Donnerstag, 23. August 2012

Mit ganzem Herzen

B**** W****
Wahrscheinlich fragt Ihr Euch schon eine ganze Weile, warum IADST so unglaublich gut ist, oder? Ich denke, die Antwort ist, dass man dazu bereit sein muss, etwas preiszugeben. Damit meine ich nicht etwa Fotos von sich, die eigene Identität, den eigenen unfehlbaren Musik- oder Modegeschmack, Bastelarbeiten oder Nagellack, sondern etwas Wahres und Persönliches. Damit eine Sache wirklich gut wird, muss man einen Preis zahlen. Ein Pfund Fleisch. Nie habe ich mehr von mir preisgegeben, als in diesem Post. Ich rede nicht von der Identität auf dem Personalausweis (Ihr dürft unter keinen Umständen herausfinden, dass ich Bruce Wayne bin), sondern von viel mehr, von meiner wahren Identität: meinen Gedanken.

Seit Tagen hallen die Worte eines Eurer Kommentare durch meinen Kopf: "Was letztendlich bleibt, jedes Mal, wenn ich den Post zu Ende gelesen habe, ist die Frage, wie ein Mensch sein muss, um vor Deinem kritischen Auge zu bestehen. Und ob es überhaupt solche Menschen gibt."

Ich dachte, die Antwort darauf wäre einfach, doch das ist sie nicht, ganz und gar nicht. Ich gefalle mir in dieser Formulierung nicht besonders, auch wenn sie mir natürlich schmeichelt. Ich werde versuchen, alles dafür zu tun, im Folgenden nicht selbstgefällig zu klingen - auch, wenn es mir schwerfällt, bei der Beantwortung einer solchen Frage. Am Besten ist wohl, ich beginne am Anfang; in den dichten Wäldern und den tiefen Sümpfen Mecklenburgs, in einer längst vergessenen Zeit ohne Handys und Facebook, selbst ohne Internet. Ich beginne in den Neunzigern.

Das seichte Licht des Frühabends fällt durch die Fenster in die Arztpraxis. "Na, bist du Hansa-Fan, junger Mann?", fragt eine tiefe Stimme um die sechzig, während jemand mit einem kleinen Hämmerchen meine Schläfen abklopft. Natürlich war ich Hansa-Fan. Wir alle waren Hansa-Fans. "Ja, schon", entgegnete ich mit der Stimme eines Siebenjährigen. "Wer ist denn dein Lieblingsspieler?", setzte die brummige Stimme erneut an, sichtlich bemüht, die kumpelhafte Small-Talk-Atmosphäre nicht versiegen zu lassen. "Stefan Beinlich, glaub' ich. Ja doch, Stefan Beinlich", sagte ich. Ich öffnete vorsichtig die Augen. Sein Kopf schien riesig zu sein und sein Atem roch nach alten Pfefferminz-Bonbons. Er blickte von oben auf mein Gesicht herab. Ich wusste ich schon nicht mehr, wo ich hinsehen sollte. Ich war nie besonders gut darin, Blicken standzuhalten. Ich fühlte mich unbehaglich auf der Pritsche. Ich mag es nicht, zu liegen, ohne, dass ich alles überblicken kann. Ich schlafe immer noch mit zwei Kissen unter dem Kopf. Das ist vielleicht nicht gut für den Nacken, aber ich muss alles sehen. Aus den Augenwinkeln ließ sich jedoch die beruhigende Gestalt meiner Mutter erahnen, die neben mir auf einem Stuhl saß und das Ganze kritisch beäugte.

Auf dem Nachhauseweg sagte sie, dass die Ärzte nichts gefunden hätten, was meine ständigen Kopfschmerzen oder die Tatsache, dass ich an hellen Tagen kaum zur Sonne hochblicken konnte, ohne, dass meine Augen unaufhörlich tränten, erklären würden. Sie fragte mich, ob ich mit irgendetwas ein Problem hätte; ob es da etwas gäbe, das mich sehr traurig macht - worüber ich mit niemandem sprechen würde. Ich weiß noch genau, wie schuldig ich mich fühlte, dass ich nicht wusste, was ich ihr entgegnen sollte. Ich hatte eigentlich überhaupt keine Probleme. Na gut, ich hasste Mathe ziemlich und ich hätte es irgendwie cool gefunden, wenn ich noch mehr Spielsachen bekommen hätte, aber mir war schon klar, dass sie so etwas nicht gemeint hatte. "Einer der Ärzte meinte, es könnte sein, dass du unter der Sache mit deinem Vater leidest. Meinst du, da ist 'was dran?", fragte sie, während sie das Schritttempo ein wenig drosselte, um die Szenerie der Dramatik der Frage anzupassen. Was sollte das denn damit zu tun haben? "Nein", sagte ich, noch bevor ich darüber nachdachte. Man sah die Erleichterung in ihrem Gesicht.

