Montag, 10. September 2012

Im Reich der Tiere


Samstag. Es ist noch nicht einmal 07:00 Uhr. Ein Mädchen starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. "Steh' auf, ich kann nicht mehr schlafen. Die Anderen kommen doch nachher auch schon bald", sagt sie. Ich weiß noch nicht einmal genau, wovon sie redet, aber ich drücke mich langsam hoch und blicke durch die offenen Balkontüren in den Morgenhimmel. Er ist grau. Darum ist es auch also so verfickt kalt hier. Halbherzig esse ich ein halbes Brötchen mit Marmelade und starre Facebook an, während South dazu "Paint The Silence" singen. Schöner Song. Ich vermisse O.C. California. Oder zumindest vermisse ich mich in den Zeiten von O.C. California. Fickt Euch, das ist keine Mädchenserie.

Mit leichter Verspätung steige ich in das Auto meiner Freunde ein. Auf nach Hodenhagen. Wie kann man einen Ort nur so nennen? Die Straßen sind nicht so voll wie erwartet, und nach zwei "Äh, wir müssen noch mal zur Bank", jeder Menge Hip-Hop und 2 1/2 Stunden Autobahn erreichen wir Hodenhagen, ein Kaff inmitten niedersächsischer Maisfelder.


Das Grau des Himmels ist gewichen und vereinzelte Sonnenstrahlen fallen vor unsere Füße, als wir die Autotüren öffnen. 31€ (inklusive Safari-Busfahrt). Dafür will ich nun wirklich unterhalten werden. Doch die Vorzeichen sind finster. Eine lange Schlange drängt sich von den Buseinstiegen bis zum Parkplatz. Das habe ich schon immer an Freizeitparks gehasst: Man bezahlt ein scheiß Geld dafür, dass man rein darf, und muss dann den Großteil der Zeit irgendwo anstehen und den elenden Gesprächen der Vor- und Hintermänner lauschen, während sie ihre nervigen, unerzogenen Kinder über die Warterei hinwegtrösten oder einfach bescheuert sind oder eben beides.

Die Türen des Safaribusses schließen sich, und der Fahrer hat mich bereits nach wenigen Sekunden am Mikrofon davon überzeugt, was für ein nerviger Versager er ist. Kalauer after Kalauer after Kalauer. "Wir schließen die Türen jetzte, aber bei unseren Löwen nachher, da mach ick die wieder uff, ne?", witzelt er. Warum berlinert das Arschloch? Jemand stößt mich an, um mir zu verdeutlichen, wieviele Kinder an Board sind, die darüber lachen, und dass es doch eigentlich angemessen ist. Es muss ja kinderfreundlich sein. Mir hallen die Worte meiner weisen Mutter durch den Kopf: "Zieh' nicht die ganze Zeit 'ne Fresse! Und versau' den Anderen nicht den Tag". Ja, Ma'am. Ich fühle mich fast durchgehend an Jurassic Park erinnert, aber damit scheine ich allein zu sein; die Tore der einzelnen Sektionen, die Kleidung der Mitarbeiter, die Jeeps - überall Jurassic Park. Als wir nach gefühlten 300 Sorten Gnus (sagt man "Sorten" oder "Arten"? Ich betrachte das als Essen, ich sag' "Sorten") endlich zu gefährlichen Tieren kommen, werden wir Zeuge, wie ein paar Raubkatzen an Kuhköpfen (!) kauen. Was die belustigten kleinen Kinder wohl davon halten? Aber das ist ja das echte Leben, oder?

