Freitag, 26. Oktober 2012

Ich bin dann mal Lex

So, für mich endet der Oktober hier. Proviant und Klamotten sind verstaut, meine Kamera geladen, Zigaretten für 35€ gekauft, der neue Zafón und ein Mixtape für's Auto liegen auch bereit. Der Winter ist da. Was gäbe es also besseres, als nach Norwegen aufzubrechen? Aber um ehrlich zu sein, ich habe nicht erwartet, am Strand zu liegen. Zwei Flaschen Captain Morgan, ein paar Bier, Ketchup-Pombären, selbst gebratene Klopse für die Autofahrt, an alles ist gedacht.
Um 04:00 Uhr wird mein Wecker klingeln, doch wenn es hell wird, werde ich bereits in Dänemark sein. Wovor es mir jedoch ein bisschen graut, ist die fast vierstündige Überfahrt von Dänemark nach Norwegen. Der Regenkönig ist nicht ganz seefest. Ich werde mich zur Sicherheit mit Reisetabletten vollpumpen und eines dieser dämlichen Placebo-Armbände umlegen, die einem die Pulsadern so abschnüren, dass einem nicht übel wird. Der medizinischer Zusammenhang ist mir nicht ganz klar, aber ich bin ja auch kein verschissener Arzt, oder?

Wie auch immer! Genießt die Woche, macht Euch eine gute Zeit und unterhaltet Euch in der Zwischenzeit mit den großartigen Posts dieses Monats.

Ich hab' Euch furchtbar lieb
A. 

CRZ + AVZ = Big Love

Ich war noch nie bei einer Lesung. Warum auch? Ich bin doch cool! Mein Bedarf, Autoren zu sehen und selbige über Interviews ein wenig besser kennenzulernen, wird eigentlich an jedem letzten Sonntag im Monat von Denis Scheck gedeckt. Mal davon abgesehen, dass für mich auch noch immer die Theorie im Raum steht, dass das, was Autoren zu sagen haben, in ihren Büchern steht. Und mal im Ernst: Gehen nicht eigentlich nur Mädchen, die einen Ersatz für den Boyband-Kult ihrer Teenager-Jahre suchen, auf Lesungen? Alle anderen Teilnehmer sind doch schleimige Schnösel und pseudo-intellektuelle Schwanzgesichter mit Retro-Brillen und kunstvoll gebundenen Schals, oder? So stellte ich mir das vor. Noch dazu ist der ganze Quatsch dann in einem Theater, und Theater sind doch, wie man weiß, wie Berlin; wenn man zu oft da ist, bekommt man nicht einmal mehr mit, was für ein Arschloch man geworden ist.

Doch dann las ich, dass Carlos Ruiz Zafón nach Deutschland kommt, um, am Tag des Verkaufsstarts, aus seinem neusten Roman "Der Gefangene des Himmels" zu lesen. Verflucht, diesmal musste ich wohl über meinen Schatten springen und mich meinen eingebildeten Dämonen stellen.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie IV

Ich hatte nie zuvor mit dem Tod zu tun. Ich hatte nie vorher eine Leiche gesehen. Hölle, ich war nicht einmal auf einer Beerdigung. Insgesamt müssen es weit über 20 gewesen sein, die ich in den Keller begleitete. Ich erinnere mich jedoch bloß an die, die schockierend waren - auf welche Weise auch immer. Einmal war es ein Kind. Das war scheiße. Ein Mädchen, vielleicht 10 Jahre oder so. Das Laken mit der Leiche war selbst leichter als die ganzen dürren Alten. Einmal war es eine Frau, die so schwer war, dass wir zu viert in den Keller mussten. Wir hatten extreme Probleme, das Spezialbett überhaupt durch die alte Tür zu kriegen. Das war erniedrigend, posthum. 

