Montag, 17. September 2012

Das Blut der Ente


Okay, okay, ich war ein bisschen zu melodramatisch in letzter Zeit. Ich denke, ich habe mich wieder eingekriegt. Selbst der Sommer kam noch mal vorbei, um sich zu verabschieden. Familientreffen. Gott, ich hasse so etwas wie die Pest - vor allem, wenn es um irgendeinen fremden Seitenarm der Dynastie, aus Sachsen, geht. Ich kenne keinen Namen und kein Gesicht. Und sein wir ehrlich: In spätestens zehn Jahren ist es sicher, dass ich sie niemals in meinem Leben wiedersehen werde. Selbst die losesten Bande reißen irgendwann; die wenigen verknüpfenden Elemente sterben aus, und die Relikte des Nachkriegs-Nomadismus verwelken damit und verschwinden schlussendlich im Sand wie alles, das nicht für die Ewigkeit gemacht ist.

Ich habe nie verstanden, warum das Blut über der Nähe steht. Wenn ich jemanden nicht kenne, bedeutet es einen Scheiß, dass ich mit ihm verwandt bin. Das ist wie dieser Wiedersehensdreck im Fernsehen, bei der die Nachkommen eines unbedeutenden und kurzweiligen Urlaubsflirts ihre Väter in irgendeiner scheiß Wellblechhütte in den Vorhöllen-Slums der Touristen-Ressorts in der Dominkanischen Republik aufspüren, diesen Fremden dann überschwänglich und weinend zu Kelly Clarkson's "Because Of You" in die Arme fallen und anschließend voller Stolz verkünden, dass sie und ihr neu gewonnener Daddy ja nun wirklich aus einem Holz geschnitzt wären, schließlich möge er doch auch so gern Musik - während ihnen dabei der Rotz nur so aus dem Gesicht tropft. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Bla. Wir sind alle nur Enten und Wildgänse! Haarausfall und Fettleibigkeit stecken vielleicht in den Genen, aber Verhaltensweisen und Vorlieben sicher nicht. Wahre Verwandtschaft generiert sich aus Nähe und nicht aus der Abstammungsurkunde.

Als ich mit meiner Reisetasche die Auffahrt zum Haus meiner Eltern hoch marschiere, ruft mein Vater, der gerade irgendeine Holzbank abschleift, "Was für'n Gandhi kommt denn da?", was seine Art ist, mir zu sagen, dass ich mich rasieren und zum Friseur gehen sollte. Er setzt "Gandhi" mit "Hippie" gleich, denke ich. Ich winke trotzdem freundlich und schreie gegen den Lärm seiner Schleifmaschine an, dass ich morgen früh einen Termin hätte.

Frühstück. Ich könnt' jetzt schon brechen, wenn ich auch nur an das Familientreffen am Abend denke. "Wenn Antje da ist, frag mal, ob ich auch 'nen Termin kriege heute."
"Woher soll ich wissen, wer Antje ist - die sehen doch alle gleich aus."
"Das ist die Blonde."

Als ich die Tür öffne und damit gleichzeitig die Klingel betätige, kommt eine dunkelhaarige Frau zwischen 30 und 40 aus einem Hinterzimmer. Sie müht sich nicht einmal zu einem Lächeln. Sie wirkt grau mit jeder Pore. Über ihrer linken Titte steht "Antje" auf ihrem Poloshirt. Alles klar, die Blonde. Die sind wie verfickte Chamäleons mit den Frisuren von Asozialen. Immer, wenn ich herkomme, sehen die anders aus. Vielleicht ist es auch immer Diesselbe.

Das Schöne an den blühenden Landschaften Mecklenburgs ist, dass die Friseure tatsächlich ähnliche Tarifverhältnisse wie in den Gefilden Gandhis' haben; 7€ kostet es, und schon sehe ich wieder so aalglatt wie ein Hitlerjunge aus (wobei mir mein Vater, der kurz nach mir einen Termin bekam, berichtet, dass sich die Antje über mich beschwert hätte: "Für die Matte hätte ich eigentlich 10€ nehmen müssen, aber ich wusste ja, dass es ihr Sohn ist, also hab' ich das so durchgehen lassen. Trotzdem sollte er nicht erst immer nach drei Monaten vorbeikommen, wenn er mal in der Gegend ist, und dann einen trockenen Kurzhaarschnitt ankündigen."). Tja, selbst 10€ wären noch ein Schnäppchen. Und für ihren Stundenlohn sehe ich es ihr ohne Weiteres nach, dass sie mich nicht mit gespielter Begeisterung überschüttet, sondern eben stumm das schwarze Haar von meinem Kopf schert und anschließend über mich lästert.