Einer der weniger melodramatischen Ärzte hatte die harmlose Theorie aufgestellt, dass ich vielleicht einfach eine Brille bräuchte, weil meine Augen ja auch nicht in Ordnung sein könnten. Also bekam ich eine runde Brille mit leichter Sehstärke, mit der ich aussah, wie das Vorbild für den drei Jahre später veröffentlichten ersten Band von Harry Potter. Als die Kinder in der Schule mich dann an meinem ersten Tag mit Brille hänselten, beschloss ich, sie niemals wieder zu tragen. Ich setzte sie auf, wenn ich zur Schule ging, und verstaute sie in meinem Tornister, bevor ich auch nur einen Fuß auf den Schulhof setzte. Meine Mutter schien das zu bemerken, sie zwang mich jedoch nicht, sie weiterhin zu tragen - schließlich hatte ich schon eine Zahnspange. Man muss es auch nicht übertreiben. Und so verschwand meine Brille in irgendeiner Schublade, zwischen alten Fotos und Werbekugelschreibern. Meine Kopfschmerzen sollten erst Jahre später verschwinden, ganz plötzlich.

Um ehrlich zu sein, die Scheidung meiner Eltern hatte mich nie wirklich getroffen oder etwa mein sonniges Gemüt getrübt. Genau genommen konnte ich mich nicht einmal daran erinnern. Ich war so jung. Für mich war alles, wie es eben immer war, seid ich begonnen hatte, mich bewusst an Dinge zu erinnern. Ich lebte mit meiner Mutter bei meinen Großeltern, während ich zweimal im Monat über's Wochenende zu meinem Vater und dessen Familie gebracht wurde. Ich lebte also in zwei Familien, die irgendwie meine waren. Irgendwann zu dieser Zeit muss es gewesen sein, dass ich damit begann, die Menschen zu beobachten und miteinander zu vergleichen. Großväter, Großmütter, Mütter - ich entwarf so etwas wie ein Beliebtheitsranking, in welchem die Seite meines Vaters deutlich verlor. Ich schätze, hier findet sich der Grundstein für alles. Ich lebte zwischen diesen Menschen, die ich eigentlich nicht mochte, und deren Verwandtschaft zu mir völlig bedeutungslos geworden war. Ich heuchelte. Ich gab vor, das freundliche Enkelkind oder der lebendige Sohn zu sein, während ich lieber bei meiner anderen, bei meiner richtigen Familie gewesen wäre. Es war eine Verpflichtung, die mich dazu zwang, mein normales Leben immer wieder für kurze Zeit zu verlassen und so zu tun, als würde ich mich freuen, dass es so wäre. Ich war ein Schauspieler: Ich drückte, ich lachte, ich sang - aber nie mit ganzem Herzen. Ich hasste diese Scharade. Oft tat ich, als hätte ich einen starken Anfall von Kopfschmerzen, um wieder zu meiner Mutter zu können. Oft hatte ich wirklich welche. Als ich gerade elf geworden war, und meinem Vater sagte, ich würde gern noch draußen spielen, rannte ich fort, für immer. Ich flüchtete in einer Mission, die mir wie ein rasanter Actionfilm vorkam, zu meiner richtigen Familie und sah meinen Vater, der nichts weiter war, als ein Fremder, den ich lange kannte, niemals wieder. Und meine Kopfschmerzen verschwanden.     

Back in the days

Ich war nie ein Eigenbrötler, auch wenn ich hier vielleicht manchmal den Eindruck erwecke, ich wäre einer. Ich bin wesentlich anpassungsfähiger, als man glauben mag. Oder zumindest war ich es. Ich hatte ein gutes Gespür dafür, was die Leute hören wollen und besaß große Klasse darin, Menschen zu manipulieren und zu lenken. Das kann ich immer noch. Mir fallen da ein paar schlimme Anekdoten ein. In meiner Klasse gab es einen Jungen aus schlechtem Hause (dessen war ich mir damals bereits bewusst), den ich, nur mit Worten, dazu brachte, eine bestimmte Action-Figur aus einem Spielzeugladen zu stehlen, während ich nichts weiter tat, als draußen auf der Straße zu warten. Ich erzählte ihm, dass es vermutlich besser sei, die Figur nicht in seinem Zimmer aufzubewahren, da seine Mutter es doch sonst mitbekommen würde. Ich riet ihm, dass er sich draußen ein Versteck suchen sollte. Wir verabschiedeten uns, doch ich folgte ihm. Und, oh mein Gott, am nächsten Morgen war der rote Power-Ranger aus seinem Versteck verschwunden. Er sagte mir, dass dort nur noch die Überreste der Verpackung lagen. "Das müssen Diebe gewesen sein", sagte ich ernst. Ich hatte ein gutes Auge für Schwächen, schon als Kind. Auf meine Intuition konnte ich mich immer verlassen.

