Montag, 24. September 2012

Der Boxer

Wie oft habe ich Euch schon davon erzählt, dass bestimmte Songs wie Fotos sind? Du hörst sie und siehst dich selbst vor Jahren. Das Gefühl der Zeit erwacht in dir, quält oder kitzelt dich. Für die Länge eines Liedes bist du wieder der, der du einst warst, siehst die Menschen, mit denen du damals dein Leben teiltest, bewegst dich an den Orten aus verschütteten Tagen, siehst dich tanzen, ficken und heulen.

Das Foto ist von gestern Abend. Der Ton des Fernsehers ist aus, und ich habe Kopfhörer in den Ohren (wen kümmern Stromrechnungen?). Seit Stunden höre ich das neue Album von Mumford & Sons. Es scheint großartig zu sein, so vom ersten Hören her. Dass es keine Selbstverständlichkeit ist, das gute Bands auch gute Alben machen, hat man vor Kurzem gerade mal wieder bei den Killers erlebt. Was waren die ersten beiden Alben doch toll. Und jetzt? Es gehört scheinbar dazu, dass Bands immer mal wieder ihr Potenzial in den Wind schießen und belanglos und mies werden. Davon können sogar die Kaiser Chiefs oder die Arctic Monkeys (oder, oder, oder) ein Liedchen singen. Das steht jedoch auf einem anderen Blatt. Worauf ich eigentlich hinauswollte, ist, dass sich auf dem neuen Mumford-Album eine Coverversion des Simon & Garfunkel Gassenhauers "The Boxer" befindet. Ich komm' aus der Wortspielnummer heute nicht mehr raus, ich merk' das schon.

Während ich heute durch den Park spaziert bin, ging es weiter: Immer wieder fing ich an, die entscheidenen Zeilen zu summen: "In the clearing stands a boxer and a fighter by his trade and he carries the reminders of every glove that layed him down or cut him till he cried out in his anger and his shame: I am leaving, I am leaving. But the fighter still remains".

Die Erinnerungen an "The Boxer" lagen viele Jahre lang verschüttet, irgendwo in den Tiefen meiner Gedanken. Aber jetzt, jetzt ist alles präsent und klar vor meinen Augen. Ich bin 13 und es sind Sommerferien. Kurz zuvor hat meine Schule bekannt gegeben, dass alle Schüler ab dem nächsten Schuljahr an einer Arbeitsgemeinschaft teilnehmen müssen. Ein trauriger Versuch, schritt zu halten (womit eigentlich? Es war beschlossene Sache, dass die Schule im nächsten Jahr schließen würde). Handarbeit, Niederdeutsch oder Gitarre. Sein oder Nichts sein. Wenn ich auch noch nicht viel über mein Leben wusste, eines war jedoch klar: Ich wollte weder Ina Müller noch Magda Goebbels werden. Na gut, das sind zumindest heute meine Assoziationen mit Handarbeit und Niederdeutsch.

Ich erinnere mich noch genau an die merkwürdige Mischung aus Scham und Prahlerei, die meinen Körper durchzog, als ich zum ersten Mal mit meiner, in eine hellblaue Tasche gehüllte, Konzertgitarre durch die Flure der Schule marschierte. Ich musste meinen Eltern hoch und heilig schwören, dass dies keine Eintagsfliege unter den Hobbys sein würde; dass die 100 DM (das war unsere Währung damals) gut angelegt sein würden. Mein Bluff zahlte sich aus.

