Mittwoch, 26. September 2012

Blätterrauschen

Kurz bevor sich die Tür des Fahrstuhls schließt, sehe ich einen Typen mit Brille und zerzausten Haaren in meine Richtung eilen. Zu spät, Arschloch, musst du wohl die Treppe nehmen. Nach zwei Etagen steige ich wieder aus. Die Flure sind leer; kein geschäftiges Treiben, kein Kaffeegeruch, keine wartenden Studenten. Ich krame in meiner Tasche nach dem Zettel, auf dem ich die Nummer des Büros vermerkt habe. Treffer, ich stehe bereits davor. Ich habe jetzt, während ich diese Zeilen tippe, schon das Gesicht der Sekretärin vergessen, so unscheinbar war sie.

Zu meinem wunderbaren Studiengang gehört es, mindestens drei Tage lang an irgendwelchen historisch-orientierten Exkursionen teilzunehmen. Nachdem ich einen ganzen wunderschönen Tag im Landesarchiv und der fantastischen Übermetropole Schleswig verbringen durfte, meldete ich mich im Januar für einen Bildungstrip nach Berlin (unter schulpädagogischen Gesichtspunkten) an, um die dämlichen Exkursionstage endlich auf meinem Haben-Konto sehen zu können. Ich hasse Berlin, aber wenigstens konnte ich bei 'nem Freund pennen - so blieben mir vorerst diese ekelhaften Hostels erspart.

Montag, 24. September 2012

Der Boxer

Wie oft habe ich Euch schon davon erzählt, dass bestimmte Songs wie Fotos sind? Du hörst sie und siehst dich selbst vor Jahren. Das Gefühl der Zeit erwacht in dir, quält oder kitzelt dich. Für die Länge eines Liedes bist du wieder der, der du einst warst, siehst die Menschen, mit denen du damals dein Leben teiltest, bewegst dich an den Orten aus verschütteten Tagen, siehst dich tanzen, ficken und heulen.

Das Foto ist von gestern Abend. Der Ton des Fernsehers ist aus, und ich habe Kopfhörer in den Ohren (wen kümmern Stromrechnungen?). Seit Stunden höre ich das neue Album von Mumford & Sons. Es scheint großartig zu sein, so vom ersten Hören her. Dass es keine Selbstverständlichkeit ist, das gute Bands auch gute Alben machen, hat man vor Kurzem gerade mal wieder bei den Killers erlebt. Was waren die ersten beiden Alben doch toll. Und jetzt? Es gehört scheinbar dazu, dass Bands immer mal wieder ihr Potenzial in den Wind schießen und belanglos und mies werden. Davon können sogar die Kaiser Chiefs oder die Arctic Monkeys (oder, oder, oder) ein Liedchen singen. Das steht jedoch auf einem anderen Blatt. Worauf ich eigentlich hinauswollte, ist, dass sich auf dem neuen Mumford-Album eine Coverversion des Simon & Garfunkel Gassenhauers "The Boxer" befindet. Ich komm' aus der Wortspielnummer heute nicht mehr raus, ich merk' das schon.

Während ich heute durch den Park spaziert bin, ging es weiter: Immer wieder fing ich an, die entscheidenen Zeilen zu summen: "In the clearing stands a boxer and a fighter by his trade and he carries the reminders of every glove that layed him down or cut him till he cried out in his anger and his shame: I am leaving, I am leaving. But the fighter still remains".

Samstag, 22. September 2012

Musiktipp: Great Lake Swimmers

Liebe Freunde, ich bin's, Euer musikalisches Gewissen.

Hiermit empfehle ich Euch feierlich eine neue Band. Die kanadische Folk-Rock-Super-Sensation Great Lake Swimmers brachten dieses Jahr ihr fünftes Album "New Wild Everywhere" heraus. Gebt ihnen eine angemessen Chance!


Donnerstag, 20. September 2012

Das Herz des Piraten

Der Regen wird vom Wind getragen. Mein Gesicht ist nass trotz Kapuze. Warum ist das Wetter hier nur immer so verflucht beschissen? Drecksstadt. Es regnet hier doch seit vier Jahren. Ich habe seit vierzehn Stunden keine Zigarette geraucht und werde langsam zu einem Risiko für mich selbst und die Welt. Es gibt Menschen, die können problemlos ihren ganzen Arbeitstag auf Zigaretten verzichten. Es gibt auch Menschen, die rauchen nur auf Partys oder in Momenten größter Not. Ich gehöre nicht dazu, nein.