Ich erinnere mich, dass ich bereits sehr genervt war, als die anderen Kinder ihre affektierten Lügengeschichten über ihre Ferien erzählt haben: "Und er denn so", "Und ich so". Ich erinnere mich, dass ich Kopfschmerzen vorgetäuscht habe, um lästige Gäste loszuwerden. Natürlich konnte ich es noch nicht benennen und artikulieren, aber es war immer schon in mir. Ich urteile und verurteile - oft nach knappen Gesichtspunkten. Aber wisst ihr was? Ich lag fast immer richtig. Ich bin gut darin, Dinge schnell zu beurteilen. Ich sehe Dreck, immer. Die Wenigsten sind überraschend, auch, wenn sich das niemand eingesteht. Das ist keine Schande; wo Licht ist, ist auch Schatten, Ihr kennt das. Das klingt alles furchtbar arrogant, aber es ist die ungeschönte Wahrheit, meine Wahrheit. Ich habe diesen Dualismus einfach sehr früh verinnerlicht und nehme mich da keinesfalls raus. Oft schaue ich erst in mich, bevor ich jemanden verurteile: Ich stelle mir vor, wie ich mich verhalten würde; was könnten die niedersten Beweggründe sein; was die Ängste, was die Wünsche; welches Interesse steckt dahinter; wie will ich wirken und warum. Sehe ich also in Anderen in Wirklichkeit nur all das Schlechte in mir? Nein, oder? Es geht doch immer nur um Aufmerksamkeit, Selbstdarstellung, Sex und Minderwertigkeitskomplexe (Reihenfolge variabel). Wären alle die wunderbar individuellen Zauberwesen, die sie vorgeben zu sein, würden solche Schablonen nicht passen. "Es gibt nichts Neues unter der Sonne".

Das ist nicht oberflächlich und auch nicht gefährlich platt. Ein Freund von mir neigt dazu, meine hetzerischen Analysen als Hausfrauenpsychologie abzutun. Sicher, natürlich hat er recht. Bloß trifft es nun einmal zu. Komplexere Maßstäbe würden komplexe Menschen erfordern, und nicht nur einen Haufen Idioten, die sich selbst für den verfluchten Mittelpunkt des Universums halten, sich genauso benehmen, wie ihre beschissenen Freunde und ihr Leben nach einem Buch, einer Serie oder einem Film ausrichten. Hört auf Euer Herz, Ihr wisst doch, dass es stimmt. Ich bin Ryan Adams. Ich bin Charles Bukowski. Ich bin Scar. Ich bin Bobby Long. Ich bin Edward Bloom. Ich bin Hank Moody. Ich bin Noel Gallagher. Ich bin Seth Cohen. Und Hölle, ich bin Anakin Skywalker. Wir alle sind Kopien von Kopien. Inspirationen aus Inspiration. Was auch immer.

Ihr solltet alle "Das hier ist Wasser" lesen. Eine Rede David Foster Wallace`, in der unter anderem davon berichtet, dass man vermutlich an grausiger Routine stirbt, wenn man das Leben so sieht; wenn man in jedem Fremden all das Schlechte sieht. Es geht um Möglichkeiten. Die unfreundliche Frau am McDrive-Schalter kann natürlich einfach eine dämliche Drecksschlampe mit Bundeswehrfreund und Twilight-Sammlung sein. Es kann jedoch ebenso gut möglich sein, dass ihr Mann gerade per SMS berichtet hat, dass er unfruchtbar sei. Die Ergebnisse sind da. Während sie gerade langsam verarbeitet, dass sich ihre Familienplanung deutlich verkompliziert, ordere ich drei Cheeseburger und sehe sie vorwurfsvoll an. Es geht um Möglichkeiten. Das fällt mir verflucht schwer. Vielleicht ist dieser Zug abgefahren. 2 Euro ins Phrasenschwein.

Also, wer kann vor meinem finsteren, alles durchdringenden Auge bestehen? Niemand, Niemand, Niemand. Deswegen finde ich jedoch nicht jeden scheiße. Es ist eine Frage der Herangehensweise, des Abwägens und des Selbstbetrugs. Manche Dinge wiegen eben schwerer als andere. Fehlt jedoch die Nähe, wird es einfach. Ich kann fast jede Schwäche ignorieren und sogar sympathisch finden. Was dafür entscheidend ist, ist Nähe. Ich hasse Karneval und verabscheue alle Beteiligten - außer natürlich das Mädchen, das Tanzmariechen, in das ich mich verliebe. Ich finde Vegetarismus irgendwie behindert - ihr glaubt gar nicht, wie viele meiner Freunde Vegetarier sind. Die Liste ist endlos. Was ich damit sagen will, ist, das sich vieles relativiert, wenn man sich näher steht. Die Leute, über die ich hier jedoch schreibe, stehen mir nicht nahe. Nicht mal ein verficktes bisschen. Sicher, an schlechten Tagen tut das niemand. Jetzt wird's konfus. Ich denke, Ihr wisst trotzdem, was ich meine.