Der Ansturm auf die AG hielt sich in Grenzen. Außer mir haben sich noch drei andere Jungen dazu berufen gefühlt, Rockstar zu werden - oder zumindest nicht Nähen zu lernen oder platt zu snacken. Ein pensionierter Geographielehrer wurde zu unserem Mentor. Er brachte uns bei, wie wir die Gitarre stimmten, lehrte uns erste Akkorde, sagte, dass es normal sei, wenn unsere Finger bluteten, nachdem wir lang genug geübt hätten, und hämmerte uns ein, dass es verflucht wichtig sei, beim Spielen auch zu singen. Mit offenem Mund tätowierte ich seine Ratschläge in mein Hirn. Wir nannten ihnen respektvoll Sir John (natürlich hinter seinem Rücken). Über seinem linken Auge hatte er eine kleine Narbe. Das sei beim Aufziehen der Saiten passiert, sagte er uns. Noch heute zittern meine Hände, wenn ich meine Gitarre stimme. Das Geräusch, wenn eine Saite langsam immer mehr gespannt wird, bringt mich fast um.
Ein Jahr verging und ich besuchte nun eine Schule in einer schlechteren Gegend. Sir John bot an, die AG weiterlaufen zu lassen, wenn auch ohne Noten und auf freiwilliger Basis. Und schon war ich sein einziger Schüler. Von meinem Jugendweihegeld (keine Konfirmation für den Regenkönig!) kaufte ich mir eine bessere Gitarre, eine Westerngitarre mit Stahlsaiten. Ich wusste, ich würde niemals wieder eine Konzertgitarre spielen. Das überließ ich von nun an den Mädchen und Angebern. Zwar trug ich meine Gitarre inzwischen in einer schwarzen Tasche, doch die Unterschicht-Spackos aus den anderen Klassen äfften mich trotzdem nach und brüllten "Spiel' ma' was, du Musiker!", wenn ich mit derselben alten Mischung aus Scham und Prahlerei an ihnen vorbeischritt. Scheißpack, und wo seid ihr jetzt? Jetzt habt ihr alle Kinder mit hässlichen Namen, stopft eure Kippen auf der Couch, hinter euch irgendwelche beschissenen Asia-Wand-Tattoos. Ihr lacht über Mario Barth, hört Freiwild und seht so dreckig verbraucht aus, als hättet ihr euer ganzes beschissenes Leben schon als arbeitslose Maler (& Lackierer) in eurer RTL-Wohnzimmerkulisse gesessen. Doch ich, haha, ich hab's geschafft: Ich sitze mitten in der Nacht im Bademantel vor meinem Laptop und tippe 13 Jahre alte Erinnerungen ab. Wer hat jetzt gewonnen? Niemand? Alle?
Jeden Dienstag saß ich mit Sir John in einem ungenutzten Klassenraum, spielte und sang die Songs der letzten sechzig Jahre rauf und runter. Irgendwann gab er mir ein Blatt, auf das er den Text von "The Boxer" geschrieben hatte. Hölle, jeder kennt den verfluchten Lie-La-Lie-Refrain, aber das eigentlich Schöne ist die Melodie der Strophen. Ich weiß noch genau, wie ich meine Englischlehrerin, eine junge Britin aus der Gegend von Newcastle, die sich in einen Deutschen verliebt hatte und wegen ihm nach Mecklenburg, nach Wismar, ans idyllische Ende der Welt direkt am Meer, gezogen war, bat, mir den Text zu übersetzen. Sie genierte sich schrecklich, als sie mir die Zeilen der dritten Strophe erklärte: "Ich bat doch nur um den Lohn eines Arbeiters, als ich auf der Suche nach einem Job war. Doch ich bekam keine Stellen, nur eine Anmache von den Nutten ('Whores') auf der 7th Avenue. Ich muss gestehen, es gab Zeiten, in denen war ich so einsam, dass ich dort ein bisschen Trost fand". Ich kam mir schrecklich konspirativ vor, als sie mich einweihte. Ich meine gelesen zu haben, dass sie inzwischen sogar ihren Nachnamen aufgegeben und ein paar blasse Kinder in die Welt gesetzt hat. Nun gehört ihre Seele Wismar.
Der Boxer, wie wir den Song nur noch nannten, war fester Bestandteil des Repertoires von Sir John und mir. Selbst jetzt sehe ich ihn vor mir sitzen, während ich den Song höre. Die Sonne, die sich langsam hinter den Plattenbauten versteckt. Die Silhouetten von knorrigen Ästen vor alten Fenstern, die sich aus Sicherheitsgründen nicht richtig öffnen lassen. Der Geruch eines alten Klassenraums. Ich höre die Stimme Sir Johns, egal ob eigentlich Simon & Garfunkel oder Mumford & Sons singen. Die Schule bezahlte ihm 20€ (inzwischen unsere Währung) für seine Mühen. Pro Schuljahr. Gott schütze unser Bildungssystem. Ich verzog meine Mundwinkel, als ich sah, wie die Direktorin ihm eines Tages, vor unserer Sitzung, das Geld in die Hand drückte. Als sie verschwunden war, gab er mir einen Zehner und sagte, dass ich davon Zigaretten oder was auch immer kaufen könne. Ich war 15. Dieser alte, graue Gauner teilte mit mir seinen Lohn. Das beeindruckte mich.