Ein paar Meter weiter liegt ein weiterer Kuhschädel, an dem sich pickende Raben um die wenigen fleischigen Reste bemühen. Officer Busfahrer erzählt uns, dass die bengalischen Tiger durchaus über die nötige Schnelligkeit verfügten, einen Raben zu erlegen. Es sei mehr als einmal vorgekommen. Die Tiger ließen den getöteten Raben dann für ein paar Tage im Gehege liegen, als Mahnmal. Für gewisse Zeit wage sich dann kein Rabe mehr auf die Wiese.
Der kleine Junge auf dem Sitz vor mir kramt in einem großen Rucksack nach seiner Kinderkamera. Er ist laut und stößt mehrfach gegen meine Beine. Mutti hilft ihm jetzt. Sein großer Bruder (bestimmt 12 Jahre älter) sitzt unbeteiligt auf dem Sitz neben ihm. Mutti ist bereits ergraut. Da hat sich offenbar jemand noch nicht zu alt für ein zweites Kind gefühlt. Papis Uhr sagt aber auch, dass sie genügend Zeit hat und nicht zu arbeiten braucht. Bloß mit den Schuhen auf dem Sitz herumzustehen genügt dem Jungen nun nicht mehr. Er springt vom Sitz, um bessere Fotos zu machen. Seine Mutter fährt ihr an, packt ihn am Arm: "Du gehst zurück auf deinen Platz! Aufstehen ist verboten, während der Fahrt - guck' auf das Schild da vorn. Der Busfahrer hat das doch gesagt", sagt sie. Der Kleine gehorcht widerwillig. Das Schöne ist, dass Papi mit der dicken Uhr permanent seinen Sitz verlässt, mit seiner schwulen blauen Billion-Dollar-Kamera Zebras fotografiert und den nervigen Busfahrer mit heuchlerischen Fragen zum Quatschen animiert.

Die meisten Tiere, an denen wir vorbei fahren, liegen gelangweilt herum und ruhen. Das Fressen zollt seinen Tribut. Die vielen Besucher härten wahrscheinlich auch zusätzlich ab. Als ich die Nashörner sehe, frage ich mich, wie Leute hier bloß mit ihren eigenen Autos durchfahren können und wie viele Zwischenfälle es wohl schon gab. Die Zwischenfälle, von denen der spastige Busfahrer erzählt, halte ich für erlogen. Es ist irgendwie beeindruckend und gleichzeitig surreal, diese riesigen Tiere so dicht neben einem zu sehen, selbst wenn sie kraftlos und angepasst wirken.
Elefanten. Wir halten und dürfen den Bus verlassen. Die Menschen drängen sich vor dem einen Elefanten, der sich nach vorn, an den Zaun gewagt hat. Der Abstand zwischen dem Zaun der Menschen und dem, der Elefanten ist gerade groß genug, dass niemand auf dumme Ideen kommt - weder von der einen noch von der anderen Seite. Elefanten haben traurige Augen. Sie taten mir schon immer leid. Der Fahrer hat beim Bus gewartet und raucht inzwischen die zweite Zigarette. Er unterhält sich mit einer Tierpfleger-Lesbe mittleren Alters.
Die Fahrt nähert sich ihrem Ende, alle Sektoren sind abgegrast. Subtil bittet der Busfahrer um eine "kleine Anerkennung" seiner großartigen Leistungen, nachdem er uns den Rest des Parks angepriesen hat. Wahrscheinlich schreibt er an einem Stand-Up-Programm. Nur einmal musste ich wirklich über ihn lachen: Er sprach tatsächlich von der "Grünen Hölle von Hodenhagen". Ich lasse 50 Cent in seinen Becher fallen, ohne ihn anzusehen. Dem Penner vor der Sparkasse gebe ich immer mehr.