Warum das ich jetzt alles so aufgedröselt habe? Ich weiß es nicht. Ich finde diesen ganzen Post scheiße und bin unzufrieden damit, aber weil ich soviel geschrieben habe, wäre es einfach eine Verschwendung, ihn zu löschen. Wenn ihr der Meinung seid, dass ich mit allem unrecht habe, fickt euch, dann seid ihr Trottel. Das waren meine Gedanken. Dennkt, was ihr wollt.

Küsschen
A.     

Kommentare:

  1. Bloggende Männer schreiben so anders als Frauen. Würde ich über das, was ich vom Leben und der Welt denke, bloggen, wäre es vielleicht ähnlich. In jedem Falle deutlich "männlich", so von der Energie. So yang eben. So anti-vegetarisch ;)
    Aber ich kenne auch die andere Seite, die vegetarische. Man wird wirklich sehr stark beeinflusst durch die Energien der aufgenommenen Nahrungsmittel, auch im Denken und Fühlen.

    Zurück zum Schreiben: Ich meine zu fühlen, dass bei den männlichen Schreibern deutlich mehr das (falsche) Ego durchscheint, die Person steht mit jedem Wort selbst sehr stark im Vordergrund. Das ist bei Frauen irgendwie anders.
    Aber da ist natürlich jeder nochmal etwas individuell.

    Die Fehler anderer oder überhaupt ständig und überall "Fehler" und Unzulänglichkeiten zu sehen, gehört dem Rajo-Guna an, Leidenschaft.
    http://www.ramakrishna.de/vedanta/samkhya.php

    Daher wird man damit auch nie glücklich. Kann leider aus eigener Erfahrung sprechen...

    Vielleicht sollte jeder Tagebuch schreiben über das, was er denkt. Man muss ja nicht zwingend öffentlich bloggen. Aber das eigene Tagebuch ist wahrscheinlich das Buch von dem man am meisten über sich und die Welt lernen kann, wenn man darin liest. Und irgendwie mag ich schon meine älteren Posts kaum lesen. Von Gedanken mal ganz zu schweigen. Ist es die Angst, sich selbst und seine eigenen Unzulänglichkeiten zu sehen? Die Angst, dass sie einem selbst nicht gefallen...!?

    Liest du deine älteren Einträge und wie fühlst du dich dabei?

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    1. "Ich meine zu fühlen, dass bei den männlichen Schreibern deutlich mehr das (falsche) Ego durchscheint, die Person steht mit jedem Wort selbst sehr stark im Vordergrund. Das ist bei Frauen irgendwie anders."
      Ein kurzer Blick auf Deine Seite zeigt deutlich, dass es durchaus Frauen gibt, bei denen die Person sehr stark im Vordergrund stehen will.
      Im übrigen ist es ein himmelweiter Unterschied, sich in der Vordergrund zu drängen oder über sich und seine Ansichten zu schreiben.

      Eins noch: ein Tagebuch mag dem einen helfen, der andere spricht lieber mit Freunden und wieder andere bloggen darüber. Und es soll sogar Leute geben die all das zusammen machen.
      Jeder nach seiner Facon würde ich sagen.

      Und zu guter Letzt: Ich weiß nicht ob es nur mir so geht, aber mir fällt es schwer einen Zusammenhang zwischen Postinhalt und Kommentar herzustellen.

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    2. Du warst nicht gemeint; natürlich hast du nichts verstanden. Danke für die Aufmerksamkeit.

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  2. ohne schleimen zu wollen, ich finde es gut. so lange du dir selbst treun und ehrlich dabei bist, und dich auf deiner eigenen art und weise glücklich und zufrieden fühlst, ist doch alles okay.
    wen interessieren schon andere, und erst recht, was sie über einen (anderen) denken.
    menschen sind leider blöde gruppentiere (mich ja eingeschlossen), und deswegen verlieren sie sich immer wieder aufs neue oder alte selbst, biegen und krümmen sich, und suchen immer nach jemand anderen, dass man manchmal echt nur noch davon kotzen könnte.
    aber so ist es wohl überall, und manchmal wünschte ich mir selbst,auch einfach nur dumm, doof und biegbar zu sein, weil alles dann wahrscheinlich unkomplizierter und schöner wäre oder ist.
    aber es ist eben so wie es ist, jeder ist seiner selbstt, und damit umgehen zu können, das ist wohl das wesentlichste...

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