Donnerstag, 20. September 2012

Das Herz des Piraten

Der Regen wird vom Wind getragen. Mein Gesicht ist nass trotz Kapuze. Warum ist das Wetter hier nur immer so verflucht beschissen? Drecksstadt. Es regnet hier doch seit vier Jahren. Ich habe seit vierzehn Stunden keine Zigarette geraucht und werde langsam zu einem Risiko für mich selbst und die Welt. Es gibt Menschen, die können problemlos ihren ganzen Arbeitstag auf Zigaretten verzichten. Es gibt auch Menschen, die rauchen nur auf Partys oder in Momenten größter Not. Ich gehöre nicht dazu, nein.

Ich musste die Wohnung verlassen und frische Luft schnappen. Ja, ich finde mich selbst unerträglich. Es hat sich angefühlt, als würde irgendeine scheiß Energie aus mir raus wollen, als müsste ich mich häuten, weil es darunter brennt. Irgendwann habe ich aufgehört mich zu winden, während ich völlig unkonzentriert auf meinen langweiligen Übersetzungstext starre. Ich ging in die Küche und bepöbelte einen meiner Mitbewohner, weil der Griff einer unserer Bratpfannen lose ist. Das muss seine Schuld sein. Es muss. Die dämliche Pfanne war verfickt teuer. Eine viertel Stunde lang bewerfe ich ihn mit Vorwürfen. Er sieht mich verständnislos an und sagt, dass ich mich verpissen solle. Er hat recht. Fick dich, ich wollte sowieso gerade gehen, Wichser. High-Top-Sneaker, Regenjacke. Guten Morgen, du hässliche graue Straße. 
 

Cœur de Pirate beruhigt mich ein bisschen, und außerdem passt sie zum Regen. Ich verstehe kein einziges verfluchtes Wort, aber die Harmonien und das Klavier sind schön. Busse, gefüllt mit starr blickenden Rentnern, Schulmädchen, die das Leben bereits wie weit über 20 aussehen lässt, und Typen, die alle dasselbe Cap tragen, brausen an mir vorbei, durch die von Pfützen gesäumten Straßen. Ich ramme meine Schritte in den Boden. Ich muss mindestens genauso vielen Hunden wie Kindern ausweichen. Ständig muss ich stoppen, mein 4/4-Tempo drosseln, weil die engen Gehwege dadurch blockiert sind, dass irgendwelche Idioten permanent nebeneinander gehen oder, weil sie ihr beschissenes Riesenfahrrad durch die Fußgängerzone schieben müssen, immer diagonal, um auch genügend Platz einzunehmen, während sie selbstgefällig, aber sorgfältig in die Schaufenster der Cafés, Blumen- und Haushaltsläden glotzen, ohne einen Gedanken an die zu verschwenden, deren heiligen Marsch sie, durch ihre bloße, plumpe Anwesenheit, stören. Scheißpack!

Ich weiß, alle Welt liebt Hunde mehr als ihre Mitmenschen, aber, als ich an der Kasse im (!) Buchladen stehe und darauf warte, dass die Esoterikfotze vor mir endlich zusieht, und sich den beschissenen Regional-Krimi kauft, über den sie mit der Verkäuferdrohne schwatzt, beginnt ihr riesiger Labrador, meine Hand abzuschlecken. Ich ziehe sie weg und desinfiziere sie in Gedanken. Mann, bei aller Liebe. Hunde gehören nicht in Geschäfte. Aber soll man die armen Dinger dann etwa draußen im Regen anbinden? Ja, verflucht, sie sind schließlich Tiere. Kaufen sie ein Buch? Können sie lesen? Nein! Stinkt ihr Fell, wenn es draußen nass ist? Oh yeah. Diese Tiere gehören weder in Restaurants noch in Sparkassen oder Geschäfte. Sie gehören in geräumige Häuser, auf große Grundstücke, in Wälder, in Parks und auf Wiesen. Ich habe nichts gegen Hunde. Ich habe etwas gegen Selbstverständlichkeiten und die Selbstgefälligkeiten ihrer Besitzer. Jeder muss Verständnis und Love haben für die Viecher. Aber das darf man ja nicht sagen, sonst ist man ein schlechter Mensch. Hunde haben schließlich 'ne Lobby. So wie unerzogene Gören und Natascha Kampusch. Wenn ich die Sachbuchbestsellerliste sehe, wird mir schlecht.

Auf dem Rückweg kaufe ich Zigaretten. Es ist ja nicht zum Aushalten. Und wieder Cœur de Pirate. Der Regen hat nachgelassen. Ich fühle mich schrecklich inkonsequent. Aber alles ist wieder gut. Victor Hugo soll einmal gesagt haben, dass das Rauchen Gedanken in Träume verwandeln würde. Das ist Quatsch; es hilft nur dabei, sie nicht zu Albträumen werden zu lassen.

A.    
   

Kommentare:

  1. "Aber alles ist wieder gut" - sind es nicht oft die kleinen oder großen Sünden, die einem dieses Gefühl geben? Mnachmal muss die Vernunft dafür einfach hinten anstehen!

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    1. Die Frage ist natürlich, ob die Vernunft hinter dem Genuss kommen sollte. Ich muss unwillkürlich an Douglas Adams denken: "Die Wissenschaft hat natürlich ein paar erstaunliche Dinge vollbracht, aber ich bin doch lieber jeden Tag glücklich als im Recht." (Per Anhalter durch die Galaxis)

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