Den Rest des Parks bewältigen wir zu Fuß. Wir machen eine kleine Pause auf einem Platz, der von EDEKA-Werbefahnen gesäumt ist. Heute ist EDEKA-Kinderfest. Ein Show-Band-Duo singt Country-Oldies. Als die weibliche Hälfte "Jolene" anstimmt, kann ich meine Füße kaum stillhalten. Im Ernst! Ich könnte auch den Rest des Tages in dieser Nashville-Blase zubringen. Wir gehen weiter. Nach wenigen Minuten geraten wir an die ersten Käfige kleinerer Affen. "Da geh' ich nicht rein!" Meine Freunde jedoch schon. Doch meine vielen Geschichten über die grausigen Fähigkeiten von Affen tragen Früchte: Sie stehen reserviert am Rand und wagen sich nicht nahe an die Affen heran. Und die Viecher sind tatsächlich bösartig: Immer wieder springen sie die gaffenden Touristen an, als würden sie versuchen, sie umzuwerfen. Ein Mann trägt sogar eine blutende Wunde (von einem Affenbiss) davon. Und trotzdem: An der Käfigtür stand in deutlichen Lettern, dass man keine Rucksäcke und Taschen mit hineinnehmen dürfe - und natürlich macht es fast jeder. Die Neugierde beherrscht alle Affen. Ich steh' draußen am Rand des Käfigs. Ein paar Meter weiter sehe ich, wie ein Mädchen einen kleineren Affen mit einem Stück Plastik füttert, während ihr spastiger Fitness-Center-Boyfriend sie mit seinem scheiß iPhone filmt. "O schöne, neue Welt, die solche Bürger trägt!"

Wir gelangen zu einem kleinen See, an dessen Ufer Paddelboote liegen. Nach ein paar Zügen setzt sich eine Libelle auf den Bug des kleinen Bootes. Es ist eine von vier Libellen in vier Tagen. Jahrelang habe ich keine Einzige gesehen, doch seit Donnerstag sehe ich jeden Tag eine. Vermutlich versucht Kevin Costners tote Karriere, Kontakt mit mir aufzunehmen.

Irgendwann weichen die Käfige den Karussells. Es sind überraschend viele Assis hier (31€ Eintritt?). Hochgestellte Kragen, Tribal-Tattoos, Gürteltaschen, dickleibige Kinder, der Gesichtsausdruck ihre geistige Reife widerspiegelt. Wir laufen immer wieder einem Wal von einer Frau über den Weg, dessen Stirn eine Tätowierung von vielen schwarzen Vögeln ziert. Da läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. Während meine Freunde jedes zweite Fahrgeschäft mitnehmen, bewache ich die Taschen, rauche und beobachte missmutig die anderen Besucher.
Irgendwann stehe ich dann doch in einer Schlange. Das Riesenrad ist eine zumutbare Aufgabe. Ich muss seit Jahrzehnten nicht mehr in so einem Ding gesessen haben. Und ja, die erste Runde hat mir Angst gemacht. Wenigstens wollte niemand drehen und wackeln. In den dreißig Metern Höhe ließ sich schließlich das ganze Ausmaß des Parks begutachten. Gar nicht so leicht, die Punkte auszumachen, an denen Niedersachsen aufhört und der Jungle beginnt.
Und doch bin ich nicht gelangweilt. Ich habe viel Schlimmeres erwartet, wirklich. Natürlich gefielen mir die Tiere besser als der ganze Freizeitparkmist, aber alles in allem fühlt es sich nicht wie Verschwendung an, als wir den Ausgang passieren. Außerdem verfügten alle meine Begleiter über das nötige Gespür, einzuschätzen, wann eine Warteschlange nun wirklich zu lang war.

Wieder auf der Autobahn. Die Sonne senkt sich langsam über weiten Feldern und beginnt blutig am Horizont zu verschwimmen. Hip-Hop beginnt langsam mich zu nerven, aber ich bin in der Unterzahl, und so schlimm ist es auch wieder nicht. Nach einiger Zeit im Auto fliegt plötzlich ein kleiner Plüschaffe auf meinen Schoß - natürlich mit dem Ziel, mich zu erschrecken. Das war's den Anderen wert. Und wieder sagte ich, dass ich nicht die Affen fürchtete, sondern den Tod. Trotzdem freue ich mich. Hamburg. Im Dämmerlicht sehen selbst die vielen Kräne bezaubernd aus (auch wenn Kettcar mir dieses Panorama für immer verdorben haben: "An den Landungsbrücken raus...").  Kurz vorm Elbtunnel erinnert jemand daran, dass es doch Glück bringen würde, die Luft so lang wie möglich anzuhalten, wenn man in einen Tunnel fährt. Daran erinnere ich mich auch; in Norwegen haben wir das immer so gehalten. Ich mache mit und gewinne - selbst, wenn die Anderen mir nicht glauben. Ich hätte problemlos noch 'ne halbe Minute länger als meine Freunde durchhalten können. An meinem tollen Lungenvolumen kann es nicht liegen.

