Freitag, 7. September 2012

Man ist nur so kalt, wie man sich fühlt


Eine Freundin zieht nach Berlin. Dieser versiffte Magnet zieht immer wieder Freunde aus meinem Leben. Ich habe ihr "Der Schatten des Windes" besorgt, zum Abschied. Ich weiß nicht, wie vielen Leuten ich dieses Buch schon aufgedrängt habe - aber es ist einfach verfickt großartig. Der Penner vor der Sparkasse ist scheinbar von der Flöte zur Mundharmonika gewechselt. Das wirkt romantisch, so im Dämmerlicht. Ich geb ihm 'nen Euro, ohne ihm in die Augen zusehen. Ich schäme mich, wenn ich ihnen in die Augen sehe. Die Frau im Blumenladen bekommt 10 Cent Trinkgeld. Artig bedankt sie sich für diesen prächtigen Obolus. Ich war einfach zu faul, mein Portemonnaie erneut zu zücken und noch dazu im Zeitdruck. Trotzdem komme ich mir gönnerhaft vor.

Donnerstag. Ich träume irgendeine Scheiße. Sex auf 'ner Toilette. Na gut, es gibt Schlimmeres, denke ich. Als ich wach werde, scheint das ganze verdammte Haus zu vibrieren. Die kleine Baustelle vor der Haustür wurde scheinbar durch einen Presslufthammer oder so ein Rüttelding bereichert. Ein Gewinn auf ganzer Linie. Selbst die Balkonbrüstung zittert, als ich meine Hände auf sie lege und in die Sonne starre, um wirklich aufzuwachen. Es ist nirgends so schön wie daheim, nirgends so schön wie daheim. Als ich meinen Blick vom grellen Licht abwende, bemerke ich eine Libelle, die an der Mauer meines Balkons klebt. Ich schätze, ich habe seit Jahren keine mehr gesehen, so von Angesicht zu Angesicht. Obwohl meine Hände eigentlich zu zitterig sind, gelingt es mir, dieses bahnbrechende Foto zu machen. Vielleicht bin ich doch eine Nikon. Oder zumindest 'ne Casio. Das stetige Staccato des Presslufthammers wird immer wieder durch dröhnende, dumpfe Schläge unterbrochen, die klingen, als schlage irgendeine beschissene Filmarmee auf ihre Kriegstrommeln, so kurz vor der Schlacht, um dem schwächeren Heer zusätzlich Angst zu machen.



Das ist der Fluch, den alle Arbeitslosen mit mir teilen: Überall ist Lärm. Immer. Gerade erst haben die Idioten in der Wohnung über mir aufgehört, Culcha Candela zu hören, da wird eine Baustelle vorm Haus eröffnet. Die Telekom verlege da die Zukunft, heißt es auf einem magentafarbenen Plakat, das sowohl um Verständnis betteln als auch Werbung machen soll. Gott, ich hasse Culcha Candela wirklich aus tiefstem Herzen, mehr noch als Baustellen oder die Telekom. Und ich bleibe dabei; das ist Musik für Idioten. Doch wirklich, das hat nichts mit Geschmack oder Toleranz zu tun - wer das mag, ist bescheuert.

Die Bild fragte Anfang der Woche in einem ihrer nutzlosen Artikel besorgt: "Droht uns eine Invasion der Elche?". Und der Regenkönig antwortet: "Aber sicher, ihr Wichser". Schon wieder ein Unfall! 500 kg geballte Elchkraft sind einfach so mitten in unseren gottgegebenen Lebensraum, auf die Autobahn, galoppiert, um einen harmlosen und unschuldigen Volkswagen zu rammen und beinahe tödlich zu verletzen. Ein Unding. Und nicht mal mehr abknallen dürfe man die Scheißviecher, echauffiert sich ein entnervter Brandenburger. Eine wahre Plage, diese Elche. Da versteh ich wirklich jeden Unmut. Auf einen Brandenburger kommen inzwischen bestimmt schon 66 Elche! Auf den Schulhöfen wird ja teilweise schon gar nicht mehr deutsch gesprochen. Rentner und Elche, man ist nicht mehr sicher in den eigenen vier Wänden des Autos.
 
Abends gehe ich mit Freunden zum Mexikaner. Santa Fe. Ist das nicht eigentlich in den USA? New Mexico, oder? Das muss wie bei griechischen Restaurants sein: Da hat man doch auch immer das Gefühl, die können ihren Namen nur aus einem begrenzten Katalog wählen. Alle heißen Sirtaki, Poseidon, Akropolis oder schlicht Hellas. Ich mag griechisches Essen nicht, wegen der Gewürze, glaube ich. Indisches Essen schmeckt muffig und beim Italiener esse ich stets 'ne normale Salami-Pizza. Ich bin der kulinarische Indiana Jones. Die Western-Hotel-Residenz in Disneyland hieß auch Santa Fe. Zumindest '93 oder wann auch immer ich dort war. In meiner Erinnerung sah es dort wirklich aus wie im Wilden, Wilden Westen. Und der Sheriff von Nottingham war auch dort in der Millionen-Kantine. Nicht so stilecht eigentlich. Menschen in großen Kostümen machen mir Angst. Ich hatte unglaublichen Schiss vor den Piraten in der Peter-Pan-Sektion. Aber in einem überdimensionierten Bett über London zu fliegen war ziemlich cool.