Inzwischen hatte ich damit begonnen, des Öfteren die Spätschichten der Anderen zu übernehmen. Ich mochte es, wenn es ruhiger war im Krankenhaus. Sicher, bis um 22.00 Uhr zu arbeiten, war scheiße, aber es war einfach weniger stressig und man musste nicht so verfickt früh aufstehen. Und um Zehn Schluss zu haben, hinderte mich auch nicht daran, danach noch irgendwo zu landen. Ich saß im Aufenthaltsraum, bestellte Pizza in die Notaufnahme, redete Schwachsinn mit dem Festangestellten, der ebenfalls Spätschicht hatte, oder las einfach so lange, bis mein Dienst-Handy eine neue Mission verkündete.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie III

Wir gingen zur Rezeption. Heißt das überhaupt Rezeption im Krankenhaus? Ach, Ihr wisst trotzdem, was ich meine. Teil des Prozedere war es, zuerst nach einem Schlüssel mit einer bestimmten Nummer zu fragen. Drei Zahlen. So sehr ich mich auch anstrenge, alles, was mir einfällt, ist 7-5-3: Rom kroch aus dem Ei. Ich glaube nicht, dass das die gesuchten Ziffern sind. 187 oder 666 waren es aber auch nicht. Der Portier übergab uns den Schlüssel, mein Kollege ließ daraufhin selbigen in der Brusttasche seines Kittels verschwinden und unterschrieb in einem großen Buch.

Ich merkte, wie Kälte in meinen Körper zog und meine Hände schwitzen ließ. Aufregung bahnte sich ihren Weg durch meine Venen. Seine Haltung wurde förmlich. Die Verantwortung des Spezialauftrags zeichnete sich in unserem Gang ab.

Montag, 22. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie II

Wie auch immer! Darum sollte es auch nicht gehen. Ich wär' jedenfalls überrascht, nach meinem Tod auf einer Wolke, in einem Kessel oder als Kuh wieder auf zu wachen. Es sollte hier eigentlich viel praktischer zugehen. Ihr habt den langweiligen Teil überstanden. Neues aus unserer beliebten Rubrik: "Die Erinnerungen des Regenkönigs". Heute: "Lexman und die Toten".

Wir schreiben das Jahr 2007 nach Christus. Ich hatte mein Abitur gerade geschafft, und ruhte mich noch immer auf diesem unvorhersehbaren Triumph aus. Die Zukunft hatte noch nicht damit begonnen, ihre kalten Hände um meine Kehle zu legen. Erst einmal würde ich irgendwo meinen Zivildienst ableisten - danach könnte ich mir doch immer noch überlegen, was ich mit meinem Leben würde anfangen wollen. Der Bassist aus meiner Band erzählte mir, dass es im Krankenhaus relativ lässig sei. Nachdem ich mich also davon überzeugt hatte, dass ich dort nicht irgendwelche Ärsche würde sauber wischen müssen, stimmte ich zu. Warum auch nicht? Betten und Rollstühle durch die Gegend schieben, hübschen Schwestern auf den Arsch glotzen, während ich mit den anderen Jungs pokern würde. Das klang reizvoll. Selbst mit dem schlechten Essen und dem weißen Kittel konnte ich mich schnell arrangieren. Meine Mitstreiter waren sympathische, pöbelnde Großmäuler, mit denen ich an den Wochenenden meinen Sold versoff. Es war toll. Die eigentliche Arbeit hätte auch von dressierten Äffchen verrichtet werden können, doch die Bezahlung war großzügig (und ohne Abzüge). Ich war in der wohligen Routine eines Drohnenlebens angekommen, und das fühlte sich großartig an. Ich trottete in aller Herrgottsfrühe, mit meinem MP3-Player im Ohr, zum Krankenhaus, kaufte mir ein Mettbrötchen zum Frühstück, löste das Kreuzworträtsel in der Bild, schnitt mit den Anderen das Oben-Ohne-Mädchen aus, um es an die Tür unseres Schrankes zu kleben, machte mich über alles und jeden lustig, legte alle 30min eine Raucherpause ein und verprasste das viele nutzlose Geld.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie I

