Mittwoch, 8. August 2012

Modeopfer: Das Bloggen der Anderen

In den letzten Tagen habe ich mir mal ein paar Blogs reingezogen. Hui! Mal davon abgesehen, dass sich 3/4 aller Blogger mit Schminke und Klamotten zu beschäftigen scheinen, musste ich eines mit Erschrecken feststellen. Eigentlich musste ich eine Menge Dinge mit Erschrecken feststellen - wir wollen schließlich ehrlich bleiben.

Selbst wenn das Meiste, was ich gelesen habe, ziemlich großer Scheiß war, finde ich es mehr als beunruhigend, wie leicht alle ihre persönlichen Daten preiszugeben scheinen. Ja, ich kann das Gelaber vom Tod der Privatsphäre durch Facebook auch nicht mehr hören, aber verdammt nochmal: Was stimmt nicht mit den Leuten? Sicher, wenn irgendeine 16-jährige Aufmerksamkeitsgöre das Bedürfnis verspürt, ihren blassen, in ein hässliches Second-Hand-Kleidchen gehüllten Körper auf irgendeinem scheiß Kornfeld vor die Linse der Spiegel-Reflex ihres pseudo-schwulen besten Freundes zu halten und das Endprodukt anschließend schön von Instagram durchbügeln zu lassen, bin ich nun wirklich der Allerallerallerletzte, der damit ein Problem hat oder so etwas irgendwie behindert findet. Wie könnte ich auch? Alles hat seine Daseinsberechtigung, solange es einen anderen Idioten gibt, der sich dafür interessiert.


Aber: Bin ich denn der Einzige, bei dem die Alarmglocken schrillen, wenn sich eine Minderjährige im Bikini oder irgendeinem halb-durchsichtigen Scheiß fotografieren lässt und das Ganze im Internet veröffentlicht, während jeder User, über ihr Impressum, Zugriff auf ihren Namen und ihre Adresse hat? Bin ich da wirklich so spießig und paranoid? Und ich genier mich schon, mein hübsches Gesicht irgendwo hier auftauchen zu lassen. Gehen wir davon aus, dass es tatsächlich viel Verderbtheit in der Welt gibt; ist das dann nicht ein wenig fahrlässig? Sicher, es geht da um Nägel, Do-it-yourself-Schwachsinn und Mode, doch böse Augen sehen böse Dinge. Solange ein Blog kein kommerzielles Interesse verfolgt, ist auch niemand dazu verpflichtet, seine verfluchte Adresse zu veröffentlichen! Wenn ihr natürlich einen kleinen Werbebanner von L'Oréal haben wollt, gilt das nicht. Aber das ist es sicher wert. Haben die keine Eltern, verfluchte Scheiße? Oder zumindest Freunde, die nicht bescheuert sind?

Außerdem: Erschreckend, wie austauschbar und unsympathisch das alles ist (nicht nur bei den Teenagern): Es sind immer dieselben ausgelutschten Beschreibungen, immer das gleiche Gelaber, immer die gleichen aufgesetzten Gesichter; halb-offene Münder, Blicke von unten, Haarbänder, Sepiafarben, Federn, Sonnenuntergänge, all der ganze Scheiß. Ich frag' mich, ob die nur noch zu den entlegenen Seen und Wäldern pilgern, um dort Fotos zu machen, auf denen es so aussieht, als hätten sie Spaß und erleben Abenteuer mit ihren Freunden, oder, ob sie wirklich Abenteuer erleben und zufällig Fotos dabei machen. Von meinen wildesten Teenage-Abenteuern gibt es gar keine Bilder. Woher nehmen die überhaupt alle die Zeit für den ganzen Schrott? Sollten die nicht eigentlich saufen und rumvögeln?

Als ich fünfzehn war, habe ich mit Sicherheit auch jede Menge Schrott gelabert, aber wenigstens habe ich das die Welt nicht wissen lassen. Und Fotos von mir in Shorts habe ich auch nicht hochgeladen. Das sind wohl die Zeiten, die sich ändern. Die Leserzahlen geben den ganzen Wichsern ja recht. Ich will ja gar nicht rumheucheln oder den Zeigefinger heben, aber warum das alles? Verliert es nicht seinen individuellen Reiz, wenn man Tutorials davon veröffentlicht, wie man seine Vans (das sind Schuhe, Markenschuhe) frech und cool anmalt, damit sie nicht mehr wie gängige Vans aussehen? Dann haben wieder zwanzig Leute die gleichen Schuhe, aber wenigstens konnte man sich aufspielen.

