden Myspace-Freunde, Kyla La Grange und ich. Das war noch weit weniger wert, als eine Facebook-Freundschaft heute.

In regelmäßigen Intervallen besuchte ich ihre Seite, hörte ein paar ihrer Songs und verschwand wieder. Wir schrieben sogar kurz miteinander. Es war nicht gerade leicht, einen Weg zu finden, die Songs zu bekommen, aber ein Kumpel von mir schaffte es, "Heavy Stone" aus dem Player zu downloaden und mir zu schicken. Es war im Sommer 2007, als ich zum ersten Mal einen Song von Kyla La Grange auf dem MP3-Player bei mir trug, als sie mir vorsichtig die Worte "Bitten by the wind on a hard hard day..." ins Ohr sang, während die Welt langsam begann, sich weiter zu drehen. Ein wunderbarer Song, der sich niemals abnutzt - zumindest nicht für mich.

Es kamen neue Songs und bessere Aufnahmequalität. Ein bisschen Pop, ein bisschen Bombast, nur das die zerbrechliche Seele ihrer Songs irgendwie erhalten blieb - zumindest für mich. Ich besorgte mir alles. Kyla La Grange ließ sich inzwischen von einer Band unterstützen und begann Konzerte außerhalb Londons zu spielen. Ich verlor sie nicht aus den Augen und las über sie, was ich nur finden konnte: Sie war mein Jahrgang. Ihre Eltern waren aus Simbabwe. Alter holländisch-französischer Plantagen-Adel oder was auch immer. Während ihrer Zeit in Cambridge (Philosophiestudium) begann sie an Open-Mic-Sessions teilzunehmen und gewann an Selbstbewusstsein. Ab und an schrieb ich ihr, dass ich ihre Songs sehr mag und sie mich fast immer begleiten. Ab und an antwortete sie und bedankte sich höflich. Sie hörte sich sogar meine Songs an und sagte mir, dass sie mein Gitarrenspiel sehr mögen würde. Ja ja, ich glaube ihr.

Foto: www.kylalagrange.com
Ich machte meinen Schulabschluss, trat meinen Zivildienst (2007, Freunde. Da gab es so etwas noch) an, verließ meine Heimatstadt und begann mein Studium. Die Songs begleiteten mich. Das Repertoire wurde breiter. Wie oft bin ich im Regen Kiels zurück zu meiner Wohnung gegangen, während Kyla immer wieder sang: "Bitten by the wind on hard hard..."? Und während meine Karriere niemals die Grenzen Mecklenburgs sprengte, wurde sie immer berühmter. Das gefiel mir, da ich mich ja schon irgendwie als so etwas wie ihren passiven Entdecker betrachtete. Ich las von Gerüchten, dass der Faithless-Produzent ein Album mit ihr aufnehmen wolle, las davon, dass sie den Opener für einige bekanntere Künstler, während ihrer Englandtouren, machte.

Ich schrieb ihr, fragte sie nach den Gerüchten um ein Album. Sie antwortete höflich. Sie nahm tatsächlich ein Album auf. Wieder vergingen zwei Jahre, in denen ich älter wurde. Dinge veränderten sich. Doch "Heavy Stone" blieb bei mir, immer.

Spätsommer 2012. Ich halte tatsächlich Kyla La Granges Debüt-Album "Ashes" in den Händen. Videoproduktion, Deluxe-Editions - die ganze Palette. Der Guardian feiert ihr Debüt. Und wisst ihr was? Das Album ist fantastisch und tatsächlich das Beste, was ich je von einer weiblichen Künstlerin gehört habe. Natürlich, es ist kein "Heartbreaker" und auch kein "The '59 Sound", aber nichtsdestotrotz ein wunderbares Album, dessen Songs im Kern immer noch die sind, die das junge englische Mädchen in ihrer Studentenwohnung in Cambridge geschrieben hat. Kauft euch das Album! Sie ist eine fabelhafte Songwriterin mit einem Sinn für große Melodien. Es ist Pop, und zwar guter!

Doch wisst ihr noch was? Mir gefiel die alte Version von "Heavy Stone" besser. Und ich hatte wirklich das Gefühl, Euch das, mitten in der Nacht, mal sagen zu müssen.

HEGDL
A.

Die alte Version von "Heavy Stone":
  



     

Kommentare:

  1. "Ich spreche nicht von Mitleid, was es zu erzeugen gilt, sondern viel mehr davon, die eigene Vergangenheit zu einem düsteren und schmerzhaften Teil des eigenen Selbst zu machen; anstatt sie in irgendeiner Schublade zu verstauen, trägt man sie auf der Haut." ---> Und genau deshalb bringt es auch wenig bis gar nichts materielle Erinnerungen an Verflossene zu entsorgen, wie dramatisch auch immer man das zelebriert (siehe irgendein Post zuvor, aber das weißt Du ja sicherlich).

    "...aus mir den zauberhaften und niedlichen Sonnenschein zu machen, der ich heute bin" ---> hach ja, wenn ich könnte würde ich hier ein Herzchen kommentieren, aber ich kann es nicht. Aber vielleicht findet sich ja hier sogar ein Tipp?!?

    Ist das Kyla La Granges Debüt-Album wenigstens von ihr extra für Dich signiert? Schließlich hatte sie offensichtlich lange vor ihrem Durchbruch einen Fan in Dir, da sollte das doch das mindeste sein...

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    1. In all dem Trouble muss sie wohl bisher vergessen haben, mir ein signiertes Exemplar zukommen zu lassen.

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