Die Maschine arbeitet wieder: Daddy's back. Morgen beginnt das neue Semester. Ich kann es kaum erwarten. Aber ein Trost ist, dass ich in 7 Tagen bereits durch nebelverhangene Täler, dunkle Wälder, vorbei an schroffen Bergen und der tiefen See spazieren werde. Das ist keine Metapher. Es ist dann Sonntag, und ich bin in Norwegen aufgewacht (Urlaubstagebuch, die Zweite? Ja. Nein. Ich weiß noch nicht), in einem knarrenden Holzhaus mit Blick auf das raue, dunkelblaue Meer. Nur leider nicht für immer. Ja, ich weiß, "nur leider nicht für immer". Das klingt, als wäre ich eine dieser Tussis, die nach der Schule für ein Jahr ins Ausland gehen, und dann 7 Jahre lang geistig nicht wieder in Deutschland ankommen, sondern sich stattdessen als rührselige Weltbürger aufspielen, die nicht von ihrer neuen Heimat loskommen. Ich nenne das den "Klassenfahrt-Kater-Effekt", benannt nach dem Gefühl, das sich immer bei mir einstellte, wenn ich im Reisebus auf dem Rückweg von einer Studienfahrt saß. Alles war vorher ungewiss und aufregend, aber letztendlich war es toll und der Abschied viel mir schwer. Ja, ich habe die Filmrechte bereits nach Hollywood verkauft. "The School-Trip-Hangover-Effect" wird 2013 verfilmt. Mit Ashton Kutcher in einer Nebenrolle (er spielt einen geldgeilen, pseudo-lässigen Penner, der sich noch immer für einen 16-Jährigen hält).

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Reflexion

Notiz an mich selbst: Okay, es war wirklich keine gute Idee, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, krank den Abend in einer Kneipe zu verbringen (Sie hatten Recht, Madame) - genau genommen war es sogar eine ziemlich beschissene Idee.

Wenn ich schon unbedingt hingehen musste, so hätte ich wenigstens auf Zigaretten und Alkohol verzichten können/sollen - doch das tat ich nicht, nein, natürlich nicht. Ich wollte einfach nichts verpassen. Ich wollte dabei sein. So bin ich eigentlich sonst nicht. Ich kann normalerweise problemlos auf alle sozialen Gepflogenheiten scheißen, wenn mir danach ist. Meine Freunde schätzen und lieben das. Aber es stand gar nicht zur Debatte, den heiligen Bar-Mittwoch zu vernachlässigen. Und dann ging es mir schlecht. Halb komatös ließ ich mir ein Erkältungsbad ein, nachdem ich nach Hause gekommen war, musste es jedoch nach wenigen Minuten schnellstens verlassen, da mein Blut bereits vor Hitze zu kochen begann. Mein Kopf hämmerte, meine Ohren dröhnten, und wenn ich hustete, zog es bis in meine Eier. Noch ein Kurzer Bronchipret, cheers, und ab in die Falle. Köstlich, immer wieder vom Geschmack des Hustensafts aufzustoßen.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Forkølelse

Ich kann kaum etwas sehen. Werden Taschentücher noch aus Bäumen gemacht? Wenn ja, töte ich gerade den ganzen verschissenen Regenwald. Meine Pisse hat die Farbe von Karamell. Jahrelang war ich eine immune Maschine, seit Kurzem bin ich ständig krank. Dämliche Scheiße. Ich bin dazu auch noch so sagenhaft unselbstständig. Jemand müsste den Papierkorb dringend rausbringen, er quillt über, vor kontaminierten Taschentüchern und Schokoriegelhüllen. Der Erbseneintopf aus dem Supermarkt hat ekelhaft geschmeckt, weswegen ich jetzt einfach Schokolade esse. Während ich den klebrigen Brocken "Erbseneintopf Hubertus" in die alte DDR-Schale gleiten ließ, fragte mein Mitbewohner, der auch gerade in der Küche war, höhnisch, ob es Essen in Zellenblock E gäbe. Er hat verfickt nochmal recht Recht. Und es schmeckt, wie es aussieht. Dann lieber einfach Dominosteine. Merry Christmas!