Jetzt fühl' ich mich wie ein knorriger alter Mann, der den Zugang zur Jugend verloren hat, und dabei noch mitten drin. IADST ist vielleicht nicht Kochen, Mode, Basteln, Reisen oder Ficken, aber wenigstens hab' ich etwas zu sagen, ihr Arschlöcher:
  • Ihr seid in keiner Fernsehserie! 
  • Haarbänder sehen immer scheiße aus, immer! 
  • Wenn ihr Klamotten tragen wollt, die sonst niemand hat, schreibt keinen beschissenen Ratgeber darüber! 
  • Veröffentlicht nicht eure Adresse, wenn ihr freizügige Fotos von euch im Internet hochladet, aber noch zur Schule geht!
  • Wenn ihr minderjährig seid, aber nicht mehr zur Schule geht und dann freizügige Fotos veröffentlicht, ist das OK, denn es ist vermutlich euer letzter Strohhalm!
  • Haltet euch nicht für etwas Besonderes. "Es gibt nichts Neues unter der Sonne!" (Sherlock Holmes, Motherfucker!)
Amen. Ich geh' ins Bett.

A.           

Kommentare:

  1. Oh Mann, was sprichst du mir aus der Seele!!
    Allerdings muss ich dir in einem Punkt widersprechen. Haarbänder sind klasse! Nicht bei jedem. Aber zumindest bei mir :o)
    Allerdings teile ich dieses optische Highlight auch lieber mit den Menschen in meinem Privatleben. Im Blog hat das nix verloren.

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  2. Generation WorldWideWeb...traurig, aber wahr.
    Ach,ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen soll. Wenn ich zwischendurch Blogs durchsehe, hab ich das Gefühl bereits zu "alt" zum bloggen zu sein. Schon erschreckend das Ganze...

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  3. Übrigens brauchen auch private Blogger ein gültiges Impressum. Das Telemediengesetz spricht eindeutig von jeder Art redaktionellem Inhalt. Das kann niemand zurückweisen, der regelmäßig Artikel schreibt.

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    1. Na sicher! Aber ein Haftungsauschluss und eine Kontaktadresse (E-Mail) erfüllen diesen Zweck ja auch.

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    2. Ich habe noch nie eine Definition von Impressum gesehen, die den Namen ausschließt. Ein Impressum dient ja dazu, den Bereitsteller der Inhalte in Erfahrung zu bringen und ihn ggf. kontaktieren zu können. Und eine E-Mail-Adresse ist ein Kanal, kein Ansprechpartner. Um mal Wikipedia zu zitieren: „Laut einem Urteil des Oberlandesgerichts in Düsseldorf muss das Impressum den vollständigen Namen des Verantwortlichen enthalten, eine Abkürzung des Vornamens verstoße gegen § 5 TMG“.

      Die Situation ist in Deutschland echt nicht einfach. Aber wenigstens hast jetzt ne Kontaktmöglichkeit.

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    3. Lieber Anonym,

      was das betrifft,bin ich, nach kurzer Recherche, sogar bei Dir: Impressum sollte vollständig sein. Der Punkt ist, dass man gar kein Impressum braucht, wenn man einen Blog pflegt, der keine kommerziellen Interessen verfolgt (§5). Das betrifft nicht den Haftungsauschluss bzw. Disclaimer - das ist 'ne andere Geschichte. Und ob tatsächlich ein "journalistischer" Charakter vorliegt, wage ich beim Fashionblog einer Minderjährigen stark zu bezweifeln.

      Das ist alles ein bisschen schwammig formuliert. Ich möchte trotzdem ganz einfach auch an den guten alten Common Sense apellieren: Wer kein Geld damit verdient, keine wirtschaftlichen Vorteile genießt und frei von Hintergedanken ist, muss auch nicht mit seinem Namen dafür geradestehen. So verstehe ich §5.

      Niemand ist in Foren, Chatrooms oder Social-Media-Plattformen dazu verpflichtet, seinen bürgerlichen Namen zu veröffentlichen, wenn er in gleichem Maße "Meinungsmache" betreibt wie in einem Blog. Warum also die Scheiße, um es mal höflich zu formulieren.