Freitag. Es regnet. Ich mochte den Regen immer. An der Häuserfront gegenüber wurde ein Gerüst hochgezogen. In jeder Etage stehen Arbeiter, und ich muss unwillkürlich an eine Ameisenfarm denken, während ich eine rauche und ihnen zusehe. Der Nebel ist so dicht, dass man das Meer nur erahnen kann. Ich werde nachher mal zum Weiland schlendern und mir irgendetwas aussuchen. Ich habe bald Geburtstag, und traditionell weiß ich nicht, was ich mir wünschen soll. Ich hasse Geburtstage. Ich hasse hasse hasse es. Wenigstens verlangt niemand mehr von mir, dass das Ganze groß gefeiert wird. Dann werde ich 26 sein, näher an der 30 als an der 20. Life is empty when you're twenty, ne? Mich deprimiert das. Ich will keine aufmunternden Worte. Dass die Zeit vergeht, ist eben scheiße - da kann man nichts dran drehen.

Endlich habe ich die Zeit überwunden, in der mich jedes Buch nach 50 Seiten angekotzt hat. Und dafür bedanke ich mich herzlich bei Mr. John Green. Um Euch nicht mit weiterem Geschwafel zu langweilen, erspare ich euch Erklärungen, warum. Wer nichtsdestotrotz Interesse an meinen Gedanken zu "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" hat: Hier!

Gott, ich fahre Morgen in aller Frühe in den verdammten Serengetipark. Ich krieg' mich kaum ein vor Freude. Aber ich habe es versprochen. Wird bestimmt scheiße. Ich hasse Achterbahnen und Karussells! Außerdem fürchte ich mich vor Schimpansen. Aber Schimpansen sind doch so niedlich. Nein sind sie nicht! Sie werfen mit Kot, berühren ständig ihren eigenen Arsch und sind noch dazu gemeingefährlich. Sie haben fast kein Körperfett. Die verfluchten Viecher bestehen fast nur aus Muskeln. Das bedeutet, dass sie sich an ihrem kleinen Finger problemlos von Ast zu Ast bzw. von Gitterstange zu Gitterstange schwingen können. Ergo sind sie verflucht kräftig, selbst wenn sie leichter sind als wir. Ihre Fingernägel sind tatsächlich so robust, dass sie einem Menschen problemlos die Haut von den Beinen ziehen können. Neulich habe ich gerade von einem Fall gehört, bei dem ein an Menschen gewöhnter Schimpanse einen erwachsenen Mann attackiert hat. Er biss ihm die Finger ab, griff dann das Gesicht an und kratzte die Augen aus den Höhlen und riss seinem vermeintlichen Gegner schlussendlich die Hoden ab, als finalen Triumph quasi. Instinktives Kampfverhalten, das durch Stresssituationen wieder hervorgerufen wurde. Dem Gegner die Waffen nehmen, dann die Sicht und dann die Männlichkeit. Gruselig, oder? Ich mach den Affen gar keinen Vorwurf, sie sind wilde Tiere und nach Jahren in Käfigen würde ich auch nervös werden. Und ja, nicht alle dressierten, domestizierten und assimilierten Äffchen sind bösartige Killermaschinen oder Predator, aber verflucht, ich werde sie nicht streicheln!

Ich trink' jetzt 'ne Tasse Tee und versuche nicht mehr an Schimpansen zu denken.

A.
 

Kommentare:

  1. Na das ist doch mal wieder ein Post ganz nach meinem Geschmack. Ich hatte schon befürchtet ob der gestiegenen Popularität würde es jetzt hier handzahmer zugehen. Schön, dass dem offensichtlich nicht so ist!

    Deine Buchtipps klingen oft wirklich interessant, zwei habe ich ja schon gelesen. Wenn Du so weiter machst muss ich mir doch mal einen Platz schaffen, um Bücher zu lagern, da das geringe Schubladenkontingent bereits erschöpft ist.

    Du hasst Geburtstage? Na gut, dann wird es von mir keine Karte geben. Du hast es nicht anders gewollt. So.

    Wie ich sehe bleibt von Deiner Anonymität nicht mehr viel übrig - Du willst wohl unbedingt auf Autogramme angesprochen werden wie?!? Ich warte damit, bis Du endlich Dein erstes Buch rausgebracht hast, würde aber natürlich auch ein handsigniertes erstes Album nehmen. Bescheiden wie immer...

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    1. Nein, Nein, Nein. Ich hab's mir überlegt. Ich will nicht auf Autogramme angesprochen werden. Zumindest nicht wegem dem Blog. Bild ist wieder weg. Danke, dass du mich noch auf den richtigen Weg gebracht hast.

      Ich freue mich wirklich, dass Dir meine Buchtipps gefallen. Ich übertreibe nicht; die Bücher sind wirklich großartig.

      Ich weiß den Gedanken zu schätzen, und freue mich über jeden, dem es auch ohne Facebook gelingt, an mich zu denken.

      Buch und Album sind natürlich selbstverständlich.

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