Und eigentlich müsste ich Dänisch lernen, verdammt. Übermorgen schreibe ich die Klausur - komme wat wolle. Denn sonst verschenke ich ein ganzes verfluchtes Semester - again. In dem Fall würde sich mein Berufseinstieg wahrscheinlich bis zu meinem 30. Lebensjahr verzögern. Das wäre gesellschaftlich nur schwer vermittelbar. Meinen Glauben an die Rente habe ich auch verloren. Falls jemand mein Leben retten will; ich bin offen für Buchdeals und Plattenverträge. Ich will bemuttert werden! Ich will Hühnersuppe! Ich will im Bett liegen! Ich will mich freuen, erkaufte Freizeit zu genießen! Ich will Playstation spielen! Ich will Obsttellerchen! Ich will frisch gepressten Orangensaft! Ich will Zeichentrickfilme gucken! Ich hätte niemals zu Hause ausziehen und mich für ein erwachsenes Leben entscheiden sollen. Mutti hätte sich um ihren kleinen Prinzen gekümmert.

Scheiße, ich gehe jetzt raus. Ab in die Bar! Feuer mit Feuer bekämpfen und so.

A.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Zurück ins Leben



Ich habe seit ungefähr drei Monaten frei. Ja, seit drei Monaten. Ich will gar nicht rumheulen, ich wusste mich immer zu beschäftigen. Da ich jedoch am Freitag eine ziemlich entscheidende Klausur schreibe, gewöhne mich gerade wieder daran, früh aufzustehen. Es ist die Hölle. Wie macht Ihr das bloß Tag für Tag, Ihr emsigen Bienchen?

Um 7:00 Uhr beginnt mein Handy, zu vibrieren. Drei Sekunden später setzen die Faded Paper Figures mit "B Film" ein. Jeden verfluchten Morgen ärgere ich mich und nehme mir vor, ein anderes Lied als Weckton auszuwählen. Machen tue ich es jedoch nie. Der Song ist viel zu ruhig, viel zu tragend, um mich ernsthaft zu wecken. Zwar wache ich auf, doch bleibe ich irgendwie zwischen den Welten. Als würde mich das Lied verwunden, jedoch nicht töten können. Ihr wisst, was ich meine! Während meine Augen sich öffnen, und meine Glieder sich recken, dämmert mein Hirn noch immer in abstrusen Traumwelten; falschen Erinnerungen, Abenteuern, Kriegen und Verfolgungsjagden.

Als ich heute zu mir komme, bekomme ich keine Luft. Meine Augen sind geschwollen, meine Nase rot und ringsum mein Bett liegen Kadaver von Taschentüchern. Ich bin krank. Zum Kotzen, doch: Show must go on! Ich könnte die Klausur erst Ende des nächsten Semesters nachschreiben. Das geht nicht, und deswegen tue ich einfach so, als wäre ich gesund. Ich lerne ein wenig, schlendere in die Bibliothek und treff mich morgen mit meinen Freunden in unserer Lieblingsbar. Das ist der Plan.