Ich bin geschafft, und als die Ringglocke der ersten Runde zwischen Klitschko und einem unbedeutenden Herausforderer ertönt, sind meine Augen bereits geschlossen.

A.
          

Kommentare:

  1. Leider findet sich bei solchen Aktionen wie der Safari-Tour immer jemand, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat oder zumindest davon überzeugt ist und das allen anderen lautstark mitteilen muss. Unangenehme Zeitgenossen. Sollte man vielleicht als Kuhkopfersatz... Nur so ne Idee.

    Ach und noch etwas - extremst tolle Fotos, besonders das mit dem Karussell finde ich mehr als gelungen. Schwarz|Weiß - sollte ich auch mal versuchen.

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  2. A propos Libelle...
    "Vermutlich versucht Kevin Costners tote Karriere, Kontakt mit mir aufzunehmen."
    Dieser sentence made my day - wie wir alten Schweden zu sagen pflegen.

    Ein normalerweise quietschbuntes und nervig tutendes Karussel als s/w-Foto, das hat was ... beängstigendes? Bizarres?
    Ist auf jeden Fall ein beeindruckendes Bild.

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    1. Den haben aber garantiert nur noch Wenige kapiert.

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    2. Gerne hätte ich den nicht verstanden. Habe ich aber, was bedeutet, ich habe zumindest Bruchstücke dieses unglaublich schlechten Films gesehen.

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  3. Vielen Dank, ihr Beiden! Dass ihr so auf das Karussel-Bild abfahrt...Das war wirklich nur Zufall.

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    1. Meistens sind die Zufallstreffer die besten Fotos.

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  4. karussel-bild. aha. ich habe das jetzt einige zeit genau betrachtet. ich finde das derbe unheimlich. so unheimlich, dass ich vermutlich in den nächsten tagen davon träumen werde, was dazu führt, dass ich vor angst vermutlich ins bett mache.
    aber, ich gehe ziemlich auf das elefanten bild ab (<3) und ich beantrage hiermit schriftlich, es klauen und entwickeln lassen zu dürfen um meine triste wohnung damit zu verschönern.
    und falls irgendjemand einen elefanten in seinem garten stehen hat, möge er mich bitte zu sich einladen um den elefanten zu besuchen.

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    1. Wie gesagt: krass, dass das Bild solchen, wie sagt man, Impact auf Euch hat. Hiermit hast du meine Erlaubnis, das Elefantenbild für die Verschönerung deiner Wohnung zu nutzen! Mit einem Elefanten kann ich leider nicht dienen (und Witze über lange Rüssel wären jetzt wohl auch unangebracht).

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  5. achja... auch wenn ich mir jetzt ziemlich doof vorkomme - ich bin eine der vielen, die das mit dem herren costner nicht verstanden haben ^^

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    1. Erleichterung: http://www.youtube.com/watch?v=utjRdED_AVU

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  6. Heute um 20:15h läuft der Libellenfilm zufällig auf Kabel ;)

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  7. Die Mama kannte ihren Nachwuchs. "Zieh keine Fresse, verderbe den anderen nicht den Spaß". Hm. Aber die Attitüde, die bleibt - Hauptsache, AvonZoldan hat das Gefühl, so viel cooler als alle anderen zu sein. Naja, vielleicht liebt Dich ja mal jemand dafür. Fang doch Du selber schon mal damit an. Ciao! Gabi.

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  8. Übrigens, "Anonym" habe ich nur veröffentlicht, weil es die einzige bei mir hier funktionierende Auswahlmöglichkeit war. Na ja, ist eh schon alles ewig her.

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