Vor dem Entenbraten, den meine Mutter beschlossen hat, zum Mittag zu servieren, fahre ich in die Innenstadt, um kurz noch ein wenig in Freiheit zu schlendern. Es ist nicht kalt, was einen daran erinnert, dass sich hinter all den grauen Wolken eine restsommerliche Sonne verbirgt. Dass es bergab geht, erkennt man wohl daran, dass ein 1-Euro-Laden am Marktplatz eröffnet - gegenüber der Wasserkunst, einem Trinkwasserversorgungskonstrukt aus dem 16. Jahrhundert. Sollten die Mieten hier nicht eigentlich unerschwinglich sein? Noch immer wuseln Touristen durch den Stadtkern; manche sogar mit Klemmbrettern, wie die Teilnehmer einer Schnitzeljagd. Und der große alte Kirchturm wacht über alles. Seit die DDR-Führung beschlossen hat, das dazugehörige, vom Krieg geschundene Kirchenschiff zu sprengen, statt es zu restaurieren, steht nur noch der backsteinerne Turm von St. Marien, einsam und gewaltig. Mein Großvater erzählte mir mal, dass er und seine Freunde früher in der alten Ruine herumgeklettert wären. Ein Heidenspaß sei das gewesen. Ich kenne den Turm nur so. Doch noch immer, wenn ich eine fremde Stadt mit hohen Bauwerken besuche, orientiere ich mich an den 80 Metern meines Kirchturms St. Marien, so als Vergleichswert, versteht sich.

Der Stadtkern ist renoviert und herausgeputzt, glatt und beschaulich. Das eigentlich Schöne sind für mich jedoch die kleinen Gassen, ein wenig abseits: verwunschene und verwucherte Gärten in verlassenen Innenhöfen, alte Laternen, zerbrochene Fenster und abgesackte, verfallene Häuser, denen es gelungen ist, Jahrhunderte zu überdauern, während sie über die letzten sechzig Jahre stolpern und nun in atemraubender Geschwindigkeit zu Staub zerfallen. Hier sieht es tatsächlich aus wie in den fiebrigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus Nosferatu, der tatsächlich in den 20'ern hier gedreht wurde. Selbst der Verfall ist anmutig. Gott, ich klinge wie einer dieser beschissenen Heimatforscher, die rührselig und fast unbemerkt zu blinden Nationalisten geworden sind.
Aus den Augenwinkeln sehe ich einen Typen mit Sonnenbrille an die Fassade des H&M gelehnt, neben sich eine braun gebrannte Disko-Tuse. Instinktiv sehe ich weg. Abschaum. "Mr. Skywalker, Sie hier? So sieht man sich wieder" Das Schöne an Spitznamen, die man sich selbst gegeben hat, ist, dass man sich geschmeichelt fühlt, egal, wer einen anspricht. Der Typ an der Hauswand nimmt seine riesige schwarze Sonnenbrille ab und breitet die Arme aus. Ich erkenne den Drummer meiner ersten Band. Das Mädchen an seiner Seite sieht zwar aus wie Millionen andere, aber sie ist mir unbekannt, denke ich. "Nach all den Jahren. Und wieder dort, wo alles begann", sage ich und umarme ihn. Seiner Gefährtin reiche ich mit einer mittelalterlichen Geste meine Hand, während ich gespielt und verständnisvoll mit geschlossenen Augen nicke. Das ist 'ne blöde Angewohnheit. Sie sagt nicht einmal "Hallo". Ihr teilnahmsloses Gesicht und ihr lascher Händedruck scheinen ein Spiegel ihres Innenlebens zu sein. Seine Ansprüche waren nie besonders hoch, oder? Ich erinnere mich kaum.

Wir vergleichen unsere beruflichen Penisse. Ich habe mich daran gewöhnt, bei sowas den Kürzeren zu haben. Zumindest noch. Nächster Halt: gewaltiger Riesenschwängel mit Eigenheim und Boot. Er ist selbstständig (womit genau, frage ich nicht), lebt ebenfalls im Westen und ist nur zu Besuch, verdient dickes Geld und rückt gern seine Ray-Ban auf den Hinterkopf (er berührt sie völlig unwillkürlich bei dem Wort "Geld"). Der dämlichen Tussi gibst du bestimmt jede Menge Drinks und Klamotten aus, damit sie ihr langweiliges Leben mit dir teilt, denke ich, während er redet. "Wir müssen unbedingt mal wieder was machen! 'Ne kleine Reunion, wenn wir alle mal da sind, Weihnachten oder so."
"Auf die alten Zeiten, was? Ja, klingt gut. Hast du meine Nummer noch?"