Montag, 15. Oktober 2012

Roter Bulle und der Himmelssturz

PhotobucketSo, nun ist also die letzte Hürde niedergerungen: Ein Mensch ist aus 39km Höhe vom Himmel gesprungen. Ein wenig Mondlandungsfeeling, zwei Generationen später, was? Beeindruckend, was ein Mensch sich zumutet. Zugegeben, ich habe den Live-Stream laufen lassen, während ich mein Abendbrot gegessen habe. Ich war wirklich unterhalten und habe mitgefiebert. Na gut, "gefiebert" ist vielleicht zu viel des Guten. Kurz bevor Baumgartner jedoch sprang, wurde mir eines bittere Gewissheit: Wenn das Sachbuch auf der Bestsellerliste steht, die N24-Dokumentation läuft und Baumgartner in jedem verschissenen Jahresrückblick auftaucht, werden wir merken, dass man Geld nicht essen kann oder so. Hölle, der ganze Scheiß hat rund 50 Millionen gekostet. 50 Millionen! Und wofür? Promo für Red Bull? Grenzerfahrung für einen Extremsportler? Ein paar Weltrekorde? Natürlich, es war mit Sicherheit beeindruckend. Ich finde jedoch auch viele Dinge beeindruckend, die keine 50 Millionen gekostet haben.

Ich stelle mir die ganze Zeit vor, was eine Familie irgendwo in einem armen Scheißland gedacht haben muss, als sie die Bilder auf dem flimmernden Dorffernseher gesehen haben. Alle 6 Minuten verhungert ein Kind. 50 Millionen für einen Fallschirmsprung. Aber diese Überlegungen führen ins Bodenlose. Ich wette jedoch, Red Bull hätte auch Promo bekommen, hätten sie etwas Anderes, etwas Besseres mit der Kohle angefangen. Außerdem blieben wir dann von diesem furchtbaren österreichischen Dialekt verschont.

A.   

Sonntag, 14. Oktober 2012

Wolf unter Nackten

Pfefferminztee von Eilles und "The '59 Sound" von The Gaslight Anthem. Das habe ich mir nun aber auch wirklich verdient. Dieser verfluchte Tee ist so sagenhaft gut - genau wie das Album. Ich komme mir zwar vor wie ein alter Mann, wenn ich mir eine Kanne Tee aufsetze, doch der Geschmack entschädigt. Früher hätte ich mir lieber meine verfickte Zunge abgebissen, als auch nur einen Schluck Kamillen- oder Pfefferminztee zu trinken. Meine Mutter zwang mich immer dazu, wenn ich kränkelte. Aber genug der herzerwärmenden Plauderei, meine Damen.

Ich weiß gar nicht, wie ich mich darauf einlassen konnte, denke ich, als ich den schlammigen, völlig überfüllten Parkplatz sehe. Ein Satz, vier "Ichs" - Egozentrik für Fortgeschrittene. Es ist Herbstmarkt. Irgendwo im Nichts zwischen Kiel und Dänemark. Zum Kotzen. Das Auto wendet und kommt erst im Nachbardorf zum Stehen. Egal, dann laufen wir eben. Ist ja nicht weit.

"Wollen wir umkehren und nach Hause fahren?"
"Nein, ich bin doch hier, oder nicht?"
"Aber du siehst wirklich nicht so aus, als würdest du wollen"
"Tue ich auch nicht, aber ich bin hier - darauf kommt es an"