Ich musste die Wohnung verlassen und frische Luft schnappen. Ja, ich finde mich selbst unerträglich. Es hat sich angefühlt, als würde irgendeine scheiß Energie aus mir raus wollen, als müsste ich mich häuten, weil es darunter brennt. Irgendwann habe ich aufgehört mich zu winden, während ich völlig unkonzentriert auf meinen langweiligen Übersetzungstext starre. Ich ging in die Küche und bepöbelte einen meiner Mitbewohner, weil der Griff einer unserer Bratpfannen lose ist. Das muss seine Schuld sein. Es muss. Die dämliche Pfanne war verfickt teuer. Eine viertel Stunde lang bewerfe ich ihn mit Vorwürfen. Er sieht mich verständnislos an und sagt, dass ich mich verpissen solle. Er hat recht. Fick dich, ich wollte sowieso gerade gehen, Wichser. High-Top-Sneaker, Regenjacke. Guten Morgen, du hässliche graue Straße. 

Ach übrigens


Montag, 17. September 2012

Das Blut der Ente


Okay, okay, ich war ein bisschen zu melodramatisch in letzter Zeit. Ich denke, ich habe mich wieder eingekriegt. Selbst der Sommer kam noch mal vorbei, um sich zu verabschieden. Familientreffen. Gott, ich hasse so etwas wie die Pest - vor allem, wenn es um irgendeinen fremden Seitenarm der Dynastie, aus Sachsen, geht. Ich kenne keinen Namen und kein Gesicht. Und sein wir ehrlich: In spätestens zehn Jahren ist es sicher, dass ich sie niemals in meinem Leben wiedersehen werde. Selbst die losesten Bande reißen irgendwann; die wenigen verknüpfenden Elemente sterben aus, und die Relikte des Nachkriegs-Nomadismus verwelken damit und verschwinden schlussendlich im Sand wie alles, das nicht für die Ewigkeit gemacht ist.

Ich habe nie verstanden, warum das Blut über der Nähe steht. Wenn ich jemanden nicht kenne, bedeutet es einen Scheiß, dass ich mit ihm verwandt bin. Das ist wie dieser Wiedersehensdreck im Fernsehen, bei der die Nachkommen eines unbedeutenden und kurzweiligen Urlaubsflirts ihre Väter in irgendeiner scheiß Wellblechhütte in den Vorhöllen-Slums der Touristen-Ressorts in der Dominkanischen Republik aufspüren, diesen Fremden dann überschwänglich und weinend zu Kelly Clarkson's "Because Of You" in die Arme fallen und anschließend voller Stolz verkünden, dass sie und ihr neu gewonnener Daddy ja nun wirklich aus einem Holz geschnitzt wären, schließlich möge er doch auch so gern Musik - während ihnen dabei der Rotz nur so aus dem Gesicht tropft. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Bla. Wir sind alle nur Enten und Wildgänse! Haarausfall und Fettleibigkeit stecken vielleicht in den Genen, aber Verhaltensweisen und Vorlieben sicher nicht. Wahre Verwandtschaft generiert sich aus Nähe und nicht aus der Abstammungsurkunde.

Samstag, 15. September 2012

Schwarze Augen

Geht mir Bettina Wulff auf den Sack? Ja! Es ist so unsagbar dämlich, alles. Dieselben Leute, die sich noch im Winter über die dicke Pension ihres Mannes und die allgemeinen Dreistigkeiten der Familie Wulff echauffiert haben, kaufen jetzt Betty's beschissene Lebensabschnitts-Memoiren, hieven sie auf die Bestsellerliste und schicken ihre eigenen, mühevoll erkämpften Maloche-Dollar direkt nach Großburgwedel. Aus Interesse, versteht sich. Aus Interesse woran eigentlich? An den Silberlöffelbekenntnissen von Bellevue? Hat Pretty Woman tatsächlich auch die Probleme von uns Sterblichen? Unglaublich. Und dass sie jetzt gegen die Nuttengerüchte angeht, nachdem sie schon 1 Jahr lang im Internet kursierten, hm. Ich glaube ja nicht, dass das irgendetwas mit dem Erscheinungstermin ihres Buches zu tun hätte. Sie hat das Geld doch gar nicht nötig. Aber die Aufmerksamkeit. Wenn es ihr tatsächliche um aktive Selbsthilfe ginge, könnte sie auch einfach anonym bloggen: Im Angesicht der sicheren Kohle

Freunde, ich hab' den Blues. Heute in zwei Wochen werde ich 26. Naja, eher: Gestern in zwei Wochen. Ich habe eigentlich schon geschlafen, dann klingelte das Handy, jetzt liege ich wach und habe beschlossen, mich zu melden.