Und dann trennen sich die Wege wieder auf unbestimmte Zeit. Der Wind zieht weiter. Hinter den Schaufenstern erkenne ich ein Punk-Pärchen, das mit mir an der Schule war. Immer noch gegen das System - an der Kasse des H&M. Ich verkneife mir weiteren Small-Talk heute und verschwinde durch die Gassen zurück an den Stadtrand zum Haus meiner Eltern.

Ich verzichte am Abend sogar auf die letzten zehn Minuten Bundesliga, um rechtzeitig da zu sein. Familientreffen. Der Ort liegt fünfundzwanzig Minuten entfernt. Mir zieht sich der Magen zusammen während der Fahrt. Als die Gäste eintreffen, kenne ich niemanden - aber ich bewundere die Kunstfertigkeiten anderer Leute beim Grillen. Krustenbraten, geräucherte Forelle, Puten-Spieße. Ein paar Kurze, ein paar Bier, ein gefüllter Magen. Jede Menge geschüttelter Hände, fremde Gesichter. Ich verstehe nichts. Verflucht, sie können nicht einmal "Hallo" sagen, ohne dass ihr Dialekt das Wort vergewaltigt. Als würden sie bei allem die Zunge zu einer Röhre rollen, wie kleine Jungen, die versuchen weiter zu spucken als ihr Nebenmann. Die Jüngeren scheinen allesamt Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr zu sein. Trottel. Den einzigen Brand, den diese Dödel löschen ist doch ihr eigener. Aber das macht man wohl so, wenn man Freunde finden will auf dem Land.

Der Beamer wirft ein Quiz an die Wand der Scheune. Eigentlich hasse ich solche Spiele, aber Ehrgeiz und Übermut packen mich und bescheren mir den zweiten Platz. Ich hätte eigentlich gewinnen müssen, aber ich erspare Euch die betrügerischen Einzelheiten über den Erstplazierten.

Da, um Strom zu sparen, die Straßenlaternen in den Randgebieten des Ortes um 0.00 Uhr abgestellt werden (!), leuchte ich mit einer Taschenlampe den Weg zurück zum Auto. Ich stoße auf einen Kleidersammlungskontainer, auf dem ein Bild von Rudolf Heß klebt. Das zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht. Idioten. Ich erinnere mich, dass einer der Hausherren erzählt hat, dass NPD und Anhang heute im Ort für Meinungsfreiheit demonstriert hätten. Ist das die Ironie der Geschichte?

Eigentlich war ich salonfähig. Ich grinste in die Runde, lächelte über peinliche Anekdoten und lachte laut bei den Witzchen mit. Nur, als ich mit erhobenem Zeigefinger verkündete, dass ich erwartet hätte, dass das Quiz ziemlich scheiße und peinlich werden würde, sah man mich voller Unverständnis an.  

Den Rest des Wochenendes vergrabe ich mich im Wolkenatlas. Ein sehr gutes Buch bis jetzt.

Neue Woche, neues Glück - wie immer.

HEGDL,
A.    

Kommentare:

  1. Ich lese normalerweise nur ungern lange Texte. Lange Texte beleidigen normalerweise die Leser...

    Wie gesagt: Normalerweise!;-)

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    1. Ja, ich bin 'was gaaaanz Besonderes ;-)

      Vielen Dank!

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  2. Familie kann man sich nicht aussuchen. Deswegen sehe ich persönlich auch keinen Grund, Teile davon nicht zu mögen. Bei mir hat das im Laufe der Zeit dazu geführt, dass meine Familie exakt auf ein weiteres Mitglied außer mir geschrumpft wurde. Von mir. Viele finden das skandalös, ich finde das konsequent.

    "Den Rest des Wochenendes vergrabe ich mich im Wolkenatlas". Wochendende? Also bei mir ist erst Dienstag. Leider. Aber ein paar Seiten lesen am Abend sind immer drin. Lese gerade ein bis jetzt auch sehr gutes Buch. Irgendwas mit Wind und Schatten und so...




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    1. Maaaaan, Historisches Präsens! Für mich ist natürlich auch Dienstag. Bücher mit Wind und Schatten klingen sehr gut!

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    2. Ach historisches Präsens heißt das. Ich hatte auch in Erwägung gezogen, dass es so gemeint war, natürlich war mir der richtige Begriff dafür nicht geläufig, deswegen habe ich mir eine umständliche Frage dazu geklemmt. Aber ich habe meine Antwort ja trotzdem bekommen! Man lernt nie aus...

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