Drei Jahre waren vergangen, während wir all die alten Lieder sangen. Er legte mir Songs der Beatles, Dylan und Clapton ans Herz, während ich ihm von Nirvana und den Ärzten (Ja verflucht, wenn man 15 ist, sind die Ärzte noch witzig und nicht solche nervigen Wichser) erzählte. Hab' ich Euch eigentlich schon davon erzählt, dass mir Rod von den Ärzten mal Songwriting-Tipps gab? Kein Witz.

An irgendeinem Dienstag, ich war 16, saßen wir zum letzten Mal zusammen, sangen den Boxer und zogen den abschließenden Chorus in die Länge. Wir gaben uns die Hand, sagten "Bis dann mal wieder" und sahen uns nie wieder. Ich verließ die Schule, machte Abitur, schob Rollstühle, zog nach Kiel, schrieb mich an der Uni ein. Willkommen in der Gegenwart. Doch die Gitarre habe ich nie aus der Hand gelegt. Und eigentlich spiele ich sie niemals, ohne dabei zu singen.

Wenn ich richtig gerechnet habe, ist Sir John inzwischen 76 oder tot. Nennt mich rührselig oder pathetisch, aber ich werde ihm morgen (heute, was auch immer) einen Brief (!) schreiben. Ich habe eine alte Adresse gefunden. Was ich schreiben soll, weiß ich eigentlich gar nicht, aber ich finde, es ist an der Zeit, sich dafür zu bedanken, dass er meine Liebe zur Musik gefestigt und geprägt hat, und mir somit gleichzeitig dabei geholfen hat, kein verschissener Vollidiot zu werden.

A.

Kommentare:

  1. Ein Dankesbrief, handschriftlich. Ich bin entzückt und hoffe, Sir John lebt noch um sich darüber zu freuen. Und wenn es ganz toll läuft liest Du auch von ihm.
    Hach.

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  2. Ich bin total gefesselt von deinem Blog.In meinen Augen ist dein Schreibstil so unverwechselbar und auch die Idee einen Brief an den "alten Gauner" Sir John so schreiben ist super!
    Ganz ehrlich mit deinen Texten hast du mich irgendwie in deinen Bann gezogen,du hast eine begeisterte Leserin mehr!

    Liebe Grüße, Meike

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  3. Hallihallo!
    Deine Texte gehen runter wie Öl, ich finde deinen Blog super und du hast einen Leser mehr, danke! :)

    Grüße, Julien

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  4. Ich glaube, das Album, auf dem The Boxer drauf ist, ist eins der wenigen alten Alben, die meine Eltern sich damlas auf CD gekauft haben. Diese Musik klingt nach Zuhause, also nach meinen Eltern. Denn Zuhause ist ein merkwürdiges Wort, ich befürchte nähmlich, dass ich mehrere Zuhauses (?) habe.

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    1. Wenn dein Herz an mehreren Orten gleichzeitig sein kann, und Zuhause dort ist, wo dein Herz ist, gibt es also gar kein Problem.

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  5. Ich würde ja glatt meinen, lieder sind besser als bilder..
    der post hat mich sehr an meinem bruder erinnert. denn viele lieder, die er damals immer sang und nachzupfte, erinnern mich an ihm (und das ausschließlich nur).
    und wie es der zufall so will, dudelt leise im hintergrund gerade ein solcher erinnerungssong...unglaublich!
    da kam wohl eines zum anderen...und schön, solche magie noch zu erleben.
    ich werd hier noch die nacht lang weiter lesen, wer weiß auf was man noch so schönes stößt...
    lg

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