Ich höre Musik - im Fernsehen läuft nur Scheiße, immer. "I'm the darkness but I wanna be the light" - was für eine schöne Zeile. Simpel und schön. Angus & Julia Stone, falls Ihr Euch fragt. Sie schlägt in die diesselbe Kerbe wie "Don't shoot me down. All I want is to see my black eyes turn back to brown", eines meiner Lieblings-Song-Zitate. Eigentlich der einzige Jamiroquai-Song, den ich mag: "Hot Tequila Brown". Eine fantastische Zeile. Ich erinnere mich noch genau, wie ein Freund mir den Song vorspielte. Ich fand von Jamiroquai alles scheiße, schon aus Prinzip, wegen dem ganzen Funkmist und so. Doch die Zeile war göttlich - und sie saß.

Ich habe nichts Kluges zu vermelden, deswegen singe ich ein Lied. Ist nicht von mir. "The Weary Kind", Ryan Bingham, der Soundtrack-Titelsong zu "Crazy Heart": mittelmäßiger Film, großartiger Soundtrack. Es kommt einem eher vor, als hätten sie den Film für den Song geschrieben.

Ich will zurück in die Matrix,
A. 


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Dienstag, 11. September 2012

Musiktipp: The Lumineers

Ihr habt gerade nichts zu tun? Die Musik im Radio ekelt Euch an? Ihr wollt euch in eine Platte verlieben, die noch nicht mit sechshundertsechsundsechzig Erinnerungen verknüpft ist? Ihr habt Lust mal wieder eine neue Band kennenzulernen, die Euer Leben nun wirklich bereichern wird? Als Euer Freund kann ich Euch da behilflich sein. Nehmt Euch die Zeit - es lohnt sich.

IADST präsentiert: The Lumineers. Dieses Jahr ist ihr selbstbetiteltes Debüt erschienen, welches sofort zu einem meiner Lieblingsalben schlechthin gereift ist. Hört es, kauft es, liebt es! Vertraut mir.


10.000

Verehrte Lex-Army,

wie ich meinen Statistiken entnehmen kann, verirrte sich gestern der 10.000'ste Besucher auf IADST. Habt vielen Dank dafür! Das Interesse motiviert mich nicht nur, hiermit weiterzumachen, sondern zeigt mir auch, dass ich mit dem, was ich denke und sehe, nicht allein bin. Überall ist Dreck und wir alle sind im Angesicht des sicheren Todes. Danke für Eure Aufmerksamkeit.

A.

Montag, 10. September 2012

Im Reich der Tiere


Samstag. Es ist noch nicht einmal 07:00 Uhr. Ein Mädchen starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. "Steh' auf, ich kann nicht mehr schlafen. Die Anderen kommen doch nachher auch schon bald", sagt sie. Ich weiß noch nicht einmal genau, wovon sie redet, aber ich drücke mich langsam hoch und blicke durch die offenen Balkontüren in den Morgenhimmel. Er ist grau. Darum ist es auch also so verfickt kalt hier. Halbherzig esse ich ein halbes Brötchen mit Marmelade und starre Facebook an, während South dazu "Paint The Silence" singen. Schöner Song. Ich vermisse O.C. California. Oder zumindest vermisse ich mich in den Zeiten von O.C. California. Fickt Euch, das ist keine Mädchenserie.

Mit leichter Verspätung steige ich in das Auto meiner Freunde ein. Auf nach Hodenhagen. Wie kann man einen Ort nur so nennen? Die Straßen sind nicht so voll wie erwartet, und nach zwei "Äh, wir müssen noch mal zur Bank", jeder Menge Hip-Hop und 2 1/2 Stunden Autobahn erreichen wir Hodenhagen, ein Kaff inmitten niedersächsischer Maisfelder.

Freitag, 7. September 2012

Man ist nur so kalt, wie man sich fühlt


Eine Freundin zieht nach Berlin. Dieser versiffte Magnet zieht immer wieder Freunde aus meinem Leben. Ich habe ihr "Der Schatten des Windes" besorgt, zum Abschied. Ich weiß nicht, wie vielen Leuten ich dieses Buch schon aufgedrängt habe - aber es ist einfach verfickt großartig. Der Penner vor der Sparkasse ist scheinbar von der Flöte zur Mundharmonika gewechselt. Das wirkt romantisch, so im Dämmerlicht. Ich geb ihm 'nen Euro, ohne ihm in die Augen zusehen. Ich schäme mich, wenn ich ihnen in die Augen sehe. Die Frau im Blumenladen bekommt 10 Cent Trinkgeld. Artig bedankt sie sich für diesen prächtigen Obolus. Ich war einfach zu faul, mein Portemonnaie erneut zu zücken und noch dazu im Zeitdruck. Trotzdem komme ich mir gönnerhaft vor.

