Freitag, 12. Oktober 2012

Atomkraft? Na gut

Bilde ich mir das eigentlich ein, oder ist es tatsächlich irgendwie bescheuert, die erneuerbaren Energien zu drosseln, um Kosten für die Verwirklichung erneuerbarer Energien zu sparen? Energiewende? Gern, irgendwann. Ja, Fukushima ist wieder aus den Köpfen verschwunden. Genau wie Stuttgart 21. Ach, was haben sich doch alle echauffiert. Walter Sittler, der sich als Martin Luther King der Zuggäste und der Mittelklasse aufspielt. Heiner Geißler, der ein letztes Mal von den Toten erweckt wird, um zu schlichten. Die Grünen gewinnen Landtagswahlen. In Baden-Württemberg! Alles scheint möglich. Im Fernsehen laufen Bilder von traurigen, japanischen Frauen, die ja so tapfer seien, dass sie nicht einmal öffentlich weinen würden. Hach. Wir befürchten die Eskalation. Das Trinkwasser von Tokyo sei betroffen. Oh Gott, Sondernachrichtensendung. "Wutbürger" wird gar Wort des Jahres. Jedes Unternehmen möchte sich auf einmal mit Begrifflichkeiten wie "Nachhaltigkeit" schmücken. Bürgerbewegungen aus NRW schimpfen, spucken Galle und schreiben Briefe an Sarkozy. Wenn die Franzmänner schon Kernkraftwerke mit ihrem Gewissen vereinbaren können, bitteschön, aber 30km entfernt von der deutschen Grenze? Die sollten sich 'was schämen, dieses egozentrische Käsefresser-Pack. Böse Propheten sprechen von der wahrscheinlichen Rache der Energiekonzerne. 


Und nun? Nicht einmal in den Spätnachrichten findet das alles noch Beachtung. Sicher ist dort alles wieder in Butter, was? Japan steht da noch, oder? Und  Altmaier, der alte Rebell, stellt mit einem süffisanten Lächeln seine bahnbrechenden, neuen Pläne vor: die Bremse. Mutti ist das alles wahrscheinlich so lange egal, bis es tatsächlich Flecken auf dem reinen Blazer hinterlässt. Die Bindung zur Bundespolitik scheint ja doch nicht mehr so ihre Angelegenheit zu sein. Sie ist ganz der Kosmopolit geworden. Baut einer der Trottel Scheiße, kann man sie ja doch noch rechtzeitig absägen, ohne das etwas an einem haften bleibt. Das Politbarometer gibt ihr Recht. Die Opposition protestiert automatisch, die FDP protestiert ein bisschen, um Profil zu gewinnen (Das alles dürfe ja nun bloß nicht die armen Steuerzahler treffen. Bitte wählt uns!), und die CSU wartet wahrscheinlich noch auf die Umfragenergebnisse aus Bayern, bevor der grinsende Seehofer oder einer seiner lüsternen Populisten-Schergen vor irgendeine Dorffest-Kamera tritt. Aber es ist ja auch verständlich: Was kümmern uns unsere Ängste von gestern?

Ich erinnere mich an einen Tag in meiner Kindheit: Überall in meinem Zimmer herrschte Unordnung. Spielzeug lag verstreut auf jedem Quadratmeter. Meine Mutter nörgelte mich an: Ich solle gefälligst aufräumen und Ordnung schaffen. Was tat ich also? Mit der Innenseite meines rechten Fußes schob ich, soviel ich konnte, in den dunklen Zwischenraum unter dem großen Kleiderschrank, der still, auf vier Füßen stehend, die Szenerie beobachtete. Das Problem war augenscheinlich aus der Welt - zumindest für mich. Radioaktive Abfälle, deren voraussichtliche Strahlkraft und Lebensdauer, die Lebenserwartung der Erde (!) übertreffen, in ein dunkles Loch unter der Erde zu schütten, läuft, für mich, auf dasselbe hinaus.

Aber was haben wir für Alternativen? Die neuen Stromtrassen und diese Windkrafträder sind doch so abscheulich hässlich und vergewaltigen die Lüneburger Heide oder jede andere Piss-Provinz mit einer engagierten Bürgerbewegung. Energiewende? Ja, aber ich will sie doch nicht sehen müssen. Der breiten Öffentlichkeit ist der ganze Kram wieder egal geworden. Und die, die sich interessieren, sind pensionierte, passionierte Vollidioten. Energiewende? Sicher, aber nicht in meinem Garten.

Also gehen wir off-shore, wie man sagt, raus aufs Meer, wo es keinen interessiert. Das ist immerhin teurer, langsamer und ineffizienter. Die Solarblase ist auch schon geplatzt. Aber wenigstens muss niemand mehr diese grässlichen Windkrafträder sehen. Jetzt zu vermuten, dass die heiligen Energieriesen vielleicht ganz froh über all das sind und dass hinter allem eventuell auch souveräne Lobbyarbeit steckt, rechtfertigt es doch irgendwie prognostizierte Strompreiserhöhung, wäre wirklich vermessen. Ich glaube ja nicht, dass die Ökorevolution auch als Möglichkeit gesehen wird, mehr Geld mit dem Gewissen der Menschen zu verdienen. Egal, Energiewende? Ja, aber nur, wenn dadurch nicht der Strom teurer wird. Dann lieber Energiewendewende!

A.

Kommentare:

  1. Interessant geschrieben, aber ich kann deine Meinung nicht ganz herauslesen. Ich glaube, der Strom war ohnedies überteuert, und nun nutzen die Lobbyisten Ihren Einfluss, um aus der Energiewende noch Kapital zu schlagen. Das habe ich nicht recherchiert - ist nur so ein Gefühl. Eines ist aber sicher: Würde man tatsächlich die Folgekosten der Atomenergie mitkalkulieren, wäre eine Kilowattstunde Atomstrom unbezahlbar. Deshalb bin und bleibe ich für den Ausstieg.

    http://politpoems.blogspot.de/2012/06/alles-ist-gut-in-fukushima.html

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    1. Lieber Michael,

      natürlich bin ich da ganz bei Dir - auch, was dein Gefühl betrifft. Mir ging es hier in erster Linie nicht um ein lupenreines Bekenntnis, sondern viel mehr darum, mich über die Heuchelei aller Beteiligten lustig zu machen.

      Nichtsdestotrotz lässt sich meine Meinung auch heraus lesen - gerade, wenn es um die Endlagerung geht. Ansonsten noch einmal in aller Deutlichkeit: Energiewende? Klar, spricht doch nichts dagegen.

      Liebe Grüße

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  2. Schöner Blog&dein Header ist sehr schön♥!
    xoxo, jessica:)

    our hearts

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  3. "Energiewende? Sicher, aber nicht in meinem Garten."

    Tja also da ist schon was dran, da kann ich mich nicht mal selbst ausschließen. Aber so ist das nunmal... Jede anstehende Änderung, egal ob groß oder klein, erzeugt bei einem Großteil der Menschen erstmal eine Anti-Haltung. Aus meiner Erfahrung helfen da nur viele Gespräche, gute Aufklärung und den Leuten nicht das Gefühl zu geben, dass sie für dumm verkauft werden. Leider funktiniert das in den wenigsten Fällen.

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