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    4. Ich hab mir das nicht ausgedacht, ich will es auch nicht verteidigen. Ich wollte es nur ansprechen, da man oft von Abmahnungen in diesem Bereich gehört hat (so sollte das Land Sachsen 411,30 Euro Anwaltsgebühren zahlen, als es nach der Sperrung kino.to ohne Impressum verwaltete).

      Mit gesundem Menschenverstand hat das ja auch wenig zu tun. Hier zählt nur die rechtliche Lage. Und wie wir wissen ist vielen potentiellen Gesetzgebern jede Form von Anonymität im Internet ein Dorn im Auge.

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    5. Das war auch kein Angriff gegen dich. Anonymität im Internet ist heilig. Das müssen wir verteidigen!

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  4. Hii,

    ich bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen...und ich kann nur sagen...Du sprichst mir aus der Seele!

    HG Klaudia

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  5. Wow ganz ehrlich ich finde es klasse was du so schreibst.
    Du bist einer von wenigen die ihre Meinung vertritt sie ausspricht bzw. schreibt und sich nicht den Mund verbieten lässt!
    Ein großes Lob meiner seits, mach weiter so.

    Lg Vicky

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  6. Danke für all die lobenden Worte. Ihr gebt mir Kraft in diesen dunklen Zeiten.

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  7. Ist zwar nicht nett ausgedrückt, aber im Grunde die Wahrheit^^
    Ich bin zwar 15, habe aber weder Interesse daran meine Adresse im Impressum preiszugeben, noch Bilder von mir in sonstirgendwas zu machen und auch Haarbänder sind nicht so mein Ding, wobei ich nichts gegen sie habe...

    Das Ganze erinnert mich irgendwie an den Spruch:
    Und jetzt im Chor: "Wir sind alle Individuell"

    Ich hoffe ja immer noch, dass ich nicht zu den oben Beschriebenen zähle und es auch nie tun werde, aber "anders" zu sein ist anstrengender als einfach nur mit dem Strom mitzuschwimmen und man wird ja geradezu von allen Seiten zu letzterem gedrängt, da wird man von der Elterngeneration auch nicht unterstüzt.

    Liebe Grüße
    Elisa

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    1. Dein Nonkonformismus drückt sich wohl schon darin aus, dass du tagsüber schläfst. Du hast natürlich völlig recht. Dass du diese Gedanken in deinem zarten Alter mit dir rumträgst, macht alles wohl nur schlimmer.

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    2. Nachts schlafen wird überbewertet, dafür ist die Stille viel zu schön ;)

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    3. "dafür ist die Stille viel zu schön"

      !!!

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    4. Durch dieses "anders sein",dieses "ich trage high waist shorts" und ich habe "ombre hair",seid ihr leider viel viel schlimmer als der otto-normalo.
      Der Normalo läuft irgednwie rum,ihr trag alle diese shorts,habt alle eine spiegelreflex und habt alle ombre hair.Und das ist alle identisch,während die normalos wenigestens noch alle unterschiedliche farben tragen .

      :D

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    5. o.O Ehrlich gesagt drücke ich mein "anders sein" lieber in meiner Handlung und meinem Denken aus als mit Kleidung oder sonst irgendwas ;)
      Und jeden der "anders" ist gleich in diese Kategorie zu schieben ist ein wenig unpassend...
      Meine Familie besitzt durchaus eine Spiegelreflex, was aber nicht verwunderlich ist, da mein Vater Produktfotografie macht^^
      Und mal eine Frage was genau ist ombre hair? :'D

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  8. DANKE,dass jemand mal soetwas anspircht,danke.
    Vor allem so gut formuliert,so richtig herzerfrischend.
    Und es stimmt leider, dass 90 Prozent aller Mädchen so sind,zumindest bei den 13-16-jährigen.Schlimm sowas.

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  9. Gut, dass ich nicht mehr 16 bin, gut, dass ich keinen Modeblog schreibe und gut, dass ich keine Haarbänder trage, sonst wäre ich jetzt ganz schön angep....

    Aber so bin ich hoch begeistert. Recht hast du!

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  10. Kerle, die Worte wie "Ficken" und "Vögeln" so offen von sich geben, sind mir schon von Natur aus sympathisch (selbst wenn die Worte gesprochen noch fantastischer sind). Nichts ist erfrischender als wenn sich jemand unverklemmt und ohne Rücksicht auf Kritik in der Weise äußert, die ihm zu eigen ist. Und ich begrüße es, wenn jemand seine Gedanken so klasse in Worte zu fassen weiß wie du.