Freitag, 12. Oktober 2012

Atomkraft? Na gut

Bilde ich mir das eigentlich ein, oder ist es tatsächlich irgendwie bescheuert, die erneuerbaren Energien zu drosseln, um Kosten für die Verwirklichung erneuerbarer Energien zu sparen? Energiewende? Gern, irgendwann. Ja, Fukushima ist wieder aus den Köpfen verschwunden. Genau wie Stuttgart 21. Ach, was haben sich doch alle echauffiert. Walter Sittler, der sich als Martin Luther King der Zuggäste und der Mittelklasse aufspielt. Heiner Geißler, der ein letztes Mal von den Toten erweckt wird, um zu schlichten. Die Grünen gewinnen Landtagswahlen. In Baden-Württemberg! Alles scheint möglich. Im Fernsehen laufen Bilder von traurigen, japanischen Frauen, die ja so tapfer seien, dass sie nicht einmal öffentlich weinen würden. Hach. Wir befürchten die Eskalation. Das Trinkwasser von Tokyo sei betroffen. Oh Gott, Sondernachrichtensendung. "Wutbürger" wird gar Wort des Jahres. Jedes Unternehmen möchte sich auf einmal mit Begrifflichkeiten wie "Nachhaltigkeit" schmücken. Bürgerbewegungen aus NRW schimpfen, spucken Galle und schreiben Briefe an Sarkozy. Wenn die Franzmänner schon Kernkraftwerke mit ihrem Gewissen vereinbaren können, bitteschön, aber 30km entfernt von der deutschen Grenze? Die sollten sich 'was schämen, dieses egozentrische Käsefresser-Pack. Böse Propheten sprechen von der wahrscheinlichen Rache der Energiekonzerne. 

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Das Ende aller Träume

Mein Kopf schmerzt, und ein wenig schwindelig ist mir auch. Es ist schrecklichen kalt in meinem Schlafzimmer. Verwirrende und manische Träume haben mich durch die Nacht gepeitscht, und ich fühle mich nicht unbedingt ausgeschlafener als gestern Abend, als ich mit einem stetigen Pfeifen in den Ohren und alten South-Park-Folgen auf den Schlaf gewartet habe. Grelle und verwaschene Trugbilder: Angesoffene Träume sind die schlimmsten; ich erinnere mich an nichts, und trotzdem haben sie mich geschafft. Pfefferminztee und Ibuprofen helfen mir auf die Beine.

Der Abend hatte schon ein paar Spuren hinterlassen, da marschierten zwei ältere Männer in die Bar. Dickliche, haarlose Normalos um die 60 mit rutschenden Hosen und wackligem Gang. Schwerfällig torkeln sie in Richtung Tresen. Von Zeit zu Zeit schleppt sich einer der beiden Typen zur Toilette. Seine Hose rutscht und lässt tiefe Blicke auf seinen wabernden, weißen Arsch zu. Angewidert wende ich meinen Blick ab. Er hatte, denke ich, schon genug, bevor er hergekommen ist. Das muss der Abgrund sein. Zeit vergeht, man lacht laut, Gläser stoßen aneinander. Während ich mich gerade mit meinen Freunden über die Kontaktanzeigen-Spalten irgendeines bescheuerten Gratis-Regional-Blattes lustig mache, wird es lauter am Tresen. Konspirative Blicke werden ausgetauscht. Die Wirtin ist allein im Laden. "Nein, ihr geht jetzt. Hausverbot!" Die beiden Fettsäcke gackern und stellen fest, dass sie ihr Bier nicht einmal bezahlen können. Wir stehen, da wir sowieso gerade eine rauchen gehen wollen. In den Blicken meiner Freunde sehe ich, was gleich passiert. Einer geht Richtung Tresen. Ein Zweiter geht hinterher. Ich gehe hinterher. Es ist eng, und ich bin nicht einmal in der Nähe des Epizentrums. Meine Hände zittern unter dem Gewicht des Ungewissen. Was passiert als Nächstes? Ich schätze alle Möglichkeiten in meinem Kopf ab. Der Besoffenere der Beiden hat Mühe aufzustehen, ohne dabei die völlige Kontrolle über seinen Körper zu verlieren. "Ich werd ja hier gerade rausgeflogen", brüllt er und fuchtelt mit den speckigen Armen. Sein Pullover ist hochgerutscht und offenbart seine Wampe. Und das übliche Spiel, der übliche, immer wiederkehrende Dialog beginnt: "Fass mich nicht an! Nimm deine Hände weg!" "Nee, fass Du mich nicht an. Fass mich nicht an!"

