Mittwoch, 26. September 2012

Blätterrauschen

Kurz bevor sich die Tür des Fahrstuhls schließt, sehe ich einen Typen mit Brille und zerzausten Haaren in meine Richtung eilen. Zu spät, Arschloch, musst du wohl die Treppe nehmen. Nach zwei Etagen steige ich wieder aus. Die Flure sind leer; kein geschäftiges Treiben, kein Kaffeegeruch, keine wartenden Studenten. Ich krame in meiner Tasche nach dem Zettel, auf dem ich die Nummer des Büros vermerkt habe. Treffer, ich stehe bereits davor. Ich habe jetzt, während ich diese Zeilen tippe, schon das Gesicht der Sekretärin vergessen, so unscheinbar war sie.

Zu meinem wunderbaren Studiengang gehört es, mindestens drei Tage lang an irgendwelchen historisch-orientierten Exkursionen teilzunehmen. Nachdem ich einen ganzen wunderschönen Tag im Landesarchiv und der fantastischen Übermetropole Schleswig verbringen durfte, meldete ich mich im Januar für einen Bildungstrip nach Berlin (unter schulpädagogischen Gesichtspunkten) an, um die dämlichen Exkursionstage endlich auf meinem Haben-Konto sehen zu können. Ich hasse Berlin, aber wenigstens konnte ich bei 'nem Freund pennen - so blieben mir vorerst diese ekelhaften Hostels erspart.

Was ich mir vorstellte:

Ich sehe mir nachmittags ein Museum an und lasse mich berieseln, mache mich über Stadt, Menschen und Welt lustig, esse Fast Food, flaniere ein bisschen im pseudo-kosmopolitischen Flair unserer verdreckten Riesenbaustelle von Hauptstadt, meide öffentliche Verkehrsmittel, trinke Bier mit meinem Kumpel und bin eher wieder Zuhaus' als ich "es ist nirgends so schön wie daheim" sagen kann.

Wie es tatsächlich war:

Ich verbringe 90% in Gedenkstätten und Museen, laufe durch ein kaltes und verregnetes Berlin, habe Hunger, fahre S-Bahn, fahre Tram, muss im jüdischen Museum, nach zwanzig-minütigem Rundgang, einen improvisierten Vortrag über ein selbst gewähltes Exponat halten (bei laufendem Betrieb!). Ich schäme mich meiner Sprache, als ich in die skeptischen Gesichter älterer, jüdischer Besucher aus dem Ausland sehe. Sicher, ich war auch betroffen im Holocaust-Mahnmal: es war bedrückend, düster und ziemlich überwältigend, aber einige meiner Kommilitonen weinten und das war mir irgendwie auch unangenehm. Das Biertrinken am Abend traf zu (war super), wenngleich der Rest ein gottverdammter, pädagogisch äußerst wertvoller Betroffenheits-Marathon war. Doch mit meinen Abhandlungen darüber könnte ich wiederum einen ganzen Post füllen.

Wie auch immer. Ich bin also im Sekretariat des heiligen historischen Seminars, um die einzelnen Bescheinigungen meiner Exkursionstage abzugeben, wofür ich letztendlich eine weitere Bescheinigung bekomme, die essenziell für meinen Abschluss ist und wieder eingereicht werden muss. Wenn der verfluchte Regenwald tot ist, trägt die Christiana Albertina eine gewaltige Mitschuld und wird merken, dass man Geld nicht essen kann oder so. Ich unterschreibe irgendetwas. Sie unterschreibt irgendetwas. Ihre Majestät, die Chefsekretärin, ist außerdem der Meinung, dass mein Nachname auf dem Anmeldeformular für die anstehende Sprachklausur nicht besonders leserlich geschrieben wurde. Sie nimmt mir die Liste aus der Hand und bessert nach. Es wäre auch wirklich zu viel verlangt, wenn man sich dafür online anmelden könnte (wie z.b. für alle anderen Klausuren). Wie gesagt, Regenwald. "Tschüss". Diesmal nehme ich die Treppe.
Der kleine See hinter den Seminargebäuden der Philosophischen Fakultät liegt ruhig im Grau des Herbstes. Je näher man dem Bibliotheksgebäude kommt, desto mehr Menschen wuseln auch über den verkaterten Campus. Ich passiere zwei Drehtüren und finde mich im Foyer wieder. Die Frau am Schalter stellte sich nach einigen Sekunden als Mann heraus. Ich drücke ihr, ihm, das Buch in die Hand und blicke ihn skeptisch an. Seine Frisur erinnert an eine perverse Mischung aus Mel Gibson in den 80'ern und The Cure. A Letter To Mad Max quasi. Du bist bestimmt ziemlich pervers und hörst noch dazu außerordentlich beschissene Musik. Er gibt mir tatsächlich einen Bescheinigungsbeleg dafür, dass ich das Buch abgegeben habe. Es reicht ja nicht, dass es bei ihm im Computer und auf meiner dämlichen Karte gespeichert ist. Es ist fast zum Lachen. "Tschüss".
Ich fühl mich wie ein ehrbarer Working-Class-Hero, als ich den Heimweg antrete. Studieren kommt mir nur wie Arbeit oder Lebensinhalt vor, wenn ich dazu auch das Haus verlassen muss - und wenn es nur für 'ne verfickte Stunde ist. Zumindest rede ich mir das ein. Hölle, ich bin Bus gefahren (!) für diese paar Minuten Unterschreiben und Abgeben. Ich gehe zurück!

Die Sportplätze und der Skatepark liegen verlassen, wie nach 'nem Fallout. Der Wind zersaust die Bäume in regelmäßigen Intervallen. Ich kann nicht sagen, ob das stetige Rauschen von der naheliegenden Bundesstraße kommt oder, ob es die Blätter sind, die vom Wind aneinander gepeitscht werden, bis sie fallen. Ich ziehe den Reißverschluss der Jacke bis oben zu. In Kiel vergisst man schnell, dass es je einen Sommer gab.
Ich komme am Studentendorf vorbei. Ich habe nie verstanden, warum jemand hier wohnen will, in diesem zusammengepressten Sperrholz-Motel, als wären sie die verfluchten Teletubbies in einer hölzernen Legebatterie. Und die Mieten sind nicht einmal billig. Trottel. Aber vielleicht entzieht sich mir einfach nur, was daran toll sein könnte. Ich finde ja schon die Mensa unangenehm. Die Bäume hier gefallen mir jedoch. Dass ich die Form von Bäumen plötzlich interessant finde, bedeutet wohl, dass ich alt werde. Oder, dass ich mich gern an Dinge klammere, die von längerer Dauer sind. Ich mag auch Schildkröten. Schildkröten sind super.

Nach kurzer Zeit gelange ich an einen Ort, dem ich zufällig im ersten Semester begegnet bin. Auf der Suche nach einer Abkürzung hatte ich mich verlaufen. Es war bereits dunkel und mir lief die Zeit davon. Ich wusste, dass hier irgendwo eine beschissene Brücke über die Bundesstraße sein musste, aber es gelang mir partout nicht, sie zu ausfindig zu machen. Dann zeichnete sich plötzlich eine riesige Schüssel in der Dunkelheit ab und wies den richtigen Weg. Wir nannten diesen Ort seitdem "Area 51".
Ich glaube, ich befinde mich auf dem Campus des Wissenschaftszentrums. Genau kann ich das jedoch nicht sagen. Arbeiter pflastern gerade ein Stück Parkplatz neu, während sie Regen, Kälte und Wind ausgesetzt sind. Keine zehn Meter hinter ihnen, auf der anderen Seite eines gewaltigen Glasfensters, finden gerade irgendeine aufgeblasene Konferenz statt. Irgendjemand muss gerade den größten Witz aller Zeit erzählt haben, denn die ganze Anzugbrigade schüttelt sich vor Lachen fast das Gel aus den Haaren. Vor der Tür stehen haufenweise Mercedes und BMW. Eine merkwürdige Szene. Was denken die Arbeiter wohl? Drinnen schlägt man sich auf die Schenkel. Draußen redet man kaum miteinander, man rammt die Schaufel einfach wieder und wieder in den kalten Boden. Sieht man von drinnen überhaupt noch nach draußen? Der Wind ist stärker als jeder Hauch von Rebellion. Ich gehe weiter.
Der Wasserturm des Ravensberg ist kaum merklich hinter einer weiteren Baustelle verschwunden. Was bleibt, sind die Raben, die vermutlich namensgebend waren. "Und wenn die alten Raben noch fliegen immer dar, so muss ich auch noch schlafen verzaubert hundert Jahr". Ein paar der Arbeiter sehen zu mir rüber, während ich mit meinem Handy das Foto mache. Ich komme mir blöd vor. Halten sie mich für einen Industriespion oder einfach für einen Trottel mit zu viel Zeit? "Ein Müßiggänger und ein Faulpelz unterscheiden sich in gleichem Maße wie ein Schlemmer und ein Vielfraß" (David Mitchell: Der Wolkenatlas). Ich stecke mein Handy weg, zünde mir eine Zigarette an (Hier, ich bin einer von euch!) und gehe weiter. Lasziv blickt mich Lana Del Rey von der Werbetafel der Bushaltestelle aus an. Ich erwidere ihr Lächeln.

Zurück im Elfenbeinturm. In meinem Zimmer stinkt es nach einer Mischung aus Zigarettenrauch und dem Geruch von Schlaf. Beim Öffnen der Balkontüren bemerke ich einen schwerfällig fliegenden Schmetterling, der mit scheinbar letzter Kraft auf dem Fensterbrett landet. Ein Pfauenauge, wenn mich nicht alles täuscht. Er sieht müde aus und ich frage mich, ob er tatsächlich gerade stirbt. Ein Bild gelingt mir, doch dann verschwindet er, in einer Mischung aus Stürzen und Fliegen. Würde ist, wenn man das nicht genau sagen kann.

A.

        

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