    Leider wird auch das nichts daran ändern, dass die von dir beschriebenen Teenager-Blogs bleiben werden, weil die Mädels mit ihren Komplexen nicht klar kommen und diese anderswie kompensieren müssen. Auch bin ich mir ziemlich sicher, dass die wenigsten Eltern dieser Mädels wissen, was Töchterchen tut.

    Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe!

    Liebe Grüße von Nachtschwärmer(in) zu Nachtschwärmer

    Gabi

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  11. Großartiger post, gleichsam mir aus der Seele gesprochen. DANKE!

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  12. Oh gott ich bepiss mich vor lachen ... haha ... G O D L I K E
    Diese Lookbook kacke, oder "ich steh mal eben im feld und lass meine klamotten ins detail fotografieren" find ich auch ziemlich .... -lardy-dardy- .....

    nun,also wer solche Texte schreibt, scheint was begriffen zu haben.
    und auch ne coole Person zu sein, hoffe ich doch mal.
    sähr nais! :B

    ahu. dem blog folge ich mal, still und heimlich .. hihi


    grüße, Thea^^

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  13. Du hast zwar vollkommen recht mit deinem Post aber ich denke, dass alles früher oder später in den Mainstream gezogen wird.

    Wie ein großer Wirbelsturm, welcher durch Nachfrage der Massen gespeißt, alles in sich hineinzieht, es eine Weile mit sich herumträgt und dann, wenn die Nachfrage wieder gesunken ist, es ausspuckt und weiterzieht.

    Wer weiß, was in 10 Jahren dann "in" ist in der Bloglandschaft...

    Lg

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  14. Ich musste erstmal die ganzen Schleimspuren wegwischen, damit ich deinen Post lesen konnte. Bin über Deine Rezension zu "Robert Frost" bei den Buchpiraten hier gelandet. Was du schreibst ist ganz nett und ich gebe zu, ich habe mich ein wenig amüsiert und sicherlich ist an deinen Aussagen auch was wahres dran, aber ich habe auch den Eindruck, du hörst dich gern selbst reden. Das haben wohl alle Blogger gemeinsam. Ich werde das mal weiter beobachten :-P

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  15. was hier im netz so auftaucht ist wirklich manchmal unter aller sau und lässt zu wünschen übrig. ich frag mich ja eher, wie die mit ihren süßen 15 jahren überhaupt zu solchen grenzlosen internetszenarien kommen, bzw. was deren eltern zu dieser zeit treiben. ich habe mich damit ja abgefunden, dass es die zeit ist, in denen man schon im alter von 10 n handy (vorzugsweise iphone) hat, spätestens mit 13 einen pc, geschweige denn laptop (den man natürlich auch in der schule vorzeigen kann und muss!).
    wahrscheinlich denken viele, dass sie durch ihre blogs irgendwann reich und berühmt werden, andere gründe kann ich mir sonst auch beim besten willen nicht mehr vorstellen...
    und nein, du bist nicht der einzige der sich in der (virtuellen) welt zu alt vorkommt, ich häng da auch schon ziemlich hinterher...
    lg

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  16. Sehr schön ... nun les ich schon ein bisschen hier herum und dann komm ich auf diesen "alten" Post und bin begeistert!
    Sehr schöne Umschreibung und treffende Analyse, trifft perfekt meine Meinung.

    LG und jetzt verkrümel ich mich wieder zu den Utopia-Episoden,
    Diana

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  17. So, und ein Jahr später noch ein Kommentar... Ich bin wirklich schon älter als wohl die meisten hier und ich frage mich auch die ganze Zeit, weshalb vor allem Mädchen und Frauen so intensiv bloggen... Und immer: Nägel, Schminke, Kleider und später dann: kochen, nähen, basteln. Wo ist unsere Emanzipation?!?!?!!

    Auch wenn du dich gerne "hören" magst..., so finde ich deinen Blog erfrischend anders und ich freue mich über neue Posts - ich hör dir gerne zu.

    Geniess dein Studentenleben,

    LG, iren

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    1. Auch ein Jahr später lese ich noch die Kommentare. Natürlich mag ich mich gern hören. Wozu bräuchte man sonst ein Blog, wenn nicht zur Selbstdarstellung? Ich freue mich, dass Dir gefällt, was Du liest und bin ganz deiner Meinung: Niemand sollte sich auf so wenige Themen reduzieren.

      Liebe Grüße!

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