Mittwoch, 10. Oktober 2012

September

Ich tue mit Euch jetzt, was ich schon mit Millionen von Menschen, mit Freunden, Freundinnen, Ex-Freundinnen und Fremden getan habe; ich erzähle Euch von Ryan Adams und mir. Wer gerade an "Summer of '69" denkt, ohrfeige sich bitte selbst!

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich zum ersten Mal einen Song von Ryan Adams hörte. Ich hatte einen Rolling-Stone-Artikel über ihn gelesen und fand es ziemlich dämlich, dass er als "Country-Rebell" betitelt wurde. "Country-Rebell" klang für mich nach einem ziemlichen Cash-Abklatsch - und selbst der Man in black war ja nun bei Weitem nicht immer, während seiner fünfzigjährigen Karriere, ein Outlaw, rough as hell. Internet war noch ein bisschen anders, und als treuer Kunde von American Online kam ich damals noch in den Genuss eines Provider-Programms, mit dem man seine E-Mails und Geschäfte, Bla, Bla regeln konnte. Teil des AOL-Network war jedoch auch die großartige Serie "Sessions@aol". Youtube war damals noch ein Fliegenschiss in den Gedanken irgendeines Freaks, und unsere Suchmaschine Nummer 1 hieß "Lycos". Die Zeit ist ein Gauner. "Sessions@aol" gab Künstlern die Möglichkeit, zwei-drei Songs im kleineren Rahmen vorzustellen und ihre neuen Platten oder so zu promoten. Wollte man damals also neue Musik kennenlernen oder sich einfach einen buchstäblichen Überblick verschaffen, war es eine tolle Möglichkeit. In den Analen Youtubes habe ich gerade den Clip ausgegraben, den ich damals sah.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Meine Hoden, mein Vaterland

Ich hasse diese Stadt. Warum werde ich hier nicht heimisch? Mein Herz ist doch hier, oder? Ich habe mich im verschissenen Krankenhaus heimischer gefühlt - und da war ich bloß neun Monate. Nicht, weil ich krank gewesen wäre, ich habe der Fahne gedient! Indem ich Rollstühle schob. Das ist Vaterlandsliebe. Ich konnte die Bundeswehr nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Ging nicht. Das lag nicht etwa daran, dass ich einfach nicht gerne Befehle bekommen würde, ungern mit anderen Männern dusche, keinen Bock auf Hauptschüler hätte, kein gesteigertes Interesse daran gehabt hätte in irgendeiner beschissenen Kaserne, irgendwo im Nichts, zu schlafen oder diesen ganzen Schwachsinn generell lächerlich finden würde, nein: Ich muss immer weinen, wenn jemand ein Gewehr in die Hand nimmt, und bei dem Wort "Krieg" bekomme ich eine Gänsehaut und fühle die Last der Geschichte auf meinen schmalen Schultern. So etwas stand zumindest in meiner Kriegsdienstverweigerungserklärung, glaube ich. Leider hatte ich keine Zeit, sie ganz zu lesen. Und ich hätte zur Army gekonnt. Und wie ich gekonnt hätte! Tauglichkeitsgrad? T2, Biatch! Ich bin eine gottverdammte Kampfmaschine mit leichten Seh- und Hörschwächen. Aber die sind die Gefährlichsten!

Außerdem bin ich bis zum heutigen Tage davon überzeugt, dass die Musterungsärztin heiß auf den Lexman war. Und ich konnte nicht einmal meine ganze Pracht entfalten; es war wirklich kalt im Raum - und ungeil irgendwie auch. So zärtlich der Moment, in dem sie mich bat, den Versuch zu unternehmen, meine Zehen anzufassen, während ich mit dem Rücken zu ihr stand. Da tun sich Abgründe auf. Und als sie meine Eier betastete, sah ich in ihren Augen, dass die Beiden etwas Besonderes für sie waren. Und Frau Doktor hatte wahrscheinlich schon Millionen von Teenager-Klöten zwischen ihren zarten, aber bestimmten, Fingerchen.

Freitag, 5. Oktober 2012

Halt! Im Namen der Liebe

Ich war gestern in einem meiner Lieblingsrestaurants/Bars hier. Ich finde es immer schwer, einen Laden zu finden, der gutes, abwechslungsreiches und billiges Essen aufbietet, ohne dabei so szenig und affektiert zu sein, dass ich brechen muss. Ich kann z.b. leider nicht von eckigen Tellern essen - weil ich das dämlich finde. Nennt mich konservativ, aber ein Gericht wird nicht besser, nur weil das Geschirr von irgend 'nem schwulen Designer-Arschloch ist.

Das Oblomow tanzt auf der Grenze. Das Essen ist fantastisch und trotzdem erschwinglich. Die Karte ist komplex, jedoch nicht unrealistisch breit gefächert. Kleine Karte = gutes Essen. Eiserne Regel. Ich hege außerdem eine grundsolide Nostalgie für den Laden, da ich an meinem ersten Uni-Tag dort mit ein paar Fremden, die später zu Freunden wurden, versackt bin, während die Happy-Hour-Sirene sanft dazu leuchtete.

Die Kellnerinnen duzen einen und reden ein wenig wie Radiomoderatorinnen, womit ich jedoch einigermaßen leben kann, selbst wenn es befremdlich war, als eine Bedienung, die vermutlich so alt wie ich war, an den Tisch schritt und meinen siebzigjährigen Großvater mit einem "Möchtest du noch 'was trinken?" bedachte. Meine Großeltern besuchten mich damals in Kiel und ich zeigte ihnen die Hood. Nennt mich versnobt, aber da, wo ich herkomme, macht man so etwas nicht. Kieler Schnauze? When keep it kumpelhaft goes wrong. Ja ja, das ist kess, frech und gewitzt, aber doch auch irgendwie dämlich.

Der eigentliche Haken am Oblomow ist jedoch: Man sitzt einfach verflucht nah an allen anderen Gästen. Das birgt erfahrungsgemäß immense Risiken. Dass das Essen sehr gut ist, hat sich bereits rumgesprochen, bevor ich hierher gezogen bin. Nächste eiserne Regel: volles Restaurant = hohe Arschlochquote. Jede Seite hat zwei Medaillen oder so. Ich kann mich einfach nicht entspannen, wenn ich beim Essen das behinderte Gelaber irgendwelcher Anzugwichser, Sportstudenten oder Ökoschlampen ertragen muss. Alle sind so laut und sprechen, als redeten sie vor Publikum. Und dieses ganze beschissene Gefasel über ihre scheiß Freunde und geilen Partys! Es ist immer diesselbe verdammte Scheiße. Wichser.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Lexman Returns

Der September ist tot,  lang lebe der Oktober. "Alle Kinder werden erwachsen - außer einem." Die geschüttelten Hände, die Umarmungen, die Geschenke; all das ist wieder verschwunden und im Begriff, zu verblassen. Ja ja, jetzt bin ich allein mit meinem neuen Lebensjahr. Und so sehr ich mich auch immer als kritischer Miesepeter aufspiele, irgendwie war es ganz angenehm, im Mittelpunkt zu stehen, gutes Essen zu bekommen und mit aufmerksamen Geschenken bedacht zu werden. Das ist wie Weihnachten; ich kann schimpfen so viel ich auch will, am Ende gefällt es mir. Ist ja auch bald wieder so weit: Die Lebkuchen und Zimtsterne haben bereits ihren Weg zurück in die Supermarkt-Regale gefunden, und meine Mutter hat mir gestanden, dass sie in der letzten Woche, heimlich beim Frühstück, damit begonnen hat, den X-Mas-Channel in ihrem Internet-Radio einzuschalten - schließlich war es draußen ja bereits kalt und grau. Wenn es danach ginge, müsste ich, hier in Kiel, jeden verfluchten Tag "God rest ye' merry, gentlemen" summen.