Donnerstag. Ich träume irgendeine Scheiße. Sex auf 'ner Toilette. Na gut, es gibt Schlimmeres, denke ich. Als ich wach werde, scheint das ganze verdammte Haus zu vibrieren. Die kleine Baustelle vor der Haustür wurde scheinbar durch einen Presslufthammer oder so ein Rüttelding bereichert. Ein Gewinn auf ganzer Linie. Selbst die Balkonbrüstung zittert, als ich meine Hände auf sie lege und in die Sonne starre, um wirklich aufzuwachen. Es ist nirgends so schön wie daheim, nirgends so schön wie daheim. Als ich meinen Blick vom grellen Licht abwende, bemerke ich eine Libelle, die an der Mauer meines Balkons klebt. Ich schätze, ich habe seit Jahren keine mehr gesehen, so von Angesicht zu Angesicht. Obwohl meine Hände eigentlich zu zitterig sind, gelingt es mir, dieses bahnbrechende Foto zu machen. Vielleicht bin ich doch eine Nikon. Oder zumindest 'ne Casio. Das stetige Staccato des Presslufthammers wird immer wieder durch dröhnende, dumpfe Schläge unterbrochen, die klingen, als schlage irgendeine beschissene Filmarmee auf ihre Kriegstrommeln, so kurz vor der Schlacht, um dem schwächeren Heer zusätzlich Angst zu machen.

Mittwoch, 5. September 2012

Montag, 3. September 2012

Nach Norden



Da bin ich, genesen und gestärkt. Langsam fühlt es sich tatsächlich so an, als hätten meine Knochen wieder zueinandergefunden. Und mein Kopf ist auch endlich wieder dort, wo er hingehört: über den Wolken, statt unter der Erde. Der Bademantel ist abgestreift und ich trage eine Hose. Scheiße, ich sah so beschissen aus letzte Woche, dass ich beim Arzt, trotz vollem Wartezimmer, als Erstes aufgerufen wurde - und das, ohne der Sprechstundenhilfe zu sagen, was mir überhaupt fehlt. So schlecht fühlte ich mich wirklich lang nicht mehr.

Nachdem ich wieder einigermaßen stehen konnte, bin ich über's Wochenende in die Heimat gefahren. Ich wusste, wenn mein Magen das übersteht, bin ich über'n Berg. Hähnchen, Lachs, Burger. Ich war wieder im Spiel. Gefühlt habe ich den ganzen Samstag im IKEA in Rostock verbracht. Ich weiß, es ist eigentlich bescheuert, zu erwähnen, in welcher Stadt man im IKEA. Kaum hast du den Eingangsbereich hinter dich gebracht, um dicht gedrängt die Tour durch Musterräumlichkeiten zu beginnen, spielt es keine Rolle mehr, in welcher scheiß Stadt du bist. Die verfluchten Dinger sind überall gleich. Das ist ja auch ihr Rezept. Wie bei McDonald's. Bereits auf dem Parkplatz sah es aus, als würde man zum beschissenen Casting für's Supertalent gehen; Jungfamilien, braun gebrannte Typen mit Gürteltaschen und Wadentattoos, aufgehübschte Discoschlampen in engen Lederhosen. Ach Mecklenburg, meine unsterbliche Geliebte. Natürlich, der Laden war voll. Natürlich, ich musste ich zertretenen Röstzwiebeln stehen, während ich meinen Hotdog aß, umgeben von Volltrotteln, die über ihren Urlaub reden.

Doch nicht einmal all das konnte meine Laune trüben. Ich bin gefüttert mit guten Nachrichten. Kann ich mir eine weitere Gitarre leisten? Nein. Habe ich mir eine bestellt? Ja. Ich bin Daddy's kleine Prinzessin und habe ein Darlehen bekommen. Nachdem ich eigentlich dachte, die Leuchtturmtour wäre mein Jahresurlaub gewesen, werde ich in ein paar Wochen tatsächlich nach Norwegen zurückkehren. Der Wind hat sich gedreht. Sieben Tage wundervolle Einöde. Das wird Balsam für meine geschundene Seele. Seitdem das gebucht ist, haben sich alle Wogen erst einmal geglättet. Und wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Bilder der vorherigen Aufenthalte vor mir: